Die missverstandenen Geisteswissenschaften

Der Übergang vom Studium ins Berufsleben ist eine aufregende und wichtige Phase in unserem Leben. Für Absolventen geisteswissenschaftlicher Fächer gibt es jedoch oft viele Hürden zu überwinden. Von Saida Tron

Im September 2020 war es endlich so weit: Bei einer wegen Corona etwas abgespeckten Diplomfeier wurde mir und anderen Absolventen der Uni Basel der Titel «Master of Arts» verliehen. Zu diesem Zeitpunkt hatten viele meiner Kollegen längst einen krisenfesten Plan für ihre berufliche Zunft geschmiedet (z.B. Lehrer werden).

Währenddessen versuchen die Optimisten ihr Glück auf dem privaten Arbeitsmarkt. Doch wer sich im Online-Dschungel der Stellenportale auf die Suche macht, kann schnell den Mut verlieren. Selbst für Einstiegs- und Praktikumsstellen werden teils unrealistische Anforderungen gestellt. Neben dem Beherrschen von zahlreichen kostenpflichtigen Computerprogrammen wird oft mehrjährige Erfahrung in einer bestimmten Branche erwartet. In anderen Fällen macht der Arbeitgeber im Inserat darauf aufmerksam, dass Absolventen gewisser Studienrichtungen (z.B. Technik oder Wirtschaft) bevorzugt werden. Selbst dann, wenn die Stelle keine spezifischen Fachkenntnisse verlangt. Dieser Mangel an geeigneten Angeboten kann für Suchende sehr frustrierend sein.

Es scheint, als ob wir Geisteswissenschaftler keine besonders guten Karten auf dem Arbeitsmarkt hätten. Dem Bundesamt für Statistik zufolge haben es Masterabsolventen aus dem Fachbereich Geisteswissenschaften bei der Stellensuche nicht so leicht. Im Jahr 2019 waren 5,8 Prozent von ihnen ein Jahr nach Abschluss immer noch arbeitslos. Bei Medizin- und Pharmazieabsolventen hingegen lag der Anteil bei nur 1,4 Prozent. Auch stieg 2020 die Arbeitslosenquote wegen Corona an: keine optimalen Bedingungen für meinen Start ins Berufsleben.

Trotz aller Hindernisse ergab sich für mich das eine oder andere Vorstellungsgespräch. So sass ich eines Morgens in einem kleinen, aber feinen Büro in Luzern. Ich hatte es tatsächlich in die zweite Runde geschafft. Während ich versuchte, mein Glas Wasser zu trinken, ohne dabei nervös zu wirken, wurde mir eine Frage gestellt, die mir noch lange im Gedächtnis bleiben würde: «Können Sie Briefe schreiben?»

Natürlich lautete meine Antwort «Ja». Die Praktikumsstelle bekam ich trotzdem nicht. Allerdings hat mir diese dumme Frage die Augen geöffnet: Die Welt weiss viel zu wenig über uns Geisteswissenschaftler. Dem gängigen Klischee zufolge lernen wir nur Dinge auswendig, die nichts nützen.

Dem will ich entgegenhalten: Wir Geisteswissenschaftler verfügen über eine Menge nützlicher Fähigkeiten, die im Berufsleben von grossem Vorteil sein können. Eine unserer grössten Stärken ist unsere Offenheit gegenüber anderen Meinungen und unser Blick für das grosse Ganze. Wir denken nicht in Schubladen, aber gehen reflexiv mit Kategorien und Vorurteilen um. Wir begreifen sie als Konstrukte unserer Gesellschaft. Wir üben ein Studium lang kritisches Denken.

Wir punkten durch Selbständigkeit und Organisationstalent. Ohne Eigeninitiative kommt man in den Geisteswissenschaften nicht weit. Während Studierende anderer Fachrichtungen so etwas wie einen vorgegebenen Stundenplan haben, wird von uns verlangt, dass wir unseren selbst zusammenstellen. Niemand sagt uns, was wir tun sollen.

Bei der Themensuche für Aufsätze, Präsentationen oder Abschlussarbeiten herrscht grosse Freiheit. Diese Freiheit bedeutet aber nicht nur viel Verantwortung, sondern erfordert auch ein ständiges Suchen nach neuen Ansätzen, Methoden und Themen. Geisteswissenschaftler müssen kreativ sein.

Ich erinnere mich: Mit zitternden Knien hielt ich mein erstes Referat. Spätestens nach der fünfunddreissigsten PowerPoint-Präsentation im elften Semester trete ich nun selbstbewusst auf und vermittle mein Argument strukturiert und gut verständlich. Meine zweitgrösste Herausforderung war das Schreiben. Gewisse Seminararbeiten beschäftigten mich wochen- oder gar monatelang, manchmal den ganzen Tag über. Nach und nach habe ich gelernt, komplexe Sachverhalte aufzuarbeiten und meine Ideen und Argumente sinnvoll zu strukturieren, ohne dabei den roten Faden zu verlieren. Auch wenn sich deshalb ein geisteswissenschaftliches Studium aus rein wirtschaftlicher Sicht nicht immer lohnt: Ich bin froh darum. Wir können mehr als nur Briefe schreiben.

Quellen

Bundesamt für Statistik: «Erwerbslosenquote der Absolventen / innen der Hochschulen». https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/bildung-wissenschaft/bildungsindikatoren/themen/uebergange/erwerbslosenquote-hs.html#:~:text=Ein%20Jahr%20nach%20dem%20Studienabschluss,l%C3%A4sst%20sich%20seit%202004%20beobachten. (24.02.2021)

SECO Arbeitslosenstatistik: https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/arbeit-erwerb/erwerbslosigkeit-unterbeschaeftigung-offene-stellen/registrierte-arbeitslose-seco.assetdetail.15504896.html (24.02.2021)

Beitragsbild: https://pixabay.com/de/photos/bewerbung-curriculum-vitae-2580867/ (15.03.2021)