Vedi Napoli e poi muori, oder: ein Traum, der wahr wurde

Ein Auslandsemester ist nicht immer eitel Sonnenschein, vor allem in der süditalienischen Metropole Neapel. Toll war’s trotzdem. Von Carina Basig

Napoli sehen und sterben. Wer die Stadt besucht, wird schnell merken, dass es verschiedene Möglichkeiten gibt, dieses Zitat auszulegen. Man kann in Frieden sterben, weil man die Stadt gesehen hat und es auf der Welt nichts Schöneres zu sehen gibt. Oder aber man stirbt, weil man sich die Stadt ansieht und dabei von der Mafia erschossen oder von einem Motorrad überfahren wird. Beides scheint mir realistisch.

Gelato geniessen, während man durch Überreste römischer Zivilisation schlendert, ein Glas Wein am Meer trinken und den Sonnenuntergang geniessen, in die wohl beste Pizza der Welt beissen. All diese Wunschvorstellungen wurden für mich im vergangenen Semester Wirklichkeit. Ich hatte mich dazu entschlossen, ein Semester in Neapel zu studieren, meinen kulturellen Horizont zu erweitern, neue Menschen kennen zu lernen, mein Italienisch zu verbessern und natürlich auch um das oben schon erwähnte Dolce Vita zu geniessen.

Ich konnte in diesem Semester also täglich Gelatos schlecken und römische Überreste bewundern, das ist in dieser Stadt nämlich sehr einfach, weil vieles seit der römischen Besetzung dieser ehemals griechischen Siedlung nichts mehr verändert wurde. Zumindest sieht es so aus. Auch Wein und Pizza konnte ich in Hülle und Fülle geniessen, auch wenn der Weg zu den Bars und Restaurants wegen den wahnwitzigen Motorradfahrern jeweils höchst riskant war.

«Warum zur Hölle tue ich das?»

Die Stadt ist der Wahnsinn. Chaotisch, eng, laut, schmutzig, sehr lebendig und voller intensiver Gerüche. Abfall, Kaffee, Pizza, Abgas, Fisch, etc. Aber was erwartet man schon, wenn man in eine Stadt zieht, die auf dem gefährlichsten Vulkan Europas erbaut wurde?

Die erste Woche war ziemlich schwierig und ich habe mir vor allem eine Frage gestellt: «Warum zur Hölle tue ich das?» Ich musste mir eine Bleibe suchen und probieren, irgendwie einen Stundenplan zusammen zu bekommen. All das wurde dadurch erschwert, dass Öffnungszeiten hier eher optional sind und niemand wirklich für etwas verantwortlich zu sein scheint. Aber gut, ich habe mich durchgeschlagen. Ich besuchte zumindest hin und wieder Vorlesungen und wohnte in einem Fünfbettzimmer. Sehr abenteuerlich.

Napoli ist eine Stadt, der man eine zweite Chance geben muss. Denn der erste Eindruck ist oftmals ziemlich verstörend, vor allem wenn man eine lange Reise hinter sich hat. Aber es lohnt sich, denn dieser Ort am Golf von Neapel hat so viel zu bieten! Die Stadt selbst ist voller Museen, Kirchen, Geschichten und Leben. Es gibt Cappuccino für einen Euro, ebenso Aperol Spritz und eine Pizza zum Mitnehmen kann man auch schon ab 1.50 Euro bekommen. Aber auch die Umgebung ist faszinierend, mit den Inseln Capri, Procida, Ischia und der Amalfiküste in der Nähe, es gibt immer etwas zu erkunden.

Dementsprechend fällt mein Fazit zu meinem Auslandsemester positiv aus, ich habe sehr viel erlebt, nette und spannenden Menschen aus der ganzen Welt kennengelernt und meine Komfortzone massiv erweitert.

Die Uni ist ein Albtraum

Was aber die Uni angeht, ist diese Stadt wirklich ein Albtraum. Nachdem ich meine Vorlesungsräume inspiziert und mir die Einführungsveranstaltung angehört hatte, konnte ich sehr wohl nachvollziehen, weshalb viele Studierende hier einen wenig vielversprechenden Blick auf die Zukunft haben. Die Räume sind in einem miserablen Zustand, es fehlen ganze Sitzreihen, es ist sehr schmutzig, vieles ist ausser Betrieb. Aus einer Toilette bin ich rückwärts wieder hinausgelaufen, so abschreckend war es.

Technischer Fortschritt scheint hier ebenfalls noch nicht angekommen zu sein, niemand verwendet einen Laptop für Notizen und auch einen Beamer habe ich noch nirgendwo im Einsatz gesehen. Man hat definitiv das Gefühl, Europa verlassen zu haben, und das gerad einmal 12 Zugstunden von meinem Zuhause entfernt!

Passend dazu die Motivation der Dozierenden, überhaupt zu unterrichten. So kam einer der Geschichtsprofessoren immer zu spät, manchmal sogar über eine halbe Stunde, und seine erste Lektion begann er mit den Worten: «Wenn ihr Lust habt, kommt in die Vorlesungen, wenn nicht, kauft euch dieses Buch und wir sehen uns zur Prüfung.» Dementsprechend waren die meisten Veranstaltungen auch ehr spärlich besucht.

Als letzter Minuspunt wäre hier nun noch die Sprache anzuführen. Wer nämlich wie ich glaubt, in Napoli könnte man sein Italienisch verbessern, wird schnell merken, dass dies ein hoffnungsloses Unterfangen ist. Denn hier spricht man Neapolitanisch, ein Dialekt, der so weit vom Italienischen entfernt ist, dass ich kein Wort verstand, obwohl meine Italienischkenntnisse nicht so schlecht sind. Dieser spezielle Dialekt entstand durch einen Mix aller Sprachen, die im Laufe der Zeit in dieser kulturell so bunten Stadt gesprochen wurden, bedingt durch die unterschiedlichen Königshäuser, die hier regierten.

Versöhnliches Fazit

Aber nun genug der Klagen. Es hat nie geschneit, ich konnte meinen Morgencappuccino am Meer schlürfen, wenn ich Lust dazu hatte, und da ich lieber nicht allzu viel Zeit in den einsturzgefährdeten Gebäuden der Uni verbringen wollte, hatte ich ziemlich viel Freizeit, um verrückte Dinge zu erleben. Den höchsten Berg der Insel Ischia besteigen, an der Amalfiküste wandern oder mitten im November im Mittelmeer baden zum Beispiel.

Ich habe in der besten Pizzeria von Napoli mit einer Neuseeländerin gegessen, mit zwei Türkinnen aus Istanbul gefrühstückt und bin tagelang allein unterwegs gewesen, um den Kopf zu lüften. Ich habe eine Nacht mitten auf der Autobahn verbracht, weil unser Bus liegen geblieben ist und für ein paar Tage den Vesuv gegen den Ätna eingetauscht. Und obwohl ich von verschiedenen Seiten gewarnt wurde, dass Neapel so gefährlich sei, habe ich keinerlei negative Erfahrungen gemacht.

Wenn dieses Semester also vielleicht weder für mein Italienisch, noch für meine Unilaufbahn wahnsinnig hilfreich war, habe ich trotzdem viel gelernt, über mich und auch über ganz andere Kulturen. So ein Auslandaufenthalt ist nicht immer nur ein Zuckerschlecken und eitel Sonnenschein, aber doch eine Erfahrung, die mir sehr viel Spass machte und die ich auf keinen Fall missen möchte.

Bildnachweis: http://www.pixabay.com

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