Die Coronaimpfung – andere Länder, andere Ansichten. Ein Vergleich zwischen Israel und der Schweiz

Israel ist der Schweiz sowohl in der Impfkampagne wie auch auch in der Einführung vom Impfpass meilenweit voraus. Doch wie ist die Stimmung der Bevölkerung in beiden Ländern? Von Noëmi Blättler und Sofia Thai

Impfung – ein Thema, das seit der Erfindung des ersten Impfstoffs gegen die Infektionskrankheit Pocken immer wieder strittig diskutiert wird. Die Bekämpfung der Pocken durch Impfung wurde zum Vorbild für einen weiteren Umgang mit Infektionskrankheiten. Trotzdem wird die Sicherheit der Impfung seit den letzten Jahren immer mehr diskutiert.

Heute ist die Debatte um die Impfung, genauer, um den Coronaimpfstoff aktueller denn je. Die Coronaimpfung ist die bisher grösste Impfkampagne der Menschheitsgeschichte. Die Impfung könnte auf der einen Seite der Schlüssel zurück zu mehr Freiheit und einem unbeschwerten Leben sein.  Auf der anderen Seite löst der Impfstoff auch viel Skepsis und Misstrauen aus. Die einen lehnen die Impfung vollständig ab. Andere wiederum haben keine Meinung dazu oder sind sich unsicher. Auch in der Schweiz stossen wir bei unserer Recherche auf gespaltene Meinungen.

Circa 30% der Schweizer Bevölkerung hat zumindest eine Impfdosis erhalten. Werfen wir den Blick auf Israel; gleiche Bevölkerungszahl, rund 60% der Bevölkerung sind schon vollständig geimpft.

In den vergangenen Wochen haben Sofia Thai – sie lebt zurzeit in Israel – und wir uns mit der Frage der Impfmentalitäten befasst: wie unterscheidet sich die Impfsituation der Schweiz von Israel?

Um eine gute Repräsentation der jeweiligen Länder zu erreichen, haben wir versucht je zwei Personen aus der gleichen Altersgruppe in beiden Staaten zu befragen. Gleichzeitig haben wir darauf geachtet, dass wir eine möglichst altersheterogene Gruppe innerhalb des Landes zusammenstellen. Unser Ziel war es nicht, eine grossangelegte Umfrage zu machen, die ohnehin wegen den knappen Ressourcen nicht möglich gewesen wäre. Vielmehr wollten wir einen Einblick bekommen und die unterschiedlichen Stimmungen einfangen.

In Israel waren ein Informatikstudent, David (25 Jahre), eine Rentnerin, Martine (68 Jahre), und ein Rechtsanwalt, Jonathan (34 Jahre), bereit dazu, ein Interview zu führen. In der Schweiz haben wir einen Kulturmanager, Stephan (64 Jahre), einen Versicherungsmathematiker, Andreas (32 Jahre), und einen Wirtschaftsstudenten, Rafael (25 Jahre), befragt. Um einen direkten Vergleich zu ermöglichen haben wir allen die gleichen Fragen gestellt. Uns ist bewusst, dass wir mit den sechs Befragten nicht alle Meinungen aus den jeweiligen Ländern repräsentieren können, jedoch fanden wir es trotzdem wichtig mit diesem Artikel mehr Verständnis für die andere Seite zu ermöglichen.

Die Impfsituation in der Schweiz

Das Impftempo in der Schweiz ist eher dürftig, darin sind sich alle einig.

„Ich habe das Gefühl, der Staat hat in diesem Bereich versagt.“

Stephan, 64 Jahre

«Es gibt noch zu wenig Ressourcen, um alle zu impfen. Ich finde das nicht so tragisch, da ich persönlich zurückhaltend bin beim Impfen. Würde ich mich jedoch in die Lage eines Impfwilligen versetzen, dann wäre ich wahrscheinlich schon froh, hätte die Schweiz früher reagiert und gehandelt.», so äusserte der 25-jährige Rafael seine Meinung dazu. Nicht alle denken so wie er, viele, wie beispielsweise der Kulturmanager Stephan, zeigen sich enttäuscht über den langsamen Prozess, sie würden sich schon gerne impfen lassen. Hier wird bereits ersichtlich, dass es in der Schweiz noch viele unterschiedliche Meinungen gibt und die Impfung noch etwas ferner liegt als in Israel.

Auf die Frage, ob Gedanken zur Impfung in der Schweiz ohne Zurückhaltung geäussert werden können, zeigen sich die Befragten eher optimistisch. «Ich denke unterdessen kann man sich wieder besser äussern, weil sich viele Leute vertiefter mit der Impfung auseinandergesetzt haben. Auch radikale Seiten können sich heute wieder besser zuhören wie vor drei Monaten. Oder zumindest ist das mein Gefühl aus meinem Umfeld.», so der Kulturmanager Stephan. Diese Meinung zeigt sich auch bei den anderen beiden Befragten, beide haben den Eindruck sich wieder freier äussern zu können, jedoch spielt der Gesprächsgegenüber eine wesentliche Rolle.

Der grüne Pass als Tor zum Paradies?

Anders als die Israeli, die im grünen Pass den Zugang zum Garten Eden sehen, schauen die Schweizer*innen mit einem skeptischen Auge auf die Entwicklungen. «Der grüne Pass könnte ein Anreiz zum Impfen sein. Er könnte den Leuten einen Sinn geben, um das Ganze zu vermitteln, dennoch finde ich es schwierig, denn dadurch entsteht ein indirekter Zwang für die Leute», so holt Rafael mit seiner Aussage uns wieder zurück auf den Boden der Realitäten. «Was mir nicht gefällt, ist dass die Politiker immer sagen, es sei kein Zwang sich impfen zu lassen, aber der grüne Pass fühlt sich irgendwie schon wie ein Zwang zur Impfung an.», schliesst sich Andreas an. Dennoch findet Andreas, dass man seine eigenen Bedürfnisse zurückstecken, Solidarität zeigen, und sich impfen lassen sollte. Schliesslich würden wir alle in diesem Schlamassel stecken. Stephan sieht die Problematik des grünen Pass darin, dass eine Zweiklassengesellschaft entstehen könnte. «Solche Zweiklassengesellschaften finde ich grundsätzlich sehr problematisch.», so Stephan.

„Durch den grünen Pass entsteht ein indirekter Zwang zur Impfung“

Rafael, 25 Jahre

Keiner der Befragten empfindet sozialen Druck bezüglich der Impfung. Dennoch sind sich die Befragten einig, dass die Impfung und der diskutierte grüne Pass, vielmehr die Bevölkerung trennen könnten. Diese Angst vor einer Zweiklassengesellschaft zeigte sich in jedem Gespräch, das wir führten. Mit der Einführung eines grünen Passes könnte ein solches Risiko vergrössert werden. Der Zusammenhalt könne höchstens wieder so gefördert werden, dass durch die Impfung wieder ein «Zusammensein» möglich werde, Konzerte besucht sowie Familienfeste oder Partys gefeiert werden können.

Drei unterschiedliche Menschen, drei unterschiedliche Ängste

Die Schweizer Bevölkerung zeigt sich im Allgemeinen noch unsicherer und ängstlicher als die Israeli. Am Ende der Interviews gingen drei wesentliche Ängste hervor. Dabei möchten wir anmerken, dass diese Ängste nicht von allen Befragten geteilt werden.

Andreas Angst bezieht sich auf die Transparenz seitens Bundes und der Medien. Er stellt, die Offenheit und Neutralität dieser, die die Impfkampagne im Allgemeinen und wie mit Coronaskeptikern und Coronaleugnern umgegangen werden sollte in Frage. Als eines seiner Beispiele für fehlende Transparenz verweist er auf die Aussage anfangs der Pandemie, als der Bevölkerung nahegelegt wurde, dass Masken keinen Nutzen zeigen, nur um deren Knappheit zu überspielen. Er möchte, dass alle Stimmen gehört werden und Propaganda vermieden wird. Sein grösstes Anliegen liegt darin, dass es in einer Demokratie einen offenen Diskurs geben und man darauf vertrauen können sollte, dass die Mehrheit die Wahrheit findet.

Von Anfang an wurde nicht klar und ehrlich mit der Bevölkerung kommuniziert. Ich hätte mir mehr Transparenz gewünscht.“

Andreas, 32 Jahre

Eine Angst, die sich im Kulturbereich aufdrängt und somit Stephan beschäftigt, ist die Frage nach der künftigen Funktion der Privaten und privaten Organisationen. Also, ob sich gar Veranstalter selbst in eine Polizistenfunktion begeben müssen und festlegen, welche Anforderungen für ihre Veranstaltungen gelten und inwiefern sie durchgesetzt werden. «Das wäre für mich der absolute Alptraum, dass Private oder private Organisationen plötzlich in eine Art Polizistenfunktion eingedrängt werde.», so der Kulturmanager.

Die letzte genannte Angst bezieht sich auf die Zugänglichkeit und den grünen Pass. So wird befürchtet, dass ein Impfpass eingeführt wird, bevor alle geimpft werden können, die sich das wünschen. Genauer, dass junge Menschen, die in der Pandemie Solidarität gezeigt haben, auf die Wartebank gestellt werden, während die älteren Generationen wieder die Möglichkeit haben, das Leben zu geniessen.  «Generell finde ich es schwierig zu beurteilen; wer kommt zuerst? Wer zuletzt? Nehmen wir an es gäbe Privilegien, aber nicht alle hätten das «Privileg» sich impfen zu lassen, das fände ich nicht korrekt», so der 25- jährige Wirtschaftsstudent.

Wir selbst sind gespannt zu sehen, wie sich die Impfung auswirken wird, ob es in naher Zukunft Impfprivilegien geben wird und wie sie aussehen werden. Mit einem grünen Pass kann sicherlich ein Anreiz geboten werden. Dass dieser an gewisse Probleme gebunden ist, liegt auf der Hand. Private sollten nicht bemächtigt werden weitestgehende Anforderungen aufzustellen, wie beispielsweise, dass nur geimpfte Personen ein Restaurant oder ein Fitnessstudio besuchen dürfen. Generell, dem gesellschaftlichen Frieden wegen, sollte über «Impfzwang» und Impfprivilegien erst gesprochen werden, wenn die Impfung für alle Impfwilligen zugänglich ist.

Was die Zukunft bringt ist ungewiss. Ob die Schweiz oder Israel den besseren Weg gegangen sind, das sei dahingestellt. Bis die Epidemie nicht überwunden ist, kann keine abschliessende Beurteilung der Lage erstellt werden. Was wir uns für alle wünschen ist, dass es weder eine Generationen-Isolation noch eine Zweiklassengesellschaften gibt. Ein stets zunehmender Austausch soll bald wieder möglich werden. Wichtig ist uns, dass jeder seine eigene Meinung und Ängste frei darlegen kann. Genauso wichtig ist es uns jedoch, dass der Wissenschaft zugehört wird und stets vernunftorientiert gehandelt wird. Gerade durch die Auseinandersetzung mit diesem Thema haben wir bemerkt, wie wichtig dieses Zusammenspiel ist.

Anmerkung: Die Umfragen haben im März und April stattgefunden. Die Lage und die Offenheit hat sich seitdem wieder verändert.

Titel-und Beitragsbilder: Pixabay: https://pixabay.com/de/photos/impfstoff-spritze-corona-impfung-6202180/ ; https://pixabay.com/de/photos/maske-kn95-ffp2-n95-schutz-6012623/