Der Osteuropahistoriker Karl Schlögel über Putin, Propaganda und die Rolle des Historikers im öffentlichen Diskurs. Von Oliver Sterchi und Luca Thoma

Herr Schlögel, die Spannungen zwischen Russland und dem Westen nehmen seit dem Ausbruch der Ukraine-Krise 2014 beständig zu. Russlands militärisches Eingreifen in Syrien trägt Zeichen eines Stellvertreterkrieges. Befinden wir uns in einem neuen Kalten Krieg?

Ich denke, dass die Bezeichnung Kalter Krieg hier nicht zutrifft. Mit dem Begriff des Kalten Krieges bezeichnete man die symmetrische Opposition zweier Supermächte, namentlich der USA und der Sowjetunion. Diese Symmetrie erzeugte eine Art Gleichgewicht des Schreckens und machte die Lage somit berechenbar. Was wir heute haben, ist eine völlig andere Situation. Die Welt ist nicht mehr bipolar, sondern multipolar. Es gibt heute mehrere Machtpole, was die Lage viel komplexer und unübersichtlicher macht. Ich möchte betonen, dass es sich dabei um eine gänzlich neue Situation handelt. Deshalb halte ich die Rede von der Rückkehr des Kalten Krieges nicht für angemessen.