Einsamkeit, Antriebslosigkeit und Essstörung: Drei Studierende erzählen, wie sich ihr Leben 2020 verändert hat

Covid-19 hat unser aller Leben verändert. In der gesellschaftlichen Debatte über die psychisch-gesundheitlichen Folgen der Pandemie gehen Studierende oft vergessen. Wir geben drei Studierenden eine Stimme, die 2020 viel zu kämpfen hatten und ihre gegenwärtige Situation reflektieren. Von Tomas Marik

Das Jahr 2020 neigt sich langsam dem Ende zu. Impfung, Risikogruppe, Wuhan, Fallzahlen, Bergamo, „nur eine Grippe“, Maskenpflicht, Massnahmen und Verbot sind nur ein paar Schlagwörter, die sich wohl für eine lange Zeit in unser Bewusstsein eingebrannt haben. In der Mitte all dieser Begriffe steht Corona / Covid-19, ein Virus, der das Leben aller verändert oder auch beendet hat.

Plötzlich gewinnen diese Gefühle, Wörter, Ideen für viele eine erschreckende neue Bedeutung.  Da sie alle zur selben Zeit Realität werden, verändert dieses Gemisch unvorhersehbar das Gemüt und die Identität der Betroffenen. Die Quantität an den vielen kleinen und grossen Schicksalsschlägen verändert die Qualität unserer Wahrnehmung der Welt und uns selbst. Viele Menschen fühlen sich eingeholt von ihren Gefühlen, Ängsten und auch von psychischen Problemen. Die Pandemie und die mit ihr verbundenen Massnahmen verändern so nicht nur das soziale Gefüge jedes Einzelnen, sondern auch gleichzeitig die eigene Identität jedes Betroffenen. So müssen die Betroffenen nicht nur mit einer veränderten Wirklichkeit klarkommen, sondern auch mit einem veränderten Ich.

Studierenden sind von alledem nicht ausgenommen, im Gegenteil. Zwar gehören sie aus physiologischer Perspektive nicht zur Risikogruppe, jedoch sind sie in vielen Bereichen auf Veränderungen anfälliger. Sie ziehen oft zum ersten Mal aus ihrem geschützten Umfeld aus und müssen sich zum ersten Mal, um sich selbst kümmern. Sie machen ihre ersten Beziehungserfahrungen und lernen mit fremden Menschen zusammenzuleben. Die Neustudierenden müssen lernen mit dem Universitätsniveau klarzukommen und selbständig zu sein. Hinzu kommen verstärkt finanzielle, existentielle Sorgen, da viele Aushilfejobs wegen der Pandemie weggefallen sind. Und letztlich sind Studierende einfach junge Menschen, die ihren Sinn und Platz im Leben erst noch finden müssen.

Drei Studierende berichten

Evi, 22 Jahre alt (Psychologie 9. Semester)

Ich würde sagen, dass ich in meinem relativ jungen Leben bereits meinen Anteil an Schmerz und Ungleichheit hatte. Trotzdem würde ich mich nicht als Teil der Menschen auffassen, die durch die Pandemie am härtesten getroffen wurden: Ich habe mein Lebensunterhalt nicht verloren, keine präexistierenden medizinischen Konditionen und habe glücklicherweise bisher auch niemanden an den Virus verloren, dafür schätze ich mich glücklich. Vielen Leuten in meinem Umfeld geht es ganz anders, und wenn sie ihre Sorgen und manchmal sogar ihre Suizidgedanken mit mir teilen, bleibt mir nicht viel anderes übrig, als ihnen ein offenes Ohr anzubieten. Natürlich hatte ich es in dieser Zeit selber auch nicht ganz einfach: Meine Gesundheitsängste wurden intensiver, ich habe mich um meine Brüder Sorgen gemacht, die durch ihre Behinderungen Teil einer Risikogruppe sind, und ich war nicht an ihre Seite, als meine Oma vor ein paar Monaten an Krebs starb – in Albanien, weit weg. Oft fühlte ich mich in dem letzten halben Jahr einsam und machtlos, das heisst, machtloser als sonst schon. Es wurde nochmals deutlicher, wie viel in fremden Händen liegt: Vielleicht von dem Zufall, aber auch von Entscheidungsträgern und Institutionen, denen ich nicht unbedingt immer mein volles Vertrauen schenke. Trotzdem muss ich zugeben: Der Lockdown tat mir im Grossen und Ganzen eigentlich sehr gut. Diese gezwungene Pause half mir, etwas Ordnung in meinem Leben zu schaffen, denn sie gab mir endlich die Erlaubnis, nicht mehr zu funktionieren und mich mit mir selbst und mit meiner psychischen Gesundheit zu beschäftigen. So habe ich mir eine neue, passendere psychotherapeutische Betreuung gesucht und ich fing an, Antidepressiva zu nehmen. Ich ruhte mich aus, verbrachte schöne Momente mit meiner Mitbewohnerin, dachte viel nach, schrieb und malte. Heute habe ich zwar immer noch tagtäglich mit vielen Hürden zu kämpfen, doch am Ende des Tages geht es mir so gut wie in den letzten Jahren noch nie. So muss ich mich fragen: In welcher Gesellschaft fühlt sich eine so entsetzliche Situation wie eine Pandemie für manche Menschen sogar erleichternd an? Warum warten wir auf Chaos, um die Stoppbremse zu ziehen? Lasst uns daraus lernen und mehr auf uns achten.

Lukas, 22 Jahre alt (Wirtschaft 7. Semester)

Bevor die Pandemie ausgebrochen ist, war ich sehr auf mein Studium und meine Arbeit fokussiert. Ich sammelte viele Kreditpunkte, um möglichst schnell meinen Bachelor abschliessen zu können. Nur keine Zeit verlieren, nicht in die Vergangenheit zurückblicken, nur vorwärts in die Zukunft. Es war vieles nicht perfekt, doch strebsam machte ich weiter. Dann kam Covid-19. Ein Stillstand für mich und die Welt. Ich hatte plötzlich Zeit mich mit mir, meiner Vergangenheit und meinen Wünschen auseinanderzusetzen. Der Blick zurück liess mich erstarren. Wie gelähmt lag ich Tage in meinem Bett oder sass Stunden vor Online-Veranstaltungen, ohne auch nur ein Wort mitzubekommen. Meine eigenen Ängste und unverarbeiteten Erinnerungen hatten mich eingeholt. Es ging nicht mehr vorwärts und das schlechte Gewissen kam hinzu. Mein Bachelorabschluss rückte in weite Ferne. Die Anmeldetermine hatte verpasst. Meine langfristigen Ziele verschwanden, mein Stundenjob, meine Freundin machte Schluss.

Der Sommer hat mir wieder Kraft gegeben. Ich habe viel Zeit mit meiner Familie verbracht, bevor ich zurück in meine Studenten-WG nach Genf gezogen bin. Der zweite Teillockdown ist da und wieder verfalle ich in meine Starre, aber jetzt bin ich besser vorbereitet. Mit Meditation versuche ich, in Ruhe alles anzugehen, ohne dabei in Panik zu verfallen. Meine Lebensziele und Zukunft scheinen immer noch von einer dichten Wolke verhüllt zu sein, aber ich kann sie langsam wieder spüren und versuche, sie neu zu überdenken. Ich habe gelernt, mit dieser Ausnahmesituation besser umzugehen und hoffe, dass mich das für die Zukunft stärker, gelassener und widerstandsfähiger macht.

Luisa, 20 Jahre alt (Medizin 3. Semester)

Der Wecker klingelt gegen 8 Uhr morgens, heute stehen zwei Seminare und ein Patientenkurs im Krankenhaus an. Das Frühstück überspringe ich, der Kaffee füllt bis zum Mittagessen in der Mensa meinen Magen. Dort packe ich die Hälfte der Portion ein, das wird mein Abendessen. Nach der Uni geht es heim mit dem Fahrrad und nach kurzer Pause weiter ins Training. Wenn ich zurückkomme, bleibt Zeit für das fertige Abendessen, eine schnelle Dusche und ein bisschen Uni. Müde falle ich ins Bett: Der Tag war angenehm voll und strukturiert. Die Essstörung ist da, aber gut versteckt.

Seit April ist alles anders. Nach nur kurzer Latenzzeit begann meine zweimonatige Prüfungsvorbereitung in meiner Studienstadt. Mein neuer Tagesrhythmus ist eine einzige Achterbahn zwischen den Extremen, Hungerphasen und Essattacken. Früh aufstehen, eine kleine Runde joggen, direkt an den Schreibtisch, nach einer Stunde die verdiente Dusche und der Kaffee. Weil ich es in der WG nicht mehr aushalte, flüchte ich in den Park und lerne dort weiter, weit weg vom Kühlschrank. Nur für live-Seminare kehre ich zurück, die ich stumpf in Gedanken an die weitere Essens- und Trainingsplanung absitze.

Die Prüfungszeit unter Corona scheint machbar, im letzten Semester konnte ich gute Ergebnisse verzeichnen. Vereinzelte Sonnenflecke, die etwas Licht in den düsteren Sommer streuten.

Mein Essverhalten zu regulieren fiel mir schon vor Corona schwer – wie sollte ich jetzt also zurechtkommen, wo ich den ganzen Tag allein in der Wohnung war? Die ständige Frage, was ich kochen soll. Wie viel Fast Food darf ich essen? Das ständige Auslassen von Mahlzeiten, weil es einfach geht. Die Überkompensation dann abends: Ist mein Mitbewohner nicht da? Dann renne ich zum Supermarkt um die Ecke und kaufe zwei Tafeln Schokolade, eine Tüte Chips und eine Flasche Saft, quasi als Nachtisch. Weil mein Heißhunger danach immer noch nicht gestillt ist, durchsuche ich die Küche nach anderem Hochkalorischen, egal was. Immer nur ein bisschen, sonst fällt es auf.

Meine Essstörung ist nicht durch Corona entstanden, aber durch die Verlagerung ins Private deutlich belastender geworden. Ich treibe zwanghaft mehrmals pro Tag Sport und leide fast täglich unter Essanfällen. Jeder zweite Gedanke ist mit Essen verbunden, vor allem weil nun viel mehr Raum zum Grübeln in negativen Abwärtsspiralen entsteht. Freunde treffen oder auch gefühlt jede andere Form der Freizeitgestaltung fallen im Zuge von Social Distancing weg, das klaffende Loch prall mit Essen und schlechtem Gewissen gefüllt. Zusätzlich quält mich die Frage: Darf ich mich überhaupt beschweren? Schließlich bin ich nur eine einfache Studentin, mit gesicherter Existenz und scheinbar kaum von den Einschränkungen durch Corona-Maßnahmen betroffen. Diese Zweifel verstärken meine Ohnmachtsgefühle nur weiter, als wäre ich in einem Teufelskreis gefangen.

Wo ist der Lichtblick? Sicher nicht das Ende der Pandemie. Vor ein paar Wochen habe ich ein probatorisches psychotherapeutisches Gespräch vereinbart. Es macht mich traurig und wütend, mich meinen Emotionen ausgeliefert zu fühlen. Aber mit anderen Betroffenen in Austausch zu treten hilft mir; Beratungsstellen aufzusuchen, sich anderen anzuvertrauen. Ich bin noch ganz am Anfang, aber ich kann in Momenten das Licht wieder sehen.

Solltest du dich in einer ähnlichen Situation befinden, dann spreche mit deinen Nächsten darüber oder suche eine professionelle Hilfe auf. Es hilft seine Sorgen und Bedürfnisse mit mit Anderen zu teilen.

* Die Namen der Studierenden wurden aus Anonymitätsgründen verändert. Sie sind der Redaktion aber bekannt.

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