Ludmila Javorová – die erste katholische Priesterin

In Zeiten des Kommunismus hat Ludmila Javorová fast 20 Jahre als Priesterin und Generalvikarin in der tschechoslowakischen katholischen Untergrundkirche gearbeitet. Nach dem Ende des Kommunismus wurde Javorová ihre Identität als Priesterin von der katholischen Kirche aberkannt. Heute ist sie 90 Jahre alt und sie kämpft immer noch. Von Tomas Marik

14 Jahre war der Pfarrer Felix Maria Davidek in der tschechoslowakisch-kommunistischen Haft. Als er während dem politischen Tauwetter 1964 vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen wurde und nicht wusste, wo er seine erste Nacht in der Freiheit verbringen sollte, führten ihn seine aller ersten Schritte zur befreundeten Familie Javor. Ludmila Javorová (geb. 1932) öffnete dem Pfarrer ihre Tür und hiess ihn willkommen. Ihr Bruder war zu dieser Zeit noch im Gefänsnis, weil er christliche Flugblätter verteilt hatte.

Der kommunistische Februarumsturz 1948 in der Tschechoslowakei hatte weitreichende Folgen für alle Bewohner des Landes. Es war alles dabei: politische und rassistische Verfolgung, Verfolgung aufgrund der sozialen und kulturellen Herkunft, Kollektivierung, Zensur, Bespitzelung der eigenen Bevölkerung, Folter und Mord. Auch die Religion und die Gläubigen wurden durch das kommunistische Regime verfolgt. 1950, während der Aktion K und Aktion Ř, wurden mehrere tausend Priester, Mönche und Nonnen eingesperrt und zur Zwangsarbeit gezwungen. Vor Folter, Vergewaltigungen und Mord schreckte das Regime nicht zurück.

Auch der Pfarrer Felix Maria Davidek wurde 1950 verhaftet. Er konnte zwischen seinen Verhören aus dem Toilettenfenster fliehen, wurde jedoch kurze Zeit später beim Fluchtversuch an der tschechoslowakisch-österreichischen Grenze aufgegriffen und zu 24 Jahren Gefängnishaft verurteilt. Die 1960er Jahre brachten das politische Tauwetter mit sich. Sozialismus mit menschlichem Antlitz war das neue Programm und so wurde der Pfarrer Davidek vorzeitig aus der Haft entlassen. 14 Jahre Haft hatten Davidek Zeit gegeben, einen Plan zu schmieden, wie die Kirche im Untergrund neu zu organisieren war und so bat er gleich in seiner ersten Nacht in Freiheit, die 32 Jahre alte Ludmila Javorová, ihn bei seinem Vorhaben zu unterstützen.

Gott ist mein menschlicher Bruder

Javorová war von Davidek und seinem Programm beeindruckt. Immer hörte sie als Frau von der Kirche: „Frauen sollen früh heiraten und viele Kinder erziehen, denn man brauche gute Familien.“ Davidek aber sah in ihr mehr als nur eine solche Frau im christlichen Sinne. So wurde sie seine engste Gehilfin und Beraterin, sie half ihm bei der Messevorbereitung sowie bei den religiösen Seminaren. Die Seminare wurden geheim abgehalten mit dem Risiko, dass sie jederzeit durch die Staatssicherheit aufgelöst und die Teilnehmer eingesperrt werden konnten. Hier lernte die strengkatholisch Erzogene ein neues Gesicht der Religion kennen. Die Seminare beschäftigten sich nicht nur mit dem Glauben, sondern auch mit der Politik, Kultur und der Philosophie. Wie sie sagt: „Die Seminare versuchten das ganze Menschliche abzubilden“. Auch der Gott ist für Javorová ein anderer geworden. Der Gott ist nicht das strafende Überirdische, wie sie es lernte, sondern das menschlich Liebende. So nennt sie auch den Gott „ihren menschlichen Bruder“. „Deshalb ist der Gott Mensch geworden, damit er uns nah sein kann.“

Da technisch kein Kontakt aus der kommunistisch geführten Tschechoslowakei zum Vatikan hergestellt werden konnte, erliess der Papst ein Erlass, dass auch Bischöfe andere Bischöfe weihen konnten. Dies Recht steht ansonsten nur dem Papst selbst zu. So wurden 1967 Davidek von Bischof Jan Blaha zum Bischof geweiht. Im selben Jahr fing Davidek an, die katholische Untergrundorganisation „Koinotes“, auch “Ecclesia silentii“ genannt, zu formen.

Bei einer Visite der Borromäerinnen in Znajm bat die dortige Äbtin Davidek, dass er sich der Problematik der Frauen in Haft. Sie seien auf sich gestellt, da es in kommunistischen Gefängnissen keine Kaplane gab und unter den Frauen, im Gegensatz zu den Männern, keine gefangenen Priester. Sie hatten niemanden in den Gefängnissen, der sich um sie sorgte, ihre Beichten abnahm, Messen hielt und selbst die letzte Salbung bei sterbenden Frauen durchführen konnte. Davidek, der selbst lange Zeit gefangen war, erkannte das Problem sofort und rief umgehend eine Synode ein, um die Rolle der Frau in der Kirche zu besprechen. Die Synode fand an Weihnachten, dem 25. Dezember 1970, bei Brünn statt und führte zur vollständigen Spaltung der Untergrundkirche.

Zwei Tage später bat Davidek Ludmila Javorová, sich zur Priesterin weihen zu lassen. Er erklärte ihr, dass es sehr wahrscheinlich sei, dass sie eingesperrt werde und dass sie dann anschliessend ihre Mission im Gefängnis beginnen könne. Trotz der grossen Gefahr liess sich am Folgetag, dem 28. Dezember 1970, Ludmila Javorová zur Priesterin weihen. Davidek war sich bewusst, dass er damit gegen das Kirchenrecht verstiess, doch er sah diese Tat in Angesicht der Diktatur, in der sie lebten, als gerechtfertigt. In den Folgejahren weihte er noch weitere Frauen zu Priesterinnen, deren Identität jedoch bis heute unbekannt ist. Auch weihte er verheiratete Männer zu Priestern, um das Überleben der Kirche zu sichern. Davideks handeln wurde nach der Revolution von Seiten der Konservativen in der katholischen Kirche sehr kritisch betrachtet und viele seiner Priester- und Bischofsweihen wurden rückgängig gemacht.

Priesterin Ludmila Javorová mit einem Gemälde des Bischofs Felix Maria Davidek

Das nicht gehört werden der Unterdrückten – Kommunismus und katholische Kirche

Javorová kam nie ins Gefängnis und so arbeitete sie bis Davideks Tod 1988 bei ihm als Generalvikarin. 1989, nach dem Sturz des Kommunismus in der Tschechoslowakei, konnte Javorová endlich legal als Theologin und Lehrerin öffentlich arbeiten. Dass sie aber auch Priesterin war, verschwieg sie vorerst. 1995 trat sie dann aber damit an die Öffentlichkeit und wurde in der Folge von der Kirche 1996 gezwungen, auf die Aufgaben einer Priesterin zu verzichten. Auch wollte man sie zwingen, jeglichen Anspruch darauf, eine Priesterin zu sein, aufzugeben. Dieser Forderung verweigerte sie sich. Es handle sich um ein Geschenk Gottes, dass sie nicht ablegen könne, nur Gott könne es sich wieder nehmen, so Javorová.

Der Vatikan erklärte ihre Weihe daraufhin für ungültig, da das Kirchenrecht eine Priesterweihe nur für getaufte Männer erlaube – ungeachtet dessen, dass Javorová unzähligen Menschen geholfen hatte und jahrzehntelang ihr Leben für die katholische Kirche aufs Spiel gesetzt hatte.

Heute ist Ludmila Javorová 90 Jahre alt und spricht offen über die Ignoranz der Kirche und der Männer in der Kirche gegenüber Frauen. Javorová mag den Begriff „Glaube“ nicht, da erst das „Vertrauen“ in den Gott, das Leben und die Erfahrung mit dem Gott die Religion ausmache. Die Menschen seien von der göttlichen Sprache umgeben, wie sie von Luft umgeben sind – so können auch Frauen die göttliche Sprache empfangen. Wenn die Frau in Gott vertraut, lebt sie den Glauben und gibt ihn weiter an andere, so Javorová. Sie empfindet die Priesterweihe als ein sehr persönliches Geschenk Gottes, dass Ihre Identität ausmacht. Sie sieht nicht ein, wie sie dieses ablegen sollte, wenn Gott alle Menschen gleich erschaffen habe. Die Männer der katholischen Kirche würden die Übergabe dieses Geschenks absichtlich an die Frauen verweigern.

Javorová ist der Ansicht, dass je mehr eine Frau von sich an Andere gibt, desto mehr wächst sie selbst. Aus Angst und Unverständnis wird der Frau das Geschenk des Gebens aber verweigert. Die Kirchenmänner verstecken sich hinter dem Kirchenrecht, während der Heilige Geist direkt zu den Menschen spricht, nicht über das Gesetz. Javorová ist überzeugt, der Heilige Geist und die Sprache Gottes sind die Freiheit, die wie die Luft überall ist und jedem gehört.

So bleibt der Priesterin Ludmila Javorová nach Jahrzehnten kommunistischer Verfolgung und weiteren Jahrzehnten katholischer Ignoranz, das Vertrauen in ihr Geschenk und in Gott selbst.

Titelbild: Vít Kobza
Beitragsbild: Verlag Portál

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