Wenn der Nachhaltigkeits-Gedanke im Seminar aufhört

Die Universität hat sich der Schaffung einer besseren (Um)welt verschrieben. Dabei ist sie jedoch alles andere als konsequent. Von Florian Zimmermann

Wer sich einmal im Frühlingssemester im Café des Kollegienhauses verpflegt hat, dem wird nicht entgangen sein, welchen Wandel dieses kleine Bistro in relativ kurzer Zeit durchlaufen hat. Am Kaffeeautomaten klebt ein laminierter Zettel mit dem dezenten Vorschlag, der Koffeinbedürftige könne natürlich auch seine eigene Tasse mitbringen und auf diese Weise zum Umweltschutz beitragen. Das frühere Plastikbesteck wurde durch Gabeln und Löffel aus biologisch abbaubarem Material ersetzt.

Doch damit nicht genug: Birchermüsli und Salate finden sich neu in Einmachgläsern statt in Plastikbechern. Dass diese Einmachgläser auch den Weg zurück zum Café finden, ist wohl dem Depot von zwei Franken geschuldet. Nicht mal ein Prozent der Naturalien im Bistro, so der Hinweis am Eingang, seien im Flugzeug gewesen.

Dozierende dulden oft keine Laptops

Die Universität Basel zeigt sich im Sinne der Nachhaltigkeit vorbildlich, zumindest in jenen Bereichen, wo es nicht ums Daily Business geht. Denn in den Seminaren weht ein anderer Wind. In zwei der von mir im Frühlingssemester besuchten Proseminare stellten die Dozierenden an der ersten Sitzung klar, dass keine Laptops, Tablets oder andere elektronische Hilfsmittel geduldet sind.

Doch damit nicht genug: Handouts, die bei Referaten üblich sind, werden ausgedruckt und verteilt, jedoch nicht von allen Dozenten hochgeladen. Konzepte für wissenschaftliche Arbeiten müssen zum Teil in die Sitzung mitgebracht werden, statt sie sinnvollerweise per Mail dem Dozenten zuzustellen. Das Verbot elektronischer Medien wird von den Dozierenden mit der von ihnen gemachten Erfahrung begründet, dass die Diskussionen lebendiger und die Studierenden aufmerksamer seien.

Zudem würden Studien belegen, dass man sich gelesene Textstellen besser merken kann, wenn sie räumlich, also auf einem Blatt Papier, beispielsweise unten links, lokalisierbar sind.

Papierkrieg im Studium

Dass man in den Fächern Deutsch und Geschichte einiges zu lesen hat, überrascht den Studierenden nicht, dass er aber alles auszudrucken und in die Sitzung mitzubringen hat, umso mehr. Zumal im Leitbild für Nachhaltigkeit der Uni Basel, welches übrigens auf der Homepage aufgeschaltet ist, Folgendes festgehalten wird: «Alle Angehörigen der Universität streben einen sparsamen Verbrauch an Energie, Wasser und anderen Ressourcen an.»

Dass sich pro Seminar rund 20 Studentinnen und Studenten für jede Sitzung im Schnitt circa zehn doppelseitig bedruckte Blätter ausdrucken müssen, erscheint mir doch weit entfernt von dem Gedanken der Nachhaltigkeit.

Dieser Anspruch, den sich die Uni im Jahr 2012 mit diesem Leitbild vorgab, wird im gleichen Dokument noch präzisiert: «Sie vermeiden bzw. reduzieren umwelt- und gesundheitsbelastende Emissionen und Abfälle so weit als möglich und führen dennoch anfallende Abfälle der Wiederverwertung bzw. einer umweltgerechten Entsorgung zu.» Dass sich pro Seminar rund 20 Studentinnen und Studenten für jede Sitzung im Schnitt circa zehn doppelseitig bedruckte Blätter ausdrucken müssen, erscheint mir doch weit entfernt von dem Gedanken der Nachhaltigkeit.

Die Universität verfügt über einen breit gestreuten W-Lan-Zugang und über eine schnelle Internetverbindung. Mit «Adam» besitzt sie zudem eine übersichtliche Plattform, die genügend Speicherplatz für Datenmaterial bietet.

Rückschritt statt Fortschritt

Aus Gesprächen mit Dozenten erfuhr ich, dass sie nur eine beschränkte Anzahl Blätter pro Semester ausdrucken dürfen. Die Stossrichtung könnte klarer nicht sein: Die Universität steuert eine digitale und vor allem papierarme Informationsversorgung der Studenten an, die ohnehin mit elektronischer Technik und den neuen Features aufgewachsen sind.

Die Stossrichtung scheint aber nicht in alle Äste vorgedrungen zu sein. Wenn die Dozenten den Druckauftrag lediglich den Studierenden weiterreichen und auf das gedruckte Papier beharren, so unterlaufen sie einerseits das Leitbild für Nachhaltigkeit, vor allem aber die Strategie der Universität.

Es mag durchaus sein, dass sich gewisse Studenten der Möglichkeit hingeben, sich dem Inhalt des Seminars mittels Computer zu entziehen. Allerdings sollte dies nicht mehr die Sorge der Dozenten sein. Wer in unserem Bildungssystem auf tertiärer Stufe angelangt ist, sollte genügend Reife besitzen, mit den technischen Möglichkeiten verantwortungsvoll umzugehen, zumal der Studienabschluss Ziel des Studierenden und nicht des Dozenten ist.

In einer Zeit, in der mittels smarten Computern samt Bluetooth-Stift das Papier praktisch komplett ersetzt werden könnte, macht ein Verbot elektronischer Medien keinen Sinn.

Sollte dieses jedoch an der Universität Basel Schule machen, erleben wir wohl eher einen nachhaltigen Rückschritt, statt eines ökologischen Fortschritts.

Eine Antwort auf „Wenn der Nachhaltigkeits-Gedanke im Seminar aufhört“

  1. Das greift etwas zu kurz. Papier ist nicht zwangsläufig weniger ökologisch als Laptop oder Tablets, wie u.a. die ZHAW zeigen konnte und wie auch andere Studien zeigen. Die Sache ist da etwas komplexer, als es auf den ersten Blick erscheint. Ferner noch eine Bemerkung am Rande: Sind es nun Studenten oder Studierende? Und wenn es Studierende sind, weshalb dann nicht auch Dozierende?

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