Eine Rezension

Die britische Autorin Melanie Challenger bespricht in ihrem 2021 veröffentlichte populärwissenschaftlichen Buch How to Be Animal das Mensch-Tier-Verhältnis und argumentiert, dass der Mensch das Tier sei, welches nicht anerkennen könne, selbst Tier zu sein. Aus dieser Spaltung heraus würden die grossen Krisen unserer Zeit resultieren. Sie plädiert dafür, dass wir wieder lernen müssten, das eigene Tiersein anzuerkennen und zu schätzen. Eine kurze Rezension soll hier die Hauptargumente des Buches erläutern und aufzeigen, worin dessen Stärken und Schwächen liegen. Von Florian Zoller

Wider den Körper – Auf der Suche nach dem einzigartigen Marker

Hypothetisches Szenario in einer fernen Zukunft: Ein hochentwickelter Nachfahre unserer Spezies, hochintelligente  Ausserirdische oder eine verselbständigte Künstliche Intelligenz wird auf Fundstücke der Homo sapiens stossen (Knochen, Fossilien, archäologische Überreste). Die Forschende der Zukunft versuchen zu rekonstruieren, wie der Homo sapiens lebte und seine Umgebung beeinflusste. Würden sie dieser Spezies den Übernamen „sapiens“ (weise) geben oder ihm das Label „rational“ attestieren?

Vermutlich nicht. Wer nämlich achtsam durch den Alltag geht und sich und seine Mitmenschen beobachtet, würde wohl kaum den Menschen als „weise“ oder „rational“ charakterisieren. Im Gegenteil, vieles, was wir im Alltag tun, ist hoch irrational. Wer eine politische Debatte, ein Geschäftsmeeting, die Verkehrsteilnehmenden während der Rush Hour, die Besucher*innen von Fussballspielen oder Sonntagsgottesdiensten beobachtet, kann diesen Eindruck nur bestätigen.

Warum haben wir uns dennoch den Eigennamen „sapiens“ gegeben? Ist dies vielleicht ein Versuch, uns vom Rest der Natur abzuheben. Genau dies ist die Fragestellung, womit sich Challenger in ihrem Buch befasst.

Gemäss Challenger scheint es seit jeher ein grosses Bedürfnis der Menschen zu sein, sich von anderen Tieren abzugrenzen und den Marker zu suchen, der uns vom Rest der Erde abhebt und uns zur Krone der Schöpfung macht. Im religiösen Kontext ist die „Seele“ das, was allen Organismen abhandenkommt, den Menschen aber in dessen Kern auszeichnet. Seit der Aufklärung propagiert ein säkularer Humanismus einen Alternativbegriff zur Seele, nämlich denjenigen der „Vernunft“. Beiden Denkweisen – christlich-religiös und aufgeklärt-humanistisch – ist gemein, dass sie den Menschen im Kontrast zu allen anderen Organismen nicht auf dessen Körperlichkeit reduzieren. Da muss etwas sein, was das Materielle übersteigt. Wo früher argumentiert wurde, dass unsere Seelen nach dem Tod ein Jenseits betreten werden, sind es heutzutage finanzstarke, libertäre Kreise aus dem Silicon Valley, die eine Verschmelzung zwischen Mensch und Maschine forcieren, um so unsere Sterblichkeit zu überwinden und dadurch ein – zumindest für eine reiche Elite vorbehaltenes – Paradies auf Erden (oder gar auf dem Mars) zu errichten. Dieses Mal soll es also die Technik sein, die uns von unserem Körper, unserer Sterblichkeit, unserem Tiersein befreit. Hinter allem liegt eine Ideologie zugrunde, die sich als „human exceptionalism“ bezeichnen liesse. Eine Idee, die den Menschen kategorisch von allen anderen Organismen zu unterscheiden versucht und deswegen einen Anspruch auf menschliche Alleinherrschaft über die Erde hegt. In solch einem Weltbild hat ein biologischer Körper, der eines Tages verenden wird, keinen Platz.

Braucht es aber überhaupt eine Rettung des Menschen vor dessen Sterblichkeit bzw. Körperlichkeit? Schliesslich ist diese vergängliche Körperlichkeit nicht weg zu rationalisieren, wenn wir darüber debattieren möchten, was den des Menschen Essenz sei. Unser Körper ist nicht von seiner ökologischen Umgebung zu trennen, sondern das Produkt eines hochkomplexen, äusserst langwierigen, Milliarden alten, faszinierenden Prozesses namens Evolution. Ein Prozess, den wir mit allen Organismen der Welt teilen und der uns demnach auch zu einem integralen Teil dieses Planeten macht, nicht zu einem, der davon separiert wäre oder aus diesem herausragen würde.

Diese Erkenntnis impliziert aber, dass wir nicht die Krone der Schöpfung darstellen, sondern ein Tier unter vielen sind, die vor, mit und nach uns diesen Planeten teilen. Der Eingangssatz des Buches, der auch die Grundthese der Autorin exemplifiziert, lautet folgendermassen: „The world is now dominated by an animal that doesn’t think it’s an animal. And the future is being imagined by an animal that doesn’t want to be an animal. This matters.”

Quelle: Florian Zoller

Ein Panoptikum an name-dropping und (nicht-)zitierten Studien

Nun, was Challenger auf der ersten Seite so prägnant formulierte, wird folglich auf über 230 Seiten immer wie schwammiger und undurchschaubarer. Es ist schier unmöglich, aus dem Buch heraus eine Struktur abzulesen. Ein roter Faden ist nicht ersichtlich. Vielmehr springt Challenger von Idee zu Idee und macht einen viel zu grossen Bogen von der chemischen Evolution, über Biotechnologie, Sozialpsychologie und Astrophysik bis hin zur Künstlichen Intelligenz und zum Transhumanismus. Der Preis dieser wissenschaftlichen Breite: Das Fehlen einer intellektuellen Tiefe. Und auf gefühlt jeder zweiten Seite wird gebetsmühlenartig die These wiederholt, dass der Mensch dasjenige Tier sei, welches nicht akzeptieren könne, ein Tier zu sein.

Vielleicht ist all dies dem Umstand geschuldet, dass Challenger über einen sehr breiten akademischen Hintergrund verfügt und stark interdisziplinär arbeitet. Ursprünglich Literatur-, Sprach- und Musikwissenschaftlerin, beschäftigt sich Challenger seit einem Jahrzehnt ausgiebig mit Fragen rund um Naturgeschichte und -philosophie. So hat sie sich bereits anno 2012 mit dem Sachbuch On Extinctionnaturhistorischen und bioethischen Themen gewidmet. Für ihre Arbeiten über die kanadischen Inuit erhielt sie den renommierten Darwin Now Award. Momentan ist sie als Fellow bei der British Antarctic Survey und als Mitglied am Nuffield Council on Bioethics angestellt. Trotz diesen eindrucksvollen akademischen Referenzen gelingt es Challenger nicht, in How to Be Animal wirklich stringent zu argumentieren. Ihr Schreibstiel ist sehr assoziativ, unstrukturiert, lang, oberflächlich, wild und inkohärent, um den naturwissenschaftlichen Themen des Buches gerecht werden zu können. Das Buch mutet wie ein Panoptikum an name-dropping sowie (nicht-)zitierten Studien an.

Dies mit den nichtzitierten Studien ist besonders ärgerlich. Challenger bringt es tatsächlich nicht fertig, die von ihr im Buch verwendeten Zitate und Studien via Fuss- oder Endnote anzugeben. Dies wäre selbst für ein populärwissenschaftliches Buch nicht zu viel verlangt gewesen. Das Buch beinhaltet so viel Fachwissen, dass es sehr interessant gewesen wäre, hätte man im Buch die exakte Literatur zum Nachschlagen bekommen, statt diese später selber im Internet recherchieren zu müssen.

So bleibt – nicht überraschend – ein allzu löbliches Fazit am Ende leider aus. Ein Drittel des Buches lässt sich mit grossem Gewinn lesen, danach wirkt die Lektüre nur noch ermüdend, repetitiv und redundant. Ein 30-seitiger Essay hätte also vollkommen gereicht. Oder sie hätte sich nur einem Themengebiet gewidmet und dieses dafür gründlicher behandelt. Wer überdies vertraut ist mit Diskursen rund um Anti-Speziesismus, Veganismus oder Naturschutz, wird nicht viele neue Erkenntnisse gewinnen.

Dennoch soll hier auch eine Lanze für das Buch gebrochen werden. Es wäre nämlich für jene Menschen eine Pflichtlektüre, die in mächtigen politischen oder ökonomischen Positionen sitzen und immer noch an einen „human exceptionalism“ glauben. Aufgrund seines populärwissenschaftlichen Stils wäre es aber auch eine ideale Lektüre auf Gymnasialstufe, um so eine junge Generation für die Problematik der Trennung zwischen Mensch und Tier bzw. Mensch und Natur zu sensibilisieren. Selbst die akademisch versierte Leserschaft wird zumindest am Querlesen einiger Kapitel Freude haben. Die sechs Kapitel, die sehr lose miteinander verbunden sind, lassen sich einzeln durchaus als gewinnbringende Essays lesen.

Trotzdem relevante These

An einigen Textstellen hätte der Eindruck erweckt werden können, dass ich von der Lektüre des Buches unbedingt abrate. Dem ist, wie oben schon zu lesen ist, mitnichten so. Es kann nicht genug betont werden, wie hochaktuell und hochbrisant die Thematik ist, die Challenger aufgreift. So wirr ihr Schreibstil ist, so scheint ihre These – nämlich dass der Mensch insofern ein gespaltenes Tier ist, als es sein Tiersein leugnet – trotzdem zu überzeugen. Challenger verortet ein Grunddilemma innerhalb der menschlichen Psyche. Hierarchisches Gruppendenken, die Fähigkeit zur Abstraktion sowie die Möglichkeit, narrative Erzählstrukturen über sich selbst zu bilden, sind Charakteristika, die typisch für den Menschen sind und vielleicht auch nur bei ihm vorhanden sind. Diese hätten ihm geholfen, sich die Erde Untertan zu machen. Gleichzeitig hat dies zu einer Entfremdung mit der Natur geführt, einer Spaltung, die in ihrer Konsequenz verheerende Auswirkungen zeitigte (Weltkriege, Tschernobyl, COVID-Pandemie, Klimawandel). Challenger macht im zweiten Kapitel einen interessanten Vergleich: Die Abwertung von Tieren, welche in den traurigen Tiefpunkt der heutigen industriellen Massentierhaltung mündete, gehorcht parallelen Mustern, die sich bei der Abwertung innerhalb von Menschengruppen beobachten lassen. Oft ist es üblich, andere Menschengruppen abzuwerten, indem man diese mit Tieren vergleicht (z. B. Tutsis als „Kakerlaken“ oder Juden als „Ratten“). Und in dieser dogmatischen Abgrenzung zwischen Mensch-Tier haftet ein verzerrtes Idealbild des Menschen an, welches viele Menschen exkludiert – so etwa arme Menschen, kranke Menschen, Menschen mit Beeinträchtigung.

So ist der Buchtitel, wofür im Deutschen etwas ungenau Wir Tiere verwendet wurde, Programm: Challengers Buch sollte nicht als eine Abwertung der Menschen verstanden werden. Im Gegenteil, es ist eine Liebeserklärung an unseren Körper und unser Tiersein. Wer kann schon leugnen, dass die existenziellsten Erfahrungen des Menschen körperbasiert sind (Geschlechtsverkehr, Sport, Essen usw.)? Oder würde jemand im Ernst behaupten, dass Glückseligkeit und Leiden – diese Grunderfahrung der menschlichen Existenz – nichts mit den körperlichen Empfindungen von Lust oder Schmerz zu tun hätten?

Was folgt daraus? Wenn wir Menschen akzeptieren, dass wir ein Produkt der Evolution sind, so können wir nicht leugnen, dass unserem Wesen die materielle Welt zugrunde liegt. Was wir „Bewusstsein“ oder „Denken“ nennen, funktioniert letztlich auf solch eine Weise, die nicht jenseits unserer biologischen Körperlichkeit zu denken ist. Ergo können wir nicht annehmen, dass „Bewusstsein“ oder „Denken“ Phänomene sind, die nur dem Menschen eigen sind. Im Gegenteil, Challenger listet viele eindrückliche Beispiele aus der Tierwelt auf, die bezeugen, wie unangebracht das Unterschätzen und Abwerten anderer Tiere ist. So plädiert sie letztlich – ohne es direkt auszusprechen – für das in der Tierethik gängige Extensionsmodell, das besagt, dass wir beim Menschen auf bestimmte moralisch relevante Eigenschaften achten, konsequenterweise aber auch auf alle jene Rücksicht nehmen müssten, die diese Eigenschaften ebenfalls erfüllen (z. B. Leidensfähigkeit). Wenn all das, was letztlich den Menschen ausmacht und ihm moralische Integrität verleiht, nicht fundamental von seinem biologischen Körper zu trennen ist, so können wir „moral agency“ eigentlich überall anwenden, wo biologische Körper am Werke sind – ergo auch auf die Tierwelt.

Titelbild: Buchcover fotografiert von Florian Zoller

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