Wenn Geschichte mit Beton neu geschrieben wird

In Nordmazedonien beschwört die Elite die vermeintliche antike Vergangenheit des Landes und baut die Hauptstadt um. Ob das gut geht? Von Tomas Marik

In letzter Zeit erleben wir immer häufiger, wie geschichtliche Fakten im öffentlichen Raum simplifiziert, umgedeutet oder sogar verfälscht werden. Es findet sich auch manch ein europäischer Politiker, der fordert, dass diese abstrusen Geschichtsauslegungen in den Schulunterricht eingebaut werden sollen. So äusserte sich Björn Höcke (AfD) zur deutschen Bewältigungspolitik: „Wir brauchen nichts anderes als eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad.“

In Russland wurde sie bereits zum Teil umgesetzt. So erleben wir von Neuem einen Stalinkult. Nach einer Umfrage des russischen Lewada-Instituts bekommt Josef Stalin in der Kategorie „herausragendste Persönlichkeit aller Zeiten“ den ersten Platz zugewiesen, und überholt so Vladimir Putin und Peter den Grossen.

Darüber wurden schon viele Artikel geschrieben und über die Gefahren, die jenes Vorgehen mit sich bringt, ausführlich gewarnt. Trotzdem verschwinden im Mediensturm viele beunruhigende Nachrichten über Länder, die für eine grössere Berichterstattung uninteressant sind. Genau über ein solches Land soll es hier gehen.

Nordmazedonien lag sehr lange mit Griechenland im Streit wegen des Staatsnamens. Mittlerweile hat Nordmazedonien nachgegeben und auf den Namen «Mazedonien» verzichtet. Die Bedeutung der Namensgebung wird insbesondere dadurch unterstrichen, dass es, nachdem das nordmazedonische Parlament der Namensänderung zustimmte, keine zwei Wochen dauerte, bis Nordmazedonien als 30. Mitgliedsstaat in die NATO aufgenommen wurde. Denn Griechenland hat der Aufnahme nicht mehr widersprochen.

Bis heute (17.09.2019) wird der Staatsname «Nordmazedonien» vom Computerprogramm Microsoft Word als falsches Wort mit roter Wellenlinie gekennzeichnet.

Aus neu mach alt

Der Namensstreit zwischen Griechenland und Mazedonien wurde nicht nur auf der internationalen Ebene ausgefochten, sondern auch im Land selbst und kann als Teil eines Nationenbildungsprozesses angesehen werden. Wie so oft wurde auch hier von beiden Seiten politischer Druck auf die Geschichtsschreibung ausgeübt.

Athen verwies darauf, dass sich der Kernteil des alten Mazedonischen Reiches im heutigen Griechenland befand und konnte sich nicht damit abfinden, dass sich ein Land mit dem alten Reich identifiziert, das nur mit einem kleinen Randgebiet davon in Verbindung gekommen ist. Weiter verwiesen die Griechen darauf, dass es sich bei den alten Mazedoniern um Griechen handle und nicht um Slawen, die Nordmazedonien gegenwärtig zum grossen Teil bewohnen.

Doch das ehemalige Mazedonien wollte es nicht nur bei einem Akademikerstreit belassen, sondern fuhr schwerere Geschütze auf. Bagger, Bulldozer, Baukräne und eine Menge Bauarbeiter eroberten die Promenaden, die Hauptverkehrsknoten und Hauptplätze von Skopje. Sie wollten beweisen, dass sie die mazedonische Hauptstadt innert weniger Jahre um ein paar Jahrtausende älter machen können.

Die Alexander-Statue im Zentrum Skopjes.

Heiter wurde ein neuer Triumphbogen aufgestellt, aus dem Nichts wuchsen Regierungsgebäude in den Himmel und nahmen die Gestalt skurriler, verglaster, griechischer Tempel an. Es wurden neue, mit Säulen besetzte Brücken über den Fluss Vardar errichtet. Dabei stehen diese heute so nah aneinander, dass immer gerade nur noch ein oder zwei hölzerne Hotelboote auf Betonpfeilern Platz finden.

Ein Denkmal für gefallene Soldaten wurde errichtet, das mit seiner Erscheinung an die Berliner Siegessäule und das Brandenburger Tor erinnert. Davor wurde noch eine entblösste goldene Prometheus Statue positioniert, die kurz darauf noch einen Tuch erhielt, um das Nötigste zu verdecken.

Das „Las Vegas des Balkans“

Plattenbauten wurden mit kitschigen Barockfassaden verkleidet. Hunderte Statuen wurden in der ganzen Stadt ohne Konzept aufgestellt. In der Mitte von all dem thront Alexander der Grosse auf seinem Pferd (mit dem Sockel ist die Statue 23 Meter hoch), umgeben von einer tanzenden Fontäne, die im Rhythmus zu den aus Lautsprechern ertönenden klassischen Musikstücken Wasser spritzt. Dieses „Las Vegas des Balkans“ böte eigentlich einen lustigen Anblick, wenn da nur nicht die vielen bettelnden Kinder, die sehr oft nicht einmal schulreif sind, wären.

1962 wurde der Grossteil der Stadt von einem Erdbeben verwüstet. Bis auf die Reste der osmanischen Stadt und der Festung blieb nicht viel übrig. Nachdem die Trümmer beseitigt worden waren, liess die Tito-Regierung breite Boulevards, umgeben von Plattenbauten, errichten.

Kenzō Tange, ein japanischer Stararchitekt, wurde nach Skopje eingeladen und baute einige öffentliche Gebäude. Das Hauptpostamt ist im brutalistischem Stil errichtet worden und ist das berühmteste Gebäude, das Kenzō Tange in Skopje gebaut hat. Es wurde neben der alten Steinbrücke zum Stadtsymbol. Heute bröckelt das grosse Gebäude vor sich hin. Nachdem es 2013 ausgebrannt ist, wartet es immer noch auf eine Rekonstruktion. Dafür stehen knapp zehn Meter abseits zwei neue Löwenstatuen aus Bronze, die für stolze 2,5 Millionen Euro in Florenz gegossen wurden.

All dies geschah im Rahmen der Verschönerungsaktion „Skopje 2014“. Sie hat nach Angaben von Kritikern bis zu 500 Millionen Euro gekostet — in einem Land, in dem dazumal die Arbeitslosenquote 23 Prozent betrug.

Dahinter steht die populistische Partei VMRO-DPMNE, die 2008 an die Macht gekommen war. Sie hat unter den vielen Bauten auch ein Museum der eigenen Partei im Zentrum von Skopje gebaut, das „natürlich“ aus der Staatskasse bezahlt wurde. Mittlerweile, nach einer länger andauernden politischen Krise, bekam Nordmazedonien eine neue Regierung, dieses Mal ohne die VMRO-DPMNE. Das bedeutet erstmals einen Baustopp für das Bauprojekt „Skopje 2014“.

Komplexe Lage

Trotzdem sollte das Bauprojekt näher betrachtet werden. In diesem Abschnitt geht es nicht um eine abschliessende Analyse jenes Phänomens, sondern um einen Versuch, die komplexe Lage ansatzwiese zu überblicken.

Koce Trajanovski, der Bürgermeister von Skopje, der auch der VMRO-DPMNE angehört, sagte in einem Interview gegenüber dem ARD-Sender Folgendes: „Sie (Skopje) ähnelt ein wenig Paris und Berlin, sie ist anderen europäischen Städten ähnlich. Bevor all diese Gebäude gebaut wurden, war Skopje eine Stadt mit vielen sozialistischen Gebäuden, es gab keine Sehenswürdigkeiten. Wir machen das, damit die Leute das Gefühl haben, dass hier etwas Neues und Schönes entsteht.“

Es wurde versucht, über die Visualisierung der Geschichte mittels quasi-antiker Bauten das Bewusstsein der Menschen zu verändern.

Ein mazedonischer Architekt, Vangal Bazinovski, der sich zum Teil auch an dem Projekt beteiligt, geht noch weiter: „Ein paar hundert Denkmäler, das ist für eine Stadt wie Skopje eigentlich sehr wenig. Vor diesem Projekt dachten wir, dass wir ein internationales Volk sind ohne eigene Identität. Jetzt sehen und verstehen die Mazedonier endlich, was für einen Schatz ihnen die Geschichte hinterlassen hat.“

Professor Nikos Chausidis, ein Archäologe im Historischen Institut Skopje, bewertet das Bauprojekt folgendermassen: „Wenn wir diese ganze Architektur zur Psychoanalyse schicken würden, dann würde es die ganzen Komplexe unseres Landes offenbaren.“

Antike muss für Nation Building herhalten

Es geht also um Sehenswürdigkeiten, die Wiederentdeckung eigener Geschichte und die Bildung einer neuen Identität. Es ist schwierig, einem heterogenen Land, das sich aus vielen Minderheiten zusammensetzt, eine einheitliche Identität zu geben. So leben in Nordmazedonien nicht nur ethnische Nordmazedonier, die der slawischen Volksgruppe angehören, sondern auch Albaner, Türken, Romas, Walachen und Serben. Zudem findet sich unter den Bewohnerinnen und Bewohnern auch eine kleine griechische Minderheit.

Wenn man Helden und Intellektuelle aus einer Bevölkerungsgruppe emporheben will, fühlen sich die anderen Gruppen sofort benachteiligt. Versucht man, aus allen vertretenen Bevölkerungsteilen Helden emporzuheben, wie in Skopje beobachtbar, erhält dieser Versuch einen schizophren anmutenden Charakter, da sich die einzelnen Figuren oft sehr feindlich gegenüberstanden.

Auch die zwei herrschenden Religionen, nämlich das Orthodoxe Christentum und der Sunnitische Islam, bieten keinen Ausweg. Die einzige neutrale Epoche in der „mazedonischen“ Geschichte, bei der sich keine Gruppe benachteiligt fühlt, ist die über 2000 Jahre alte Geschichte des antiken Mazedoniens.

Da sich aber nur sehr wenige archäologische Funde im heutigen Nordmazedonien befinden — das alte Mazedonien berührte das heutige Staatsgebiet nur peripher — mussten kurzerhand neue alte Monumente gebaut werden. Somit wurde versucht, über die Visualisierung der Geschichte mittels quasi-antiker Bauten das Bewusstsein der Menschen zu verändern.

Wenn Neuschwanstein zieht, wieso nicht auch Skopje?

Mit der Architektur im Rücken wurde versucht, die Geschichte greifbar zu machen und die VMRO-DPMNE hoffte, dass sich dies auch auf das Identitätsgefühl der Menschen niederschlägt. Es ist aber sehr schwer, Menschen, die aus einem der ärmsten Länder Europas stammen und den Blick auf künftige, bessere Zeiten richten, für eine fremde und längst vergangene Welt zu begeistern, in welcher Pfeile, Speere und Pferde regierten.

Zur Enttäuschung der VMRO-DPMNE spricht jenes Bauprojekt noch nicht viele Nordmazedonier an. Trotzdem konnte „Skopje 2014“ die Menschen zum Teil vereinigen. Im Rahmen der „Bunten Revolution“ protestierten Menschen aus allen mazedonischen Bevölkerungsgruppen gegen die Regierung, das Bauprojekt und die Korruption. Gemeinsam bewarfen sie die neuen Bauten und Monumente mit mit Farbe gefüllten Ballons, deswegen auch der Name „Bunte Revolution“.

Gleichzeitig hat das Bauprojekt willentlich versucht, die eigene, von den meisten Nordmazedoniern erlebte Geschichte zu zerstören. Dies, indem die VMPRO-DPMNE den Gebäuden aus der sozialistischen Zeit einen barocken Anstrich verlieh oder sie gleich gänzlich verfallen liessen. Damit kehrt die Partei die jüngere Geschichte Mazedoniens unter den Teppich.

Dennoch werden laufend neue Sehenswürdigkeiten geschaffen. Auch mich hat dies unter anderem angeregt, Skopje zu besuchen. Die neuen Paläste sind nicht schön, und bereits nach ein paar wenigen Jahren zeigen die Bauten starke Abnutzungsschäden auf. Trotzdem bleibt abzuwarten, ob Skopje neue Touristen in das Land locken kann.

Schliesslich hindert es auch die jährlichen 1,5 Mio. Besucherinnen und Besucher von Schloss Neuschwanstein nicht, das Schloss zu besuchen, obwohl es erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erbaut wurde und einige Teile des Schlosses nur für den Tourismus fertiggestellt wurden.

Bilder: http://www.pixabay.com

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