Young Critics: Sinfonieorchester Basel CELLO ON THE ROCKS

Vier Young Critics-Rezensionen zum Sinfoniekonzert „Cello on the Rocks“ vom 23./24. November des Sinfonieorchesters Basel. Von Pierre-Nicolas Colombat, Iulia Malaspina, Pau Fernández Benlloch und Claudia Reyes Segovia

UNTRENNBARE KÄLTE

„Nicolas Altstaedt und der Dirigent Krzysztof Urbański arbeiteten zusammen, um einen Wandteppich aus Klangtexturen und -landschaften zu weben, der den deutlichen Einfluss Ligetis auf Hillborg zeigte. Das Ergebnis war eine reiche Ausdehnung von Klangwelten, die an die weniger dicht besiedelten, aber nicht weniger lebendigen Landschaften Skandinaviens erinnerten.“

VON PIERRE-NICOLAS COLOMBAT

Am Mittwoch, 23. November 2022, strömten etwa 800-900 Konzertbesucher in dicken Mänteln in das leuchtend rote Foyer des Stadtcasinos Basel. Während die Kühle des Herbstes dem Biss des Winters zu weichen begann, nahm das Publikum Platz und bereitete sich darauf vor, Musik von zwei Komponisten zu hören, deren Nationalitäten untrennbar mit der Kälte verbunden sind: Der schwedische Komponist Anders Hillborg (*1954) und der Sowjet-Russe Dmitri Schostakowitsch (1906-75). Die einzige Musik des Abends, die einen Hauch von echter Ausdruckswärme ausstrahlte, waren die Trois Strophes sur le nom de Sacher von Henri Dutilleux, die als Zugabe von Nicolas Altstaedt, dem Cellosolisten des Abends, gespielt wurden.

Als erstes Werk stand die Schweizer Erstaufführung von Hillborgs Konzert für Cello und Orchester auf dem Programm. Trotz des eher generischen Titels des Werks, der an Formen des 19. Jahrhunderts erinnert, weist diese Komposition aus dem Jahr 2020 nur wenige der üblichen Merkmale eines Concertos auf. Abgesehen von der Tatsache, dass der Solist vor dem Orchester sitzt. Vor allem spürte man eine echte ästhetische und expressive Einheit zwischen den Rollen des Solisten und des Orchesters; Alstaedts erster Auftritt zum Beispiel glich eher einem fast unmerklichen Auftauchen aus der Textur des Orchesters. Von dem heroischen Kampf, der für andere berühmte Konzerte typisch ist, war nichts zu spüren. Stattdessen arbeiteten Altstaedt und der Dirigent Krzysztof Urbański zusammen, um einen Wandteppich aus Klangtexturen und -landschaften zu weben, der den deutlichen Einfluss Ligetis auf Hillborg zeigte. Das Ergebnis war eine reiche Ausdehnung von Klangwelten, die an die weniger dicht besiedelten, aber nicht weniger lebendigen Landschaften Skandinaviens erinnerten.

Nach der Pause machte Hillborgs Konzert, das jede Spur einer individuellen Erzählung auszulöschen schien, Platz für Schostakowitschs 10. Sinfonie. Ein Werk, das unmöglich ausserhalb seines biografischen Kontextes betrachtet werden kann. Kurz nach dem Tod Stalins veröffentlicht, ist die 10. Sinfonie ein gewaltiges Werk, sowohl was die Länge als auch die Orchestrierung und den expressiven Inhalt betrifft. Schostakowitsch, der offenkundig gegen die Strenge des sowjetischen Regimes kämpfte, ist bekannt für die Ironie, die manchmal versteckt ist und manchmal auch aus seiner Musik tropft. Urbański betonte in seiner Interpretation die leichten Qualitäten dieser Ironie zu sehr, auf Kosten der erdrückenden Realität, die Schostakowitsch dazu zwang, die Ironie als eines seiner zentralen Ausdrucksmittel einzusetzen. Nichtsdestotrotz lieferte das Orchester eine mitreissende Vorstellung des zweiten Satzes, und das Publikum belohnte die Bemühungen des Ensembles mit tosendem Applaus.

NICHTKENNER DER NEUEN MUSIK ‹ON THE ROCKS›

„Das Entdeckerprogramm war gerade für solche, die nicht mit der Neuen Musik aufgewachsen sind, eine gute Gelegenheit, um ihre Verfechter zu erleben.“

VON IULIA MALASPINA

Es gibt Personen, die in ihrer Kindheit mit der klassischen Musik aufgewachsen sind. Sie kamen sich komisch vor, wenn sie mit anderen Kindern sprachen und merkten, dass es eigentlich nicht normal ist, mit sieben Jahren Maria Callas zu kennen und keine Ahnung von Katy Perry zu haben. Als sie gross wurden, verwandelte sich plötzlich ihre Albernheit in ein Statussymbol.

Es gibt aber auch Personen, die in ihrer Kindheit mit der sogenannten Neuen Musik aufgewachsen sind, wie zum Beispiel Nicolas Altstaedt. Die mögen die Neue Musik von sich aus, weil sie daran gewöhnt sind, wie Altstaedt im Rahmen des Entdeckerprogramms am 23. November 2022 vor dem Konzert ‹Cello on the Rocks› erzählte. Ist also das Empfinden von Schönheit eine Frage der Gewohnheit?

Das Entdeckerprogramm war gerade für solche, die nicht mit der Neuen Musik aufgewachsen sind, eine gute Gelegenheit, um ihre Verfechter zu erleben. Dort beschrieb sich der ‹Composer in Residence› Anders Hillborg als Handwerker des Klanges, der ohne Anspruch auf Originalität oder Genie Verschiedenes ausprobiert. Dennoch hafteten an seinem Selbstporträt Spuren eines Bohemiens, der lieber die Armut in Kauf nimmt, um sich seiner Kunst – nein, seinem Handwerk – zu verpflichten, als den einfachen Weg der ökonomischen Stabilität zu wählen. Er erzählte, dass in seinem kreativen Prozess des Komponierens die wertende Unterscheidung zwischen E- und U-Musik (ernster Musik und Unterhaltungsmusik) keine Rolle spiele. Es gäbe vielmehr schlechtere und bessere Musik, darin waren sich Altstaedt und Hillborg einig. Am Ende des Gesprächs hätte man die Gelegenheit gehabt, Fragen zu stellen, was eigentlich für die Anwesenden die inhaltlich wertvollste Chance im Entdeckerprogramm darstellt, da der grösste Teil der geführten Unterhaltung auch im Programmheft nachzulesen ist. Man hätte beispielsweise fragen können: Was macht dann bessere und schlechtere Musik aus? Gilt das Geniessen klassischer Musik als Statussymbol, weil sie nur Ohren zugänglich ist, die darauf trainiert wurden und dieses Training eher in gehobeneren Kreisen möglich ist? Gilt das dann auch für die Neue Musik, so, dass das Geniessen der Neuen Musik vielleicht das Statussymbol von morgen wird? Das würde heissen, dass es genügt, immer wieder Neue Musik zu hören, um sie eines Tages geniessen und sogar schön finden zu können. Wenn also Nichtkenner der Neuen Musik die Kombination von Hillborg und Schostakowitsch an jenem Abend als anspruchsvoll erlebt haben, liegt es vielleicht einfach nur an ihrer Kindheit.

ET IN ARCADIA EGO

„It was music that spoke directly to us and our reality without interferences.“

BY PAU FERNÁNDEZ BENLLOCH

This Latin idiom comprises with utter perfection the irreconcilable positions that arise when music unfolds as a social function towards the power of reality itself. This program was a beautiful dialectical fight between two men who passionately shouted out loudly what music meant for them, and it made us make a choice, or, at least, make the effort to understand the possibilities that were so honestly presented at us, poor audience, which peacefully entered the cozy concert hall. Paradise and death, evasion and confrontation, memory and reality. Not any simple words to get acquainted with.

Hillborg’s music inhabits a distance place, foreign to us all, but at the same time profoundly wished and desired. A landscape that almost appears as imaginary of waves of all colors, endless plains, and whirling winds. A kind of earthy Arcadia, a way of escaping reality in reality, a sort of meta-reality. In a convulse time, this is the biggest aim of desires, it fulfills a certain self-condescendence and fetishism which somehow guides daily life and utopia. It is the dream of the common man, the wish of improvement, the promise of paradise, but alas it is only real for a few. This is music that plays on the border between reality and dream, and in that border is where the pantomime of all kinds of utopia are displayed, a pantomime which can be translated into many languages and names, a cloud which makes reality appear as a product of will.

But ego sum. Like in the Poussin’s paintings, even in the most elusive of Arcadias, death reigns as an almighty anti-God, as the germinator of life and its cycles. And in that sudden opening of eyes after the dream is where Shostakovich’s music finds its most natural ecosystem. The continuous dialectics between will and possibilities, desire and fact make a certain truth arise: material conditions limit ourselves to the deepest of our perception, and in that unmerciful violence is where life takes place. And that life is also brutally depicted in sounds, it becomes almost awfully intimate: we read a personal diary which appears to show itself as a complete inner world. In that sense, Mahler shadow overlooks at the symphony where private details are cryptically revealed: prohibited love stories, personal statements, bitter irony of reality as a closure… But when putting all of that in between the boundaries of reality, his inner self doesn’t just observe or apprehend, it fights, it speaks up against the terrible conditions of that time and place. Now, in the contrast between that engrossed world of the ego and the punitive qualities of reality is also where the contradiction between conflict/resolution, teleological, universalist dialectics of XVIIIth and XIXth century form idioms and the almost pornographic revelations of the symphony take place. If Shostakovich is a formalist, he will only be it in that sense.

This program was definitely music for our times, a way of acquiring a deeper understanding of what war, compromise, need of protection and self-care mean. It was music that spoke directly to us and our reality without interferences.

OVERCOMING TRADITION

„Nicolas Altstaedt was the perfect soloist chosen to perform a piece as this one.“

BY CLAUDIA REYES SEGOVIA

The ‹Cello on the Rocks› concert happening on 23 November 2022 at Stadtcasino Basel was definitely remarkable in different senses. The first piece, Konzert für Violoncello und Orchester by Anders Hillborg – did it really feel like a cello concerto? The ‹Composer in Residence› managed again to transcend classical music as we understand it and proposed, probably, a different idea of a concerto, giving birth to a piece where the soloist part was in fact part of a big (chamber music) work. Nicolas Altstaedt was the perfect soloist chosen to perform a piece as this one. His way of being a soloist in front of an orchestra is based on real communication with all the different instrumental parts of the piece, interacting and reacting to the orchestra part as if it was a giant chamber music piece (this behavior, which is less common than many of us would like, of a soloist was evidenced when we saw Altstaedt joining the cello section of the orchestra in the second part of the concert). Possibly, that’s why Krzysztof Urbański went almost unnoticed in the first part of the concert, he just passed by helping with the communication between all the parts of this piece, letting all the leadership to all the musicians on the stage.

After the break, the conductor who appeared in the scene was somehow different. By how he entered the stage you could already feel that now he would take the leadership to show us his side of the story of the masterpiece by Shostakovich. We could see how impressively he got on the podium without any score, willing to deal with this colossal piece and how when he raised his hands, all the energy on the stage was concentrated in them, and it was at this exact moment when he was ready to start his speech,without words, through dance into music. His version of the piece was full of energy, not only in the parts that could be obvious, but also in the most intimate moments, creating special occasions with just the perfect atmosphere for the naked themes of the winds, which the different wind soloists knew how to take profit of it and gifted us, the audience, with precious interpretations.

As I told in the beginning, the concert was remarkable in many senses, but from my point of view, what was absolutely impressive and what makes me think (again) about the role of a conductor, was how he managed the energy through his conducting dance/trance, not only regarding the musicians on the stage, but also with the whole audience, to truly influence our spirit.

Sinfonieorchester Basel


Sinfonieorchester Basel

Du bist gefragt! Die Texte sind entstanden im Rahmen des Programms „Young Critics“ des Sinfonieorchesters Basel. Vorgaben zur Textgattung gibt es keine, sogar Gedichte sind möglich. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und mit einem Betrag von 50 CHF vergütet. Bewerbungen an: l.vaterlaus@sinfonieorchesterbasel.ch. Übrigens: Für Studierende mit Studi-Abo kostet ein Konzertbesuch nur 10 CHF!

Bild: Sinfonieorchester Basel

Kommentar verfassen