Basler App zeigt Stadt der Vergangenheit

Die von der Forschungsgruppe ‘Datenbanken und Informationssysteme’ entwickelte GoFind!-App lädt ein zu einer Zeitreise. Möglich machen das raffinierte Suchsysteme, die Bilder der Vergangenheit zurück in die Gegenwart holen. Von Anniina Maurer

In der Zeit zurück zu reisen und das historische Basel zu erleben, das wünschen sich wohl so einige. Begnügen müssen sie sich aber mit Quellen, welche die Geschichte der Stadt festhielten. Glücklicherweise gibt es davon einige. Die Bilder, Pläne und Aufnahmen liegen jedoch irgendwo in Bibliotheken oder Archiven und müssen auch dort entdeckt werden. Was aber, wenn Quellen direkt vor Ort abrufbar wären? Dort, wo sie früher entstanden? Die GoFind!-App soll das möglich machen. Sie erlaubt den Nutzenden, historische Ansichten unterwegs zu betrachten. Dank Augmented Reality fügen sich die Darstellungen in die gegenwärtige Umgebung ein und zeigen, wie derselbe Standort früher aussah.

Noch dient Go-Find! vor allem der Forschung und ist nicht öffentlich verfügbar. Die App birgt aber viel Potential. Was bis zur Veröffentlichung noch alles geschehen muss und wie die App dereinst aussehen könnte, besprachen wir mit PhD-Student Loris Sauter und Heiko Schuldt, dem Leiter der Forschungsgruppe ‘Datenbanken und Informationssysteme’ an der Uni Basel.

Herr Schuldt, Herr Sauter, Sie forschen nun schon einige Jahre an und mit der GoFind!-App. Wie entstand die Idee dazu?

Heiko Schuldt: Wir betreiben Forschung im Bereich der Suche in Multimedia-Datenkollektionen. In diesem Rahmen haben wir uns überlegt, dass eine moderne Suche nicht nur zu Hause vor dem Laptop stattfindet, sondern auch von unterwegs mit dem mobilen Gerät. Der grosse Vorteil davon ist, dass man eventuell gerade da ist, wo sich das Such-Objekt einmal befand. So entstand unteranderem die Idee für GoFind!. Sie bietet als Suchresultat historischen Aufnahmen des eigenen Standorts. So kann man aktuelle und historische Ansichten aufeinander legen.

Wie unterscheidet sich die Suche ihrer App von anderen?

Loris Sauter: Unsere Forschungsgruppe entwickelte vitrivr, eine Suchmaschine, die ausser textuellen auch andere Suchbefehle versteht. Die Suche funktioniert zum Beispiel auch über Skizzen oder Fotografien. Die App nutzt dies, so dass sie auch über geografische Daten, sucht. Moderne Bilder haben alle einen GPS-Stempel. Die Info, wann und wo sie aufgenommen wurden, wird gleich mitaufgezeichnet. Diese Metadaten wollen wir bei der Suche nutzen.

Um damit schlussendlich historische Aufnahmen zu finden?

Genau. Da mein Handy weiss, wo ich mich befinde, kann es direkt historische Aufnahmen desselben Orts finden. Sie nimmt quasi den Standort als Suchbefehl. Neue Aufnahmen findet sie dann dank dem GPS-Stempel. Bei historischen müssen wir diese Metadaten nachschlagen und manuell eintragen, damit sie gefunden werden können.

Was machen Sie, wenn die Metadaten zu ihren Quellen gänzlich fehlen? Ziehen Sie dann Historiker*innen hinzu?

Sauter: Unklarheiten gab es bis jetzt nur bei persönlichen Aufnahmen. Diese Fälle gingen wir eher pragmatisch an und lösten sie vor allem auf den technologischen Aspekt bezogen. Den historischen Bereich können wir schlussendlich nicht wirklich abdecken. Schuldt: Insgesamt waren das nicht wahnsinnig viele Fälle. Es wäre natürlich ideal, solche Probleme zusammen mit Historikern und Historikerinnen zu lösen. Wenn von dieser Seite Interesse besteht, wären wir für eine Zusammenarbeit sehr offen.

Herr Sauter, schlussendlich waren Sie es, der im Rahmen Ihrer Bachelorarbeit die Idee hatte, historische Aufnahmen per App breit zugänglich zu machen. Wie kamen Sie darauf?

Einerseits aus persönlichem Interesse: Ich interessiere mich für die Stadt, in der ich lebe und geboren wurde. In Basel haben wir viele historische Gebäude und es ist schade, dass die Informationen, welche eigentlich dazu existieren, nicht genutzt werden. Andererseits boomte damals Augmented Reality. Als ich dann vom City-Stories-Projekt unserer Forschungsgruppe erfuhr, begann das Brainstorming und der Rest entwickelte sich dann von alleine.

Wie verliefen die Arbeiten denn bis heute?

Die App entstand in mehreren Schritten. Angefangen hat sie bei der Bachelorarbeit, im Rahmen eines Masterprojekts kam dann die Augmented Reality dazu. Vorher funktionierte die App einfach per Slider, der die Bilder sichtbar machte. Zuletzt ergänzte meine Kollegin Rahel Arnold die App mit dem 3D-Merianplan. Jetzt dreht sich unsere Arbeit vor allem um die Suche mittels den Sensoren von Smartphones, wie die Ortssuche per GPS. Aktuell ist auch die Resultatdarstellung unter Berücksichtigung zusätzlicher Datenquellen.

Wie müssen wir uns die Nutzung der App denn vorstellen?

Die App funktioniert so, dass man auf dem Handy eine Suche startet und sich dann mit Hilfe einer Karte in der Stadt orientieren kann. Aber das könnte man noch variieren. Denkbar wäre beispielsweise auch, dass die Suche aktiviert wird und die App per Push-Nachricht jeweils meldet, wenn sie eine historische Aufnahme am Standort des Nutzers findet. Das würde dann aber nur für Bilder gelten und nicht für grosse Flächen, wie der Merianplan. Interessant wäre auch eine Navigations-Funktion, die einen zu den spannenden Orten mit Bildern führt.

„Go-Find!“ App-Entwickler Loris Sauter / Foto: Tomas Marik

Dann existieren im Moment erst vereinzelt Aufnahmen und Basel kann noch nicht flächendeckend historisch betrachtet werden?
Das System steht und fällt mit der Bildkollektion, also der Sammlung von historischen Quellen. Unser Forschungsprototyp basiert auf einer Kollektion aus persönlichen Aufnahmen und öffentlich verfügbarem Material. Darunter ist beispielsweise der Merianplan von 1516, der ungefähr die Altstadt Grossbasels abdeckt. Dazu kommt ein Teil von Kleinbasel und Einzelaufnahmen von beispielsweise dem Barfüsserplatz oder der Falknerstrasse.

Macht es für Ihre Arbeit einen Unterschied, mit welcher Art Quelle Sie zu tun haben, müssen Sie beispielsweise mit einem Gemälde anders umgehen als mit einer Fotografie?

Bei Foto- und Videoaufnahmen stellt sich jeweils die Frage nach der Perspektive. Zeichnungen und Gemälde können ausserdem verzerrt sein. Dann merkt man, dass beispielweise gewisse Strassen breiter gezeichnet wurden als in echt, weil sonst andere Gebäude verdeckt worden wären. Auch Gebäude können im Grössenverhältnis falsch dargestellt sein. Grundsätzlich spielt es für das System aber keine Rolle, ob es mit Gemälden, Kupferstichen oder Fotografien arbeitet.
Ganz neue Fragen warf der Merianplan in 3D auf, weil er von einem Modell ausging, das in sich selbst nicht stimmt. Merian hat, wie wir erfuhren, z. B. die Stadtmauern an falschen Stellen eingezeichnet, um Basels Wichtigkeit und Stärke aufzubauschen.

Im Moment nutzen Sie die App vorwiegend als Forschungsinstrument. Was muss noch geschehen, dass sie der Öffentlichkeit zugänglich wird?

Schuldt: Dass die App noch nicht öffentlich ist, hat zwei Hauptgründe. Der erste ist die App selbst, bzw. das Programm, dass wir gerne noch erweitern möchten. Das zweite sind Probleme des Datenschutzes. Wir können den derzeitigen Content der App nicht veröffentlichen, weil er uns nicht gehört. Sauter: Es sind genau die für uns spannenden Aufnahmen, welche in eine heikle Zeitspanne fallen. Aktuell verfällt das Urheberrecht einer Fotografie 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers. Wir könnten erst die Bilder gebrauchen, deren Fotograf oder Fotografin bis 1951 starb.

Wie könnten Sie dieses Problem lösen?

Indem wir nur mit Content arbeiten, der öffentlich ist. Wenn zum Beispiel die Bilder aus einem Familiennachlass im Museum landen, wäre es toll, wenn wir die Digitalisate davon nutzen könnten. In diesem Fall wären sie der Allgemeinheit ja bereits zur Verfügung gestellt worden. So könnte man das Problem umgehen und die Rechte direkt erhalten.

An wen könnte sich in die künftige GoFind!-App insbesondere richten?

Es gibt viele, die davon profitieren könnten. Das ist einerseits sicher der Tourismus, andererseits der historische Forschungs- und Bildungsbereich. Das System ist aber nicht auf die Darstellung des Vergangenen beschränkt. Es muss keine historische Bildkollektion sein. Beispielsweise könnte die Baubranche mit der App Projekte vor Ort visualisieren lassen. Das ist das Tolle: Dem Programm ist egal, wo und für welche Branche es arbeitet, es kann sich der Bildkollektion anpassen.

Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg mit Ihrem Projekt.

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Historiker*innen und Studierende der Geschichte sind bei Interesse am Projekt GoFind! dazu eingeladen, sich für eine allfällige Zusammenarbeit bei Heiko Schuldt zu melden. Kontakt: heiko.schuldt@unibas.ch

Titelbild und Beitragsbilder wurden von der Universität Basel bereit gestellt.