Filmkritik: Im Westen nichts Neues (2022) nach Remarques Klassiker – von Edward Berger

Edward Berger hat mit «Im Westen nichts Neues» eine bildgewaltige Neuverfilmung des gleichnamigen literarischen Klassikers von Erich Maria Remarques geschaffen. Eine Geschichte über leichtsinnige und übereifrige Jugendliche, die im Ersten Weltkrieg für Deutschland an die Westfront ausrücken, um vom Donner der Artillerie rasch die Wahrheit zu lernen: Krieg kennt keinen Ruhm. Krieg ist eine ohrenbetäubende Ansammlung von Blut, Dreck und Leid. Doch lohnt sich der Film oder sollte man lieber beim Buch bleiben? Von Samuel Tscharner

Filminfo

«Im Westen nichts Neues» ist ein Kriegsfilm aus Deutschland von dem Regisseur Edward Berger mit Felix Kammerer, Albrecht Schuch und Daniel Brühl in den Hauptrollen. Die Geschichte basiert dabei weitgehend auf Rainer Maria Remarques Roman aus dem Jahr 1929, erlaubt sich jedoch auch einige Neuerungen. Der Film hat eine Laufzeit von 148 Minuten, eine Altersfreigabe von 16 Jahren und läuft in Basel noch bis am 2. November im kult.kino. Da es sich um eine Netflix-Produktion handelt, ist der Film ab dem 28. Oktober auch auf der Streaming-Plattform zu sehen. Die Bild- und Tongewalt des Films wird das übliche Heimequipment jedoch kaum zum Ausdruck bringen können.

Handlung

Der Erste Weltkrieg tobt schon seit mehreren Jahren und die Deutschen rekrutieren ihre Soldaten, die sie an der Front zu Tausenden verheizen, direkt aus den Schulen heraus. An solch einer Schule schreibt sich auch Paul Bäumer (Felix Kammerer) mit seinen Schulfreunden für den Kriegsdienst ein. Voller Ehre würden sie in die Schlacht ziehen, schon in ein paar Wochen gen Paris marschieren und als Helden der Nation gefeiert zurückkehren. Mit diesem Versprechen facht zumindest der Lehrer die Euphorie in den jungen Schülern an. Zeitgleich setzt sich der Politiker Matthias Erzberger (Daniel Brühl) in den prunkvollen Palästen und Zügen der Generäle und Diplomaten dafür ein, den Krieg endlich zu beenden. Doch unter Männern, die keine Söhne an den Krieg verloren haben und die den Krieg bloss über ihre Landkarten erleben, wiegen die eigenen Egos oft schwerer als Menschenleben. Was in der Stimmung einer ausgelassenen Klassenfahrt seinen Anfang genommen hat, hat sich währenddessen für die Schüler um Paul Bäumer rasch zu einem grausamen Überlebenskampf in allen Elementen der Hölle gewendet: Feuer, Schlamm, Explosionen, Gas, Blei, Stahl, Hunger, Panik- und Schmerzensgeschrei lassen niemanden unverwundet zurück.

Im Westen nichts Neues - Filmkritik
Grabenkrieg „Im Westen nichts Neues“

Kritik

Krieg ist eine Anhäufung sinnloser und schier unvorstellbarer Grausamkeiten, über deren Geschehen in erster Linie privilegierte Leute entscheiden, die von ihnen nie direkt betroffen sind. Das ist in Kurzform die Message dieses Films. Das wissen auf intellektueller Ebene wahrscheinlich alle, doch was das wirklich bedeutet, bleibt für uns oft nicht greifbar. Dieser Film versucht hier Abhilfe zu schaffen, in dem er diese Wahrheit auch sinnlich und emotional erfahrbar macht. Und damit ist er nicht zimperlich.

Das Herausragendste an dem Film sind denn auch die Szenen an der Front und die Schlachtszenen. Sie sind qualitativ unglaublich hochwertig umgesetzt. Die Immersion ist atemberaubend und lässt die Zuschauenden immer wieder aufschrecken oder in einer Mischung aus Ekel, Unglauben und Schock zurück. Die intensive Brutalität, Angst und Verzweiflung sprechen dabei aus beinahe jedem Bild. Trotz der wahnsinnig ordentlichen Kameraführung, die einem gezielt durch die Kampfhandlungen steuert, wird das Chaos und der reine Zufall darin zu überleben, deutlich spürbar. Dass sich hier schrecklich leidende Menschen immer wieder allein auf ihre Überlebensinstinkte verlassen, ist in mehreren Situationen, in denen Brot eine Rolle spielt, eindrücklich eingefangen: Ob es die verschmitzte Freude über dreckiges Brot in einem mit Ratten verseuchten Drecksloch ist oder der geistesabwesende Biss ins Brot nachdem man sich nach dem Artilleriebeschuss bereits tot wähnte. Wo dreckiges Brot Trost bietet, ist Tod und Leid allgegenwärtig.

Auch auf schauspielerischer Ebene bieten die Soldatendarstellenden enorm überzeugende Performances. Allen voran Felix Kammerer. Die wirklich schwierigen schauspielerischen Leistungen sollen ja diejenigen sein, wo das unterdrückte Innenleben nur durch Kleinigkeiten nach aussen schimmert. Diese innere Vielschichtigkeit des Grauens, die sich im Gesicht dieses jungen Mannes abzeichnet, ist dabei auf aussergewöhnlich hohem Niveau zum Ausdruck gebracht. Aber auch in den friedlicheren Szenen liefert er ab, was das Drehbuch eben hergibt.

Damit bewegen wir uns nun aber in die Richtung, wo dieser Film auch seine Schwächen hat. Die neu hineingepferchte Diplomatie-Geschichte gibt nicht sonderlich viel her. Die Dialoge sind hölzern, die Figuren Schablonen. Der Bildungswert tendiert dabei ebenfalls gegen Null, weil das Ganze dafür wiederum viel zu wenig Platz einnimmt im Film, als dass man ernsthaft etwas über die im Hintergrund stattgefundene Politik erfahren würde. Es erfüllt auch keinen erkennbaren narrativen oder inszenatorischen Zweck. Es erzeugt keine Spannung, keine Emotionen und keine anderweitigen Informationen, die für die Geschichte relevant wären.

Zusätzlich gibt es diese Szenen mit einem verfressenen General, der am gut gedeckten Tisch vor dem Kamin gewissenlos und stumpf Befehle ausgibt, die unnötig Leid vermehren. Dabei schüttet er demonstrativ verschwenderisch Wein auf den Boden und verfüttert ganze Gänsekeulen an seinen Hund. Auch diese Szenen wirken alle sehr mau und dienen allein dazu, dem Zuschauenden irgendeinen Bösewicht zu präsentieren, auf den sie – für all die Schrecken, die sie da zu Gesicht bekommen – wütend sein können. Das ist relativ plump und liefert bequem einen Sündenbock, womit den Zuschauenden jedoch die Arbeit abgenommen wird, selbst über die gesehenen Grausamkeiten, ihre Ursachen und Lösungsstrategien zu reflektieren.

Zu guter Letzt möchte ich es so zusammenfassen: Was mich an dem Film am meisten stört, ist, dass er mit seiner Message unglaublich spürbar «in-your-face» und eindimensional ist und damit dem Publikum gefühlt das Denken abnehmen möchte. Das Buch ist im Vergleich deutlich subtiler, obschon unter dem Strich nach dem Denken das Resultat das gleiche ist. Der Film zeigt, dass Krieg brutal und sinnlos ist und präsentiert gleichzeitig einen Sündenbock. Das Buch zeigt ebenfalls, dass Krieg brutal und sinnlos ist, kommt dabei aber völlig ohne Sündenbock aus und fächert die schrecklichen Folgen des Krieges auch noch auf weitere Dimensionen auf, die im Film wenig bis gar nicht zum Tragen kommen. Ein Bespiel dafür wäre die Entfremdung von der eigenen Familie, die Paul Bäumer erlebt, die im Film jedoch überhaupt nicht aufgegriffen wird. 

Nichtsdestotrotz bleibt es ein überaus gelungener und wahnsinnig eindrücklicher Film, über den man im Nachhinein sprechen möchte und mit dem man innerlich noch arbeiten muss. Meine Empfehlung wäre, sich den Film im Kino anzusehen, denn gerade dieses audiovisuelle Erlebnis der Front ist eindeutig fürs Kino gemacht und entfaltet seinen vollen Effekt wahrscheinlich nur da. Danach lohnt es sich allerdings, das Buch von Erich Maria Remarque noch (einmal) zu lesen. Damit bekommt man womöglich eine leise Ahnung davon, was der erneute Krieg in Europa, aber auch die über 100 anderen bewaffneten Konflikten in der Welt für die Betroffenen bedeuten. Die Wertung darf gerne mit starkem Zug nach oben gelesen werden.

Wertung

Bewertung: 3 von 5.

Bilder: Netflix

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