Wieso uns Mental Health Literatur interessieren sollte

Lesen beruhigt, erschliesst, baut auf. Im Anschluss an die vergangenen Mental Health Days der Uni Basel und inspiriert durch den dortigen Input zur Bibliotherapie sind hier drei Buchrezensionen. Von Lume Halili

Letzte Woche fanden die ersten Mental Health Days an der Uni Basel statt. Organisiert vom Studierendenverein Mind-Map, der sich für mehr Bewusstsein für psychische Gesundheit im (Uni-) Alltag einsetzt, bot das zweitätige Event spannende Inputs, Workshops sowie eine Podiumsdiskussion rund um das Thema psychische Gesundheit und Studium.

Inspiriert vom Input über Bibliotherapie von Judith Beck und Prof. Dr. Gerhard Lauer will ich hier drei Bücher rezensieren, die im neueren Genre Mental Health Literatur zu finden sind. Ich hoffe damit, dass Bewusstsein für das Lesen und seinen positiven Einfluss auf die psychische Gesundheit zu fördern, und zur Reflektion über sich selbst und den Status Quo anzuregen.

Die Mitternachtsbibliothek – Matt Haig (Roman, 2020, Originalfassung in Englisch)

Was wäre, wenn du jede deiner Entscheidungen rückgängig machen und auf diese Weise unzählige Leben führen könntest? Würdest du vielleicht doch nicht studieren, sondern eher deiner Leidenschaft als Musiker*in nachgehen? Oder würdest du nach Chile auswandern und mit einer Herde Alpakas durch die Berge streifen? Dieser Lebensfrage geht der britische Autor Matt Haig in seinem Roman «Die Mitternachtsbibliothek» nach, in dem er seine Protagonistin Nora Seed auf eine Entdeckungsreise schickt.

Nora ist Mitte dreissig, frisch katzen- und stellenlos und geplagt von einer schweren depressiven Episode, die sich durch schwere Vorwürfe und Gewissensbisse äussert. Alles scheint, hoffnungslos zu sein und sie entscheidet, dass der einzige Ausweg das Ende ihres Lebens ist. Nach ihrem Selbstmordversuch landet sie in der Mitternachtsbibliothek – einem fiktiven Ort zwischen Leben und Tod – wo sie die ehemalige Bibliothekarin ihrer High School trifft, die eine Schlüsselrolle in Noras Leben spielte. Die Bibliothekarin erklärt ihr, dass Nora hier feststeckt, bis sie das Leben findet, in dem sie sich vorwurfslos und zufrieden fühlt.

Was wie eine beneidenswerte Situation klingt, ist für Nora jedoch die Hölle pur, denn sie möchte nicht weiterleben. Widerwillig begibt sie sich auf die Entdeckungsreise in ihre Parallelleben und findet am Ende – wie könnte es anders sein – eher zu sich selbst und ihrem sozialen Umfeld.

Matt Haig schafft es, schwierigen Themen wie Depression und Suizid einen Kontext zu geben und sie auf diese Weise weder zu skandalisieren, zu pathologisieren noch zu bagatellisieren. Nicht ohne Grund wird der Autor als «Mental Health Writer» im angelsächsischen Bereich gefeiert, denn er weiss, ein breites Publikum zu erreichen und Themen der psychischen Gesundheit so zu entstigmatisieren.

Natürlich ist das richtige Leben komplexer als eine fiktive Geschichte über Parallelleben und gewisse Stellen in der Mitternachtsbibliothek scheinen etwas zu gesucht und nicht realitätsnah. Doch Matt Haig gelingt es, Depression und andere psychische Störungen sowie das Thema des Suizids einfach und greifbar zu vermitteln, so dass die Lesenden einerseits Empathie und Verständnis fürs Gegenüber haben andererseits auch der eigene Umgang mit sich selbst in den Vordergrund gestellt wird. Damit gerüstet, können die Lesenden, falls empfänglich und handlungssicher genug, auf die eigene Entdeckungsreise mit sich selbst und ihrem Umfeld gehen.

Lieblingszitate:

«But it is not lives we regret not living that are the real problem. It is the regret itself. It’s the regret that makes us shrivel and wither and feel like our own and other people’s worst enemy.»

“You’re overthinking it.’ ‘I have anxiety. I have no other type of thinking available.’”

Extrem laut und unglaublich nahe – Jonathan Safran Foer (Roman, 2005, Originalfassung in Englisch)

Der 8-jährige Oskar ist einzigartig. Scheinbar an einer Entwicklungsstörung leidend, benimmt er sich nicht wie seine Altersgenossinnen und -genossen. Er weiss unheimlich viel übers Weltall und sein Lieblingsautor ist Stephen Hawkings, dem er regelmässig Briefe schreibt und darum bittet, sein Protegé sein zu dürfen. Auch liebt er es, Schmuck zu kreieren und die Rätsel zu lösen, die ihm sein Vater stellt. Die Beziehung zu seinem Vater ist innig und von Neugier und Gelächter geprägt. Als sein Vater jedoch beim Terroranschlag am 11. September 2001 stirbt, wird alles anders.

Durch den Verlust seines Vaters entwickelt Oskar schwere Depressionen und Angstzustände. Erst als er durch Zufall einen Schlüssel in einem braunen Umschlag mit der Aufschrift ‘Black’ in einem Anzug seines Vaters findet, hat er wieder ein Ziel vor Augen: nämlich herauszufinden, in welches der Millionen Schlösser in New York dieser Schlüssel passt. Oskar ist überzeugt, der Schlüssel im braunen Umschlag ist ein Rätsel seines Vaters, das es zu lösen gilt. Er begibt sich auf eine Reise durch New York – wohlgemerkt meist zu Fuss, da er in der U-Bahn Panik bekommt – und lernt viele interessante Menschen kennen, während er mit der Trauerbewältigung und der Beziehung zu seiner Mutter kämpft.

Der Roman erzählt aber nicht nur Oskars Geschichte, sondern beinhaltet auch Briefe seines Grossvaters, den er nie getroffen hat. Durch diese Briefe lernen die Lesenden die Familiengeschichte kennen, die bis zur Nazizeit zurückgeht und von mehreren Traumata geprägt ist.

Wie all dies mit Oskar und seiner Suche nach dem Schloss zusammenhängt, müssen die Lesenden selbst herausfinden. Der Roman ist nicht nur sehr gut geschrieben, sondern auch ein Erlebnis in sich. Jonathan Safran Foer schafft es, mit viel Fingerspitzengefühl und genauso viel Humor die Charaktere für sich sprechen zu lassen. Bald meinen die Lesenden, diese Charaktere wirklich zu kennen. Auch behandelt Foer das Thema der generationsübergreifenden Traumata auf eine kreative und zutiefst empathische Weise, die die Lesenden dazu verleitet, sich mit dem Thema auch ausserhalb des Romans auseinanderzusetzen. Obwohl der Roman eher lang und manchmal etwas überzogen wirkt, ist er doch ein Genuss durch und durch. Selten sind Tränen und schallendes Gelächter so nah beieinander, und man wünscht dem jungen Protagonisten, dass er das Rätsel lösen und so etwas Frieden finden kann. Auch wünscht man sich, dass man durch das Buch hindurchgreifen und Oskar eine innige Umarmung geben kann. Denn wenn die Geschichte eines auslöst, dann ist das Mitgefühl für Menschen, die sehr schwierige Zeiten durchmachen und sich dabei alleine fühlen.

Lieblingszitate:

“I felt that night, on that stage, under that skull, incredibly close to everything in the universe, but also extremely alone. I wondered, for the first time in my life, if life was worth all the work it took to live. What exactly made it worth it? What’s so horrible about being dead forever, and not feeling anything, and not even dreaming? What’s so great about feeling and dreaming?”

“It was one of the best days of my life, a day during which I lived my life and didn’t think about my life at all.”

My Shit Therapist & other Mental Health Stories – Michelle Thomas (Autobiographie / Sachbuch, 2019, Originalfassung in English)

Von der ersten Therapiesitzung über das ‘Outing’ bei Freunden und Familie, dass man an einer Depression leidet, bis zur Ermächtigung des eigenen Lebens trotz allen Hindernissen, die einem das Umfeld stellt: von all dem erzählt Michelle Thomas in diesem autobiographischen Sachbuch. Dazu zieht sie auch andere Mental Health Berichte von Personen innerhalb Grossbritanniens hinzu, sowie aktuelle Statistiken und Studien, um ihre Argumente zu untermauern. Alles ist im Quellenverzeichnis nachschlagbar und zur eigenen Recherche bereit. Das Buch möchte einerseits zwar von den eigenen Herausforderungen erzählen, aber vor allem auch zur Selbsthilfe verhelfen.

Eines wird den Lesenden schnell klar: wenn man sich in einer psychischen Krise befindet, ist man davon überzeugt, der einzige Mensch zu sein, dem es so geht. Durch die vielen Mental Health Berichterstattungen und Thomas’ Geschichte selbst wird einem jedoch schnell klar, dass es vielen Menschen gleich geht, was wiederum Verbindung schafft.

Weiter schafft Michelle Thomas etwas, an was alle Mental Health Organisationen, Schriftsteller*innen, Activist*innen arbeiten: aufzuzeigen, dass wir alle nur Menschen sind, die sich danach sehnen, nicht alleine mit ihren Leiden zu sein. Die Autorin weiss, dass realistische Nacherzählungen enorm wichtig sind, was dem Buch auch den Titel und die Bezeichnungen der Unterkapitel gibt (meine Favoriten: ‘My shit love life’ und ‘My shit self care’). Jedoch möchte sie vor allem aufzeigen, dass gute Voraussetzungen im Umfeld wie auch die eigene Einstellung zur Slebstfindung der Schlüssel zur Besserung sind. Sie möchte Mut machen, den Status Quo zu hinterfragen. Gleichzeitig möchte sie dazu aufrufen, gut auf sich selbst Acht zu geben. Denn wenn es dir selbst nicht gut geht, kannst du auch nicht das System ändern, das Menschen mit psychischen Problemen stigmatisiert. Michelle Thomas schafft also, was viele Mental Health Bücher nicht schaffen: den Spagat zwischen ihren und anderen Erfahrungen zu machen und dadurch eine Analyse der aktuellen Mental Health Debatte in Grossbritannien anzustossen. Because it’s about bloody time!

Lieblingszitate:

«Imagine if the same allowances were made for mental health and emotional trauma. Imagine a guilt-free time to rest and let your mind recuperate. … Imagine asking for help with no fear of stigma, judgement or shame. It would be so much easier to manage your madness before it escalated.”

“Part of anxiety and depression is feeling hopeless; things happening to you, and you’re just reacting. So the more you build yourself up and respect the person you are, the easier self-care gets. You’ve got to look at yourself as a person you like and a person you want to help. So treat yourself like you would someone you love and want to look after. The more you do it, the more positive outcomes happen.”

Lume Halili ist Masterabsolventin in Englisch und Medienwissenschaft an der Uni Basel. 2018 hat sie mit Denise Kaufmann den Studierendenverein Mind-Map gegründet. Der Studierendenverein Mind-Map setzt sich für mehr Bewusstsein für psychische Gesundheit im (Uni-) Alltag ein. Besonders wichtig sind die Sichtbarmachung der universitären Anlaufstellen und die skill-basierten Inputs.

Der Vorstand von Mind-Map, der auch die Mental Health Days organisiert hat, besteht aus Denise Kaufmann, Anja Zimmer und Linda Brandt.

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Titelbild: Lume Halili