Wo kommen plötzlich diese Zwiebeltürme her?

In seinem Buch «Retroland» untersucht der Historiker Valentin Groebner verschiedene Formen von Geschichtstourismus. Ein Genuss. Von Luca Thoma

«Dieser Ort ist eine Zeitkapsel».[1] Tourismus boomt. Ein grosser Teil der Branche stützt sich auf Angebote, die vorgeben – einer Zeitkapsel ähnlich – Geschichte zu präservieren und den geneigten Besucher an authentische historische Orte zu führen, wo dieser in die Vergangenheit eintauchen darf.

Doch gibt es sie überhaupt, die eine Geschichte? Und wie authentisch sind Orte wie die Luzerner Altstadt oder die Notre-Dame-Kathedrale in Paris, die im Laufe der Geschichte vielfältig modifiziert und angepasst wurden? 

An diesem Spannungsverhältnis arbeitet sich der Mittelalter- und Renaissance-Historiker Valentin Groebner in einem gross angelegten Essay ab. Die Reflektionen Groebners, der als Professor an der Universität Luzern arbeitet, wurden in Buchform vom Fischer-Verlag publiziert und sind gleichermassen klug und originell wie unterhaltsam. 

Einer der besten Essays seit Langem, in welchem der Autor gleichermassen nach der Entstehung und Genese geschichtstouristischer Praktiken fragt und seine eigenen Reiseerfahrungen kritisch hinterfragt. Geschichtsphilosophische Überlegungen und unterhaltsame Anekdoten stehen dabei in einer angenehmen Balance.

Erfinderische Mönche und Luzerner Stadtplaner

Groebner sucht und findet die Ursprünge des Geschichtstourismus in den sogenannten Sacri Monti. In diesen Klöstern im Piemont erfanden einfallsreiche Mönche im Spätmittelalter ein Surrogat zur kostspieligen und mühseligen Reise ins Heilige Land, indem sie Szenen aus dem Neuen Testament vermeintlich originaltreu mit lebensgrossen Holzfiguren nachbauten. Ein grosser Erfolg.

Nach dem Abstecher ins Mittelalter erzählt Groebner die «Erfindung» der Altstadt zur Zeit der Industrialisierung nach und erklärt sie mit einer Sehnsucht nach dem Authentischen und Urtümlichen in Zeiten der Beschleunigung. Besonders illustrativ ist seine Mikrostudie des Luzerner Gletschergartens, der Ende des 19. Jahrhunderts nach und nach zu einer Art geschichtstouristischem Freizeitpark ausgebaut wurde. 

Ganz generell geht Groebner immer wieder gerne auf die touristische Erschliessung Luzerns ein. An der Geschichte der heutigen Postkartenstadt lassen sich fast exemplarisch die Stadien von Vernachlässigung, Renovation und Neu-Imagination alter Bauten nachzeichnen. Wurde die Altstadt im 18. Jahrhundert noch als Schandfleck wahrgenommen und die Kappelbrücke sukzessive abgerissen, setzte ab Mitte des 19. Jahrhunderts eine Trendwende ein. 

Plötzlich wurde das «alte Luzern» gepriesen, was die Stadtplaner aber nicht daran hinderte, der Altstadt einen noch ehrwürdigeren Anstrich zu verpassen: die Jesuitenkirche aus dem 17. Jahrhundert bekam ein neues Set Zwiebeltürme verpasst, das alte Rathaus wurde aufgestockt, die Fassade monumentaler modelliert. Verschont blieb die Kappelbrücke, die sich zum ikonischen Wahrzeichen der Stadt mauserte. Dass sie 1993 fast komplett verbrannte und neu aufgebaut werden musste, scheint aber auch niemanden weiter zu stören. So zeigt Groebner am Beispiel Luzerns anschaulich auf, wie unsere Vorstellung von historischer Authentizität einer Altstadt vor allem eine artifizielle Projektionsfläche für romantisierend-verklärende Ideen und Mythen ist. 

Nationalromantische Schweizer und ein Sri-lankische «Bubble»

Die 700-jährige Jubiläumsfeier zu Morgarten nimmt der Autor als Anlass für Überlegungen über Geschichtspolitik. Dabei offenbart sich eine Leerstelle des Essays: Denkmäler. Im späten 19. Jahrhundert wurden parallel zu der Neuerfindung historischer Mythen zahlreiche Monumente gebaut, um diese wortwörtlich in Stein zu meisseln. Was hätte Groebner wohl zum Schwingerdenkmal in Luzern oder zum Zwinglidenkmal in Zürich zu sagen? 

Eine der besten Passagen des Essays sind Groebners Reiseberichte. Wiederholt fuhr er nach Sri Lanka, um sich von den Strapazen des Alltags zu erholen und fand sich in einer «Bubble» gebildeter und kultivierter Westeuropäer wieder. Nicht ohne Selbstironie analysiert er diesen Modus des Reisens. 

In einer Synthese führt Groebner die Fäden seiner Erzählstränge wieder zusammen. So fliessen Anekdoten, Fakten und essayistisch zu einer gross angelegten Reflektion über das Verhältnis zwischen Geschichte und Vergangenheit zusammen. Dass dieser wilde Text nicht nur gut zu lesen, sondern auch schlüssig verfasst ist, ist eine grosse Leistung. Als perfekter Reisebegleiter schafft «Retroland» so den Spagat zwischen Strand und Bücherregal. 

Ebenfalls empfehlenswert ist der Cliocast, in dem Groebner mit Jan-Friedrich Missfelder über sein Buch spricht. 


[1]Groebner, Valentin: Retroland. Geschichtstourismus und die Sehnsucht nach dem Authentischen. Frankfurt am Main 2018, S. 163.

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