Die Wohngemeinschaft in der Pandemie

WGs sind unter Studierenden beliebt, denn sie sind günstig und bieten Gesellschaft. Letztes Jahr rückten diese Argumente allerdings in den Hintergrund, denn Corona veränderte die Wohnbedürfnisse grundlegend. Gerade den neuen Anforderungen des Studentenlebens scheint die WG nicht immer gerecht zu werden. Von Anniina Maurer

Mit dem Studium beginnen und von Zuhause ausziehen – das gehört für viele Studierende zusammen. Nicht selten begeben sie sich dann auf die Suche nach einer für sie passenden WG. Das Zusammenleben mit anderen hat schliesslich so manchen Vorteil, macht Spass und ist günstig.

Corona scheint dem gemeinschaftliche Wohnen aber zuzusetzen. Eine Analyse der Raiffeisen von letztem Februar zeigte, dass auf wgzimmer.ch weniger Nachfrage bestand als in den Vorjahren. Im ersten Lockdown nahmen die Seitenaufrufe zwar noch deutlich zu. Im Mai zum Beispiel waren es rund zwanzig Prozent mehr als früher. Im Juni schwand das Interesse aber und nahm auch gegen Herbst und Semesterbeginn nicht wieder zu, wie es zu erwarten gewesen wäre. Gegen Ende des Jahres lag die Nachfrage mit wiederum zwanzig Prozent deutlich unter dem Normalwert der Vorjahre. Auch das Angebot an WG-Zimmern nahm deutlich ab.

Raiffeisen führt den Rückgang an WG-Interessenten auf Corona zurück. Im Sommer hätte sich zunehmend abgezeichnet, dass die Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen noch länger andauern würden. Das habe gerade Student*innen davon abgehalten, aus- oder umzuziehen. Für Fernunterricht lohnt es sich schliesslich nicht, den Wohnort zu wechseln und zusätzliche Mietkosten zu tragen.

Ich hatte in Lausanne noch kein soziales Umfeld und somit kaum Gründe, weiterhin dort zu bleiben.

Kristina Djuranovic

Diese Überlegungen machte sich auch Kristina Djuranovic. Die Kriminologie-Studentin gab letzten Herbst ihr WG-Zimmer in Lausanne auf. Fernunterricht in der WG machte für sie wenig Sinn, weshalb sie zwischenzeitlich zu den Eltern zurückzog: «An zwei Orten zu leben, bringt bekanntlich Herausforderungen mit sich. Mit der Rückkehr nach Hause konnte ich dem Hin und Her zwischen zwei Städten vorerst ein Ende setzen». Auch fiel für Kristina wegen Corona nebst Präsenzunterricht die Erwerbsmöglichkeit weg. In früheren Semestern arbeitete sie als Messehostess, daran aber ist in Zeiten einer Pandemie nicht zu denken. Noch wichtiger als das Finanzielle war für Kristina der soziale Aspekt, ihr fehlte der Austausch mit ihren Kommiliton*innen im Unialltag. «Ich hatte in Lausanne noch kein soziales Umfeld und somit kaum Gründe, weiterhin dort zu bleiben. Nicht nur finanziell, sondern auch sozial schien die Rückkehr das Vernünftigste.»

Die schwierige Lage der Student*innen beobachtet auch Annette Vonder Mühll vom Verein für Studentisches Wohnen (WoVe) in Basel. Die WoVe stellte bei ihren Vermittlungen einen bis heute überschaubaren Rückgang fest. «Die bestehenden, gut funktionierenden WGs bleiben auch in diesen Zeiten zusammen. Es gibt aber etwas mehr Wechsel, als in den anderen Jahren», meint Anette Vonder Mühll. Sollte Corona WGs weniger attraktiv machen, so würde sie das bedauern. Gerade jetzt, hätten Wohngemeinschaften besonderes Potential: «Es ist doch schön, so wenigstens seine netten Mitbewohner*innen zu sehen, wenn man sonst wenig Austausch mit anderen Menschen hat».

Viele unserer ausländischen Studierenden reisten ab.

Annette Vonder Mühll

Einen deutlichen Rückgang in der Nachfrage bemerkte die WoVe bei den internationalen Zuzüglern. Diese hätten im letzten Jahr tatsächlich weniger Zimmer gemietet. «Viele unserer ausländischen Studierenden reisten ab. Wir stellen daher einen höheren Leerstand in den möblierten Zimmern fest», so Annette Vonder Mühll.

Das ist nicht weiter verwunderlich. Das in manchen Ländern geltende Ausreiseverbot, die abgesagten Austauschprogramme und der Fernunterricht verhindern, dass Student*innen vom Ausland nach Basel ziehen. Ausserdem dürfte sich das wegen Corona fehlende Sozialleben bei ihnen besonders empfindlich bemerkbar machen.

Gekommen wäre auch Andreas Charis. Als Erasmus-Student wollte er ursprünglich schon letzten Herbst nach Basel kommen. Aufgrund der unsicheren Infektionslage verschob er den Austausch dann auf diesen Frühling. Als sich keine Besserung abzeichnete, entschied sich Andreas schweren Herzens, in Berlin zu bleiben: «Leider ist die Infektionslage noch schlechter geworden und es kann kein Präsenzunterricht stattfinden. Aus deutscher Sicht, sind ausserdem die Mieten in Basel sehr hoch. Deshalb habe ich mich dazu entschieden, nur virtuelle Veranstaltungen der Uni Basel zu belegen.»

Der Entschluss zu Auszug und WG-Zimmer war schon leichter. Fehlende Jobs, erschwertes Sozialleben und Fernunterricht sprechen im Moment gegen einen Umzug und werden es wohl noch eine Weile weiter tun. Für die, die sich dennoch trauen, kann die WG aber gerade jetzt Halt in unsicheren Zeiten bedeuten.

Grafik: Immobilien Schweiz – 1Q 2021 (raiffeisen.ch) (28.3.21).
Titelbild von Jaro.p: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Wohngemeinschaft_Berlin_2008.JPG (28.3.21)