Young Critics: BEFLÜGELT –  Sinfonieorchester Basel

Drei Young Critics-Rezensionen zum Sinfoniekonzert BEFLÜGELT. Von Marlene Thurm, Benaja Sigg und Pierre-Nicolas Colombat

DIE RICHTIGE ZUTATEN

VON MARLENE THURM

Zwei Brüder, eine Sternenkomponistin und die Herren Felix und Johannes. Unterschiedlicher könnten diese Komponenten kaum sein, und doch waren es genau die richtigen Zutaten, mit denen das Sinfonieorchester Basel unter der Leitung von Ivor Bolton Ende August in die Saison 23/24 durchstartete.

Den Auftakt des Abends machten die niederländischen Brüder Lucas und Arthur Jussen, die sich spielerisch schubsend und mit vorfreudigem Grinsen auf ihren Gesichtern die Bühne betraten und mit ihrem Charme und glimmernden Anzügen sofort den Raum für sich gewannen. «Brüderchen, komm tanz’ mit mir!», schienen sie sich gegenseitig zuzurufen, als sie zum Klavierkonzert für zwei Klaviere und Orchester von Felix Mendelssohn Bartholdy einsetzten. Mit einer unglaublichen Leichtigkeit blieben sie durch alle drei Sätze synchron, es glich mehr einem intimen, eingeübten Tanz, während das Orchester freudig die Herausforderung annahm, mit ihrem Elan mitzuhalten. Wer die Augen schloss, vermutete ein vierarmiges Wesen, anstelle von zwei Individuen. Mit tosendem Applaus wurden die Brüder belohnt und das Publikum liess die jungen Pianisten erst gehen, nachdem sie fünfmal wieder auf die Bühne kamen und eine Zugabe spielten.

Nach einem dramatischen Umbau, bei dem beide Flügel mit einem speziellen Lift entfernt wurden und das Orchester mit einer Vielzahl von Schlaginstrumenten aufstockte, betrat Unsuk Chin, die Komponistin des nächsten Stücks selbst die Bühne. Kurz erklärte sie, dass einer ihrer Inspirationsquellen die koreanische Folks- und Hofmusik sei, sowie «Herzschlag- Sterne» und sie nach einem davon ihr Stück benannte: Alaraph «Ritus des Herzschlags». Mit diesem Titel im Hinterkopf entliess die Komponistin das Publikum in ihr Werk, welches leise mit Perkussion begann. Nach und nach setzten die Streicher ein, die durch das Stück hindurch eine mit Spannung aufgeladene Klangdecke bereiteten, die von den Bläsern und den Schlaginstrumenten ständig wie Lichtexplosionen durchbrochen wurde. Das Orchester diente dabei mit einer unermüdlichen Konzentration, die dieses Stück erforderte. Ein Herzschlag selbst war ab und zu vernehmbar und wie ein Herz selbst ruhte der Ritus nie.

Nach der Pause entführte das keinesfalls geschwächte Orchester das Publikum aus den Tiefen des Alls zurück zur Erde, zu Brahms Sinfonie Nr. 2, op.73. Während das Orchester während des Herzschlagritus gespannt von ihrem eigenen Spielen die Luft angehalten hatte, schien es jetzt frische Bergluft zu atmen und verbreitete eine majestätische, doch nicht zu schwere Offenbarung. Die vier Sätze in den Händen von Ivor Bolton schienen von den Süssen des Sommers zu erzählen und gleichzeitig auf den kommenden Herbst vorzubereiten. Melodisch, tänzerisch, wie Tautropfen auf einem Spinnennetz spielten die Streicher, doch auch Herbststürme kamen nicht zu kurz. Begeisterter Applaus des Publikums war die Reaktion auf so eine gelungene Ausführung und Gestaltung dieser doch so unterschiedlicher Werke.

BRUDERDUELL, ZURÜCKHALTUNG UND EINE ODE AN DIE PERKUSSION

VON BENAJA SIGG

Wenn sich der Sommer langsam dem Ende zuneigt, bewegt sich Basel einer neuen Spielzeit entgegen. So konnte man kurz vor Monatsende im Stadtcasino bezeugen, wie das Sinfonieorchester Basel die neue Saison mit dem ersten Sinfoniekonzert eröffnete. «Beflügelt» wollte man in die neue Spielzeit starten, gar doppelt beflügelt war an diesem Abend auch die Bühne des Musiksaals im Stadtcasino Basel. Mendelssohns Konzert für zwei Klaviere in E-Dur stand auf dem Programm. Bei solchen verhaspelten Namen wird man hellhörig: ein Doppelklavierkonzert, immer ein besonderer Anlass. Weiter im Programm fand sich Brahms’ 2. Sinfonie – ebenfalls ein Leckerbissen und man freute sich sehr darauf, wie diese vielgehörten Themen und eines der grandiosesten Finalissimi der Hochromantik hier in Basel von Ivor Bolton interpretiert werden würden. Zwischen diesen beiden archaischen Werken fand sich auch etwas Zeitgenössisches. Passend zu einem «Saison-Kick-Off-Konzert» durfte sich auch die neue «Composer in Residence» des Sinfonieorchesters vorstellen. Die aus Südkorea stammende und in Berlin lebende Komponistin Unsuk Chin. Ein Name mit Wucht, studierte sie doch unter Ligeti und wurde für ihr Schaffen unter anderem mit dem Arnold-Schönberg-Preis ausgezeichnet. Sie kündete sich für die Saison 23/24 gleich mit der Uraufführung ihres Werks Alaraph: Ritus des Herzschlags an – eine Komposition, die das Sinfonieorchester Basel gemeinsam mit drei weiteren Orchestern in Auftrag gab, darunter etwa auch das Concertgebouworchester aus Amsterdam. Ebenfalls vorstellen durfte sich eine neue Konzertmeisterin: Friederika Starkloff besetzte neu den Stuhl vorne Bühnen-rechts neben Ivor Bolton und durfte das Basler Klangorgan erstmals durch einen Konzertabend führen. Ohne viel Tamtam wurde das erste musische Spektakel der Saison dann auch schon eröffnet. Lucas und Arthur Jussen, zwei Brüder und durchaus etablierte Pianisten, beflügelten sich gegenseitig und machten sich bereit, klanglich zu entzücken. Wie köstlich es doch ist, dass dieses Konzert, von den Geschwistern Mendelssohn uraufgeführt, nun erneut von Geschwistern dargeboten wurde. Und dieses Geschwisterpaar zog die Zuhörenden in einen unvorstellbaren Bann. Die eigentlichen Themen und Motive, das Orchester dahinter, die elitäre, kritische Begutachtungshaltung, die Konzertbesuchende manchmal mitbringen, all das verkam zur Nebensache und man konnte gar nicht anders als geniessen. Ein episches und irgendwie aufwühlendes, Spektakel. Mal schien es, als wären die Brüder via Klaviatur im Streitgespräch, mal hatte man das Gefühl sie freuten sich gemeinsam in diebischer Art über die Schönheit der Musik, die sie gerade freisetzten; an anderen Stellen schienen sie in tiefer, gemeinsamer Trauer, die niemand ausser sie erfassen konnte. War das eine übersinnliche brüderliche Verbindung? Auch aus etwas nüchternerer Sicht war das Konzert hervorragend gespielt: Lucas und Arthur Jussen können nicht anders als technisch brillant bezeichnet werden. Klänge so dünn und ersterbend, dass man meinen könnte, die Flügel stünden ausserhalb des Musiksaals, Tonleitern rasant und doch klar und behäbig, Phrasierungen abgegrenzt und wohldurchdacht, doch der Spannung niemals Abriss getan. Und was man vom Spektakel nicht hörte, liess sich sehen: Den Pianisten sah man die innige Verbindung, aber auch die Intensität, mit der gespielt wurde, merklich an. Gerne stand einer der beiden für besonders wuchtige Passagen aus der Klavierbank auf, mal war der Blick beim Duettpartner, mal ganz bei sich selbst, all dies sichtlich geniesserisch. Man erlebte an diesem Abend ein erbittertes, episches Duell, das zeitgleich doch ein kumpelhaftes Zusammenspiel war. Hinreissend. Derart hinreissend, dass man sich in Rezensionen viel zu schnell zu ausschweifenden Schwärmereien und romantischer Wortmalerei hinreissen lässt; derart hinreissend, dass schon nach diesem ersten Stück der Musiksaal nebst Applaus mit begeisterten, fast schon unziemlichen, Rufen und einigen stehenden Zuhörer*innen gefüllt war. Dass da, vielleicht nach dem fünften Wiederauftritt aus dem Backstage, noch ein Encore folgte, überraschte wenig. Und es grenzte an Absurdität, wie Lucas und Arthur Jussen noch zwei oder drei draufsetzten und das Publikum noch verzückter zurückliessen als es ohnehin schon war. Mit beinahe zehn Minuten eine Zugabe der längeren Sorte, wurde man auf eine musikalische Reise entführt, die mit barocken Melodien begann und mit Schönberg-esquen Klängen fortgesetzt wurde. Plötzlich spielte eine Zirkuskapelle, nur um dann mit verspielten Motiven nach New York in das Hoch des Jazz teleportiert zu werden und dann in wildem Wirrwarr alles nochmal von vorne. Man fragte sich, was hier gerade passierte und konnte im Grunde nur ungläubig lachend mit dem Kopf schütteln.

Nach dieser betörenden Entrückung war man nun gespannt auf die Uraufführung. Unsuk Chin verlor, während einer der Flügel im Boden verschwand und die Bühne umorganisiert wurde, mit Hans-Georg Hofmann noch einige Worte zu ihrem Werk. Alaraph. Auf der Bühne gab sie in vereinfachter Form wieder, was sich ausführlicher im Programm nachlesen liess: Inspirationsquelle waren Sterne. Konkret der Stern Beta Virginis, zu früheren Zeiten Alaraph, aus dem Sternbild der Jungfrau. Ein Stern, der pulsiert. Daher also der Beiname «Ritus des Herzschlags». Dieses astronomische und menschliche Pulsieren wollte sie gemeinsam mit traditioneller koreanischer Musik in ihre Komposition einfliessen lassen. Ein grosser Fokus sollte zudem auf die Perkussion gelegt werden – jedoch nur auf die Rhythmische, während sich keine melodische Perkussion im Stück wiederfindet. Eine vielversprechende Präambel. Wer nun dachte, etwas Volles, Sinfonisches zu hören, täuschte sich allerdings. Unsuk Chin schrieb beinahe undefinierbare Klänge – ein undurchsichtiges Metrum –, erschuf ein Stimmungsbild, das definitiv packend war und immer wieder präzise gewählt von Perkussionsgeräuschen durchdrungen wurde: Zweigbüschel, Ping-Pong-Bälle, Trommeln oder ein Beckenquintett. Zeitgenössisch. Und insgeheim fragte man sich, ob moderne Musik denn immer so klingen muss, ob es vielleicht auch zeitgenössische Komponist*innen gibt, die es wagen, den Klang der grossen Vorbilder nachzuahmen. Unbestreitbar ist, dass dieser Klangteppich mitriss und faszinierte, anwuchs und gar mit einem Beckensextett endete. Nur, so kritisch will man noch sein, war der Bezug zum Puls nicht wirklich hör- und spürbar. Denkt man streng in der Box, könnte man nach der kurzen Ankündigung eines Pulsbezugs ein klares Metrum, strenge Rhythmen und vielleicht eine grosse Trommel erwarten, doch man tat sich schwer, die erwähnten Elemente zu erkennen. Da bot sich die Pause auch gut an und man darf nun gespannt sein, mit welchen Ideen Unsuk Chin das Publikum in den nächsten beiden Halbjahren noch bereichern wird.

Nach der Pause war vor Brahms und alles machte sich bereit für romantische Lustigkeit. Nachdem zuvor Solisten und eine Komponistin im Fokus standen, konnte man sich in der Beobachtung nun vollständig Ivor Bolton und dem Orchester widmen. Brahms’ 2. Sinfonie ist eine seiner bekannteren. Und sie wurde ganz ordentlich gespielt. Allerdings, obgleich man manchmal meinte, im Orchester eine Art Freude über den Saisonstart zu spüren, war es doch eine eher verhaltene Interpretation. Es passte alles, war richtig gespielt – nur etwas zurückhaltend. Die Tempi waren durchschnittlich, ebenso die Dynamik. Ivor Bolton war wie gewohnt sehr souverän, aber eben auch etwas stoisch und verlangte weder sich selbst, dem Orchester noch dem Publikum wirklich etwas ab. Es schien wie eine Interpretation, bei der man auf der sicheren Seite sein wollte. Risiken wurden keine eingegangen und spielerische Ausbrüche sowie Aufdrücken eines eigenen Stempels waren wenig spürbar. Man hoffte, während der Sinfonie, dass es doch noch etwas ungestümer, eigenwilliger werden könnte; ein bisschen frecher, verspielter, affektierter und pathetischer. Effekte, die das Sinfonieorchester Basel – auch mit Ivor Bolton – in der Vergangenheit schon demonstrierte. Doch, um der Worte nicht zu harsch werden, soll gesagt sein, dass das Stück sehr gut gespielt war. Brahms’ Zweite ist dafür auch ein dankbares Werk, das schon allein des Renommees, aber auch der Musik wegen Grandiosität hervorruft und jeden Konzertabend gebührend vollendet. Man wird mitgerissen von den letzten Takten, die Schlussnoten verstummen, man atmet auf – der Saisonauftakt ist vollbracht. Zurück bleibt, nebst intensivem Sinnieren über das eben gehörte, eine Vorfreude. Vorfreude auf das kommende Programm, auf die Composer und Artist in Residence, auf weitere Abende mit Ivor Bolton und anderen Gastdirigent*innen. Vorfreude auf die Spielzeit 23/24!

“FLUID, ELECTRIC, AND COLORFUL”

BY PIERRE-NICOLAS COLOMBAT

In its opening event of the season, the Sinfonieorchester Basel shined bright through effective programming, exciting personnel, and vibrant playing. It was an ambitious menu in terms of its length: the first half lasted one hour and one the other side of the pause loomed the vast second symphony of Brahms. The breadth of the music on offer however was compensated for with fluid, electric, and colorful performances of rather varied repertoire.

The evening opened with a coup of musical champagne: the Jussen Brother’s performance of Mendelssohn’s concerto for two pianos. Their smiling and spritely entrance on stage immediately caught the eye, lighting the room with energy and the dazzling performance that followed delivered on what their image promised. Bolton’s orchestra proved excellent servants to the soloists both in dynamic sensitivity and flexibility in rubato. One might be slightly off-put by some of the young duo’s gesticulations but their pearly pianism convinced enough in this well-suited repertoire. It is hard to imagine a more immaculate performance of the art of two-piano playing and Mendelssohn certainly makes it a challenge with his rapid figurations. The only down side of this crystalline clarity is that every move seemed to be forecasted and the performance lacked a touch of the improvised lyricism that is typical of this period’s pianism. This hardly takes away from the great success of the brother’s performance and the audience practically begged them for an encore.

Unsuk Chin’s first entry as composer in residence, Alaraph «Ritus des Herzschlags» (2022), proposed a vastly different experience of what concert music can be. Gone were the pyrotechnics of 19th century virtuosity and lyricism. For all it’s difference’s from the Romantic century’s musical vocabulary, there nonetheless remains the idea that interiority, in it’s deepest sense, is a doorway into the vastness of Nature, and visa versa. In this case however, 19th century Nature is replaced with outer space. Sonically, the piece was a sort of orchestral dialogue between pitched and non-pitched sounds with Bartok pizzicati serving as a timbral bridge between the two poles. The ritual aspect of the work was also visual heightened by the five percussionists simultaneously using cymbals in a semi-circle at the back of the stage in a sort of druid-like manner. The heart-beat rhythm throughout provided a centering human element, if subconscious, amongst an otherwise colorful but arid landscape.

To be faced with Brahms’s Op. 73 over one hour after the start of a concert is a potentially daunting proposition for any listener. Notorious for his motivic richness and certain interpreter’s proclivity to create overly fatty orchestral textures, Brahms sometimes comes off as belabored and heavy. For this reason, it was refreshing to see Bolton’s relatively lean orchestra take the stage for the second half of the show. Already in the opening horn motif, it was clear that the conductor’s approach would be diligent in its respect of Brahms’s slur markings and this allowed for a wonderful thinning of the orchestral texture and lubricated the piece’s gentle forward flow. This is the sort of approach that makes the decision to take the exposition repeat (always a good choice, especially in Brahms), much more bearable and enjoyable. All while being loyal the expression of each musical idea, the group’s overall rendition was touching and fun! What an unusual and refreshing word to use when talking about Brahms. Not only did this spirit harken back to the evening’s opening with the buoyant Dutch duo, it served a bright send- off for the upcoming season!

Sinfonieorchester Basel


Sinfonieorchester Basel

Du bist gefragt! Die Texte sind entstanden im Rahmen des Programms “Young Critics” des Sinfonieorchesters Basel. Vorgaben zur Textgattung gibt es keine, sogar Gedichte sind möglich. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und mit einem Betrag von 50 CHF vergütet. Bewerbungen an: l.vaterlaus@sinfonieorchesterbasel.ch. Übrigens: Für Studierende mit Studi-Abo kostet ein Konzertbesuch nur 10 CHF!

Bild: Sinfonieorchester Basel

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