„Ich bin froh, in Basel zu sein und doch ist es schrecklich“ – Ukrainerinnen der Universität Basel berichten vom Krieg

Der Krieg in der Ukraine ist sehr nah. Nicht nur geographisch, wie immer wieder betont wird (2.5 Flugstunden), sondern auch menschlich. An jeder Strassenecke und in jedem Vorlesungssaal können wir Menschen treffen, die direkt vom Krieg in der Ukraine betroffen sind. Dozentin Dr. Olha Martynyuk und Studentin Alina Zubtritska erzählen von ihrer Flucht, Heimat, Bunker, ihre Sicht auf Russland und wie jeder einzelne von uns helfen kann.
Von Tomas Marik und Anniina Maurer

Dr. Olha Martynyuk, Geschichtsdozentin an der Nationalen Technischen Universität „Kiewer Polytechnisches Institut Ihor Sikorskyj“, hat sich auf drei Wochen Ferien in Basel gefreut. Sie kennt Basel gut, da sie vor kurzem an der Universität Basel ihr Forschungssemester absolviert hat. Fasnacht, schwimmen im Rialto, Tischtennis in Kannenfeldpark, Konzert von Evelinn Trouble und viel Wandern im Baselbieter Jura standen auf dem Programm. Statt die „drey scheenste Dääg“ zu geniessen, verfolgt sie nun den Krieg in ihrer Heimat und kommuniziert als Ukraineexpertin mit den Medien. So auch an ihrem Geburtstag, am Tag unseres Interviews.

Alina Zubritska, Studentin am Europa Institut der Universität Basel, würde sich lieber mit ihrem Partner um den gemeinsamen 20 Monate alten Sohn kümmern. Sie ist jetzt in der Schweiz und ihr Partner wurde gerade in die ukrainische Armee einberufen, dasselbe Schicksal teilen ihr jüngerer Bruder und ihr Vater.

Basel als vorläufiger Rückzugsort

Martynyuks Urlaub in Basel war schon seit längerem geplant und das Flugticket seit Wochen gebucht: Ein Tag bevor Russland die Ukraine überfallen hat, hätte sie nach Basel fliegen sollen. Doch der typische Hauptstadtstau hat ihr einen Strich durch die Rechnung gemacht, sie verpasste ihren Flieger. So kehrte Martynyuk am 23. Februar in ihre Wohnung zurück und suchte nach einem neuen Ticket, mit dem Gedanken, in zwei Tagen am Rheinufer, ihrem Lieblingsort, entlang zu spazieren.

Dazu kam es aber nicht. Eine laute Detonation weckte Olha Martynyuk um sechs Uhr morgens auf. Es war der 24. Februar 2022. Das Haus erschütterte einmal, Martynyuk dachte zuerst an eine Gasexplosion. Sie verlies ihre Wohnung und sah am Nachthimmel orange Glut über den Kiewer Dächern. Ein Blick auf ihr Smartphone verriet ihr, dass in Kiew Sprengkörper explodierten und Russland die Ukraine angegriffen hat. Das hatte die Historikerin nicht erwartet. Rückblickend stellt sie fest, dass sie eher dem Präsidenten Zelenski geglaubt habe, der bis zum Kriegsausbruch versucht hat, die ukrainische Bevölkerung zu beruhigen und die russische Aggression als „Diplomatisches Spiel“ zu erklären. Die damaligen Horrorwarnungen von Präsident Biden und Premier Johnson schienen zu schrecklich, um ihnen Glauben zu schenken.

Mit dem schon bereiten „Feriengepäck“ sitzt Martynyuk schon um 6.50 Uhr im Zug und fährt direkt ins polnische Przemyśl (siehe Titelbild). Nach einer 14-stündigen Zugfahrt überquert sie die Grenze und ist als eine der ersten Geflüchteten in Sicherheit. Die Flüchtlingshilfe wird in Polen erst errichtet als Martynyuk aus ihrem Zug steigt. Mit dem Flugzeug aus Krakau fliegt sie in die Schweiz in der Ungewissheit, ob sie jemals wieder in ihre Heimat, Wohnung, zu Arbeit und Freunden zurückkehren wird.

In Martynyuks Gepäck befinden sich Wanderschuhe und einen Tischtennisschläger, aber kein Essen und auch keine geeigneten Kleider für die ihr bevorstehenden Podiumsdiskussionen und Interviews. Glücklicherweise haben ihr dabei ihre Kolleg*innen aus Basel helfen können und haben ihr Blusen und ein Jackett ausgeliehen. Bei ihrem Partner ist sie untergekommen.

Ihre Kontakte entstanden vor einem Jahr, als Martynyuk im Rahmen des Bundes-Exzellenz-Stipendium für ausländische Forschende und Kulturschaffende am historischen Departement arbeitete. Ihr Forschungsschwerpunkt war die Geschichte des Fahrradfahrens in der Ukraine. Wegen Corona habe sie die Stadt zwar von einer ganz besonderen Seite kennengelernt, dennoch sei Basel eine der besten Orte der Welt. „Am liebsten mag ich das Rialto. Es ist mein Lieblingsplatz zum Schwimmen – das beste Schwimmbad der Welt – und normalerweise wäre ich schon zigmal dort gewesen.“ Normal gibt es derzeit jedoch nicht. Basel ist für Olha Martynyuk nun nicht mehr Ferienziel, sondern ein sicherer Rückzugsort. Was die Zukunft bringen wird, ist offen.

In der gleichen Situation befindet sich Alina Zubritska. Sie studiert in Basel European Global Studies und lebt schon länger hier. „Basel ist meine Heimatstadt, ich liebe die Leute hier und bin daran, Deutsch zu lernen.“ Alina hofft, ihr Studium hier beenden zu können, blickt aber in eine ungewisse Zukunft. Wenn es sein müsse, sagt sie, werde sie ihr Kind hier in Sicherheit lassen und zurück in die Ukraine fahren, um für ihr Land zu kämpfen. 

Blick auf die Ukraine

Alina beobachtet das Geschehen in der Ukraine aus der Ferne. Der Überfall erstaunte sie nicht. 2014 hat Russland bereits die Krim annektiert und unterstützt personell wie materiell die Separatisten in Donezk und Luhansk. Alina war sich sicher, dass diesbezüglich früher oder später mehr folgen würde. Sie kommt aus Kamjanske in der Zentralukraine. Ihre gesamte Familie lebt weiterhin dort, möchten das Land nicht verlassen, sondern es verteidigen. Wenn es sein muss, mit Waffen. „Das ist doch unsere Heimat!“ sagt Alina mit aller Selbstverständlichkeit, „mein Sohn soll eines Tages in sein Land zurückkehren können.“ Sie selbst versucht, finanzielle Mittel für die Ukraine zu beschaffen, fühlt sich aber trotzdem machtlos und würde lieber vor Ort helfen.

Alina erzählt, dass ihre Familie bereits während der Sowjetzeit stark unter dem Kommunismus gelitten habe. Sie hofft, dass sich die Geschichte nicht wiederholt. Während dem Holodomor, eines gezielten Aushungerns der ukrainischen Bevölkerung während der Stalinzeit, hat sich ihr Urgrossvater mit Lehm bestrichen, um in der Nacht ein paar Kartoffeln für die Familie zu stehlen. Ihr Grossvater hat im Krieg für eine „freie Welt“ gegen das Nazideutschland gekämpft und heute, gerade jetzt, wird ihr Land wieder von seinem Nachbarstaat angegriffen. Alina macht auf die historische Dringlichkeit aufmerksam, die Invasion aufzuhalten. Die Ukrainer*innen kämpfen nicht nur für ihre Heimat, sondern für ein sicheres Europa oder z.B. Taiwans Freiheit, das wie die Ukraine von einer atomaren Grossmacht aus historischen Gründen bedroht wird. Der gleichen Meinung ist Martynyuk: „Die Staaten sollen der Ukraine nicht nur aus Solidarität helfen, sondern vor allem als Selbstschutz vor dem russischen Aggressor. Wer weiss, wen Putins Russland als Nächstes angreift.“

Alinas Freunde in Kamjamske trainieren für den Ernstfall.
Olha Martynyuks Mutter blieb in der Ukraine und hilft, Tarnnetze herzustellen.

Auch Martynyuks Familie ist tief in der Ukraine verwurzelt. Ihre Vorfahren haben im ehemaligen Raum Galiziens für die ukrainische Unabhängigkeit seit 1918 gekämpft. Während des Zweiten Weltkrieges hat sich ihr Grossvater als Partisan 1944 gegen die Rote Armee aufgelehnt. Ihr Vater organisierte in den 80ern ukrainische Kulturveranstaltungen in Moskau. Später war er als Medienberater verschiedener ukrainischer Politiker tätig und 2004 in die Gründung der ersten freien Internetmedien involviert. Heute bloggt er auf Facebook, zunächst aus seinem Zuhause in Irpin, einem Kiewer Vorort, der seit Längerem stark umkämpft ist und unter Beschuss steht. Vor ein paar Tagen ist er über ein Sumpfgebiet nach Kiew geflüchtet. Da möchte er nicht mehr weg, komme was wolle.

Auf die Frage, ob Martynyuks Vater vielleicht von seiner Flucht Fotografien gemacht hat, die wir für unseren Artikel nutzen können, antwortet Martynyuk mit überraschtem Kopfschütteln und Lachen: „Nein, er hatte anderes im Kopf“. Es war das erste und blieb das einzige Lachen in unserem stundenlangen Gespräch.

Viele Familienmitglieder, Freunde und Bekannte von Alina und Olha Martynyuk sind auf der Flucht aus Charkiw, Mariupol, Kiew und weiteren belagerten Städten. Sie verstecken sich in improvisierten Bunkern, flüchten ins Ausland oder betätigen sich direkt mit der Waffe an der Landesverteidigung. Alinas Mutter schläft nur noch im Badezimmer, denn es ist der sicherste Ort im Haus, zum Bunker ist es zu weit.

Sumpf zwischen Irpin und Kiew, auch Martynyuks Vater flüchtete durch diese Region

Russland und seine kollektive Schuld

Für Alina ist die russische Propaganda Putins mächtigste Waffe. Nicht nur im Ausland, sondern vor allem im Inland, um die eigene Bevölkerung zu manipulieren. Ihr sind ein paar tausend Protestierende in der Russischen Föderation bei über 150 Millionen Einwohnern zu wenig. Sie sucht die Verantwortung für den Krieg nicht nur bei Putin und seinen Wählern, sondern auch bei all den russischen Bürgern, die still seine Regierung tolerieren.

Auch Martynyuk sieht das ähnlich. Sie sagt: „Man kann sich irren und z.B. die falschen Politiker wählen, aber spätestens jetzt muss Stellung gegen die derzeitige Regierung im Kreml bezogen werden.“ Privatnachrichten und Lippenbekenntnisse reichen ihr nicht mehr. Martynyuk ist sich der Gefahr bewusst, der sich Protestierende aussetzen, die beispielsweise zu Tode geprügelt werden könnten. Digitaler Aktivismus und Aufklärungsarbeit findet sie daher genauso wichtig. Gerade erst wurde sie von Bekannten auf eine Flugblattaktion aufmerksam gemacht, die Putin angreift (siehe Diashow). Das sei mutig sagt, Martynyuk aber ein Beispiel dafür, dass es verschiedene Arten gibt, sich zu wehren. Gleichzeitig gibt Martynyuk zu, dass die Lage in Russland für niemanden einfach ist. Sogar ihre ukrainischen Verwandten, die seit Langem in Russland leben, glauben nicht an das, was ihnen die eigenen Familienmitglieder über den Krieg berichten. Zu lange hätten sie Putins Nachrichten konsumiert.

Wie kann geholfen werden?

Martynyuk und Alina sind überwältigt von der grossen Unterstützung seitens der Staaten wie auch der Menschen. Waffenlieferungen, Sanktionen usw., sowie moralische Unterstützung aus dem Ausland, seien für die Ukraine sehr wichtig. Auch dass die Schweiz trotz ihrer Neutralitätspolitik eine klare Stellung bezogen hat, ist für die beiden mehr als nur eine Geste. Sich den EU-Sanktionen anzuschliessen sei ein grosser Schritt gewesen. Als wichtiger Handelspartner Russlands könne die Schweiz aber noch weiter gehen, findet Martynyuk.

Auf persönlicher Ebene sind Spenden und direkte Hilfe wichtig, um die Lage vor Ort zu stabilisieren. Alina bittet beispielsweise um finanzielle Unterstützung für Lebensmittelversorgung, Schutzwesten und Helme für Zivilisten. Martynyuk hofft zudem auf eine breite Unterstützung für geflüchtete Menschen, an der sich jeder Einzelne beteiligen könne. Es sei nicht in erster Linie wichtig, auf welche Art man sich einbringe, Hauptsache, es wird geholfen. Sie selbst ist sehr dankbar, für die persönliche, moralische und finanzielle Unterstützung seitens ihrer Freunde und Kollegen in Basel und hofft, dass noch mehr bewirkt werden kann. „Die Hilfe auf zwischenmenschlicher Ebene war überwältigend, nun muss alles dafür getan werden, dass dieser schreckliche Krieg so schnell wie möglich endet.“


Hier kannst du helfen

Titelbild: Olha Martynyuk (Bahnhof Przemyśl)

Beitragsbilder:

  1. Olha Martynyuk
  2. Alina Zubritska
  3. Olha Martynyuk
  4. Elena Overchuk (bereitsgestellt von Alina Zubritska)

Beitragsvideos: Evgeny Bezkrowny (bereitsgestellt von Alina Zubritska)

Diashow: Russischer Aktivismus (Bereitgestellt von Olha Martynyuk)

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