«Ich will nichts wissen, ich halte mir das Wissen fragend vom Leib».

Studieren bedeutet zunächst einmal, zu staunen und zu fragen. Wer schon alles weiss, verblödet. Eine paar Gedanken zum neuen Semester. Von Léonard Wiesendanger

Ich habe Schiller gelesen. Eine akademische Antrittsrede. Wer sich für sie interessiert, bitte, sie liest sich gut und schnell; die Rede soll mir hier nur als Einstieg dienen: weil ich aber weder Philosoph noch thätiger Weltmann bin und mir meine edle Wißbegierde leider nicht selten abhandenkommt, damit auch mein Zugang zu den reichen Quellen edelsten Vergnügens, schreibe ich hier keine Antrittsrede, sondern belasse es bei einem Versuch. Dieser darf gerne halbherzig sein. Unzulänglichkeiten sind seine Form.

Und weil ich zwar jung und auch Mann bin, aber bestimmt kein junger Mann von Genie, weil ich das Große nicht im Auge habe, will ich mich auf das Kleine beschränken. Studieren bedeutete für mich erst einmal Startschwierigkeiten. Direkt nach der Matur oder nach einem halben Jahr Zivildienst, selten wird man wissen, wo es hingeht. Man schreibt sich ein. Weil die Schule aber im Schnitt mehr Interessen löscht als weckt, folgt man auch keinem. So trocken es klingt: Man schreibt sich ein. Kein inneres Feuer, kein Ziel, keine Ambition – Ideale?

Selbstgefälliger Müsiggang

Mein Vergnügen findet sich nicht selten im Betrachten einer weissen Wand. Erst einmal da, lässt man auf sich wirken: Vorlesungen, Seminare, Vorlesungen. Schillers Enthusiasmus aber bleibt aus. Erinnerungen an wie ich mich fühlte, wie oder was ich dachte, oder Erinnerungen an was ich machte, sie sind bereits wieder verblasst; die Vergangenheit bedeutet mir wenig; aber ein Semester passiert und gerade weil es passiert, bleibende Leere. Der Text wird sich aber nicht suhlen im sinnlosen Watt, das Leben heisst; rückblickend kann ich sagen, das erste Semester war vorbei, bevor ich überhaupt anfangen konnte; gleiches trifft auf das zweite zu, gut möglich auf das dritte.

Aber nach all der Zeit, zwischen all den Möglichkeiten, hält man nun doch einen Faden, spürt man nun trotzdem einer Spur nach; eine klitzekleine Spannung, doch eher schüchtern, man will sich auch nicht festlegen; vielleicht eingeredet, aber etwas, das einen möglicherweise, eventuell, in einer bestimmten Zukunft vielleicht einmal interessieren könnte; etwas, das doch eigentlich, rein theoretisch, interessant wäre – oder werden würde. Es heisst, dieser Spur nachzuspüren, tatsächlich sie zu pflegen…

Studieren ist nicht gleich Studium und will gelernt sein: Zufriedene Unzufriedenheit. Offen für Neues in misstrauischer Aneignung. Nicht wissen, fragen.


„ … und was nützt –, was machst du nach deinem Studium?“ Wieder und wieder wird und wird dir die Frage gestellt, auf vorsichtige Art und Weise, neugierig oder beiläufig, manchmal skeptisch, auch schon herablassend; dann antworte ich: „Ich werde nichts machen. Im Kampf gegen den Zweck habe ich mich dem Unsinn verschrieben. Mittlerweile pflege ich den Müssiggang selbstgefällig.“

Das Leben funktioniert weder nach Plan, Schema oder anderer Moral. Auch das Studium sollte solcher entgegenstehen. Der moderne ‚Nutzen‘ ist zu verachten. Er ist ein Krankmacher. Du aber sollst wissen, was gut für dich ist. Du übst dich in dir selbst und nur in dir.

Ein Leben lang Student

Studieren braucht Zeit, Geduld, ist Aufbau. Unbeirrt spüre ich der Spur nach und kann gar nicht langsam genug sein. Ich nehme mir die Zeit, die ich brauche. Blicke ich zurück, sehe ich einen nicht mehr so klar erkennbaren, sich schlängelnden Pfad. Aus dem bodennahen Dunst heben sich an mancher Windung aufeinandergestapelte Steine; es sind Versuche, erst schüchtern, manche davon ungeschickt, immer mutiger; es sind Herme, die gutes Glück verheissen, mein Glück ankünden.

Studieren will Mut bedeuten, zur Suche, zum Unsinn, zum Querstellen, zur Herausbildung des Selbst; Studieren verträgt sich gut mit der weissen Wand: Auf ihr kann alles entstehen. Der Antrieb ist da und manchmal nicht, aber immer öfters hebt er mich auf die Beine und schwingt mich ins Rennen mit mir selbst. Der Mann mit der Peitsche bin ich hier los; ohne Struktur, ohne Muss, die Entfaltung des Müssiggangs bewirkt das Gegenteil. Ich lerne nur noch den Fleiss, der mir gut tut. Ich lerne Laufen aus eigener Kraft.

Studieren ist nicht gleich Studium und will gelernt sein: Zufriedene Unzufriedenheit. Offen für Neues in misstrauischer Aneignung. Nicht wissen, fragen. Umgekehrt verhält es sich so: Wer sich nur ausbilden will, der weiss schon alles. Ich aber will nichts wissen, ich halte mir das Wissen fragend von Leib und Kopf, nichts verblödet mehr; heute wissen alle und schlagen sich darüber die Köpfe ein.

Studieren heisst Innehalten, sich Zeit nehmen. Spannung halten und aushalten. Langsam gehen, gerne auch im Kreis, um den Gegenstand, um das Interesse, um das Problem; Studieren ist ein Kreisen und ein Kreisen um sich selbst, damit auch um die Welt, ohne die wir nicht zu denken sind und umgekehrt. Was in all der Unbeständigkeit feststeht: Ich bleibe Student mein Leben lang. Der wahren Zwecklosigkeit bin ich längst davon spaziert.

Bild: Vorlesung an der Universität Bologna (Laurentius de Voltolina, 14. Jh.). Quelle: Wikikemdia

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