Poesie ist Seelenstriptease in seiner ästhetischsten Form

Gedichte sind mehr als die verstaubte Maturalektüre, die man Wort für Wort analysieren musste. Ein Liebesbrief an die Poesie. Von Sophie De Stefani

Poesie. Keine andere Kunstform lässt so tief in das Innenleben des Künstlers blicken wie du. Mit dir entblösst er sich vor der Welt, lässt uns an seinen intimsten Gedanken teilhaben, wenn er über die Liebe, den Tod oder die Einsamkeit schreibt.

Ein Fremdling, stumm vor unverschlossenen Zonen

Fror ich mich durch die finsteren Jahre.

Zur Heimat erkor ich mir die Liebe.

Mascha Kaleko, Die frühen Jahre

Nie aber stellst du uns vor nackte Tatsachen. Du schützt dich, indem du dich mit surrealen Bildern und Metaphern bedeckst. Nicht immer wissen wir sofort, was du uns sagen willst. Was, wie du weisst, einen grossen Teil deines Reizes ausmacht, du liebst das Mysterium. Und so müssen wir schon selbst herausfinden, was gemeint ist, wenn von „Gestundeter Zeit“ oder „zerbrochener Musik“ die Rede ist. Nun, vielleicht müssen wir das auch nicht. Vielleicht genügt es schon, wenn wir für uns einen Sinn hinter diesen Bildern entdecken.

Poesie. Nicht nur den Poeten, auch uns selbst lernen wir durch dich besser kennen.

Wir lassen den Dichter Worte für uns suchen, um etwas zu verstehen, was wir nicht ausdrücken können, von dem wir vielleicht nicht mal selbst wussten, dass es in uns steckt.

Wir können spüren, wann wir traurig oder glücklich sind, meistens wissen wir auch, wodurch diese Gefühle ausgelöst wurden. Aber erst wenn wir von der „sehnsuchtsverrenkten Prinzessin“ lesen, erkennen wir die Wirkung, die diese Sehnsucht auf uns ausübt. Du sagst: „Sehnsuchtsverrenkt“, wir  sehen verdrehte Körper, sehen Menschen, die verzweifelt nach einem unbestimmten Ziel greifen.

Poesie. Du verstehst es, selbst die schrecklichsten Dinge schön darzustellen. Manchmal bist du grausam, aber stets elegant und würdevoll. Du verzichtest auf billige Effekthascherei, sondern suchst die Worte, die das Grauen möglichst deutlich beschreiben. Entgegen aller Zweifel beweist du, dass du Tragik beherrscht, sowie Paul Celan bewiesen hat, dass es sehr wohl möglich ist, Gedichte nach Auschwitz zu schreiben.

Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus  Deutschland

er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft

        dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng     

Paul Celan, Todesfuge

Manche beschreiben dich als dekadent, als Privileg der Bildungselite. Zu altmodisch, zu verstaubt könntest du dem gemeinen Volk heutzutage nichts mehr bieten. Wie unrecht sie haben, zeigt die blühende Poetry-Slam Szene, zeigen junge Flüchtlinge, denen du eine Stimme gegeben hast. Du machst es uns möglich, jenseits unserer Kulturen miteinander zu kommunizieren, kennst weder Länder- noch Altersgrenzen. Du bringst uns zusammen.

Wir sind ja weggegangen, schwieriger wird es zurückzukehren. 

Das ganze Sich-Zerreißen, für ein bisschen Ruhe. 

Nicht meine Ruhe. 

Die Ruhe meiner Familie.

Yasser Niksada

Poesie. Du bist immer noch lebendig und für jeden da, der sich mitteilen will. Du bist nicht „schwierig“, folgst keinen abstrakten Gesetzen, die nur Eingeweihten verständlich sind. Deine Kunst beruht auf Intuition. Germanistikprofessoren mögen dich in abgeschotteten Elfenbeintürmen sezieren so viel sie wollen, wirklich begreifen werden dich nur diejenigen, denen das Leben Empathie beigebracht hat.

Poesie. Du Schwester der Musik, du tanzt mit dem Rhythmus der Worte Spuren in unser Gedächtnis. Wir erinnern uns an deine Melodie, in der Jambus und Trochäus gemeinsam den Ton angeben. Du kokettierst mit dem Rhythmus wie mit den Worten, mal schneller, mal langsamer. Manchmal kommst du aus dem Takt, doch das macht nichts, die Unbeholfenheit kaschierst du mit dem gehobenen Wort  „Enjambement“.

Poesie. Du bist schön, verführst durch deine Schönheit, erschreckst durch deine Ehrlichkeit und manchmal rührst du uns zu Tränen, weil du uns so nah bist.

Poesie: äusserlich eine Femme fatale, aber in Wahrheit so verletzlich und schüchtern wie wir.

Bild von Pixabay.

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