«Könnt ihr uns hören?» Buchautor Jan Wehn im Interview

Der renommierte Journalist Jan Wehn hat gemeinsam mit seinem Kollegen Davide Bortot in einem umfangreichen Oral-History-Projekt die Geschichte des deutschsprachigen Raps aufgearbeitet. Das Buch wurde zum Kassenschlager. Von Luca Thoma

«Könnt ihr uns hören?» rekapituliert mit zahlreichen Gesprächspartnern die Geschichte von deutschsprachigem Rap in Interviewform. Das Buch wurde wider Erwarten zu einem grossen Erfolg und schaffte es auf die SPIEGEL-Bestseller-Liste. Gemeinsam mit vielen Rappern, die im Buch zu Wort kamen, tourten Wehn und Bortot, seines Zeichens ehemaliger Chefredaktor des führenden Branchen-Magazins JUICE, auf einer Lese-Tournee durch Deutschland.

«Könnt ihr uns hören?» wurde ein grosser Erfolg, schaffte es sogar auf die SPIEGEL-Beststeller-Liste: wie erklärt ihr euch die grosse Aufmerksamkeit für das Projekt?

Diese Frage habe ich mir auch des Öfteren gestellt. Während der Arbeit an dem Buch ging ich davon, dass es eine kleine Leserschaft von 2000 bis 3000 Menschen gäbe, die sich für das Buch interessiert. Schliesslich ist ja das Eine, an ein Rap-Konzert zu gehen, also Musik und Unterhaltung zu konsumieren, und doch etwas Anderes, sich intensiv mit dieser Subkultur auseinanderzusetzen. Erfreulicherweise ist es anders gekommen.

Das mag daran liegen, dass deutscher Rap zum Zeitpunkt der Veröffentlichung etwa 30 Jahre alt wurde. Das sind drei Jahrzehnte Geschichte einer Kultur. Damit verbinden sich unzählige Einzelschicksale: Menschen, die durchgestartet sind, aber auch viele, die ihre Karrieren lanciert und wieder beendet haben. Nach 30 Jahren hat deutscher Rap eine Geschichte und eine sehr vielschichtige Hörerschaft. Dazu gehören Leute, die seit Beginn an dabei sind, aber auch solche, die erst seit vier oder fünf Jahren Rap hören.

„Die Erzählform macht das Buch besonders zugänglich“

Zudem glaube ich, dass auch das Format entscheidend für den Erfolg war. Viele Leute kannten diese Form von Büchern noch nicht und waren neugierig. Die Erzählform macht es sehr zugänglich. Man kann theoretisch drei, vier Antworten lesen und das Buch dann auch wieder zur Seite legen. Die Leute werden nicht mit einer Bleiwüste konfrontiert.

Hast du einen akademischen Hintergrund? Wie hast du dich in den Themenkomplex «Oral History» hineingearbeitet?

Ich habe drei Jahre in Bonn an der Friedrich-Willhelms-Universität Germanistik, vergleichende Literatur, Kulturwissenschaften und im Nebenfach sprachliche Kommunikation studiert. Danach studierte ich in Berlin Kulturjournalismus im Master an der Universität der Künste. Ich bin bereits während meines Studiums mit Oral History in Berührung gekommen.

Im Zuge einer Hausarbeit habe ich mich intensiv damit auseinandergesetzt, wie man Geschichte aufarbeiten und über einen akademischen Kreis hinaus verfügbar machen kann. Danach habe ich mich ich als Journalist zunehmend auch für andere Musikstile als Rap interessiert und bin auf die Bücher «Klang der Familie» von Felix Denk und Sven von Thülen und «Verschwende deine Jugend» von Jürgen Teipel gestossen, welche die Geschichte von Technomusik und deutschem Punk auf der Basis von Interviews erzählten.

„Wir sind unser Projekt sehr „HipHop“-artig angegangen und haben einfach losgelegt.“

Als ich diese Bücher las, reifte in mir der Wunsch, ein ähnliches Buch über die Geschichte der deutschsprachigen Rap-Szene zu schreiben. Ich holte Davide Bortot mit ins Boot, weil mir klar war, dass dieses Projekt sehr umfangreich und arbeitsintensiv sein würde – und weil er neben mir der detailverliebteste und interessierteste Musikjournalist ist, den ich kenne. Wir haben uns offen gesprochen nicht sehr tief mit «Oral History» als akademischer Disziplin beschäftigt, sondern sind das Ganze sehr «HipHop-artig» angegangen und haben einfach losgelegt.

Das Projektteam: Davide Bortot (links) und Jan Wehn. Bild: zvg

Habt ihr mit Universitäten zusammengearbeitet und wurde euch aus akademischen Kreisen Interesse signalisiert?

Wir haben während der Arbeit am Buch nicht mit Unis zusammengearbeitet, sondern unsere Liste von Interviewpartnern selbst zusammengestellt. Auch die Interviews haben wir nicht ganz nach klassischer Methodik durchgeführt, haben etwa Zwischenfragen gestellt oder ab und an auch das Gespräch in eine gewisse Richtung gelenkt, die uns vorschwebte.

Das akademische Interesse kam nach der Veröffentlichung. Viele Wissenschaftler sind sehr froh über die Zitate. Unser Buch ist ja schliesslich auch eine grosse Zitatsammlung. Leute, die im akademischen Rahmen zu HipHop forschen, haben einfach viel zu wenig Quellen. So wurde ich auch schon von Wissenschaftlern für Interviews angefragt.

„Rap war schon immer ein Sprachrohr für Menschen, die Rassismus und Ausgrenzung erleben.“

Wie habt ihr das Sample ausgewählt? Musstet ihr Leute weglassen, die ihr gerne dabeigehabt hättet?

Nein, wir haben niemanden weggelassen. Fast alle waren interessiert und wollten partizipieren. Manche Leute hatten aber schlicht keine Zeit oder fanden das Konzept nicht schlüssig. Grossmehrheitlich haben wir aber alle bekommen, die wir wollten.

Als Journalist steht man in einer anderen Beziehung zu Rappern als der durchschnittliche Historiker zu seinen Interviewpartner, mitunter entstehen Freundschaften. Wie bist du damit umgegangen?

Sehr offensiv, weil ich die Freundschaften für das Projekt genutzt habe. Ich bin nicht mit vielen Rappern befreundet, aber auf jeden Fall mit drei, vier Leuten, die in dem Buch vorkommen. Das war von Vorteil, weil diese Interviews länger gedauert haben – manchmal vier bis fünf Stunden. Wenn man gerne Zeit miteinander verbringt, ist das natürlich ein Vorteil, um die Leute an Bord zu holen.

«Oral History» ist gerade in Deutschland in einem sozialhistorischen Milieu mit dem Vorsatz entstanden, Gruppen und Subkulturen ausserhalb der Mitte der Gesellschaft eine Geschichte zu geben. Siehst du das ähnlich mit Rap?

Ja, definitiv. Wir wollten das Buch nicht selbst schreiben, sondern die Protagonisten selbst erzählen lassen. Die Geschichte selbst zu schreiben, wäre vermessen gewesen, da wir beide schlicht zu jung dafür sind. Daher wollten wir die Menschen aus ihrer Perspektive erzählen lassen.

Rap wurde zwar zuerst von Mittelschicht-Kids berühmt gemacht – den Fantastischen Vier, Blumentopf, den Beginnern – aber parallel dazu war es schon immer ein Sprachrohr für Menschen, die Rassismus oder Ausgrenzung erleben. Der Anspruch, über sein eigenes Leben zu erzählen, ist eng mit der Idee von Rap verbunden. Menschen, die sich kein teures Studio leisten können und keine Akademiker als Eltern haben, können mit Rap trotzdem Erfolg haben.

„Wir haben ungesund viel Zeit in das Buch investiert.“

Bild: zvg

In deinem Buch «Morgellon» setzt du dich intensiv mit Verschwörungstheorien auseinander. Die sind leider nicht gerade rar im HipHop. Wie prüfst du Infos nach, die dir «shady» erscheinen?

Ich suche eine Mischform aus grundsätzlicher Neugierde, gesundem Menschenverstand und intensiver Recherche. Davide und ich recherchierten für «Könnt ihr uns hören?» intensiv in alten Magazinen, Zeitungen und machten zum Schluss einen grossen Faktencheck, etwa um Verkaufszahlen nachzuprüfen.

Wie gross war der zeitliche Aufwand? Wie konntet ihr die Finanzierung des Projekts stemmen?

Der zeitliche Aufwand war enorm. Die Idee entstand bereits 2016. Damit ging ich zu meinem Literatur-Agenten, erarbeitete gemeinsam mit Davide und ihm ein Konzept. Im August 2017 sendeten wir die ersten Anfragen raus, führten im November desselben Jahres die ersten Interviews und arbeiteten bis zum Dezember 2018 am Buch. Im Sommer haben wir eine erste Version abgegeben, die jedoch noch doppelt so lang war.

Rückblickend haben wir innerhalb von eineinhalb Jahren ungesund viel Zeit in das Buch investiert, an manchen Tagen habe ich nur sehr wenig geschlafen. Es ist ja kein Geheimnis, dass man mit dem Schreiben von Büchern nicht unbedingt reich wird, weshalb wir die Arbeit jeder auf unsere Weise noch mit anderen Jobs querfinanziert haben. Aber das war okay, denn das Projekt ist für uns in erster Linie eine Herzensangelegenheit gewesen.

„Die letzten neun Jahre HipHop-Geschichte sind besser dokumentiert. Das führt dazu, dass sich die Leute schlechter an Details erinnern können.“

Die Gründerjahre im Deutschrap sind nicht sehr reichlich dokumentiert, ab 2012 dagegen gibt es eine regelrechte Flut an Material. Wie seid ihr diesem Umstand begegnet?

Im Buch ist es interessanterweise genau andersherum, als man es erwarten würde. Das letzte Drittel, dass ungefähr die Jahre ab 2012 bearbeitet, wurde etwas kürzer als die ersten beiden Buchteile. Ich bin mir nicht ganz sicher, woran das liegt. Einerseits war unsere Neugierde auf die ersten zehn Jahre vielleicht größer, weil wir sie nicht aktiv miterlebt haben. Andererseits war die zweite Dekade genau die Zeit, in der ich mit HipHop sozialisiert wurde, was mich emotional besonders berührt. Die letzten neun Jahre sind sehr gut dokumentiert, was interessanterweise dazu führte, dass sich die Leute in den Interviews viel schlechter erinnern konnten. Das mag daran liegen, dass sich heute alles sehr leicht mit wenigen Mausklicks recherchieren lässt und man Vorkommnisse nicht mehr so sehr verinnerlicht.

„Probleme wie Homophobie, Sexismus, Xenophobie, Antizionismus und Verschwörungstheorien konnten wir in unserem Buch nicht ausreichend thematisieren.“

Ist die Geschichte von deutschem Rap damit fertigerzählt? Welches Buch muss dringend noch geschrieben werden?

Nein, natürlich nicht. Unser Buch ist bereits jetzt schon wieder veraltet. Daher muss in dreissig Jahren auf jeden Fall ein zweiter Teil geschrieben werden. Was aus meiner Sicht noch fehlt, ist ein Buch, das Menschen wie Journalisten und Historiker, die HipHop beobachten, zu Wort kommen lässt.

Der Hautpvorwurf an «Könnt ihr uns hören?» war, dass das Buch eine romantisierte Sicht auf HipHop transportiert. Das lag zum einen an der üblichen Nostalgie, die die Erinnerung begleitet, aber auch daran, dass viele weisse Männer zu Wort gekommen sind.

Probleme wie Homophobie, Sexismus, Xenophobie, Antizionismus und Verschwörungstheorien konnten wir in diesem Rahmen nicht ausreichend thematisieren. Bücher, die sich aber genau damit in einem nicht allzu akademischen Ton auseinandersetzen, würde ich mir auch wünschen.

Titelbild: zvg

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