Am 7. und 8. Juni 2024 fand die erste Historiker*innen-Unconference statt. Diese vom Historikerinnennetzwerk Schweiz organisierte Unconference hat sich zum Ziel gemacht, Historiker*innen einen Raum zum gemeinsamen Austausch zu geben und über die Geschichtswissenschaft aus einem intersektional-feministischen Perspektive zu diskutieren. Doch was ist überhaupt eine Unconference und wie ist sie verlaufen? Ein Gespräch mit den Veranstalterinnen Claire Louise Blaser und Zoé Kergomard über das partizipative Uncoferenceformat und über die Machtstrukturen in der Geschichtswissenschaft. Von Tomas Marik
Liebe Claire und Zoé, ihr seid die Veranstalterinnen der Historiker*innen-Unconference. Könnt ihr bitte kurz die Unconference vorstellen?
Es handelt es sich um eine Tagung für Historiker*innen in und aus der Schweiz. Eingeladen waren ausdrücklich nicht nur Historiker*innen, die an der Uni arbeiten oder im Studium sind, sondern auch solche aus allen anderen Berufsfeldern, in denen Historiker*innen vertreten sind: Mitarbeitende von Gedächtnis- und Kulturinstitutionen wie etwa Archive, Museen, Theater, oder Bibliotheken, Lehrpersonen, Leute aus dem öffentlichen und dem NGO-Sektor, oder auch freischaffende Historiker*innen. Das eine Geschichtstagung diese diversen Berufsfelder zusammenbringt, gibt es eigentlich nie.
Die Idee für die Historiker*innen-Unconference kam vom Historikerinnennetzwerk Schweiz, einem Verein, der 2019 gegründet wurde und sich zum Ziel gesetzt hat, Historikerinnen* (wir setzten jeweils einen Genderstern ans Ende des Wortes, um zu symbolisieren, dass wir damit alle Frauen – trans und cis –, sowie auch nicht-binäre und genderqueere Menschen meinen) in und aus der Schweiz zu vernetzen. Das Netzwerk organisiert viele kleinere Anlässe pro Jahr, online wie auch in Person.
Bei diesen Anlässen ist uns immer wieder aufgefallen, dass sich feministische Historikerinnen* (und feministische Historiker!) in der Schweiz Möglichkeiten und Räume wünschen, um über die Konditionen, unter welchen historische Forschung und Berufstätigkeit ausgeübt werden kann, zu diskutieren, sie kritisieren zu können, oder auch gemeinsam anfangen, sie zu verändern. Genau so einen Raum wollte die Historiker*innen-Unconference ermöglichen.
Was war die Inspiration hinter der Entscheidung, ein Unconferenceformat zu wählen, und wie unterscheidet sich dieses Format von traditionellen Konferenzen?
Zum einen haben uns Mitglieder des Vereins von den «Schweizerischen HistorikerInnentagungen» erzählt, die von den 1980er bis in die 2000er Jahre eines der erfolgreichsten Gefässe zur Vernetzung feministischer Historiker*innen in der Schweiz waren und frauen- und geschlechterhistorischen Forschungen wichtige Impulse verliehen haben. Weil uns auch das Bewusstsein über unsere eigene Geschichte als Disziplin und die Vermittlung zwischen Generationen wichtig ist, haben wir uns mit Akteur*innen dieser Tagungen ausgetauscht und wollten mit der Unconference Kontinuitäten schaffen und vertiefen.
Im Vorstand des Historikerinnennetzwerks wünschten wir uns ausserdem, ein grösseres Projekt zu verwirklichen, welches uns ermöglichen würde, mit Gleichgesinnten Organisationen in der Schweiz zusammenzuarbeiten, was unserem jungen Verein Sichtbarkeit verleihen und uns motivieren würde. So wurde die Idee der Unconference geboren.
Tatsächlich konnten wir dann innert kürzester Zeit Mitglieder für die Mitarbeit im Organisationskomitee gewinnen, sowie die Geschichtsplattform infoclio.ch und später auch die Gosteli-Stiftung (Trägerin des Archivs zur Geschichte der schweizerischen Frauenbewegung und Organisatorin der jährlichen «Gosteli-Gespräche») als Partnerorganisationen gewinnen, was für uns sehr bestätigend und schön war.
Zum anderen hat es uns gereizt, ein unkonventionelles Format umzusetzen: Eine Unconference (in Abgrenzung zur «Conference» oder Konferenz) ist eine «umgekehrte Tagung». Hier entscheidet nicht eine Jury vorab unter eingegeben Panelvorschlägen, was auf das Programm kommt, und was nicht. Stattdessen wird das Programm demokratisch bestimmt von den Organisierenden und den Teilnehmenden gemeinsam – vor Ort, am Tag des Anlasses selbst.
Dieses Format mischt Impulse aus partizipatorischen Ansätzen in Vereinen oder auch in der Jugendarbeit sowie aus Tech- und Start-Up-Kreisen (darüber liesse sich noch ein spannendes Geschichtsbuch schreiben!). Näher bei uns ist es mittlerweile gut etabliert in den Digital Humanities, zum Beispiel mit dem histocamp in Deutschland oder der Infoclio-Jahrestagung 2021 zu «Digital Criticism».
Unser Ziel war es, mit diesem aussergewöhnlichen Format und der breiten angesprochenen Zielgruppe über eine reine Präsentation von Forschungsergebnissen, wie das an Tagungen sonst üblich ist, herauszugehen: Wir wollten einen Raum schaffen, um gemeinsam auch Themen wie Machtstrukturen, Wissensformen und Berufspraktiken zu besprechen, uns darüber auszutauschen, was uns als feministische und engagierte Historiker*innen beschäftigt, unsere Anliegen bündeln und persönliche Erfahrungen austauschen. Dies ist auch super gelungen!
Wie funktioniert eine Unconference konkret und welche Vorteile hat der partizipative Ansatz geboten?
Bei einer Unconference ist das Programm zu Beginn des Anlasses noch komplett offen. Wir haben weder ein Überthema für die Unconference bestimmt, noch haben wir im Voraus aus den eingegangenen Vorschlägen ausgewählt. Wir hatten einzig zwei Podiumsgespräche geplant und die Gosteli-Stiftung hat im Voraus zwei Themen bestimmt, mit welchen sie zwei der Sessions bespielen würden.
Das gemeinsame demokratische Auswählen am Morgen des ersten Tages lief dann konkret so ab: Jede*r, der*die einen Sessionvorschlag hatte (weder vorher per Mail eingereicht oder ob es ihnen spontan an dem Tag in den Sinn kam), stellte diesen in ein paar Sätzen vor allen Teilnehmenden vor. Diese Vorschläge haben wir auf grossen Papieren aufgeschrieben und zuletzt an die Wand geklebt. Nun konnten in einer längeren Pause alle an dieser Wand mit den Vorschlägen vorbeigehen und insgesamt vier Stimmen für verschiedene Sessionthemen abgeben.
Wir hatten Platz und Zeit für 16 Sessions. Da wir genau 16 Session-Vorschläge bekommen hatten und alle Themen auf Interesse stiessen, mussten wir kein Thema aus dem Programm kippen. In der Mittagspause stellten wir basierend auf diesen Vorschlägen dann das Programm zusammen.
Der Vorteil von einer partizipativen Programmgestaltung ist, dass alle mitentscheiden und mitsprechen können. Dies bewirkt, dass es weniger Hierarchien gibt (z.B. zwischen Vortragenden und Zuhörer*innen oder dem Auswahlkomitee und den Referent*innen). Auch gibt es viel mehr Gelegenheiten, um sich zu vernetzen, gemeinsame Interessen miteinander zu teilen, oder neue Ideen entstehen zu lassen – all das, was an konventionellen Tagungen nur in den Pausen Platz hat.



Die Konferenz beschäftigte sich mit dem Thema der intersektional-feministischen Perspektiven in den Geschichtswissenschaften. Was genau ist das und welche Vorteile bietet dieser Zugang?
Uns war es wichtig, die Unconference als Diskussionsraum klar in dieser Perspektive zu eröffnen, gerade weil es in den Geschichtswissenschaften selten ist. Traditionelle oder «normale» Diskussionsräume in den Geschichtswissenschaften sind eigentlich auch nicht neutral oder apolitisch. Sie tragen nämlich zwangsläufig unsichtbare Vorannahmen und Perspektiven mit, ohne dass diese explizit benannt und reflektiert werden können.
Gerade die Frauen- und Geschlechtergeschichte kritisiert seit langem, dass die allgemeine Geschichtsschreibung latent androzentrisch ist. Sprich: sie nimmt vor allem Männer als Akteure der Geschichte in den Blick, stellt männliche Lebens- und Ausdrucksformen unhinterfragt als Norm dar und auf einer strukturellen Ebene werden geschlechterbedingte Ausschlussprozesse im Berufsfeld Geschichte nicht reflektiert. Deshalb wollten wir einen Raum öffnen, wo alle diese Fragen gleich von Anfang gestellt werden konnten.
Wir sprachen dabei von einer «intersektional-feministischen Perspektive» statt nur von einer «feministischen», weil es uns nicht nur um geschlechterbedingte Ungleichheiten, sondern auch um Mehrfahrdiskriminierungen, z.B. entlang sozialer Klasse, Alter, Herkunft, «race», Gesundheit, usw. geht.
Könnt ihr mir bitte ein konkretes und allgemein bekanntes Beispiel aus der Geschichte nennen, das dank der feministischen Perspektive eine komplett andere Bedeutung erhalten hat?
Nehmen wir zum Beispiel die Definition der Arbeit: feministische Historiker*innen haben sich an den Neudefinitionen der Arbeit innerhalb feministischen Kreisen orientiert, um neben Erwerbsarbeit auf die vielfältigen, oft unsichtbaren und unbezahlten Arbeitsformen, die gerade Frauen* öfters leisten (Care-Arbeit oder auch reproduktive Arbeit genannt).
Sobald wir dieses erweiterte Verständnis haben, stellt sich die Frage der Arbeitsteilung sowie auch die der Arbeits- und Freizeit völlig anders. Das Milizsystem in der Schweiz beruht z.B. auf der Vorstellung, Bürger(*innen) können sich neben ihrer Erwerbsarbeit, in ihrer «Freizeit», politisch und zivilgesellschaftlich engagieren. Eine geschlechtssensible, feministische Brille auf diese Norm fragt dann: wer hat diese Zeit? Was für unsichtbare Arbeitsformen ermöglichen überhaupt lange politische Sitzungen am Abend?
Zoé, welche Session hat dir besonders gefallen und welche neuen Erkenntnisse hast du davon mitgenommen?
Mich hat eine Session über strukturelle Barrieren im Geschichtsstudium und -Berufsfeld besonders beeindruckt. Auch da kam unsere feministisch-intersektionale Brille zum Ansatz: wir haben über all die konkreten Herausforderungen gesprochen, die Menschen im Geschichtsstudium erfahren, die historisch an Universitäten nicht willkommen waren und sich deshalb bis heute nicht willkommen fühlen.
Für Studierende der sogenannten «ersten» Generation ist es zum Beispiel nicht einfach, die scheinbaren Selbstverständlichkeiten des Geschichtsstudiums zu durchblicken (z.B. was ein «Proseminar» sein soll) und sich vom «Name-Dropping» der Dozierenden sowie anderen Studierenden nicht einschüchtern zu lassen. Wer in Seminaren das Wort ergreift, hat viel damit zu tun, wer das Gefühl hat, an die Universität zu «gehören» – und dabei spielen auch Herkunft und Geschlecht eine Rolle.
In der Session haben wir über solche Erfahrungen reflektieren können und über mögliche Lösungen gesprochen. Es hilft bereits enorm, diese Erfahrungen benennen zu können – dafür fand eine Teilnehmerin Pierre Bourdieus Ansätze besonders befreiend. Informationen besser zu verbreiten ist auch extrem wichtig, weshalb z.B. Mentoringprogramme hilfreich sein können.
Claire, welche Session hat dir besonders gefallen und welche neuen Erkenntnisse hast du davon mitgenommen?
Die allererste Session, an der ich teilnahm, blieb mir besonders: Es ging darum, inwiefern wir den*die Historiker*in von seiner*ihrer Forschungsarbeit getrennt betrachten könnten, parallel zu der Diskussion, die in der Kulturwelt oft geführt wird: Kann die Kunst unabhängig vom Künstler*der Künstlerin betrachtet und wertgeschätzt werden?
Das ist eine Frage, zu der ich mir schon öfters beim Schreiben von eigenen Forschungsarbeiten oder beim Vorbereiten von Präsentationen Gedanken gemacht habe. Wenn es mir zum Beispiel bekannt ist, dass ein Forscher Kolleginnen sexuell belästigt hat, möchte ich die Forschung dieser Person nicht unbedingt zitieren.
Wir haben zwar keine «Lösung» für das Dilemma gefunden, es tat aber gut, zu hören, wie andere mit diesen Fragen umgehen und darüber denken. Noch nie hatte ich aber an einem offiziellen Anlass die Möglichkeit, mich mit anderen Historiker*innen darüber auszutauschen. Wir waren eine kleine Gruppe und konnten somit sehr direkt und offen gemeinsam darüber diskutieren. Für mich war das der Inbegriff davon, wie eine Unconference etwas möglich machen kann, dass es an einer herkömmlichen Tagung nie geben könnte.

Vielleicht ist es noch zu früh, aber wisst ihr schon, ob ihr nächstes Jahr eine weitere Unconference veranstalten möchtet?
Wir haben mit der Planung für diese Historiker*innen-Unconference im September 2022 begonnen. Auch wenn wir nun viel Erfahrung dazugewonnen haben, ist dies ein Anlass, der weit mehr als ein Jahr Vorbereitungszeit benötigt.
Bis auf die zwei Mitarbeitenden von infoclio.ch und der Gosteli-Stiftung, die im Organisationskomitee waren, basierte die gesamte Organisation ausserdem auf Freiwilligenarbeit. Einen solchen Einsatz können wir nur punktuell leisten und als allererstes brauchen wir bestimmt eine Verschnaufpause.
Was in zwei, drei, oder fünf Jahren geschehen wird, ist natürlich offen, und das Historikerinnennetzwerk Schweiz würde eine zweite Historiker*innen-Unconference bestimmt sofort wieder unterstützen! Um auch in Zukunft ähnliche Projekte durchführen zu können, freuen wir uns immer auf neue Energien und Ideen!
Über Zoé Kergomard
Zoé Kergomard ist Historikerin und Oberassistentin in Zeitgeschichte am Historischen Seminar der Universität Zürich. Für ihre Dissertation an der Universität Freiburg erforschte sie die Geschichte der Wahlkämpfe in der Schweiz nach 1945 (Buch: Wahlen ohne Kampf? Schweizer Parteien auf Stimmenfang, 1947–1983, Schwabe 2020). Ihr aktuelles postdoktorales Projekt setzt sich mit der Geschichte der Wahlbeteiligung als demokratisches «Problem» in der BRD, der Schweiz und in Frankreich nach 1945. Seit 2020 ist sie im Vorstand des Historikerinnennetzwerks Schweiz, über zwei Jahre davon als Co-Präsidentin mit Claire Blaser.
Über Claire Louise Blaser
Claire Louise Blaser ist Historikerin und Doktorandin an der Professur für Globalgeschichte, ETH Zürich. In ihrem Doktoratsprojekt erforscht sie die «Globale Biografie» von Frieda Hauswirth aus geschlechtergeschichtlicher, feministischer und dekolonialer Perspektive. Seit 2020 ist sie im Vorstand des Historikerinnennetzwerks Schweiz, über zwei Jahre davon als Co-Präsidentin mit Zoé Kergomard.
Bilder: Tabea Fröbel, Gosteli-Stiftung