Was will, kann, soll und möchte ich mal werden?

In der modernen Berufswelt müssen wir viele Entscheidungen treffen, was aufregend sein kann, manchmal aber auch ganz schön einschüchternd. Von Vanessa Thai

In der sich heutzutage schnell verändernden Arbeitswelt mit ihren immer neuen Herausforderungen fühlt man sich nicht allzu selten als junge Erwachsene oder junger Erwachsener überfordert. Dies vor allem beim Übergang von der Komfortzone Universität in das Ungewisse. Nicht umsonst wird Student/innen geraten, während dem Studium bereits praktische Erfahrungen zu sammeln, damit man nicht nur mit theoretischem Wissen versucht, eine Stelle anzutreten. Die absolute Jobgarantie hat man aber nie, egal wie gut man sich vorbereitet. Deswegen gibt es theoretisch eigentlich immer Luft nach oben mit Weiterbildungen, anderen Studiengängen etc. 

Gesellschaftlicher Kontext

Zuerst möchte ich darauf hinweisen, dass sich die Aussagen und Gedanken grundsätzlich auf die Gedanken von Ulrich Becks Buch «Risikogesellschaft – Auf dem Weg in eine andere Moderne» beziehen. Seine Thesen bieten einen guten Kontext, in dem sich die heutige Gesellschaft befindet und erleichtern das Verständnis, weshalb wir uns in diesem Zeitalter so fühlen und auch so gestresst sind, wie wir es heute sind. 

Die Individualisierung spielt hierbei eine grosse Rolle. Heutzutage hat man als Student*in viele Freiheiten was man einmal werden möchte, abhängig davon was man studiert. Die Möglicheiten erscheinen endlos- vorausgesetzt, man hat genügend finanzielle Mittel zu Verfügung. Das kann Stress auslösen. Es wird erwartet, Verantwortung für die eigenen Entscheidungen zu übernehmen in einer Welt, die stärker und stärker deinstitutionalisiert wird. Das heisst, sozialstaatliche, familiäre und arbeitsregulatorische Strukturen, an denen man sich früher orientieren konnte, werden nach und nach abgebaut. Ich denke, dass Menschen früher den gleichen Beruf wie den der Eltern ausgeübt hatte, weil sie eine eingeschränktere Auswahl hatten, zu welchem Beruf sie sich ausbilden wollten. Das gab eine klare Richtung, in die man sich entwickeln konnte, was heute mit der grösseren Auswahl nicht mehr so prominent ist. Mit dem steigenden Wohlstand hat man unterschiedliche Wege, sich ausbilden zu lassen. Die soziale Mobilität ist so gross wie nie zuvor und kann bei ungünstigen Ereignissen grosse Folgen haben. Meiner Meinung nach wird erwartet, dass man mit den neuen Freiheiten souverän umgehen kann. Es liegt in deiner Hand, wie du deine Freizeit gestalten willst, wann du welchen Job annimmst und es liegt auch in deiner Verantwortung, dich nach einer Entlassung in den Arbeitsmarkt zu re-integrieren, auch wenn es nicht dein eigener Fehler war. Gründe dafür wären beispielsweise Massenentlassungen, Burn-Outs oder Berufsunfälle. Arbeitslose als «Nichtsnutze der Gesellschaft» zu stereotypisieren macht bereits angeschlagene Menschen noch miserabler. Stattdessen sollte Verständnis gezeigt werden und nicht Vorurteile gefällt werden, ohne die Person zu kennen. Gerade in diesen Zeiten ist es wichtig, sie zu unterstützen und ihre Situation nicht zu verurteilen. 

Bildungsboom

In den Geisteswissenschaften und auch fakultätsübergreifend wird oft nicht spezifisch auf einen bestimmten Beruf vorbereitet. Nehmen wir zum Beispiel Psycholog*innen aus Basel, die statistische Analysen meisterten. Statistik ist relevant in der Wirtschaft, in der Informatik, Marketing für verschiedenste Unternehmen usw. Die Schnittbereiche sind immens, Studierende haben also die Qual der Wahl. Hinzu kommt, dass es immer mehr Absolvent*innen gibt. Es herrscht ein Bildungsboom, sodass man sich häufiger gegen andere durchsetzen und zum Teil auch bessere Noten erzielen muss. Sieht man sich die schiere Anzahl der Mitbewerber*innen aus dem gleichen oder ähnlichen Feld an, wirkt es schon herausfordernd, gegen diese auf eine Stelle anzutreten. Mit der steigenden Anzahl Student*innen im gleichen Fachbereich, die Jahr für Jahr wächst, wird die Konkurrenz nicht einfacher. Und dann ist da auch noch die fortschreitende Technologie, die von manchen gefürchtet wird, weil alles automatisiert wird und sie ihre Stelle in Gefahr sehen. Mehr und mehr Menschen werden schlussendlich nach Arbeit suchen, es wird viel mehr gefordert und Druck auf Student/innen ausgeübt, sich im Arbeitsmarkt durchzusetzen. 

Wenn dein Alltag zum Lebenslauf mutiert

Es erscheint mir, als ob Unternehmen den Anspruch erheben, Arbeitnehmer*innen müssten ihr ganzes Leben schon durchgeplant haben, damit sie die Chance auf eine Anstellung haben. Oder zynisch ausgedrückt: Man wüsste bereits in Kinderschuhen, was man werden will und plant sowohl die ganze Schulkarriere als auch die Aus- und Weiterbildungen auf diesen Beruf vor und erwirbt damit die passendsten Hard Skills. Das sei der zeit- und kosteneffizienteste Ansatz. Doch ich nehme an, das ist eher eine Seltenheit. Wenn man unsicher ist, was man machen will, dann wird man sich irgendwie durch das Studium hangeln und auf die grosse Eingebung hoffen, dass man am Ende des Studiums den perfekten Job gefunden hat. Aber Studierende, die keine Praktika im Ramen ihrer Ausbildung absolviert haben, müssen sich erst einmal ausprobieren, bevor man zu einer Konklusion kommen kann, dass es sich tatsächlich um einen passenden Beruf handelt. 

Fazit

Unzählige Ratgeber, Studienberatungen, Berufsmessen usw. wollen Studierenden helfen, einen leichteren Übergang in die Arbeitswelt zu ermöglichen. Aber dazu muss man erst mal den Mut aufbringen in die «Welt der Erwachsenen» einzutreten. Ich denke, wenn man vorher bereits Erfahrungen in der Arbeit gesammelt hat, seien es Teilzeitjobs, Praktika, Lehren usw., dann weiss man schon ein bisschen besser, wohin der Weg hinführt. Hin und wieder fühle ich mich überwältigt vom Gedanken, eine Arbeit zu finden und mich zu fixieren. Stellensuche, Bewerbungen schreiben, evtl. eine Absage bekommen, Vorstellungsgespräche führen, evtl. eine Absage bekommen, die Stelle ausüben, bis man genug davon hat und es fängt wieder von vorne an… oder auch nicht. 

Zwar ist das ein sich mehr oder weniger ständig wiederholender Prozess, aber jedes Mal, wenn man sich neu orientiert, fängt man die Jobsuche mit ein bisschen mehr Erfahrungen (gute als auch schlechte), die man mit in den nächsten Lebensabschnitt bringt. 

Disclaimer: Die (zeitlich) simple Unterscheidung zwischen der «alten» und «neuen» Arbeitswelt gibt es nicht, wie hier im Artikel impliziert wird. Dennoch wurde es aufgrund des Leseflusses stark vereinfacht. Ausserdem gelten diese Lebensumstände offensichtlich nicht für alle Menschen, sondern eher in reichen Industrieländern wie der Schweiz. 

Literatur

Beck, U. (2016). Risikogesellschaft: Auf dem Weg in eine andere Moderne. Suhrkamp Verlag.

Lindner, D. (2012). Das gesollte Wollen: Identitätskonstruktion zwischen Anspruchs-und Leistungsindividualismus. Springer-Verlag. 

Pongratz, H. J., & Voß, G. G. (2003). Arbeitskraftunternehmer. Erwerbsorientierungen in entgrenzten Arbeitsformen. Berlin.

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