Daniele Ganser und das Problem der gesellschaftlichen Polarisierung

Verschwörungstheorien sind im Trend. Noch trendiger sind ihre Vertreter wie beispielsweise der Historiker und selbsternannte Friedensforscher Daniele Ganser. Der Versuch einer Annäherung an das Phänomen und ein Plädoyer dafür, sich ab und an mit Verschwörungstheorien zu beschäftigen. Von Mara Dieterle

Sie sind ein weites Feld, die Verschwörungstheorien. Und sie sind ein Minenfeld. Trotzdem ist es wert, sich ab und an vertiefter mit ihnen auseinanderzusetzen. Seit einiger Zeit (sogar seit einigen Jahren) mache ich in meinem persönlichen Umfeld immer wieder Erfahrungen, die mein Interesse an dieser Thematik wecken.

Egal ob Ukrainekonflikt, 9/11, Irakkrieg oder Klimawandel – Diskussionen enden, egal wo sie beginnen, bei einem dieser Themen. Offizielle Stellungnahmen werden angezweifelt und hinter all diesen Ereignissen grössere Mächte vermutet: Verschwörer eben. Letztens schrieb mir ein Freund auf meine Verwunderung über sein Misstrauen gegenüber dem IPCC-Report des Weltklimarates: «Wer kanns denn schon genau wissen.»

Die Suche nach der Wahrheit ist ansteckend, und die Verlockung, zum Kreis der Wissenden zu gehören, gross.

Googelt man nach diesem Schlagwort, kann man sich vor Ergebnissen kaum mehr retten. Es wird sich durch die Unmengen an Internetseiten und Informationen geklickt, bis man plötzlich auf Seiten wie Rubikon.de oder dem Youtube-Kanal von Ken Jebsen landet und realisiert, dass man sich hier in einem alternativen Mediensystem befindet. Die Faszination am neu Entdeckten versiegt jedoch schnell. Vielmehr versinkt man in der Flut an Vermutungen, Theorien und beginnt irgendwann selbst zu zweifeln: Wer kanns denn schon genau wissen? Die Suche nach der Wahrheit ist ansteckend, und die Verlockung, zum Kreis der Wissenden zu gehören, gross. Dass es DIE Wahrheit jedoch nicht gibt, ist dabei eher nebensächlich.

Das Phänomen Ganser

Beim Durchstöbern dieses «upside downs» stösst man immer wieder auf einen Namen, der mir auch auf Nachfrage bei meinen Freunden unisono als Informationsquellen genannt wird – Daniele Ganser. Ganser, der in Geschichte promovierte, ist ein Star der Verschwörungstheorien-Szene. Er bezeichnet sich selbst auch als Friedensforscher und untersucht gemäss Angaben auf seiner Homepage Themen wie Frieden, Energie, Medien, Krieg und Terror seit 1945. Damit sind das auch die inhaltlichen Schwerpunkte seiner zahlreichen, gut besuchten Vorträge genannt, die allesamt auf Youtube zu finden sind.

Mit dem Phänomen Ganser haben sich schon einige, teilweise sogar prominente Personen auseinandergesetzt. Roger Schawinski schrieb nach einem Auftritt in der Arena (bei dem auch Daniele Ganser als Gast geladen war) ein Buch über Verschwörungstheorien. Auch Wissenschaftler interessieren sich über verschiedene Zugänge für Ganser und seine Methoden. Der Historiker Philipp Sarasin beschreibt in seinem Artikel auf der Plattform «Geschichte der Gegenwart» – ohne Namen zu nennen –  einen Typus des Verschwörungstheoretikers, der sich, wenn er sich in einem demokratisch legitimierten Umfeld beweisen will, nicht ins Feld wilder Spekulationen abdriften darf, sondern sich lediglich darauf beruft, Fragen zu stellen. Eben genau das zu tun, was Teil eines demokratischen Prozesses ist.

Ganser gibt vor, Fragen zu stellen, entwirft in Wirklichkeit jedoch durch Suggestivfragen und aus dem Kontext gerissenen Zitate implizit Verschwörungstheorien.

Und genau das ist es, worauf sich Ganser stützt. Ein gutes Beispiel ist hier Gansers Vortrag aus dem Jahr 2014 über die Terroranschläge vom 11. September. Dabei geht es allen voran um das WTC7, welches als drittes Gebäude, nach offiziellen Angaben durch ein Feuer, ebenfalls eingestürzt ist. Hier spitzt Ganser die Aufarbeitung um die Anschläge auf eine Frage zu: Feuer oder Sprengung des WTC7? Während seine Argumentation deutlich in die Richtung einer Sprengung weist, schliesst er seine Ausführungen folgendermassen: «Ich möchte Sie darin entlassen, Feuer, Sprengung, denken Sie darüber nach.»

Der Druck auf die ZuhörerInnen wird dann auch durch Aussagen erhöht wie «Achten Sie darauf, dass an dieser Frage ihr Weltbild hängt». Laut dem Literaturwissenschaftler Michael Butter ist Ganser geradezu der Prototyp eines Verschwörungstheoretikers, der vorgibt, Fragen zu stellen, in Wirklichkeit jedoch durch Suggestivfragen und aus dem Kontext gerissene Zitate und Bildquellen implizit Verschwörungstheorien entwirft. Aber was sind denn nun genau Verschwörungstheorien?

Ein Teufelskreislauf?

Ein Problem der Wissenschaft ist, dass es keine einheitliche Definition darüber gibt, was eigentlich Verschwörungstheorien genau sind. Dennoch gibt es einige Merkmale: Zum einen sind sie monokausal, führen also bestimmte Ereignisse auf eine Ursache zurück, die Verschwörung. Das heisst, sie wirken vereinfachend in einer Welt, die immer komplexer wird. Hier liegt sicher eine Attraktivität von Verschwörungstheorien und gerade in Krisenzeiten gewinnen Verschwörungstheorien an Beliebtheit.

Verschwörungstheorien sind nicht nach dem Popperschen Empirismus falsifizierbar.

Ein weiteres Merkmal ist, dass Verschwörungstheorien nicht falsifizierbar sind. Und hier liegt der Knackpunkt. Für jede Theorie gilt der Falsifikationsvorbehalt. Eine Theorie kann nach Popperschem Empirismus nur so lange als wahr gelten, bis das Gegenteil bewiesen wird. Veranschaulicht werden kann das durch das klassische Beispiel der Schwäne. Die auf induktiven Beobachtungen fassende Theorie, dass alle Schwäne weiss sind, stimmt so lange, bis jemand einen schwarzen Schwan entdeckt.

Ergo bedeutet das: Eine Theorie kann nur wahr sein, wenn sie auch falsch sein kann. Wer schon mal mit jemandem diskutiert hat, der an eine Verschwörungstheorie glaubt, wird die Erfahrung gemacht haben, dass, egal welche Argumente man vorbringt, diese am Gegenüber abprallen. Man spricht wortwörtlich aneinander vorbei. Und dies ist das wirklich Gefährliche an Verschwörungstheorien: wenn man beginnt, sich nicht mehr zu verstehen und sich nur noch in der eigenen «Glaubensgemeinschaft» bewegt. Diese Entwicklung beobachtet auch Michael Butter.

Durch das Aufkommen des Internets sind Verschwörungstheorien sichtbarer geworden.

Durch das Aufkommen des Internets haben Verschwörungstheorien nicht nur zugenommen, sie sind auch sichtbarer geworden. Aus den einstigen Subkulturen der Sechziger Jahre sei eine Gegenöffentlichkeit entstanden, die nun auch vom «Mainstream» wahrgenommen wird, mit dem Ergebnis, dass man sich gegenseitig misstrauisch beäugt und immer stärker abgrenzt. Es entsteht ein Kreislauf, der sich gemäss Butter nicht aufhalten lässt.

Soll man nicht mehr miteinander sprechen?

Es gibt empirische Befunde, die darauf hinweisen, dass eine Verschwörungstheoretikerin nach einer Konfrontation mit stringenten Gegenbeweisen nur noch mehr von ihrer Theorie überzeugt ist. Deshalb die Empfehlung aus der Wissenschaft: Sich nicht auf Diskussionen einlassen. Diese Erfahrung habe auch ich gemacht und dennoch finde ich sie unbefriedigend.

Wenn im Freundeskreis plötzlich gewisse Themen nicht mehr angeschnitten werden dürfen, weil sie heikel sind. Ein Patentrezept gibt es nicht, aber wir dürfen nicht aufhören, zumindest zu versuchen, einander zuzuhören. Denn ansonsten wird der unheilvolle Kreislauf nicht durchbrochen. Für mich heisst das, dass ich mir ab und an ein Video von Daniele Ganser ansehen werde, um mein Gegenüber zumindest in seiner Argumentation besser zu verstehen.

Bildquelle Beitragsbild: Pixabay, https://pixabay.com/de/photos/symbol-auge-illuminaten-geheimbund-3448099/ (25.11.2019)

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