Kann ein historischer Roman als Quelle dienen?

Auch literarische Texte bringen uns vergangene Lebenswelten näher. Doch was taugen sie in wissenschaftlicher Hinsicht? Von Sarah Durrer

Ein livrierter Liftboy und eine Fassade im modernen Sezessionsstil entführen Gäste des Hotels Savoy in Łódź auch heute noch in die Zwischenkriegszeit Polens. In einer ruhigen Seitenstrasse der geschäftigen Ulica Piotrkowska gelegen, bietet das Hotel Liebhabern originalgetreu eingerichteter Zimmer eine optimale Unterkunft. An die Zeit des Kabaretts Bi-Ba-Bo unter Mitarbeit von Julian Tuwim erinnert der heute zweckmässig eingerichtete Speisesaal jedoch nicht. Und dass das heute etwas verschlafene Hotel als Kulisse für einen spannenden Roman gedient hat, erschliesst sich dem heutigen Hotelgast auch nicht auf den ersten Blick.

Dabei spielt die Handlung des 1924 in der Frankfurter Zeitung vorabgedruckten gleichnamigen Romans von Joseph Roth im Hotel Savoy. Das Hotel Savoy, das wie die Industriestadt Łódź nach dem Ersten Weltkrieg einen Niedergang erlebt, dient Joseph Roth als lebendiger Treffpunkt seiner höchst unterschiedlichen Protagonisten.

Da ist etwa der Heimkehrer Gabriel Dan, der von seinem reichen Onkel Böhlaug Geld für die Weiterreise Richtung Westen möchte. Gabriel verliebt sich in die Varietétänzerin Stasia, die ebenfalls im Hotel wohnt und von Gabriels schnöseligen Cousin Alexander umworben wird. Zwonimir, Gabriels Freund aus Kriegstagen, ist ein gesunder einfacher Mensch. Im Hotel Savoy wohnt aber auch Hirsch Fisch, der immer von den richtigen Lottozahlen träumt, seine ausgefüllten Lose aber immer an andere vergibt. Wie der Devisenhändler Abel Glanz träumt er vom grossen Geld und wartet wie die ganze Stadt auf den amerikanischen Millionär Henry Bloomfield, der alle Probleme der Stadt richten soll.

Ein realitätsnahes Bild des «Manchester Polens»

Mit detailverliebten, stimmigen Beschreibungen zeichnet Joseph Roth neben den ereignislosen, aber amüsanten Tagesabläufen Gabriel Dans ein realitätsnahes Bild des «Manchester Polens», wie die Fabrikstadt Łódź auch genannt wurde. Die Stadt, die ohne Kanalsystem aus dem Boden gestampft worden war, musste im Hochsommer, wie Roth schreibt, tatsächlich aus allen Häusern gestunken haben.

Auch die Beschreibung, die Stadt sei am Vormittag grau vom Kohledunst naher Fabriken gewesen, ist nicht der Fantasie Joseph Roths entsprungen. 1904 gab es 546 Fabriken in der Stadt, die 70‘000 Arbeiter beschäftigten. Ebenso ist das Strassenbild, das nur aus abgehalfterten Häusern besteht, keine Erfindung Roths. Die während der Boomjahre um die Jahrhundertwende in kürzester Zeit hochgezogenen Häuser Łódź’s sind noch heute ein Problem für die Stadtverwaltung.

Das traurige, graue Stadtbild Łódź’s kontrastiert Joseph Roth mit der gediegenen Erscheinung des Hotel Savoys. Es erscheint dem Heimkehrer Gabriel Dan mit seinen sieben Etagen, seinem goldenen Wappen und einem livrierten Portier europäischer als alle Gasthöfe Osteuropas. Er freut sich auf weiche Daunen und eine hübsche Einrichtung. Er erkennt jedoch schon am Tag seiner Ankunft, dass die Fassade des Hotels mehr verspricht, als sie halten kann. Die oberen Stockwerke des Hotels dienen Gestrandeten als Zwischenlösung und sehen auch dementsprechend aus.

Roth beschreibt die unterschiedlichen Lebenswelten der Bewohner der oberen und der unteren Zimmer mit einer Uhrenmetapher. Im obersten Stockwerk befindet sich gar keine Uhr. Auf Etage sechs, wo Gabriel Dan wohnt, zeigt die Uhr zehn nach sieben und auf Etage fünf zeigt sie sieben Uhr. Auf Etage vier, die schon zu den besseren Stockwerken gehört, zeigt die Uhr noch einmal zehn Minuten weniger, usw. Roth schreibt dazu: «Hier wohnen die Reichen, und Kaleguropulos [der anonyme Hotelwirt], der Schlaue, lässt absichtlich die Uhren zurückgehn, weil die Reichen Zeit haben».

Die Beschreibung der Uhren könnte auch so interpretiert werden, dass die Reichen noch in der Zeit vor dem Krieg leben, als die Wirtschaft in Łódź noch florierte. Die ärmere Bevölkerung ist dagegen längst in der bitteren Realität der Nachkriegszeit angekommen.

Topos des Heimatverlusts

Als der Millionär Henry Bloomfield eines Nachts tatsächlich nach Łódź kommt, wird Gabriel Dan sein zweiter Sekretär. Gabriel unterstützt Bloomfields ersten Sekretär Bondy bei der Bearbeitung der vielen Anträge aus der Łódźer Bevölkerung. Die ganze Stadt rätselt insgeheim über die Anwesenheit Bloomfields. Der Millionär Bloomfield, der ursprünglich aus Łódź stammt, nun aber in Amerika zu Hause ist, kann in der vom Krieg heimgesuchten Stadt doch nichts wollen. Erst einige Tage nach der Ankunft Bloomfields wird klar, dass dieser jährlich wegen des Todestages seines Vaters Jechiel Blumenfeld nach Łódź reist. Jechiel Blumenfeld liegt auf dem jüdischen Friedhof der Stadt begraben.

Roth thematisiert wie in seinen anderen Romanen das Thema des Heimatverlustes und verknüpft es mit dem Judentum:


Ich (Gabriel Dan) wartete auf Henry Bloomfield. Er kam allein, er war zu Fuss auf den Friedhof gekommen, die Majestät Bloomfield. […] «Ich komme jedes Jahr hierher», sagt Bloomfield, «meinen Vater besuchen. Und auch die Stadt kann ich nicht vergessen. Ich bin ein Ostjude, und wir haben überall dort unsere Heimat, wo wir unsere Toten haben. Wenn mein Vater in Amerika gestorben wäre, ich könnte ganz in Amerika zu Hause sein. Mein Sohn wird ein ganzer Amerikaner sein, denn ich werde dort begraben werden.

Nach der Abreise Bloomfields wird Łódź von einer Typhusepidemie heimgesucht und die Angst vor einer Revolution spitzt sich zu. Joseph Roths Roman Hotel Savoy fängt die Stimmung in der von Krieg und Krise gebeutelten Industriestadt Łódź im Hochsommer 1919 mit einem Porträt einer bunt zusammengewürfelten Schicksalsgemeinschaft ein. Der Roman zeichnet das Bild einer Stadt, das von der Industrie und ihren unfassbar reich gewordenen Fabrikkönigen gezeichnet ist.

Das Warten der ganzen Stadt auf den Milliardär Henry Bloomfield zeigt die Abhängigkeit der Stadt von der Industrie, die zugleich Fluch und Segen ist. Gleichzeitig gibt der Roman Einblick in die einst multikulturelle Gesellschaft Łódźs. Roth beschreibt die deutschen und die jüdischen Fabrikbesitzer, erwähnt die polnische Bevölkerung und den grossen Einfluss der russischen Kultur auf die Stadt.

Ein Roman kann allenfalls als Ergänzung dienen

Auch wenn der Roman nicht durchwegs historischen Tatsachen entspricht, so kann er doch als Ergänzung zu historiografischen Quellen dienen. Er kann der Historikerin ein Gefühl für die Stimmung, Sorgen und Ängste der Łódźer Bevölkerung im Hochsommer 1919 geben.

Als tatsächliche historiografische Quelle sollte der Roman trotzdem nicht behandelt werden. In fiktiven Romanen ist die Geschichte der Handlung unterworfen – Details werden verändert, um das Geschehen voranzubringen – oder wie Joseph Roth in Hotel Savoy schreibt: «[…] ein glücklicher Zufall, wie er nur in Büchern vorkommt».

Bild: Das Hotel Savoy in Łódź heute. Quelle: Wikimedia Commons

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s