«Die Ukraine-Krise ist in Wahrheit eine Russland-Krise» – Karl Schlögel im Interview

Der Osteuropahistoriker Karl Schlögel über Putin, Propaganda und die Rolle des Historikers im öffentlichen Diskurs. Von Oliver Sterchi und Luca Thoma

Herr Schlögel, die Spannungen zwischen Russland und dem Westen nehmen seit dem Ausbruch der Ukraine-Krise 2014 beständig zu. Russlands militärisches Eingreifen in Syrien trägt Zeichen eines Stellvertreterkrieges. Befinden wir uns in einem neuen Kalten Krieg?

Ich denke, dass die Bezeichnung Kalter Krieg hier nicht zutrifft. Mit dem Begriff des Kalten Krieges bezeichnete man die symmetrische Opposition zweier Supermächte, namentlich der USA und der Sowjetunion. Diese Symmetrie erzeugte eine Art Gleichgewicht des Schreckens und machte die Lage somit berechenbar. Was wir heute haben, ist eine völlig andere Situation. Die Welt ist nicht mehr bipolar, sondern multipolar. Es gibt heute mehrere Machtpole, was die Lage viel komplexer und unübersichtlicher macht. Ich möchte betonen, dass es sich dabei um eine gänzlich neue Situation handelt. Deshalb halte ich die Rede von der Rückkehr des Kalten Krieges nicht für angemessen.

Halten Sie es dennoch für plausibel, dass es zu einer militärischen Eskalation des Konfliktes kommen könnte? Einem Krieg zwischen Russland und der Nato?

Man kann nie voraussehen, was passieren wird. Das ist auch eine Lehre aus den letzten 25 Jahren nach der Wende. Weder auf den Zusammenbruch der UdSSR noch auf die Terroranschläge vom 11. September 2001 oder den Ausbruch der Finanzkrise war man gefasst. Es ist deshalb angebracht, sich auf alles gefasst zu machen, was auch einen möglichen Krieg zwischen Russland und der Nato miteinschliesst. Momentan deutet alles darauf hin, dass es eine weitere Eskalation geben wird. Dabei stellt sich die Frage nach den Motiven und damit einer möglichen Erklärung für das aggressive Auftreten Russlands. Dazu gibt es zwei Interpretationen: Die erste lautet, dass Russland wieder zu einer Grossmacht aufsteigen und sich für vermeintliche Demütigungen in der Zeit nach der Wende revanchieren will. Ich halte diese Interpretation jedoch für falsch. Viel plausibler ist das andere Narrativ, nämlich die Bedingtheit äusserer Handlungen durch innenpolitische Verhältnisse. Ich glaube, dass sich Russlands aggressive Aussenpolitik primär mit den inneren Spannungen des Landes erklären lässt. Die Ukraine-Krise ist in Wahrheit eine Russland-Krise. Die Demonstration von äusserer Stärke dient als Ablenkungsmanöver des Kremls für eine nicht unternommene oder nicht gelungene Modernisierung des Landes in den letzten 25 Jahren. Mit demonstrativen Machtgesten soll das Land zusammengehalten werden.

Woran ist diese Modernisierung gescheitert? Ist das Scheitern auf die Person Putins zurückzuführen oder sind strukturelle Gründe ausschlaggebend?

Historische Entwicklungen lassen sich nie auf monokausale Gründe zurückführen. Man muss zunächst einmal berücksichtigen, dass die Transformation eines autoritär geprägten Riesenreiches in eine marktwirtschaftliche Demokratie nicht über Nacht geschehen kann. Russland hat keine Tradition des Eigentums oder der demokratischen Mitbestimmung. Es war naiv vom Westen zu glauben, dass sich dieser erhoffte Wandel in so kurzer Zeit vollziehen würde. Für diese Naivität erhält man nun die Quittung. Was nach der Wende in Russland passierte, ist in der Geschichte einzigartig: Noch nie akkumulierten so viele Personen in so kurzer Zeit so viele Ressourcen. Ich spreche von den sogenannten Oligarchen. Die 1990er-Jahre waren für Russland eine sehr chaotische Zeit. Trotzdem hat sich gezeigt, dass es in der russischen Gesellschaft Kräfte gibt, die den demokratischen Wandel vorantreiben möchten. Die Frage ist nur, wie sich diese Kräfte in Zeiten zunehmender Repression behaupten sollen. Wer soll den Modernisierungsprozess in Russland tragen, wenn es nur noch die Macht des inneren Zirkels, des staatlich kontrollierten Fernsehens und des Geheimdienstes gibt?

Trotz all dieser Missstände geniesst Präsident Putin eine hohe Akzeptanz in der Bevölkerung. Wie kann es sein, dass die Leute in einem so stark zentralisierten Land wie Russland die Probleme nicht auf den mächtigsten Mann im Staat zurückführen, sondern ihn umgekehrt wie einen Heilsbringer verehren?

Das ist eine gute Frage. Putin ist eine Projektionsfigur, in die viel hineininterpretiert wird. Er verkörpert einen virilen, sportlichen und männlichen Typen, der sich von den alten, kranken Charaktermasken der sowjetischen Elite nur schon äusserlich abhebt. Putin zeigt den Russen, dass man es auch anders machen kann als Breschnew und Konsorten. Insofern ist er auch eine Hoffnungsfigur. Die grosse Beliebtheit des Präsidenten kommt also nicht von ungefähr. Man muss jedoch auch die Wirkungskraft der russischen Propaganda bedenken. Die Macht der staatlich kontrollierten Medien, insbesondere des Fernsehens, ist gross. In Russland gibt es keinen Spielraum für andere Meinungen. Die wenigen verbliebenen Oppositionsmedien leisten zwar eine hervorragende Arbeit, sind aber marginalisiert und erreichen nur einen kleinen Teil der Bevölkerung. Putin ist letztlich ein Machtmensch, der alles daran setzt, seine Position zu stärken. Er versteht aber nichts von Ökonomie. Putin hat es verpasst, seinem Land wichtige wirtschaftliche Impulse zu geben und es vom Primat der Rohstoffexporte zu entflechten. Als sein Stern infolge des tiefen Ölpreises zu sinken begann, hat er sich zu diesen aussenpolitischen Manövern in der Ukraine und Syrien hinreissen lassen. Für die russische Modernisierungskrise hat Putin kein Konzept. Es ist einfacher, die Krim zu annektieren als die marode russische Infrastruktur zu sanieren.

Nicht wenige Leute im Westen sympathisieren mit der russischen Sichtweise und werfen hiesigen Medien vor, als «Nato-Lügenpresse» Stimmung gegen den grossen Nachbarn im Osten zu machen. Sie verlassen sich stattdessen auf russische Staatsmedien wie den deutschsprachigen Kanal von Russia Today. Muss der Westen mehr Aufklärungsarbeit leisten?

Ich würde nicht von Gegenpropaganda sprechen, aber wir müssen sowohl intellektuell als auch technisch auf der Höhe dieser Auseinandersetzung sein. Der Westen muss zudem aus dem naiven Traum aufwachen, dass sich nach der Wende schon alles irgendwie richten wird. Europa muss sich auf seine Stärken verlassen, dazu gehören der demokratische Rechtsstaat, die aktive Zivilgesellschaft und die unabhängige Presse. Diese Stärken sollten wir ausspielen. Ich befürworte zudem die wirtschaftlichen Sanktionen des Westens gegen Russland. Eine militärische Option schliessen die europäischen Regierungen zu Recht aus. Man muss dem Kreml aber zeigen, dass er für seine Aktionen einen Preis bezahlen muss. Dieser Preis sind die Sanktionen. Das wichtigste ist aber, dass die Europäer zusammenhalten. Wenn es Putin gelingt, Europa zu spalten, ist das ein grösserer Triumph für ihn als die Annexion der Krim.

Dennoch: verkennt der Westen vielleicht die Komplexität der engen russisch-ukrainischen Verflechtungsgeschichte?

Das ist definitiv der Fall. Die Westeuropäer standen bis 2014 mit dem Rücken zu diesem Raum, der die hiesige Öffentlichkeit nicht sonderlich interessiert hat. Die Ukraine wurde stets als Teil der UdSSR und später als Anhängsel Russlands wahrgenommen und nie als eigenständige Nation. Dieses Desinteresse kann die russische Intervention aber nicht rechtfertigen. Die Russen wollten nach 1991 einfach nicht einsehen, dass das Reich zu Ende ist und haben unentwegt Druck auf die Ukraine ausgeübt. Das ist den Westeuropäern stets entgangen. Mit der Annexion der Krim wurde uns diese Realität schlagartig bewusst.

Sie sprechen das post-imperiale Erbe Russlands an. Man hat zuweilen den Eindruck, dass in der russischen Erinnerungskultur eine gewisse Sowjet-Nostalgie mit der Glorifizierung des zaristischen Imperiums einhergeht. Wie passen diese beiden widersprüchlichen Erinnerungsdiskurse zusammen?

Das Russländische Imperium und später die UdSSR gründeten auf einem Konzept der Integration von verschiedenen Völkern und Kulturen. Damit einher ging auch das Selbstverständnis einer zivilisatorischen Mission der Grossrussen, insbesondere in Zentralasien. Es stellt für ein politisches Gemeinwesen eine grosse Herausforderung dar, eine solche imperiale Tradition zu überwinden. Das trifft auch auf die Imperien der Briten und Franzosen zu. Dieser Prozess der Desintegration von Imperien ging über Jahrzehnte und die Folgen davon wirken teilweise bis heute noch nach. Die Frage ist, wie die politische Führung eines ehemaligen Imperiums auf diesen Prozess reagiert. Im Falle Russlands nutzt der Kreml das post-imperiale Gefühl der Kränkung zur patriotischen Mobilisierung der Massen und damit zum eigenen Machterhalt.

Dabei spielt offensichtlich die Instrumentalisierung der Geschichte durch den Kreml eine grosse Rolle. Überhaupt wird im öffentlichen Diskurs über das Verhältnis von Russland und dem Westen viel und oft auf fälschliche Art und Weise mit Geschichte argumentiert (Stichwort: «Die Krim hat immer schon zu Russland gehört»). Was können Historiker gegen die Vereinnahmung der Geschichte durch Politiker tun?

Der Historiker ist nicht nur Fachidiot, sondern auch Zeitgenosse und Bürger. Man ist als Historiker gefordert, die Dinge klarzustellen und Falschbehauptungen zu widerlegen. Das gebietet nicht nur unser Selbstverständnis als Wissenschaftler, sondern ist auch unsere gesellschaftliche Pflicht. Ich finde, Historiker sollten vermehrt öffentlich Stellung beziehen, nicht aufdringlich oder besserwisserisch, sondern den Fakten verpflichtet. Auch unter der Gefahr, dass man dafür Prügel erhält. Im russischen Staatsfernsehen wurde ich schon als «intellektueller Elitesoldat der Nato» bezeichnet. Damit muss man eben umgehen können.

Karl Schlögel ist ein deutscher Osteuropahistoriker und Publizist. Geboren 1948 im bayrischen Hawangen, hat Schlögel an der FU Berlin, in Moskau und St. Petersburg Philosophie, Soziologie, Osteuropäische Geschichte und Slawistik studiert. Von 1995 bis zu seiner Emeritierung 2013 war er Professor für Osteuropäische Geschichte an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählen die Geschichte der russischen Moderne und  des Stalinismus, Russische Diaspora und Dissidentenbewegung, Kulturgeschichte osteuropäischer Städte sowie theoretische Reflexionen über die Probleme historischer Narration. Karl Schlögel hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, darunter Entscheidung in Kiew. Ukrainische Lektionen (Hanser, 2015), Grenzland Europa. Unterwegs auf einem neuen Kontinent (Hanser, 2013) und Terror und Traum. Moskau 1937 (Hanser, 2008). Das Interview wurde anlässlich von Karl Schlögels Vortrag im Rahmen der Basel History Lecture im Oktober 2016 aufgezeichnet.

Titelbild: Ivan Bandura ; https://www.flickr.com/photos/mac_ivan/11299551416/in/photostream/