Brief an alle, bei denen ich mich schon lange nicht mehr gemeldet habe

Ein Brief von Nora Friedlin

Hi, ich meld mich mal wieder, ja ich hab dich nicht vergessen, nur mich selbst auf dem Weg. Ich hoffe, du weisst noch, wer ich bin. Dann wärst du mir zumindest einen Schritt voraus, denn ich weiss es ja selbst nicht mehr. Zumindest nicht ganz. Aber ja egal, darum geht es ja gar nicht. Ich wollte mich nur mal wieder melden, denn es ist schon viel zu lange her. Die Zeit rennt uns davon und ich frage mich manchmal, ob du mal an mich gedacht hast, denn du hast dich ja auch nicht gemeldet. Aber ich verstehs gut, denn wir alle sind gerade so sehr mit uns selbst beschäftigt. Wir alle warten. Wir alle erwarten. Eine bessere Zukunft? Das weiss wohl keiner so genau, ist ja im Grunde auch egal, denn wir könne nie wissen, was als nächstes kommt. Aber es macht schon ein wenig Schiss, denn das Warten ist ja immer mit Erwartung verbunden, und ich weiss nicht, ob ich diese erfüllen kann. Jedenfalls kämpfen wir alle mit dem Gedankenkreisen, sitzen alle einsam und alleine zu Hause, mir gehts ja auch nicht anders. Nur glaube ich, dass sich bei mir der Gedankenkreisel allmählich in wabernden Gedankennebel verwandelt hat, aus dem ich nicht mehr raus komme.

GedankennebelGedankenschwebeGedankenschmutzGedankenschutzDenkmalschutzDenkMalNach. Nein stop das war ein anderer Text, tut mir leid, aber du siehst ja, wie alles zusammenfliesst in diese grosse, graue Masse in meinem Schädel. Das sollte jetzt keine Rechtfertigung sein für meine fehlenden Worte, für meine anhaltende Funkstille, nur ein kleiner Einblick in meinen Kopf. Mein Kopf ist so voll, mein Herz ist so leer, warum fühle ich mich immer so schwer. Stop, genug von mir und wie es mich zu Boden zieht, wie gehts dir so? Gut? Ja, gut? Also so wie allen anderen. Ja, ich benutze diese Antwort auch immer, da sowieso niemand was anderes hören will oder die Kraft hat, was anderes zu hören und ich will ja auch niemanden beunruhigen, denn es geht uns ja allen gleich, wir stecken alle gemeinsam in der selben Scheisse, die unser Leben bestimmt. Aber ja, manchmal würde ich gerne sagen, nee, geht mir nicht so gut. Aber ich tus nicht. Oh nein, tut mir leid, ich rede schon wieder viel zu sehr über mich. Aber wie sollte ich auch über was anderes reden können? Seit über einem Jahr fühle ich mich eingesperrt mit mir selbst, bin. Eingesperrt mit mir und nur mir, da all die Ablenkung, die wir vor all dem hatten, weggefallen ist und wir zum ersten Mal lernen mussten, wirklich mit uns selbst klar zu kommen.

Ich habe es immer noch nicht geschafft, wie du siehst, aber ja, da bin ich wohl nicht alleine. Da gehts dir vielleicht ja genau so. Die Welt ist gross und wir so klein, doch meine Gefühle sind manchmal auch gross. Zu gross. Und glaub mir, ich habe an dich gedacht, um drei Uhr nachts mit der Insomnia im Nacken und den Augenringen im Gesicht, die kalten Händen über dem Display schwebend. Aber ich habe mich auch nicht getraut, da du sicher genug um zu tun hast mit deinen eigenen Gedanken. Oder vielleicht suche ich wieder Ausreden, auf etwas die Schuld schieben zu können. Auf etwas anderem als meine fehlenden Kraft, für jemand als Ablenkung da zu sein. Oder auch einfach nur so da zu sein. Aber vielleicht wird alles viel leichter. Wenn wir uns wieder in den Armen liegen dürfen. Denn das gemeinsam einsam sein, ist so viel besser als alleine. Denn die Ablenkung der eigenen Gedanken schafft man nicht alleine. Also ja, ich denk manchmal, oft, immer oder auch nicht an dich. Das wollt ich dir nur mal schnell sagen.

Ps: Meld dich doch mal wieder.

Titelbild: Nora Friedlin