Eine Selbstreflexion auf die alternative Lebensweise

Ich bin alternativ. Ich lebe alternativ, ich gebe mich alternativ, ich bezeichne mich so. Doch was ist das genau, dieses «alternativ»? Was alterniere ich denn eigentlich? Von Lisa Kwasny

Alternativ bedeutet «zwischen zwei Möglichkeiten die Wahl lassend; eine andere, zweite Möglichkeit darstellend», «im Gegensatz zum Herkömmlichen stehend; anders im Hinblick auf die ökologische Vertretbarkeit o.Ä» oder auch «eine Haltung, Einstellung vertretend, die besonders durch Ablehnung bestimmter gesellschaftlicher Vorgehens- und Verhaltensweisen (z.B. übermäßiger Technisierung, unbegrenzter Steigerung des wirtschaftlichen Wachstums o.Ä.) Vorstellungen von anderen, als menschen- und umweltfreundlicher empfundenen Formen des [Zusammen]lebens zu verwirklichen sucht.»[1] Es geht also darum, sich gegen das Herkömmliche, das Institutionalisierte, das Alteingebackene zu stellen. Es ist eine Antihaltung, welche meiner Erfahrung nach oft mit einem Ausblick auf gesellschaftlichen Wandel einhergeht. Duden klassifiziert das Wort als «bildungssprachlich». Im Wortschatz der Arbeiterschicht findet sich das Wort weniger, auch wenn wir Alternativen uns gerne proletarisch geben.

Die Gesellschaft beäugt Alternative oft etwas kritisch. Kein Wunder, sie stehen konträr zur Mehrheitsgesellschaft und wollen diese irgendwie verändern. Was glauben die denn, wer sie sind, hier einfach Veränderungen anzustreben? Alternative müssen daher oft mit einer Menge Vorurteile kämpfen. Sie würden in Kommunen leben, diese Alternativen, der freien Liebe und den Drogen frönend. Sie ziehen ihre Kleider aus Pappschachteln am Strassenrand und hören Musik, die keiner versteht. Auch wenn mein alternatives Herz etwas verletzt ist bei diesen Stereotypen muss ich doch sagen – so fern von der Realität sind sie nicht. Das sage ich durchaus mit einem Schmunzeln auf den Lippen. Erfahrungsgemäss sind die Alternativen experimentierfreudiger, was Lebensformen und Bewusstseinsveränderung angeht, doch wir wären keine Alternativen, wenn wir so einseitig beschrieben werden könnten. Ausserdem, und das vergisst man oft, haben wir uns teilweise etabliert. Wir wurden Mainstream.

Ich denke an die Zeit, welche mir vorausgeht. Ein Akt der Rebellion, als die Kommune Nr. 1 gegründet wurde! Mann und Frau unverheiratet in einer Wohngemeinschaft? Welch skandalöser Fortschrittsgedanke! Heutzutage wohnen die grössten Langweiler*innen in WGs, manche schliessen nicht mal die Tür beim Pinkeln. Kann man heute überhaupt noch alternativ sein?

Ein weiteres Beispiel sind Vegetarier*innen. Was in den 60ern nur indienreisende Eso-Freaks gemacht haben, die ziemlich misstrauisch beäugt wurden, weil sie keine toten Tiere zu sich nehmen wollten, ist heute so normal wie Unterhosenwerbung. Oder Techno! Einst Ausdruck einer industrialisierten, kriegstraumatisierten Jugend ist heute Soundtrack von Ibizareisenden Insta-Stars. Sogar die Birkenstocks, welche früher nur nach Kohl riechende Grüne trugen, wurden reproduziert und weisen nun auf die Selbstidentifikation mit der Woke-Gesellschaft des 21. Century hin. Doc Martins waren einst Schuhwerk der Arbeiter (ja, es waren primär Männer) und wurden von der Punkbewegung wiederentdeckt, welche sich mit der Arbeiterschicht identifizieren und von der Spiessergesellschaft abheben wollten. Aktuell führt sogar der Globus Doc Martins, weil alle, wirklich alle diese Schuhe tragen wollen. Punk is dead?

Nicht ganz. Wir werden nie sterben. Wie Mäuse überleben stets einige von uns, konservieren die Erinnerungen und das alternative Wissen und geben es an die junge Generation weiter, damit sie die Tradition der Alternativen weiterführen können…

Bullshit. Den genau das ist nicht die Bedeutung von Alternativ. Das Wort Alternativ hängt mit alternierend zusammen, welches abwechselnd bedeutet (vgl. Duden, Stand 15.2.21). Es geht um Bewegung. Wir Alternativen haben uns das schwierige Los ausgesucht, niemals still stehen zu dürfen. Wir müssen in ständiger Anpassung sein, um uns immer wieder der Mainstreamgesellschaft entgegenzustellen, welche unsere Forderungen interniert. Und das ist ja auch das Ziel! Zwar nervt es, wenn man Bands entdeckt hat, welche ein paar Jahre später von kleinen Teenies auf T-Shirts rumgetragen werden. Doch grundsätzlich wollen wir ja, dass die Gesellschaft von all diesen Alternativen erfährt! Wir wollen die Veränderung der Welt, wir wollen, dass unsere Lebensweise akzeptiert wird und dass es Räume dafür gibt, dass Frauen Hosen tragen dürfen, Homosexuelle heiraten können und irgendwann der Kapitalismus Vergangenheit ist. Nur bedeutet das, dass wir heutigen Alternativen morgen schon bisschen ans Establishment herangerückt sind. Wir stellen uns mit ganzer Kraft gegen das Etablierte, um selbst etabliert zu werden, denn der ganze Kampf ermüdet und wir wollen doch die Welt langfristig verändern. Und trotzdem wollen wir uns nicht niederlassen, nicht zu bequem werden in unseren abgeranzten Sofas. Vielleicht setzen wir uns deshalb stets hohe Ziele. Weil diese noch lange nicht erreicht sein werden und es deshalb stets etwas zu kämpfen gibt. Der Wandel ist stetige Bewegung.

Das bedeutet aber auch, dass wir uns das schwierige Los ausgesucht haben, unsere eigene Position ständig zu überdenken. Einigen Jugendkulturhäusern, welche in den Zürcher Jugendkrawallen der 80er Jahre erkämpft wurden, würde es gut tun, die Fenster der alten Hallen aufzureissen und gut durchzulüften. Alternativ zu sein bedeutet auch, das Feld zu räumen, wenn eine neue Generation bereit steht. Oder gemeinsam mit der neuen Generation auf deren Bedürfnisse zu reagieren und sie mit den eigenen Erfahrungen zu unterstützen, um weiter fortzuschreiten. Wir sind noch lange nicht an dem Punkt, dass wir in eine rosige Zukunft blicken können. Es gibt viel zu tun und die rückwärts gewandten Kräfte sind stark. Oder glaubt ihr, die Häuser werden zum Spass besetzt?

Hier komme ich zum Thema, welches gedanklich am Anfang meines Textes stand. Bei einer Autofahrt mit meinem Vater beklagte ich mich darüber, wie ermüdend es sei mitanzusehen, wie andauernd Kulturräume verschwinden. Orte der Kreativität und des Lebens, Freiräume für Freigeister, mit dem Bulldozer plattgemacht, um im besten Fall ein Wohnprojekt hinzustellen, welches zwar bezahlbaren Wohnraum verspricht, der aber in meiner Welt super unbezahlbar ist. Im schlechtesten Fall gibt es ein Einkaufszentrum. Jedenfalls antwortete mein Vater, dass er mich durchaus verstünde. Er habe auch so gefühlt, in meinem Alter. Doch seine Erfahrung habe ihm gezeigt, dass so auch Platz für Neues geschaffen würde. Was zuerst abgedroschen klingt, war für mich doch ein sehr interessanter Gedanke. Mein Vater sagte, Alternative sterben nicht aus. Die Jugend wird immer progressiv sein und sich neue Räume erschliessen, wo andere nur Schutt und Asche sehen. Und ich dachte mir, vielleicht ist das auch nötig. So traurig es ist, meinen Lieblingsclub zu verlieren, so wichtig kann es doch sein, um ihn dem Mainstream zu entheben. Wir gaben der Strömung einen Ausblick auf einen Richtungswechsel und dieser hinterlässt bleibende Spuren. Alternative Lebensweisen zerstören ist bisschen wie Kakerlaken jagen.

Ich will natürlich nicht sagen, dass mich das Ganze nicht trotzdem traurig machen würde. Es ist mühsam, sich immer wieder neue Räume suchen zu müssen, zermürbend zu sehen, wie viel Arbeit zerstört wird und anstrengend, ständig den entgegengesetzten Kräften zu strotzen. Doch irgendwie scheint das unser Schicksal zu sein. Deshalb ziehe ich meine Docs an und stürme ins Feld. Es ist wieder Zeit für einen Neuanfang.

[1] (Duden online, Stand 15.2.21)