Der ewige Krieg in Afghanistan IV

Ein Rückblick auf die Geschichte Afghanistans von 1978 bis 2021 und was uns diese lehrt. Teil IV – Ein Abgesang auf den Universalismus. Von Florian Zoller

Im Teil I wurde der Beginn der afghanischen Tragödie erläutert. Es wurde nachgezeichnet, wie es zum Ende der friedvollen Monarchie kam und was die Gründe für die sowjetische Intervention waren.

Im Teil II wurde anhand des Sowjetisch-Afghanischen Krieges die Entstehung der Taliban nachgezeichnet.

Im Teil III wurde die erste Herrschaftsphase der Taliban (1996-2001), die US-amerikanische Besatzung (2001-2021) sowie die erneute Machtergreifung der Taliban thematisiert.

Wie weiter in Afghanistan?

Nach der erneuten Machtergreifung der Taliban scheinen wir wieder am gleichen Punkt wie anno 1996 zu stehen, sprich, es gibt zwei Befürchtungen: Erstens könnten die Taliban dort, wo sie herrschen, eine totalitäre Theokratie errichten und ihr Gebiet als Rückzugsort des internationalen Terrorismus zur Verfügung stellen. Zweitens könnten die Taliban auf Widerstand stossen und nicht alle Gebiete erobern können. Der endlose Bürgerkrieg im Land würde also weitergehen.

Ein Unterschied jedoch, der gegen diese zwei Befürchtungen sprechen würde, ist der Umstand, dass anders als in den 1990iger-Jahren alle Augen auf Afghanistan gerichtet sind. Neben den USA sind es auch China und Russland, denen die Zukunft Afghanistans nicht egal sein wird.

Dies könnte auch erklären, warum die Taliban bis dato überraschend versöhnliche und moderate Töne ausgesprochen haben. Nur sind diese Worte mit äusserster Vorsicht zu geniessen. Es sind bereits Meldungen durchgedrungen, die von aussergerichtlichen Exekutionen, dem Verbot von Musik oder dem Ausschluss von Frauen aus der Öffentlichkeit berichten.

Die Taliban sind nicht weniger fundamentalistischer als früher, doch sie haben dazugelernt und müssen notgedrungen pragmatisch agieren. Man mag ein Land zwar mit Kalaschnikows erobern, aber regieren muss man mit einem ökonomischen Programm, welches von der Bevölkerung getragen wird. Um langfristig an der Macht bleiben, genügt es nicht, einfach nur gegen die ehemalige, korrupte Regierung oder gegen die verhasste US-Besatzung zu sein. Die Schreckensherrschaft der Taliban ist noch nicht so lange her und das afghanische Volk hat diese nicht vergessen. Elementar für die Taliban wird es sein, sich international vernetzen zu können. Um eine erneute US-Intervention zu verhindern, was wiederum mit dem Verlust der Macht einhergehen würde, darf Afghanistan nicht mehr Brutstätte des internationalen Terrorismus werden. Dass die Taliban der terroristischen Kriegsführung abschwören, ist unwahrscheinlich. Vielmehr werden sich Anschläge auf Afghanistan und die benachbarten Länder konzentrieren, gross inszenierte Attacken à la 9/11 auf westliche Staaten sind dagegen nicht anzunehmen.

Nur ist die Taliban keine homogene Bewegung. Je nachdem, welche Fraktion die Oberhand behält, wird sich entsprechend die Innen- und Aussenpolitik ausrichten. Dass es zu einer Abspaltung innerhalb der Taliban kommt und diese dann an mehreren Fronten sowohl gegen noch radikalere Islamisten als auch gegen Mitglieder der alten Regierung kämpfen muss, ist durchaus wahrscheinlich. Die Gräben zwischen den einzelnen Volksgruppen und Clans sitzen tief. Loyalitäten sind sehr fluide. Der ewige Krieg scheint noch lange nicht vorbei zu sein.

Damit die Taliban langfristig ihre Macht sichern und legitimieren kann, ist politische und ökonomische Stabilität wichtig. Hier besteht jedoch eine Ko-Abhängigkeit. Erst ein sicheres Umfeld lockt Investitionen an, aber erst dort, wo es Jobs gibt, sind die Menschen nicht mehr auf die Kriegswirtschaft angewiesen. Es ist zu befürchten, dass die Kriegswirtschaft und der Mohnanbau und –export – 80 % des für die globale Heroinproduktion verwendeten Mohns kommt aus Afghanistan – die einzigen florierenden Wirtschaftszweige bleiben. Dies ist umso tragischer, als Afghanistan auf Kupfer- und Lithium-Vorkommen im Wert mehrerer Milliarden US-$ sitzt und überdies mit seinen wunderschönen Landschaften grosses touristisches Potenzial hätte. Mit der Machtübernahme der Taliban zeichnet sich überdies ein Brain-Drain ab. Wer über eine höhere Bildung verfügt, wird das Land Richtung USA und Europa verlassen.

Afghanistan wird also nicht zur Ruhe kommen. Die USA sind nun nicht mehr alleiniger Protagonist im „Great Game“. Da aber die Stabilisierung Afghanistan von höchstem Interesse ist, muss jemand anders in die Bresche springen. Was sind die Interessen der anderen Player?

China: China wird vorerst eine Schlüsselrolle einnehmen. Nicht nur ist China ein Nachbarland Afghanistans, ein instabiles Afghanistan könnte Chinas ambitionierte Pläne bezüglich der Belt and Road Initiative empfindlich stören. Zwar soll die neue Seidenstrasse nördlich und südlich von Afghanistan verlaufen, dennoch möchte China ein Überschwappen terroristischer Gewalt unbedingt vermeiden. So hat China bereits zugesagt, die neue Taliban-Regierung anzuerkennen. Es mutet absurd an, dass die kommunistische Diktatur mit den islamistischen Taliban kooperieren möchte, während im eigenen Land Millionen uighurischer Muslime massiv unterdrückt werden.

Russland: Auch Russland beabsichtigt, das Islamische Emirat Afghanistan der Taliban anzuerkennen. Als eines der wenigen Ländern haben die Russen ihren Botschafter nicht aus Kabul abgezogen. Prioritär für Moskau wird sein, dass der islamistische Fundamentalismus nicht von Afghanistan auf die nördlichen Nachbarn Tadschikistan, Usbekistan und Turkmenistan überschwappen wird. Russland ist Schutzmacht dieser Länder, in denen ein sehr toleranter Islam praktiziert wird. Ein Tschetschenien 2.0 in diesen Staaten gilt es zu verhindern. Anerkennt man das Taliban-Regime an und betreibt Handel mit ihnen, erhofft man sich im Gegenzug, dass die Taliban auf einen gewalttätigen Export ihres Systems verzichten werden.

Sowohl China als auch Russland sind die Maximen gemein, dass erstens die Taliban besser kontrolliert werden können, wenn man diese anerkennt und mittels Soft Power auf diese einwirkt und dass zweitens ein Fernbleiben US-amerikanischer Truppen den eigenen geopolitischen Interessen dienlich sein könnte. Für die Taliban wären diplomatisch stabile Beziehungen zu Russland und China essentiell, da die Anerkennung durch zwei ständige Mitglieder des UN-Sicherheitsrats den Ausweg aus der Isolation bedeutete. Der überstürzte US-Abzug wird aber in Peking und Moskau nicht nur mit Freude angesehen, denn schliesslich müssen beide Staaten nun mit einem unberechenbaren „Failed State“ vor der eigenen Haustüre zu Recht kommen. Nichtsdestotrotz ist den Taliban, China und Russland gemein, dass für sie alle die USA der Hauptkonkurrent darstellt.

Iran: Dies vereint auch die Islamische Republik Iran mit der Taliban. Für beide hat ein Rückzug der US-amerikanischen Präsenz aus der muslimischen Welt höchste Priorität. Nichtsdestotrotz blickt man in Teheran mit Besorgnis auf den östlichen Nachbarn. Der Iran beherbergt bereits heute etwa zwei Mio. Geflüchtete aus Afghanistan. Als selbsterklärte Schutzmacht aller Schiiten werden die Mullahs in Teheran genau schauen, wie die Taliban mit der schiitischen Minderheit in Afghanistan umgehen wird (immerhin bis zu 10 % der Bevölkerung). Wegen dieser Frage wäre es bereits 1998, zur Zeit der ersten Taliban-Herrschafft, fast zu einer militärischen Intervention durch den Iran gekommen.

Pakistan: Pakistan hat nun endlich den Durchbruch in Zentralasien geschafft. Die strategische Tiefe ist erreicht. Mit dem Islamischen Emirat Afghanistan hat man einen Staat im Hinterhof, den man als Basis und Rückzugsgebiet im Konflikt gegenüber Indien benutzen könnte – das afghanische Gebiet sozusagen als Lebensversicherung. Doch das Monster, welches der ISI einst mit Hilfe der CIA erschaffen hatte, könnte sich noch als Bumerang erweisen. Bereits während der ersten Taliban-Herrschaft verlor der pakistanische Staat allmählich die Kontrolle über das Grenzgebiet. Die Taliban gehorchte nicht Islamabad, sondern stellte im Gegenteil eigene Bedingungen auf. Entweder passe Pakistan seine Gesetze den Vorstellungen der Taliban an oder die Taliban würden Pakistan mit einer Welle des Terrors überziehen. Tatsächlich fand eine Talibanisierung derjenigen Gebiete Pakistans statt, die an der Grenze zu Afghanistan stehen und hauptsächlich von Paschtunen bewohnt sind. Terroranschläge in Pakistan haben seit 2001 massiv zugenommen. Dies hat auch damit zu tun, dass sich 1999 der säkulare General Pervez Musharraf an die Staatsspitze Pakistans putschte und das Land bis 2008 diktatorisch regierte. Seine Amtszeit war wiederum ein herber Rückschlag für den Demokratieprozess in Pakistan, doch seine Allianz mit den USA im Kampf gegen den Terrorismus hat womöglich ein grösseres Erstarken der Taliban in Pakistan verhindert. Für die Zukunft muss der Verhinderung einer flächendeckenden Talibanisierung des pakistanischen Staates höchste Priorität eingeräumt werden. Man stelle sich vor, eine Atommacht würde von jemand geführt werden, der Taliban-Gedankengut vertritt.

Indien: Ein Teil des von Indien besetzten Kaschmirs grenzt an Afghanistan. Es ist zu befürchten, dass die Spannungen zwischen den beiden Atommächten Indien und Pakistan zunehmen könnten. Dies stellt ein globales Sicherheitsrisiko dar.

Türkei: Nach dem US-Rückzug wurde das NATO-Mitglied Türkei damit beauftragt, den Kabuler Flughafen zu verwalten. Der Türkei kommt in diesem Konflikt deswegen eine tragende Rolle zu, weil zu befürchten ist, dass sich ein Gross eines allfälligen afghanischen Flüchtlingsstroms Richtung Türkei bewegen könnte. Die Türkei beherbergt bereits heute die meisten Flüchtlinge weltweit (v. a. aus Syrien, aber auch viele aus Afghanistan). Ob das Land ökonomisch und sozial nochmals eine Flüchtlingswelle stemmen könnte, ist zu bezweifeln. Staatspräsident Erdogan betonte bereits mehrfach, dass die Türkei keine Geflüchteten aus Afghanistan aufnehmen möchte. Was auch immer in der Türkei geschehen wird, hat schliesslich unmittelbare Folgen für Europa.

Europa: Seit dem Ende des Kalten Kriegs scheint Europa je länger je mehr an internationale Relevanz zu verlieren. Den USA läuft man nach, vor China kuscht man und in der Aussenpolitik möchte man keine Verantwortung übernehmen. Wer kein Risiko auf sich nimmt, wird beim Gestalten aussenvor gelassen. Europa wird für die Zukunft Afghanistans lediglich eine passive Rolle einnehmen, muss aber befürchten, in den Sog einer Flüchtlingskrise, ähnlich derjenigen anno 2015, zu geraten. Dies möchte man in Brüssel unbedingt vermeiden, da sich eine Wiederholung als weitere Zerreisprobe für das europäische Integrationsprojekt herausstellen und vielleicht sogar deren Ende darstellen könnte. Gleichzeitig darf die internationale Gemeinschaft bezüglich afghanischer Flüchtlinge nicht den gleichen Fehler wie in den 1980er-Jahren wiederholen. Wenn geflüchteten Menschen keine Perspektive geboten wird, diese stattdessen in primitiv ausgestatteten Lagern in Pakistan ausharren müssen, züchtet man erneut ein unerschöpfliches Rekrutierungspotenzial für die Taliban und andere islamistische Fundamentalisten. Ob man die Taliban-Regierung anerkennen sollte oder nicht, ist hingegen eine schwierige Frage. Klar ist, dass die Taliban nicht verschwinden werden und dass es in Zukunft keine afghanische Regierung geben wird, die um diese herumkommt. Vielleicht müsste die EU pro-aktiv, aber nicht bedingungslos auf die Taliban zugehen. Eine gegenseitige Anerkennung könnte beinhalten, dass man in den Wiederaufbau des Landes investiert und Sanktionen gegen die Taliban aufhebt, diese sich dafür aber verpflichtet, die Errungenschaften der letzten 20 Jahre bezüglich Frauen- und Minderheitenrechte nicht anzutasten. Andererseits kann man sich selbstkritisch fragen, warum man gute Beziehungen zu Staaten wie Saudi-Arabien oder China pflegt, dies aber nicht für ein Afghanistan unter den Taliban funktionieren sollte. Wer dort gut oder böse ist, lässt sich in diesem Krieg ohnehin nicht mehr feststellen. Diese Grenzen sind schon längsten aufgelöst worden, denn das erste Opfer eines jeden Krieges ist nicht die Wahrheit, sondern die Unschuld.

USA: Die USA wird nicht mehr alleine Afghanistans Schicksal mitprägen, doch werden sie weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Eine erneute Intervention ist jetzt im Moment kein Thema, für die Zukunft aber nicht gänzlich auszuschliessen. Sollte von Afghanistan aus tatsächlich Terroranschläge in Europa oder den USA orchestriert werden, wird die USA auf alle Fälle militärische Massnahmen in Erwägung ziehen. Gut möglich auch, dass die Drohnen-Doktrin unter Obama ein Revival erlebt.

So oder so ist leider zu befürchten, dass Bürgerkrieg, religiöser Fundamentalismus und islamistischer Terrorismus weiterhin die afghanische Geschichte prägen werden. Was ist anders zu erwarten in einer von Krieg traumatisierten Bevölkerung, in der auf eine Ärztin zehntausende Menschen kommen, es gefühlt aber eine Schusswaffe für jeden Menschen gibt. Von all den momentan anzunehmenden Möglichkeiten wäre ein Vasallenstaat unter Chinas Gnaden, der global nicht allzu isoliert dasteht und der innenpolitisch zur Ruhe kommt, die wohl beste aller schlechten Optionen – wenn auch eine sehr unwahrscheinliche.

Was uns Afghanistan lehrt                                               

Was ist das historische Erbe Afghanistans? Vielleicht wird es sich als ein Geschenk des westlichen Afghanistan-Desasters entpuppen, dass zukünftig auf grossangelegte militärische Interventionen verzichtet wird. Ist die Epoche militärischer Interventionen im Namen des Universalismus zu Ende? Dies wird die Zukunft zeigen. Was kann der Westen lernen? Blicken wir zum Schluss auf die Gründe, militärischer und kultureller Art, die dazu führten, dass der Westen derart kläglich in Afghanistan scheiterte.

Lässt sich ein asymmetrischer Krieg gegen eine Guerillatruppe wie die Taliban, die den Tod nicht fürchtet und diesen zuweilen dem Leben vorzieht, überhaupt gewinnen? Die Antwort lautet: nein, unmöglich. Den Zweiten Weltkrieg – ein völlig anderer Art von Konflikt – war einer der letzten gewonnenen Kriege mit US-amerikanischer Beteiligung. Diesen konnten die Alliierten aufgrund zweier Faktoren gewinnen: Ersten setzten die USA zwei Atombomben ein, zweitens verzeichnete die Sowjetunion militärische Verluste in Höhe von über zehn Mio. (!) Soldaten. Keine moderne Armee der Welt hat heutzutage die Ressourcen, solch einen Blutzoll zu opfern. Und einen Atombombenabwurf zu wagen, ist definitiv keine Option. Und selbst wenn die USA Millionen Soldaten verschleissen und Atombombe ohne jegliche Konsequenzen in Afghanistan einsetzen könnten, würde dies noch keinen militärischen Sieg garantieren. Schliesslich war der Zweite Weltkrieg ein symmetrischer Krieg gegen sichtbare Soldaten und deshalb nicht mit Afghanistan zu vergleichen.

Ein militärischer Sieg des Westens wäre nur möglich gewesen, wenn die verbündeten afghanischen Streitkräfte ohne westliche Präsenz lebensfähig gewesen wären und so die Taliban hätten besiegen könnten. Hier hat es der Westen gänzlich verpasst, trotz 20-jähriger Besatzung eine schlagkräftige afghanische Armee aufzubauen. So wäre die Einbindung von Frauen ins Militär durchaus sinnvoll gewesen. Während die regulären afghanischen Streitkräfte, alles Männer, innert zehn Tagen vor den Taliban kapitulierten, waren es mitunter weibliche Soldatinnen der kurdischen YPG- und Peschmerga-Einheiten, welche in Syrien und dem Irak den IS vernichtend geschlagen haben.

Die afghanische Tragödie lehrt uns auch, dass in der Geopolitik immer der grössere Kontext von Bedeutung ist. Ohne die Interessen und Bedürfnisse diverser Player mit in Betracht zu ziehen, lässt sich das heutige Afghanistan nicht verstehen. So wäre es beispielweise ein globaler Imperativ, endlich die Kaschmir-Frage zwischen Indien und Pakistan zu klären und einen Friedensvertrag zwischen den beiden mit Atomwaffen bestückten Erzfeinden anzustrengen. Aber auch die Interessen Russlands und Chinas in Zentralasien müssten mit einbezogen werden, um Afghanistan befriedigen zu können.

Ein weiterer Grund für das Scheitern des Westens in Afghanistan ist ein kultureller. Menschliche Individuen und Gesellschaften sind zu unterschiedlich und einzigartig, um unter dem Banner einer Sprache, einer Religion oder eines politischen Systems zu existieren. Es müsste stattdessen ein pluralistisches Framework in der internationalen Politik Einzug erhalten. Man kann in einem Staat wie Afghanistan kein modernes Nation-Building betreiben. Wenn eine Intervention mit dem Ziel der Schaffung stabiler Verhältnissen notgedrungen scheitert, wieso sollte dann überhaupt erst interveniert werden? Was sich anderswo, so etwa in Europa, über längere Zeiträume hinweg allmählich ausbildete, kann nicht so einfach eingesetzt werden, überall und ungeachtet der kulturellen Gegebenheiten. Der Blick auf die sehr lange und auch gewalttätige Geschichte Europas gibt ohnehin nicht viel Anlass zum Optimismus. Die Zerstörung einer Gesellschaft ist innert einer Generation vollbracht, deren Befriedigung dauert jedoch Hunderte von Jahren.

Was bedeutet dies für die USA und deren sehr aggressiven Aussenpolitik? Krieg verändert Menschen stets irreversibel – und das nie zum Besseren. Diese Lektion müssen die USA endlich begreifen. Dies schliesst mit ein, dass bezüglich Afghanistan eine unangenehme Double Bind-Situation ausgehalten werden muss: Intervenieren sie nicht, bricht Chaos aus und terroristische Zellen können gedeihen. Intervenieren sie, verstärken sie lediglich den Hass auf den Westen, was langfristig ebenso terroristische Zellen hervorbringt. Und dies ist die schwer erträgliche Spannung der Aussenpolitik, wo die Diskrepanz zwischen dem Sein – also wie die Welt beschaffen ist – und dem Sollen – wie die Welt sein sollte –, fundamental divergieren. Wie sollte also reagiert werden? Dies lässt sich nicht wirklich beantworten, jedoch scheint eine militärische Intervention des Westens keine Option mehr zu sein.

Müsste man alternativ die afghanische Tragödie vollends ignorieren? Nein! Eine Kritik von Militärinterventionen geht nicht damit einher, dass man terroristische Organisationen nach Belieben schalten und walten lässt. Aber es täte uns allen ausserhalb Afghanistans gut, in den eigenen Spiegel zu schauen und die eigene Rolle kritisch zu hinterfragen. Man stelle sich vor, weder die UdSSR, die USA oder Pakistan hätten je in Afghanistan interveniert. Vielleicht wäre Afghanistan heute immer noch eine konstitutionelle Monarchie und wäre womöglich ein Land vergleichbar mit dem Königreich Bhutan oder dem Sultanat Oman. Ersteres ist im Vergleich zum westeuropäischen Standard zwar bitterarm, doch leben in Bhutan gemäss Umfragen die zufriedensten Menschen der Erde. Letzteres ist im Vergleich zum westeuropäischen Standard zwar kein Rechtsstaat, doch existiert im Oman eine ausgezeichnet ausgebaute Infrastruktur und das Land ist eines der beliebtesten Feriendestinationen weltweit. Es mag zwar unvorstellbar für uns klingen, aber Glück und Prosperität kann auch in Kontexten jenseits des westlichen Modells realisiert werden.

Eine Gesellschaft, die meint, ihr System sei überlegen und müsste mitunter gewalttätig exportiert werden, wird langfristig das gleiche Schicksal erleiden wie die Sowjetunion und deren kommunistische Ideologie. Es ist erschreckend, wie sich die USA von heute in vielen Bereichen allmählich dem Russland der 90er-Jahre annähern: marodierende Infrastruktur, Opiodkrise, ethnische Spannungen, religiöser Fundamentalismus, Waffengewalt. Vielleicht ist die afghanische Demütigung aber auch eine Chance, dass sich die USA endlich auf ihre innenpolitischen Probleme fokussieren und diese lösen.

Das Scheitern in Afghanistan beendet vorerst die Rolle der USA als Weltpolizei. Der überstürzte Abzug wirkt wie ein sichtbarer Marker im ansonsten so undurchsichtigen Verlauf der Weltgeschichte. Das hat Konsequenzen in Europa. In einer multipolaren Welt muss sich jeder neu aufstellen. Für Europa müsste dies mit einer geschlossenen, koordinierten und stringenten Aussen- und Sicherheitspolitik einhergehen. Mit dem internationalen Völkerrecht besteht prinzipiell ein sehr effektives Werkzeug, welches die grossen Player zähmt und die kleinen Nationen schützt. Es müsste nun endlich konsequent angewendet werden – im Ernstfall auch gegenüber eigenen Verbündeten, ob USA, Israel, Türkei, oder Saudi-Arabien.

Schon viele Imperien wollten Afghanistan einverleiben und alle sind sie kläglich gescheitert. Das ist vielleicht auch das historische Erbe des Afghanistans neuerer und neuster Geschichte: Lasst die Finger weg von diesem Land! Ob man diese Erkenntnis dahingehend generalisieren kann, dass imperialistische Ambitionen im Allgemeinen zum Scheitern verurteilt sind, ist hingegen eine andere, gerade auch weltanschauliche Frage, deren verschiedene Beantwortungen den weiteren Verlauf der Geschichte beeinflussen werden. Viral gehen zurzeit folgende Zeilen aus dem Action-Film Rambo III von 1988: „That is Afghanistan. Alexander the Nice tried to overcome this nation. Then Ghenghis Khan, then the British, now Russia. However Afghan folks struggle laborious, they by no means be defeated. Historical folks make a prayer about these folks. It says: Could God ship us from the venom of the cobra, tooth of the tiger, and the vengeance of the Afghans.”

Literatur (alle vier Teile)

Baraki, Martin: Die Talibanisierung Afghanistans. In: Blätter für deutsche und internationale Politik. 11/2001. S. 1342-1352.

Barfield, Thomas (2010): Afghanistan. A Cultural and Political History. Princeton Studies in Muslim Politics. Vol. 45. Princeton University Press, Princeton.

Gannon, Kathy (2006): I is for Infidel. Hachette Books, New York.

Rashid, Ahmed (2002): Taliban. Islam, Oil and the New Great Game in Central Asia. I. B. Tauris & Company Ltd., London & New York.

Saikal, Amin (2006): Modern Afghanistan. A History of Struggle and Survival. I. B. Tauris & Company Ltd., London & New York.

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