Die Hure und die Heilige

Liebe Damen, ich muss jetzt mal was klarstellen:
„Ihr seid in meinem Job oft viel mühsamer als Männer.“
Von Amber Eve

„Waaaas?“, sagst du jetzt. „Das kann ich mir gar nicht vorstellen. Schliesslich musst du ja sonst immer für betrunkene Rüpel tanzen, die hässlich und schwanzgesteuert sind, und keinen Respekt vor dir haben. Frauen sind da doch sicher viel besser!“ Und da fängt das Problem schon an.
Zum Einen ist es mir relativ egal, wie attraktiv meine Klienten sind – um in Kontakt zu treten spielt es für mich keine Rolle, ob dir Haare aus den Ohren wachsen oder nicht. Zum Anderen ist es gerade bei besonders attraktiven Männern (und Frauen) etwas schwieriger, Respekt einzufordern: „Weisst du Baby, eigentlich habe ich das hier gar nicht nötig. Ich kann jederzeit haben, was ich will, denn ich sehe toll aus und alle stehen auf mich. Eigentlich solltest du mich zahlen, hahaha.“ Super für dich, aber ich gehe auch nicht in den Supermarkt und beschwere mich, dass ich hier für Lebensmittel zahlen muss, wo ich sie doch bei Mutti einfach so aus dem Kühlschrank nehmen kann. Du hast dich in ein Setting begeben, wo du eine Dienstleistung in Anspruch nimmst, und das kostet nun mal Geld – und ein gewisses Mass an Respekt.

Zurück zu den Frauen. Oftmals können sie sich gar nicht vorstellen, dass ihr Verhalten problematisch ist. Einen Mann, der sich daneben benimmt, darauf aufmerksam zu machen und in seine Schranken zu weisen, ist meistens einfacher. Denn irgendwie ist da nämlich schon angekommen, dass man sich als Mann gegenüber Frauen halbwegs anständig benehmen sollte, auch wenn man sich im Rotlichtmilieu befindet. Frauen hingegen glauben oft, dass sie einen Sonderstatus haben, und werden dadurch unfreiwillig viel anstrengender.

Versteh mich nicht falsch: Ich begrüsse es sehr, wenn auch Frauen sich in Strip Clubs trauen – nicht nur, weil ich dann mehr Kundschaft habe. Aber nur, weil du auch eine Vagina hast oder dich für besonders offen hältst, gelten für dich nicht andere Regeln.
Aber was genau ist denn jetzt so anstrengend?

Typ I: Die Bachelorette-Partyhenne

Sie kommt in den Club gestürmt mit einer pinken Federboa und Krönchen auf dem Kopf. Lauthals wird nach Shots gerufen und ignoriert, was sonst gerade im Club passiert. Als ich auf der Bühne tanze, jubelt die Gruppe wie wild und schreit „YAAAAS QUEEN!“ – Trinkgeld gibt es keines. Im Rudel fühlt sie sich stark und wild – aber wenn ich sie anspreche und einen Lapdance vorschlage, kichert sie und schaut schnell weg. Im Club herum hüpfen und sich aufregend fühlen – Ja . Meine Arbeit finanziell würdigen und vielleicht sogar in eine Situation eintauchen, die intensiver und tatsächlich lustvoll sein könnte – bloss nicht!

Typ II: Die Eingeschüchterte

Wahrscheinlich kam sie nicht freiwillig in den Club, sondern wollte ihren Freunden beweisen, dass sie auch cool und offen sein kann. Nun bewacht sie stumm ihren Freund, den sie direkt markiert hat, indem sie sich quasi auf ihn gesetzt hat. Zwar wirft sie mir eisige Blicke zu, die sagen sollen: „Finger weg, er gehört mir!“, traut sich gleichzeitig aber nicht, mich wirklich anzusehen – und ihr Freund daher auch nicht. Ich bin übrigens genauso wenig daran interessiert, ihr eben jenen zu stehlen, wie eine Kindergärtnerin daran interessiert ist, den Eltern die Kinder wegzunehmen.

Typ III: Das Möchtegern-Showgirl

Oft Teil der Partyhennen-Gruppe. Angeheitert und ungehemmt durch übermässigen Alkoholkonsum stürmt diese Sorte Frau früher oder später die Bühne, um sich enthusiastisch um die Stange zu schwingen.
Girl – don’t do it. Ich gehe schliesslich auch nicht auf eine Baustelle und hämmere eine Runde mit, weil das so cool aussieht.
Abgesehen davon, dass es nicht ganz ungefährlich ist, sieht es meistens eher peinlich und weitaus weniger sexy aus, als du vielleicht denkst. Zweitens zeugt es von einem Mangel an Respekt gegenüber den Frauen, die tatsächlich auf diese Bühne gehören und dafür bezahlt werden sollten. Wenn du tanzen willst, gehe in ein Tanzlokal. Wenn du Aufmerksamkeit möchtest, wende dich an deine Freunde. Und wenn du dich wie eine Stripperin fühlen möchtest, gehe in einen Poledance oder Burlesque Kurs – oder verdiene dein Geld tatsächlich mit Strippen. Dann musst du aber auch alle anderen Aspekte, die dazu gehören, konfrontieren.

Typ IV: Die Pseudo-Feministin

Auf den ersten Blick ist dieser Typ der angenehmste. Augenscheinlich offen und interessiert geht sie auf mich zu und stellt mir neugierig allerlei Fragen über meinen Beruf. Früher oder später merke ich aber, dass in den meisten ihrer Aussagen und Fragen unbewusste Kritik versteckt ist. „Ich könnte das also nicht.“ „Machst du das wirklich freiwillig?“ „Was sagen denn deine Freunde dazu?“ 


Ich gebe mir dann Mühe, etwas Aufklärungsarbeit zu leisten und freundlich zu sein. Leider versteht Typ IV nicht, dass auch das eine Dienstleistung ist und ich am arbeiten bin. Auch wenn wir freundschaftlich reden, ist meine Zeit nicht gratis – Trinkgeld gibt es von diesen Frauen aber eigentlich nie. Ein Zeichen dafür, dass meine Antworten auf ihre Fragen nicht wirklich angekommen sind.

Typ V: Die Überkompensatorin

Ähnlich wie die Eingeschüchterte fühlt sich diese Sorte Frau eigentlich unsicher im Stripclub, hat aber eine andere Strategie entwickelt: masslose Überkompensation. Sie verhält sich wie ein Pascha und gibt ihrem Freund grosskotzig einen Lap Dance aus – während ich tanze, berührt sich mich dabei so ziemlich überall, denn „erstens bin ich auch eine Frau, und zweitens habe ich für das bezahlt.“ In meine Rolle als wilde Frau, die sich offen zeigt, stelle ich für sie eine Bedrohung dar. In ihrem Bestreben, sich stärker zu fühlen und die Kontrolle über die Situation zu erhalten, überschreitet sie deshalb viel öfter Grenzen.

Teil Hure und Teil Heilige

Warum ist es für viele Frauen so schwierig, sich im Stripclub wohlzufühlen? Es gibt die Theorie, dass jede Frau einen Teil Hure und einen Teil Heilige in sich trägt. Eine Heilige zu sein ist in unserer Gesellschaft aber weitaus besser akzeptiert und von den meisten Frauen integriert. Der Archetyp Hure ist eher im Verborgenen, und bringt alle Arten von Assoziationen mit sich: Das verruchte Vamp, das den Männern das Geld aus der Tasche zieht und dabei wild und hemmungslos ihrer Lust folgt. Irgendwie faszinierend – aber auch ein bisschen gruselig für die meisten. Auch das ist einer der Gründe, warum Menschen in Stripclubs gehen. Und auch, warum das Möchtegern-Showgirl nach ein paar Drinks auf die Bühne stürmt. Beide Teile wollen gespürt und gelebt werden – wird ein Teil unterdrückt, entsteht ein innerer Konflikt. Und genau dieser Konflikt wird spürbar, wenn sich vor dir eine halbnackte Frau in Plateauschuhen lasziv an einer Stange räkelt.
Also was tun?

Es ist eigentlich gar nicht so schwer: Entspann dich und akzeptiere, dass du dich vielleicht erst einmal ein wenig komisch fühlst. Schau genau hin und beobachte, was in dir passiert, und wie du versuchst zu urteilen, um der Verunsicherung zu entgehen. Erlaub dir, einer anderen Frau einfach mal auf die Brüste zu schauen – egal ob die echt sind oder nicht. Lass dir von deinen Freunden einen Lapdance ausgeben und begib dich auf eine sexy Achterbahnfahrt. Sei wild auf deine eigene Art, und steck der Dame neben dir Bargeld in den G-String. Und wenn du Glück hast, stellst du dann fest, dass das alles richtig viel Spass machen kann.

Beitragsbild: Amber Eve