Brücken schlagen zwischen Selbstbestimmung und Tradition – Shqipe Sylejmani

Shqipe Sylejmani ist Journalistin und war bereits schweizweit und in New York tätig. 2020 veröffentlichte sie ihr erstes Buch «Bürde & Segen». Das zuerst auf Deutsch publizierte Werk traf auf ein noch breiteres Lesepublikum, als es 2021 in Englisch und Albanisch wieder veröffentlicht wurde. In Ihrem Roman erzählt Shqipe Sylejmani nicht nur über ihre Migrationserfahrung in der Schweiz, sondern beschreibt anhand von sorgfältig eingeflochtenen Anekdoten die einzigartige Essenz der albanischen Kultur. Von Irem Neseli

Shqipe Sylejmani, dein Buch «Bürde & Segen» handelt nicht nur davon die eigene Herkunft zu erkunden, sondern nimmt die Leser*innen auf eine spannende Entdeckungsreise mit nach Albanien, Kosovo, Nordmazedonien und Montenegro. Während der Lektüre sind mir die klaren Konturen der albanischen Kultur besonders aufgefallen. Was für eine Rolle spielt es, sich im Balkan selbst zu definieren und von den anderen zu unterscheiden?

Es ist tief in unserer Identität verwurzelt, die Kultur nicht aussterben zu lassen. Das ist auch, was ich mit diesem Buch versucht habe zu erreichen. In meinem Buch gibt es eine besondere Zeile, die heisst, «sie fiel wie ein Stern, doch sie erlosch nicht». Das hat der berühmte Schriftsteller Ismail Kadare geschrieben und für mich ist das die Metapher des albanischen Volks. Das albanische Volk stand sehr oft davor, ausgelöscht zu werden, sie haben aber bis zum heutigen Tag überlebt und zum ersten Mal in der Weltgeschichte sind wir frei.

Weil sie über tausende von Jahren hinweg immer Unterdrückung und Herrschaft von anderen Völkern erlebte, hat die albanische Kultur auch gelernt zu überleben. Ein Beispiel aus der jüngeren Zeit wäre, wie die Frauen während des Kriegs in Kosovo ihre Trachten begraben haben. Sie wussten, es wird alles samt ihrer Häuser verbrannt. Die Idee, Trachten zu vergraben, stammte von ihren Gross- und Urgrossmüttern, die es von ihrer eigenen Besatzungszeiten kannten. Dieser Überlebenskampf wurde von Generation zu Generation weitergegeben. Die Geschichten in meinem Buch erzählen von Anekdoten, die selten bis nie niedergeschrieben wurden, weil nichts überdauert hat. Sie mussten mündlich von Generation zu Generation weitergegeben werden, um zu überleben. Diese Wahrung der Kultur ist für mich etwas sehr Besonderes, auch wenn dies leider aus einem sehr tragischen Grund entstanden ist. 

Der Titel deines Buches ist ‘Bürde & Segen’. Was ist für dich Bürde und was ist der Segen?

Als ich einen Namen für das Buch suchte, war ich gerade im Gebet. Ich wollte einen Titel finden, der genau beschreibt, wie es sich anfühlt, zwischen diesen zwei Welten zu sein. Ich wollte auch die Frage für mich beantworten können, ob es eine gute oder schlechte Idee war, dass meine Eltern ausgewandert sind. In diesem Moment kam mir der Satz in den Sinn, dass es ein Segen ist, dass ich hier leben darf, aber gleichzeitig auch eine riesige Bürde, die wir auf unseren Schultern tragen.

Eine besondere Eigenschaft des Buches sind sicherlich die zahlreichen Anekdoten und Geschichten, die die Leser*innen anhand der Protagonistin Shote und ihren neuen Bekanntschaften erfährt. Ist es im wahren Leben tatsächlich auch so, dass, wenn man Albanien bereist, jeder, dem man begegnet, einem eine Anekdote zu erzählen hat?

Es ist etwas, das mir tatsächlich mehrmals auf meinen Reisen passiert. Besonders wenn man allein unterwegs ist, die Sprache spricht und offen für neue Begegnungen ist. Die Menschen spüren das. Somit entsteht die Möglichkeit, eine persönliche Verbindung zu den einheimischen Menschen aufzubauen. Das Gespräch führt dann ganz von sich zu einer Anekdote. Was mich immer wieder erfreut, sind die Nachrichten, die ich von jungen deutschsprachigen Leser*innen erhalte, wie ihre Mutter auf Albanisch die Anekdoten aus ihrer Kindheit im Buch wiedergefunden hat. Für mich ist das eine grosse Bereicherung unserer Generationen. Das Buch soll ein Bindeglied sein, dass unseren Eltern aufzeigt, wo wir aufgewachsen sind und dass wir vielleicht einen Schweizer heiraten werden, was aber nicht bedeutet, dass ich vergesse, woher ich komme und trotzdem meinen Kindern diese Kultur weitergeben kann, was oft die grosse Angst der Eltern ist. Ich vergesse nicht wie emotional meine Eltern waren, als sie das Buch in der Türkei in den Ferien auf Albanisch lasen und Einsicht in meine Welt erhielten. Für mich ist das Buch somit zwischen den verschiedenen Generationen und Kulturen vereinend. 

Die junge Generation hier kennt diese Tradition von Anekdoten nicht mehr, weil die Eltern vom Leben hier oft so ermüdet sind, dass sie gar nicht dazu kommen, diese weiterzugeben. Hingegen ist die Generation der Eltern in Albanien erstaunt, weshalb diese Anekdoten jetzt mit diesem Buch ein solches Echo erfahren, da Anekdoten dort als selbstverständlich und fast schon langweilig erscheinen. Dabei stellen genau diese Anekdoten die Grundsteine unserer Kultur dar. Umso schöner empfange ich diese Kritik, es zeigt mir, dass ich das noch mehr thematisieren muss und die Jungen motivieren muss, allein oder zu zweit reisen zu gehen und dann auch die einheimische Sprache zu sprechen, um genau solche kleinen Wunder unser aller Kulturen kennen zu lernen!

Wenn man zwischen zwei Kulturen aufwächst, ist man oft mit dem Gefühl konfrontiert, nirgendwo richtig hinzugehören. Wie definiert man dabei seine eigene Heimat und seine eigene Identität? 

Da ist man oft mit der Frage konfrontiert: «Wen enttäusche ich jetzt weniger?». Enttäusche ich mit meinem ‘Egoismus’ meine Eltern, die alles aufgegeben haben, damit ich hier ein besseres Leben habe oder folge ich dem, was meine Eltern sich von mir wünschen und enttäusche dafür das neue Land, dass mir so viele Möglichkeiten bietet. Auf jeden Fall war es eine der schwersten Phasen meines ganzen Lebens, fast schon schizophren. Zu Hause eine Rolle und ausserhalb der Türschwelle eine andere. Welche Shqipe bin ich jetzt? Irgendwann kommt man in eine Phase rein, wo du es nicht mehr voneinander trennen kannst. Man kann das eine Weile lang hinauszögern, doch irgendwann muss man sich wie zwischen der Mutter und dem Vater, zwischen der einen und der anderen Rollen entscheiden. Mir fiel das sehr schwer, zwischen meinen Bedürfnissen und den Wünschen meiner Eltern wählen zu müssen. Ich musste jedoch für mich verstehen, dass meine Eltern meine Welt gar nicht kannten und sie aus Angst viele Barrieren aufgestellt hatten. Dann kam ich zum Schluss, dass es meine Aufgabe ist, sie an der Hand zu nehmen, wenn ich meinen Weg einschlagen will. Das ist schwer und mühsam und oft mit grossen Auseinandersetzungen verbunden. Es ist ein Prozess der Herausforderungen, der sich aber definitiv gelohnt hat, besonders für die nächste Generation von jungen Frauen, die diese Kämpfe nicht mehr auf dieselbe Weise führen müssen.

Wie hast du die Balance zwischen diesen beiden Welten versucht zu finden?

Ich muss ehrlich sagen, irgendwann hatte ich gar keine Balance. Ich habe so lange probiert, beide Seiten permanent glücklich zustellen, dass ich schlussendlich die ganze Zeit selbst unglücklich war. Ein Thema, das z. B. sehr prägnant war, war das Thema Heiraten. Solange ich nicht verheiratet bin, wurde ich zu dieser Zeit nicht als vollwertig angesehen. Heute hat das etwas abgenommen, doch diese Vorstellung existiert immer noch in den Köpfen vieler Menschen. Doch auch schon in der Jugend spürt man viele Unterschiede zu anderen Kulturen.  Ich hatte andere Verpflichtungen als meine Schweizer Freundinnen, man hatte andere Erwartungen an mich. Als ich die Lehre begann, war ich irgendwann aber finanziell unabhängiger – das öffnet Türen. Plötzlich denkt man über das Ausziehen nach und es ergibt sich die Option auf einen Lebensweg, der selbstbestimmt ist. Dies war keine emotionale Entscheidung, sondern eine rein wirtschaftliche. 

Wenn man aber Jahre lang das Tauziehen erlebt, als wären wir ein Seil, dass hin und her gerissen wird, kommt man zum Schluss, dass man es niemandem recht machen kann. An diesem Punkt verlor ich meine Balance. Meine Eltern begrüssten meine Entscheidung zu studieren, aber dann musste dies Jura, Medizin oder Wirtschaft sein. Indem ich mich für Journalismus entschied, stellte ich damals einen grossen Unterschied dar. Ich stand für mich selbst ein und widersprach dem null-acht-fünfzehn-Prototypen. Dabei wollte ich das Richtige für mich herausfinden. Dies hatte zu Folge, dass ich mich von meiner Kultur für eine Zeit auch abwendete und eine Distanz sich dazwischen ergab. Es war auch nicht hilfreich, dass gerade zu dieser Zeit sehr viel Negatives über Albaner in den Medien berichtet wurde. Überall, wo ich mich dann als Journalistin bewarb, wurde ich nur auf das reduziert, was in ihren Zeitungen stand. 

Gab es spezifische Themen, die dich besonders herausgefordert haben, wenn es darum ging, dich zwischen den Kulturen zu entscheiden?

Definitiv. Für mich war die Rolle der Frau ein grosses Thema. 2003 als ich 15 Jahre alt war, gab es noch keine albanischen Frauen in der schweizerischen Politik oder im Fernsehen. In Kosovo war es sowieso eine andere Situation, dort waren sie am Wiederaufbauen nach dem Krieg. Ich sah die albanische Frau nur an der Seite ihres Ehemannes, als Mutter, Ehefrau, vielleicht eine als Dentalassistentin oder im Coop in einem Laden. In Baselland gab es eine Albanerin, die so hiess wie ich und die eine Lehre auf der Versicherung machte – das haben natürlich alle mitbekommen und waren riesig stolz – denn sie wir die Ausnahme, die eine solche Lehre damals überhaupt bekam. Als nach der Lehre die meisten Albanerinnen in meinem Alter heirateten, spürte ich, dass ich mich mit dieser Rolle noch nicht identifizieren konnte. Ich habe damals versucht herauszufinden, ob mit mir etwas nicht stimmt, denn mir wurde so oft gesagt, ich sei wahnsinnig und vor allem undankbar, wenn ich mehr als dies vom Leben erwartete, dass ich das auch zu glauben begann. 

Wer hat diese Regeln bestimmt?

Gute Frage. Die Gesellschaft, die auch heute uns Frauen versucht einzureden, eine Frau sei eine schlechte Mutter, wenn sie gleichzeitig 80 % arbeitet. Das sind so ungeschriebene Regeln, an die unsere Gesellschaft festhält. Als ich mich damals für eine Lehre bewarb, erzählte man immer, ich sei die erste Albanerin oder das Unternehmen habe schon vor mir eine einzige Albanerin eingestellt und ich sei nun die Zweite. Ich war KV Basel im Jahr 2005 erst die zweite Albanerin, die die kaufmännische Lehre mit Berufsmatura absolvierte. 

Die Protagonistin Shote verliebt sich auf ihrer Reise in Luan, der sie auch über eine längere Zeit auf ihrer Reise begleitet, zu einer intimen Näherung kommt es zwischen den beiden jedoch nicht. Hast du bewusst diese Intimität vermieden, weil es kulturell immer noch ein hoch tabuisiertes Thema ist?

Nein, überhaupt nicht. Shote ist da an einem ganz anderen Punkt in ihrem Leben. Im ersten Buch ist sie 28 Jahre alt und erzählt auch selbst, dass sie probierte, mit anderen Menschen eine Leere zu füllen, aber dass sie den anderen Menschen zu viel geworden ist. Sobald andere ihr immer wieder das Gefühl gegeben haben, sie gebe zu viel und wolle zu viel, verliert sie mit der Zeit den Glauben daran, dass sie geliebt werden kann für die Person, die sie ist. Sie ist noch sehr stark mit sich selbst beschäftigt und auch im Konflikt mit sich selbst. Es ist für mich auch sehr persönlich, dass dieser Abschnitt der Handlung in Kapitel 30 stattfindet, das hatte ich nämlich nicht so geplant. Beim Schreiben ist es sehr eigenartig, dass, sobald man die Figuren hat, sich die Charaktere sehr schnell selbst weiterentwickeln und ich als Autorin dann gar nicht mehr das schreiben kann, was ich ursprünglich wollte. Die Geschichte schreibt sich wie von allein, man kann es kaum noch steuern. Ich habe nämlich oft versucht, die beiden zusammenzubringen, es hat aber einfach nicht funktioniert. 

Das Thema kommt jetzt im zweiten Buch, wo Shote sich zwischen Luan und einem Schweizer entscheiden muss, denn das ist auch ein sehr aktuelles Thema. Viele junge Frauen haben noch damit zu kämpfen, wie die Eltern darauf reagieren würden, wenn der Freund nicht aus dem eigenen Herkunftsland stammt. Ich merke auch, dass das Thema mit viel Schuld in Verbindung gebracht wird, weil wir halt diesen Überlebenskampf durchgemacht haben. Wie sehr man sich auch wünscht, die eigene Kultur weitertragen zu können, leben wir auch in einem Land mit über 200 verschiedenen Nationalitäten, sodass man sich nicht aussuchen kann, für wen das Herz schlägt.

Mir fällt dabei auf, dass dieser Druck und die Erwartungen immer an die Frauen gestellt sind, wieso ist das so?

Das Gefühl habe ich auch. Wenn ich es rein sprachlich beispielsweise auf Albanisch analysiere, ist es der Mann, der jemanden zur Frau nimmt, aber die Frau, die zum Mann geht. Dann wundert es nicht, dass es in der Kultur begrüsst wird, wenn ein Mann die Frau einer anderen Kultur nimmt, jedoch man keine Frau aus den eigenen Reihen weggeben möchte. Früher hatte die zeremonielle Begleitung der Hochzeit alle Indikatoren, die darauf hinwiesen, wer in der Ehe über wem stehen würde: die Braut wurde bei ihr Zuhause vom künftigen Ehemann und seiner Familie abgeholt, nahm seinen Namen an und würde fortan im Haus seiner Familie leben. 

In Albanien selbst war dies beispielsweise anders: in der Zeit des Kommunismus waren Mann und Frau vollumfänglich gleichgestellt. Da dies im Kosovo anders war, träumten auch da viele junge, zielstrebige Frauen von dieser Art der Politik. Auch empfand man im Kosovo, dass die Frauen in den anderen Teilen von Jugoslawien viel emanzipierter und vor allem freier waren. 

Abschliessend würde ich gerne erfahren, was für dich «Brücken schlagen» bedeutet.

«Brücken schlagen», finde ich einen ganz schönen Ausdruck. Für mich geht es in Richtung Wurzel schlagen und Heimat finden. Bevor ich das Buch geschrieben habe, hatte ich das Gefühl, dass unsere Generation verloren ist, weil wir kein zu Hause haben. Wir werden immer anders sein, sei es für unsere Familie in der Heimat oder für die Menschen hier. Das ist eine Tatsache, aber wir schlagen trotzdem unsere Wurzeln hier. Wie ich auch zu Beginn erwähnt habe: Zeiten ändern sich, die Welt anhand der heutigen Technologie und Globalisierung ebenso. Wir müssen heute nicht mehr zwischen «da» und «hier» entscheiden: man kann heute beides haben, hat man doch die Möglichkeit, täglich innerhalb von zwei Stunden in Prishtina zu sein und das zu sehr bezahlbaren Preisen. 

Deshalb bedeutet für mich «Brücken schlagen» genau das, was wir daraus machen. Das schönste, was wir der kommenden Generation hinterlassen, ist eine Welt, worin sie nicht mehr entscheiden müssen, weil es diese Grenze gar nicht mehr gibt. Wir sind jetzt vielleicht die letzte Generation, die diese Bürde auf diese Art und Weise trägt und wir tun dies auch mit Stolz, weil wir nicht vergessen, woher wir kommen. Es ist wertvoll, dass wir vieles für die, die nach uns kommen bereinigen können. Damit sie sich nicht zerrissen fühlen, sondern erfüllt mit beidem, was aus diesen Welten kommt.

Titelbild von Valentina Pezzo

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