Weltgeschichtliche Betrachtungen mit Jacob Burckhardt – oder auch: Warum ich Geschichte studiere.

Fast jeder hat den Namen Jacob Burckhardt schon mal gehört…Wirklich etwas damit anfangen, können aber nur wenige. Von Sophie De Stefani

Jede*r Geschichtsstudent*in in Basel wird eher früher als später den Namen Jacob Burckhardt zu hören bekommen. Der Geschichtsprofessor scheint für die Uni von grosser Bedeutung zu sein, und dies verwundert nicht, kennt man Jacob Burckhardt ja vor allem als „Erfinder der Renaissance“. Er flösste dem bis anhin kunstgeschichtlichen Begriff die Bedeutung ein, mit der wir ihn heute assoziieren: der Beginn des Individualismus, die Rückbesinnung auf die Antike und der Wandel des urbanen Lebens. Sein 1860 erschienenes Buch „Die Kultur der Renaissance in Italien – Ein Versuch“ gilt heute noch als Standardwerk für die Renaissance.

Meine erste Begegnung mit Jacob Burckhardt fand 2018, im Jahre seines 200. Geburtstags statt. Von den ganzen Austellungen, die ihm gewidmet wurden, bekam ich nichts mit, doch kaufte ich mir in diesem Jahr ein Buch, welches meine Studienwahl entscheidend prägen sollte. Es enthielt Notizen von Burckhardt, die ihm als Aufbau für seine Vorlesung „Über das Studium der Geschichte“ diente. Das ansonsten unscheinbare Büchlein fiel mir durch den hochtrabenden Titel „Weltgeschichtliche Betrachtungen“ auf. Von dem Titel versprach ich mir einen guten Überblick über alle wichtigen Ereignisse der Geschichte, sowie Reflexionen darüber, welche Prozesse diesen Ereignissen zu Grunde lagen. Zumindest in der zweiten Annahme wurde ich nicht enttäuscht. Zwar wendet Burckhardt sich gegen ausgefeilte theoretische Konstrukte, die den Anspruch haben, den ganzen Verlauf der Geschichte mithilfe von Methoden zu erklären. Solchen geschichtsphilosophischen Ansätzen geht nämlich meist die Annahme voraus, dass die Menschen rational und unter bestimmten Bedingungen gleich handeln würden – Burckhardt zufolge ist der Mensch jedoch alles andere als ein rationales Wesen.

Burckardt revolutionierte die Geschichtswissenschaft, indem er nicht einzelne Personen in das Zentrum seiner Untersuchungen rückte, sondern sich dem Zusammenspiel von Staat, Religion und Kultur im Wandel der Zeit widmete. Die Festlegung dieser „drei Potenzen“, wie er sie nannte, bleibt der einzige systematische Ansatz in seinen Texten, und auch hier betonte er, dass die Auswahl auf genau diese Potenzen willkürlich gefallen ist. Obwohl Burckhardt sich weigert, geschichtsphilosophische Vermutungen über die Zukunft anzustellen, finden sich bei seinen Definitionen über Staat, Religion und Kultur doch immer wieder Aussagen, die man genauso auf heutige Ereignisse beziehen kann. Zumindest dachte ich das 2018, als ich folgendes Zitat über den Aufbau von Staaten las:

„Noch kein Staat ist durch einen wahren, d.h. von allen Seiten freiwilligen Kontrakt (inter volentes) entstanden (…) Und wenn so einer entstände, so wäre es eine schwache Schöpfung, weil man beständig um die Grundlagen rechten könnte.“

Weltgeschichtliche Betrachtungen, S. 37.

„Wie in der EU!“ notierte ich mir dahinter und kam mir dabei sehr intelligent vor.

Burckhardt war ein Pessimist, der nicht an eine positive Entwicklung der Menschheit glaubte. Das einzige Muster, das sich in der Geschichte abzeichnet, ist das des Zerfalls und des darauffolgenden Wiederaufbaus: Die Menschen gründen Staaten, folgen einer Religion, leben nach bestimmten Sitten und Gebräuchen, bis ein innerer Verfall das ganze Konstrukt brüchig und reif für eine von aussen zerstörende Kraft macht. Es folgen Kriege, Revolutionen, Zerstörung und Chaos. Das Individuum wird dabei von den Ereignissen mitgerissen, es ergreift Partei für die eine oder die andere Seite. Der Historiker dagegen, meint Burckhardt selbstgefällig, muss dazu fähig sein, die Lage sozusagen von aussen zu betrachten. Grosse Worte von einem solchen Individuum, welches sich über fast jeden zeitgenössischen Wandel ausserordentlich erzürnte, sei es nun die Industrialisierung, die Demokratisierung oder das Streben der niederen Klassen nach Lebensweisen, „welche ja doch nur in beschränkter Zahl vorhanden sind.“

Überhaupt steckte Burckhardt voller Widersprüche: So rät er beispielsweise von patriotischer Geschichtsschreibung ab, denn diese sei immer mit bestimmten Absichten geschrieben und Absichten seien der grösste Feind der Erkenntnis. Selbst war er aber ein glühender Patriot, der mit rassistischen und antisemitischen Meinungen aufwartete, die selbst im 19. Jahrhundert als reaktionär galten. Auch politisch war er ein Konservativer wie er im Buche steht: Er besass einen ausgesprochenen Standesdünkel und war entschieden gegen vermehrte Staatsausgaben. Das Mittelalter war ihm unter anderem sympathisch, weil die damaligen Herrscher ihren Nachkommen keine Schulden hinterliessen. Gleichzeitig faszinierte ihn die schnell voranschreitende technologische Entwicklung und benutzte als einer der Ersten das neue Medium der Fotographie, um seinen Studenten auch über Kunstwerke und Architektur einen Zugang in die Vergangenheit zu bieten.

Geschichte, das war für Burckhardt mehr als ein Beruf, es war für ihn eine Passion und Pflicht zugleich, der man mit grösster Energie nachkommen musste. So legte er auch streng die Anforderungen fest, die man erfüllen musste, wenn man sich „Historiker“ nennen wollte:

Als erstes sollte der Historiker mehrere Sprachen beherrschen, natürlich die zwei altertümlichen, Latein und Griechisch und dazu noch einige neuere. „Man weiss nie zu viele Sprachen“ lehrte Burckhardt seine Studenten, denn keine noch so genaue Übersetzung könne dem „originellen Ausdruck“ gerecht werden. 

Als nächstes rät er Personen, die ihren Geist mit Zeitungen oder gar Romanen verwüsten, von dem Studium der Geschichte ab, denn solche Gemüter hätten keine Fantasie und müssten sich deshalb derer Anderer bedienen, um sich zu zerstreuen. Historiker aber müssen Fantasie und Ausdauer mitbringen, wenn sie sich mit Quellen aus einem anderen Zeitalter beschäftigen, die ihnen erstmal fremd und unverständlich erscheinen werden.

Des weiteren dürfen Historiker, wie zuvor erwähnt, keine Absichten hinsichtlich der Geschichtsschreibung hegen, sondern müssen immer versuchen, so objektiv wie möglich zu sein.

Wie ernst Burckhardt die Geschichte nahm, hat mich fasziniert. Vor allem in der heutigen Zeit, in der die Geisteswissenschaften immer mehr in den Hintergrund rücken, tut es gut, von Jacob Burckhardt an die Wichtigkeit ihrer Fächer erinnert zu werden. Ebenso beeindruckten mich seine klugen Beobachtungen, wie genau er geschichtliche Strömungen zu analysieren wusste. Da er nie ins Detail ging, sondern immer nur allgemein gültige Betrachtungen anstellte, dachte ich, ich wisse nun über den Ursprung aller Religionen Bescheid, genau so wie über die Entstehung und den Zerfall aller je existierten Nationen. Dass „die Menschheit“ doch nicht ganz so eintönig ist, fand ich erst im Verlauf meines Geschichtsstudium heraus. Doch eine gewisse Simplifizierung ist nicht der einzige Punkt, bei dem man Burckhardt kritisieren muss:

„Weltgeschichtliche Betrachtungen“, das bedeutete für ihn eine Kulturgeschichte Europas, angereichert mit feindseligen Bemerkungen zum Islam. Die indigenen Völker Amerikas bezeichnete er als Naturvölker, welche ihm allenfalls als Kontrast zu den „aktiven Rassen“ dienten. Des Menschen höchste Bestimmung ist es, Kultur hervorzubringen. Um dieses Ziel zu erreichen, entschuldigt Burckhardt fast alles, sogar die Sklaverei. Afrikas Kolonialisierung ist ihm nicht eine Erwähnung wert und Christoph Kolumbus rühmte er als „grossen Mann“.

Doch auch wenn Jacob Burckhardt heute in vielerlei Hinsicht den schlimmsten Typus des alten weissen Mannes darstellt, lohnt es sich dennoch, einen Blick in das kleine unscheinbare Büchlein hineinzuwerfen und über das Un-System der Geschichte nachzudenken.