Unter Titos Blick einschlafen

Nicht alle Nationalhelden sind fiktive Figuren wie unser Wilhelm Tell. Als historische Persönlichkeiten prägen sie ihre jeweiligen Gesellschaften bis heute. Es lohnt sich daher ein Blick darauf, wie zwei ehemals kommunistische Länder mit ihren Nationalhelden umgehen. Von Benjamin Bieri

Es ist ein ruhiger Ort im lauten Belgrad. Auf einer Hügelkuppe über der Stadt. Heute Titos Mahnmal. Titos ehemalige Wohnstatt. Eindrücklich, aber nicht protzig, wie Tito. Einige Bilder zeugen vom Staatsbegräbnis, an dem so viele Staatsoberhäupter wie nie zuvor teilgenommen haben. Josip Broz Tito. Tito: Den Beinamen, mit dem heute alle auf ihn verweisen, bekam er angeblich als Anführer der antifaschistischen Partisanen, da er bekannt dafür war, Befehle nur mit den zwei Worten ti (du) und to (das) zu geben.

Nachdem er die Nationalsozialisten aus Jugoslawien vertrieben hatte, wurde er jahrzehntelang zum Führer des vereinigten Jugoslawiens. Und auch nach den Wirren der Bürgerkriege in den 90ern kann man in keine Ecke der sechs Republiken und darüber hinaus gelangen, ohne auf seinen Namen zu treffen.

Sechs Republiken, ein Held

Vielleicht ist es ein bosnischer Hostelbesitzer, der meint, Tito habe dafür gesorgt, dass hier alle in Frieden gelebt hätten. Bis Tito gestorben sei und alles schlecht wurde. Vielleicht ist es eine österreichische Medizinstudentin mit serbischen Wurzeln, in deren Zimmer ein Foto Titos hängt, zu dem sie etwas ironisch meint, es sei doch gut, unter Titos wachsamem Blick einzuschlafen. Oder ein kroatischer Kellner, der meint, als Tito noch war, kamen noch viele Serben und Bosnier an die kroatische Küste. Heute nur noch Deutsche. Und es gibt den bosnischen Veteranen, der meint, er habe die orthodoxen Vorgesetzten immer lieber gehabt, denn unter ihnen habe man Alkohol trinken dürfen, so etwas gebe es heute nicht mehr. Man kann kaum anders als den Partisanenführer selbst heute noch als einen Nationalhelden für mehrere Nationen zu sehen.

Die Legende besagt, Stalin habe nach dem Zweiten Weltkrieg fünf Attentäter auf Tito angesetzt, weil dieser sich nicht dem System des Sowjetkommunismus hatte anschliessen wollen. Alle scheiterten, woraufhin Tito Stalin einen Brief geschrieben habe, in dem er meinte: «Beim nächsten Mal schicke ich nur einen, und der wird erfolgreich sein.» Von da an habe Stalin Tito in Frieden gelassen. Diese Geschichte wird auch heute auf Führungen durch Belgrad und Sarajevo von jungen Guides erzählt, stets mit ein bisschen Stolz in der Stimme.

Wieder populär

In der Einöde, dutzende Kilometer von der russischen Stadt Perm entfernt, ist es wohl noch ruhiger als beim Tito-Denkmal. Vor allem jetzt, wo gegen die Betreiber der dortigen Gulag-Gedenkstelle eine Hetzkampagne läuft und die Fördergelder gestrichen werden. Angeblich sei die Gedenkstelle von den Amerikanern finanziert, und niemand von ausserhalb könne die Russen zu einem anderen Blick auf ihre Geschichte zwingen, meinen die Beschwerdeführer, die meist Ranghöhere der ehemaligen Sowjetunion sind.

Stalin, unter dem Millionen Menschen im Gulag verschwunden sind, erlebt zurzeit eine Art Revival in Russland. Erstmals seit einigen Jahren hält wieder eine relative Mehrheit der Russen Stalin für eine positiv konnotierte Person innerhalb der russischen Geschichte. Im Fernsehen laufen nostalgische Filme über den Grossen Vaterländischen Krieg, den Stalin im kollektiven Gedächtnis für die Russen gewonnen hat. Nein, Stalin ist kein Nationalheld  (mehr) in Russland, aber vielleicht wird er es wieder. Dass man an Kiosken Stalin-Shirts kaufen kann, spricht dafür. Doch was unterscheidet Tito und Stalin? Weshalb bleibt der eine trotz Systembruch ununterbrochen populär, während der andere erst durch gezielte Propaganda wieder ins kollektive Gedächtnis gelangt? Immerhin waren sie beide während mehrerer Jahre die «Götter» ihrer jeweiligen Gesellschaften. Beide haben den Zweiten Weltkrieg für ihre Seite gewonnen.

Tito war nie weg

Es war in Jugoslawien wohl tatsächlich so, dass die Persönlichkeit Titos einen immensen Einfluss auf das Zusammenleben hatte. Anstatt auf Religion setzte er auf Prosperität, die er durch eine Politik des Mittelwegs erreichte. Jugoslawien erhielt während mehrerer Jahre Geldzahlungen des Westens dafür, dass es sich nicht dem Warschauer Pakt anschloss. Gleichzeitig war es dem kommunistischen Land nicht verunmöglicht, mit der Sowjetunion Handel zu treiben, die nur zu gerne einen Zugang zum Mittelmeer erhalten hätte.

Fragt man heute im ehemaligen Jugoslawien, wie es denn nach dieser Glanzzeit, nach der sich beinahe alle zurücksehnen, zu einem so verheerenden Bürgerkrieg habe kommen können, ist die Antwort der meisten eindeutig: Titos Tod. Hätte Tito noch zehn Jahre länger gelebt, wären selbst die kleinen bestehenden Gräben zwischen den verschiedenen Ethnien Jugoslawiens noch zugeschüttet worden. In Wirklichkeit ist die Antwort wahrscheinlich wesentlich komplexer. Im Zuge der Entspannung des Kalten Krieges wurde Jugoslawien für den Westen weniger wichtig. Es kam zur Rezession. Ausschlaggebend für die Wiederidentifizierung mit der eigenen Religion war zu Beginn auch der bedrohte Wohlstand, der unter Tito noch sicher geschienen hatte. Dass Titos Tod in diese Zeit fiel, ist wohl dem Zufall geschuldet, auch wenn nicht ausgeschlossen werden kann, dass er Jugoslawien nur mittels seiner Führungsstärke zusammengehalten hätte. Zuerst nach der Unabhängigkeit verlangten die tendenziell wohlhabenderen Slowenen und Kroaten. Die Serben sahen sich als Bewahrer von Titos Erbe und suchten das zu verhindern.

Es gilt nun nicht, die Komplexität dieses Konflikts gänzlich zu durchschauen. Wichtig ist zu erkennen, dass die Person Titos im Gedächtnis unmittelbar mit einer Zeit grosser Prosperität und des Friedens in Verbindung gebracht wird, und dass diese nach seinem Tod verlorenging, ob nun zufällig oder nicht.

Bei Stalin ist die Situation augenscheinlich eine andere. Zwar machte er sich über Jahre zum Gott seines Staats, doch während man Jugoslawien seinen Wohlstand nicht absprechen kann, ist es für uns beinahe unmöglich, auf Stalin ohne seine Gräueltaten zu verweisen. Unsere aufklärerische Perspektive widerspricht jedoch dem Gedächtnis der Russen. Der stalinistische Terror wurde nicht wie der Holocaust aufgearbeitet.

Die guten alten Zeiten

Stalins Nachfolger Chruschtschow schwor zwar grossen Teilen des Terrors ab, doch eine konsequente Offenlegung von Stalins Untaten hätte die Sowjetunion zu sehr destabilisiert, um sie zu wagen. Demnach verhinderte nichts, dass Stalin als der Mann in Erinnerung blieb, der den Grossen Vaterländischen Krieg gewonnen hat. Terror als essentieller Teil der eigenen Geschichte würde Russlands Selbstbild heute ebenso zerrütten. Russland kann nicht Deutschland sein, das sich noch immer seiner Schuld bewusst ist. Es kommt deswegen gelegen, Stalin als das Väterchen Russlands zu porträtieren.

Für die Russen, die sich in einer ähnlichen wirtschaftlichen Misere befinden wie die Bevölkerung des ehemaligen Jugoslawiens, braucht es die Besinnung auf die guten alten Zeiten in einer ähnlichen Weise, jedoch ist diese wesentlich undefinierter und in Bezug auf Stalin vor allem auf dessen Kriegserfolg beschränkt. Das einzige, was zählt, ist das Chaos der 90er vergessen zu machen.

Tito ist also nicht trotz, sondern vor allem wegen der innerjugoslawischen Konflikte populär. Ohne auf die bedenkliche Menschenrechtslage im ehemaligen Jugoslawien zu verweisen, lässt sich sagen, dass es wirtschaftlich und sozial tatsächlich besser war. Diese Sichtweise ist jedoch nicht unangefochten: So parodiert der serbische Filmemacher Kusturica in Underground die vermeintlich so moralischen Partisanen als eiskalte Kriminelle — ähnlich der zynischen Analyse des Gulag-Systems von Alexander Solschenizyn.

Tito ist ein Symbol dafür, dass sich die Feinde der 90er wieder verstehen wollen. Stalin hingegen ist nicht als die Person, die er war, in Erinnerung, sondern als starker Mann, der bezeugt, dass Stärke eine russische Tradition ist. Stalin als Schwerverbrecher anzusehen liefe dem zuwider.

Titelbild: Tot, und doch lebendig: Die beiden Despoten Josef Stalin und Josip Tito
(Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-18684-0002 / Amazone 7)