Brückenschlagen zwischen Kunst und Recht – Sarah Montani

Sarah Montani ist Malerin und Juristin. Sie ist Gründerin der Weblaw AG und Mitherausgeberin von Jusletter, der grössten online Fachzeitschrift für Juristen*innen der Schweiz. Während der Pandemie befasste sich Montani intensiv mit dem künstlerischen Ausdruck in antiken Maltechniken mit Wachs und Tinte. Diese Erfahrung transferierte sie in den digitalen Raum und nutzt neue Möglichkeiten von Virtual und Augmented Reality für experimentelle Kunsterlebnisse. Sie kreiert NFTs[1] und ist Dozentin an der Kunstfabrik in Wien. Gleichzeitig begleitet sie Führungspersönlichkeiten und Unternehmen dabei, sich in der neuen Welt der Mixed Reality im Metaverse zurechtzufinden. Von Irem Neseli


Frau Montani, Kunst und Rechtswissenschaften sind auf den ersten Blick sehr unterschiedliche Welten, wie bringen Sie als Künstlerin und Juristin die beiden Disziplinen unter einen Hut?

Das Verbindende ist die Kreativität. Die Kreativität ist disziplinunabhängig, man kann sie wie in Medizin auch in der Philosophie walten lassen. Für mich ist es herausfordernd, die Kreativität an den Schnittstellen, wo man Brücken bauen kann, sprechen zu lassen. Deshalb war es für mich immer spannend, da tätig zu sein, wo Disziplinen zusammenkommen. Bei der Weblaw z. B. ist es das Netz, das Internet, dass sich mit den Rechtswissenschaften verbindet.

Könnte man also sagen, dass das Internet Ihnen geholfen hat, die Kreativität in der Juristerei zu entdecken?

Genau, ohne das Internet wäre die Firma Weblaw in der ich meine unternehmerische Seite zum Ausdruck bringe, nicht entstanden. 

Von Raffael Waldner

Würden Sie auch die Meinung vertreten, dass Rechtswissenschaften an sich Raum für Kreativität erlaubt und wenn ja, wo ergibt sich dieses?

Ja extrem, wenn man das Handwerkzeug beherrscht und die abstrakte Denkweise der Juristen solide eingeübt wird. Die Grundlagen dazu sind das Studium und die Praxis im Bereich Gesetzgebung, Rechtsprechung und die Jurisprudenz. Juristische Fragestellungen und Probleme löst man, indem vernetzt wird und indem man zwischen dem erlernten Wissen und dem praktischen Problem „Brücken schlägt“. Für mich ist das die Kreativität pur.

Aktuell sind Sie mehr als Künstlerin tätig als Juristin, warum haben Sie überhaupt Rechtswissenschaften studiert?

Für mich hat die Rechtswissenschaft etwas sehr Faszinierendes. Sie beinhaltet und umfasst alle Lebensbereiche. Vom Fötus im Bauch der Mutter bis zum Tod, sogar nach dem Tod hinaus. Die Bereiche, die das Recht umfasst, gehen noch weiter und betreffen uns als Menschen wie auch als Meta-Human im Metaverse.

Sie bringen gerade interessante Ausdrücke mit „Meta-Human“ und „Metaverse“ ins Gespräch, was meinen Sie damit genau?

Also es ist heute möglich, dass jeder durch das Internet ein Avatar hat und sich damit online, im Metaverse, an verschiedenen Aktivitäten wie Partys oder Galerieausstellungen beteiligen kann. Dort können auch Schaden herbeigeführt und Straftaten begangen werden, wie bspw. Beleidigungen. Gleichzeitig können heute auch all unsere Internetaktivitäten verfolgt werden und sind somit messbar und nachvollziehbar. Das sind aktuelle juristische Fragen, die sich ergeben. Damit will ich sagen, dass das Recht sehr universell ist, sich auch in die Metaverse bis in den Weltraum hinausstreckt und somit äusserst spannend ist. Daher gibt es auch Weltraumrecht, das regelt, wer dort das Recht hat Müll abzulagern und wer dafür verantwortlich ist, wenn es eine Kollision gibt. 

Auf Ihrer Künstler-Website erzählen Sie, dass die Natur Ihrer Heimat im Wallis Sie sehr für Ihren künstlerischen Werdegang inspiriert hat. Warum haben Sie nicht gleich eine Kunsthochschule besucht? 

Früher war es wichtig, ein Kunststudium abzuschliessen, wenn man Künstler*in werden wollte. Mir schien das nicht der richtige Weg zu sein. Ich wollte mich damals intensiv mit den Grundzügen der Philosophie, der Literatur und der naturwissenschaftlichen Fächer auseinandersetzen. Ich war wissbegierig und bin es immer noch. Kunst wollte ich ausserhalb dieser Bahnen erlernen und keine Schule besuchen. Wir hatten ein sehr gutes Gymnasium in Brigg, das Kollegium „Spiritus Sanctus“ (lacht). Wir hatten da mehrere Jahre Kunstgeschichte, dass sehr intensiv war und von ausgezeichneten Kunstlehrerinnen unterrichtet wurde. Es bestand sogar die Möglichkeit die Musik Matura zu machen, was ich mit grosser Freude tat. Ich besuchte damals parallel zum Gymnasium die Musikhochschule. Diese Schule empfand ich als zermürbend und penibel. Die Art des Unterrichts hat mir zeitweise die Freude an der Musik genommen. Also wollte ich nicht nach der Art, wie Kunst- oder Musikhochschulen damals lehrten, Kunst lernen. Das ist eine Kritik an die Hochschulen von damals. Ich befürchtete, sie würden meine Kreativität töten und mir einfach die Freude nehmen. Deshalb entschloss ich mich in Bereich der Kunst autodidaktisch weiterzuentwickeln und investigativ vorzugehen. 

Von Raffael Waldner

Sie kritisieren die Didaktik der damaligen Kunsthochschulen, würden Sie das heute anders sehen?

Aktuell sehen wir ein grosses Wachstum an Privatschulen und alternativen Schulen, die eine grosse Konkurrenz zu den Universitäten darstellen. Auch heute bin ich dieser Meinung, dass besonders wie viele Schulen mit ihrem Lernprogramm und dem Verwaltungsapparat nicht mehr zeitgemäss sind, aber das betrifft auch die öffentlichen Schulen von der Primar- bis Sekundarschule. Sie fördern leider oftmals nicht die Werte, die vermutlich in der Zukunft gebraucht werden für Berufe, die wir noch nicht kennen. Wir wissen nicht, was für neue Berufe morgen kommen werden. Ganz bestimmt wird es dann Metaverse-Juristen*innen geben, die dort beraten und helfen.

Gab es jemanden, der Sie während Ihrer Laufbahn von der Juristin hin zur Künstlerin besonders beeinflusst, motiviert oder inspiriert hat?

Wir haben in der Familie ganz viele Künstler, daher war es für mich ganz natürlich. Ansonsten habe ich, sobald ich einer Kunstrichtung nachgegangen bin, wie z. B. Enkaustik, die Wachsmalerei, den Kontakt zu den Malerinnen und Malern gesucht, die das Medium lieben und habe wie Sie Interviews mit Ihnen geführt und mit ihnen zusammengearbeitet. Es ist dann ein Co-kreativer Prozess, der natürlich entsteht und sehr belebend ist.

Können Sie ihre juristischen Kompetenzen, während ihren kreativen Prozessen als Künstlerin auch als hilfreiche Werkzeuge zu Ihrem Vorteil einsetzten?

Die Juristerei kommt meistens dann ins Spiel, wenn es darum geht, Vereinbarungen sog. Agreements zu treffen oder umfassende Projekte zu beschreiben, inkl. aller möglichen Eventualitäten. Wenn ich mit anderen Künstlern*innen, Unternehmen oder mit Kuratoren für eine Museumsausstellung zusammenarbeite oder mit einer Stadt/ Gemeinde, um dort eine Installation aufzubauen und so Kunstprojekte zu verwirklichen, ist die Frage der Haftung, wer wann für welchen Schaden zuständig ist, wichtig zu klären. Da hilft das Recht sehr. Auch im Metaverse stellen sich viele neue juristischen Fragen.

Von Raffael Waldner

Gegen Schluss möchte ich mich gerne von Rechtswissenschaften und Kunst entfernen und mehr auf Ihre Person zurückkommen. Sie kommen aus dem bilingualen Kanton Wallis, wo Deutsch und Französisch gesprochen werden. Wie hat das Aufwachsen in einem zweisprachigen Raum Sie geprägt?

Ich konnte kein einziges Wort Deutsch, als ich zur Schule kam. Ich habe dort Ja und Nein als erste Wörter gelernt, aber da war ich erst vier Jahre alt. Das war ein Kulturschock für mich und das war für mich auch ein abgetrennt Sein von den anderen Menschen, weil ich keine Verbindung über die Sprache zu ihnen aufbauen konnte. Ich war damit konfrontiert, andere Wege der Kommunikation zu finden. Deshalb war es für mich sehr spannend herauszufinden, wie ich ohne Sprache kommunizieren kann, also mit der Mimik und Gestik. Ich denke, dass das ein ganz grosser Vorteil für das Leben ist und daher, dass jeder Mensch für sich eine eigene Sprache spricht.

Meinen Sie ausserhalb der verbalen Sprache?

Genau, ich denke, wenn wir sagen, dass heute schönes Wetter ist, meint jeder etwas anders, es ist sehr subjektiv. Wir im Deutschen haben Wörter, die eine völlig andere Bedeutung haben als im Französischem. Es ist dasselbe Wort, aber es bedeutet nicht dasselbe. Deshalb gehe ich davon aus, dass jedes Wort für den Menschen auch eine eigene Bedeutung hat. Daher ist diese Übung miteinander zu kommunizieren, eine Sprache zu finden, nicht an die Sprache gebunden, aber mehr an das Menschsein. Dass man wirklich zuhört und vor allem einander Fragen stellt, bis man ein gutes Gefühl hat, dass man den anderen verstanden hat. Sowie einander in einer Gesellschaft oder in einer Beziehung Aufmerksamkeit schenkt. Man hat immer das Gefühl, man kennt die anderen, aber man kennt sie überhaupt nicht. Dabei ist es schon schwer genug, sich selbst kennenzulernen. Man ist ein unendliches Universum an Gedanken und Emotionen, und das zu erkunden ist schon an sich sehr komplex. Das Aufwachsen in dieser Gesellschaft von damals vor 50 Jahren in Wallis war für mich eine sehr bereichernde Sache, dass mir immer geholfen hat. Sei es auf andere Kulturen oder andere Menschen zuzugehen und auch mit anderen Menschen mich zu verbinden, um Co-kreativ etwas zu schaffen und unternehmerisch zu sein.

Was bedeutet für Sie „Brücken schlagen“?

Brücken soll man erst Bauen, wenn man am Fluss ist – und sich eine Notwendigkeit ergibt. Nicht einfach Brücken bauen, um alles zu verbinden. Wenn man überall Brücken baut, ist man vielleicht zu perfektionistisch, man verliert auf jeden Fall viel Energie dabei. Andererseits stellt für mich „Brücken schlagen“ aber auch den Inbegriff der Kreativität und der Verbindung dar. Wenn man z. B. zwei Landesteile oder zwei Menschen hat, ist es das Intimste durch Kommunikation, den Körper oder durch Kunst eine Verbindung herzustellen. Wenn diese Verbindung besteht, dann kann Co-Kreation und dadurch etwas Neues entstehen. Die Essenz unseres Lebens, dass wir uns verbinden können mit anderen Menschen, dass wir Nationen verbinden können oder durch die Architektur Landesteile verbinden können und so miteinander in Interaktion treten, damit wir uns besser kennenlernen. Als Nation oder als Mensch dadurch Neues entwickeln können, vielleicht auch das Bildungssystem weiter transformieren können, damit da weitere Kreativität und neue Berufe entstehen können, die für die Zukunft wichtig sind, die auch die Menschheit voranbringen, eine Denkweise, die zu einem friedvolleren Zusammenleben führt und auch die Zukunft der neuen Generationen sichern.

Bevor wir zum Ende unseres Interviews kommen, möchten Sie noch ein letztes Wort sagen, etwas, das Ihnen noch auf dem Herzen liegt, dass Sie noch loswerden wollen oder eine Botschaft an werdende Juristen*innen?

Es gibt viele junge Leute, die noch neben dem Studium arbeiten. Ich finde das gut, besonders für werdende Juristen*innen empfehle ich, möglichst viel Praxiserfahrung zu sammeln, aber nicht im Juristenbereich, sondern überall, sei es als Kassiererin oder Tätowiererin. 

[1] Non-Fungibel Token, ein «kryptografisch eindeutiges, unteilbares, unersetzbares und überprüfbares Token, das einen bestimmten Gegenstand, sei er digital oder physisch, in einer Blockchain repräsentiert».

Titelbild und Beitragsbilder von Raffael Waldner

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