Spieglein, Spieglein in der Hand

Die Schönheit ist Lust und Last des weiblichen Geschlechts. Was Spielwiese der eigenen Entfaltung sein könnte, ist eher Schlachtfeld der gesellschaftlichen Normen. Unerreichbare Ideale halten die verunsicherte Frau gefangen in einer Endlosschleife aus Versuchen und Versagen. Zeit, unsere Vorstellung von Schönheit selbst in die Hand zu nehmen. Von Jacqueline Fischer

Das siebzehn-jährige Ich, vor dem Spiegel: Der kritische Blick bleibt dort hängen, wo sich die Oberschenkel wie weiche Kissen aneinanderschmiegen, dort, wo eigentlich eine luftige Lücke sein sollte. Die Oberschenkel sind zu dick, denkt das Ich. Der Bauch? Zu dick. Die Brüste? Zu klein. Und dann wandert der Blick weiter nach oben, ins Gesicht. Er begutachtet die Nase, von vorne und im Profil und obwohl das Ergebnis immer dasselbe ist, ist es doch erschreckend: da sitzt eine Kartoffel im Gesicht. „Un patatino“, wie der Italienischlehrer einmal sagte. Kartoffelig rund sind auch die Backen. Von kantigen Wangenknochen keine Spur. Das Ich steht oft so vor dem Spiegel. Es stellt sich täglich auf die Waage. Verzichtet auf Essen, macht sich Wochenpläne, zählt Kalorien. Manchmal, wenn es schwach wird, isst es übermässig viel, stopft alles in sich hinein, was es finden kann. Das macht es heimlich, oft über mehrere Tage, Wochen oder Monate hinweg. Dann schämt und verkriecht es sich. Im Sommer nur lange Hosen, weite Shirts. Wenn andere baden gehen, geht es nach Hause.

Es gibt viele solcher Ichs, die ihren Körper nicht mögen, die sich dafür schämen. Diese Ichs sind oft sehr jung, nicht selten auch älter, doch meistens weiblich.

Liegt das Problem bei den Frauen? Natürlich nicht. Das Problem liegt da draussen. Das Problem liegt in all den Werbeplakaten und Werbespots, die perfekte, dünne, halb oder ganz nackte Frauenkörper zeigen, das Problem liegt in den Hollywood-Filmen, in den Social Media – Kanälen. Tagtäglich, stündlich, ständig sind wir mit diesen Bildern konfrontiert, die uns sagen: so geht schön. Und während wir diese Bilder unbemerkt aufnehmen und abspeichern, werden wir uns immer mehr unserer eigenen Unzulänglichkeiten bewusst. Unsere Beine sind nicht dünn genug, unser Bauch nicht flach genug, unsere Brüste nicht gross genug, um mitzuhalten. Es wächst die chronische Verunsicherung des eigenen Körper- und Selbstwertgefühls.

Die Suche im Aussen beginnt. Weil es die verunsicherte Frau selbst nicht kann, müssen andere ihr das Gefühl geben: Du bist schön, du bist gut. Sie will gefallen. Um das zu erreichen, passt sie sich an die vermeintlichen männlichen Wunschvorstellungen von Schönheit und Weiblichkeit an. Die begehrte Frau fühlt sich schön, attraktiv, sexy. Ein Gegengift für die Selbstzweifel. Und indem sie immer fragt: „Wie sehe ich aus? Gefalle ich so?“, wird sich ihr Blick unbemerkt auf sie selbst richten, sie wird sich ständig prüfen, kritisch untersuchen und dabei auf sich blicken, als wäre sie der männliche Betrachter selbst.

„The male gaze“. Der männliche Blick. Der Ausdruck wurde durch die feministische Filmtheoretikerin Laura Mulvey bekannt und meint die objektivierende Darstellung von Frauen aus einer männlich heterosexuellen Perspektive in Filmen. Das sehen wir ganz offensichtlich in Szenen, in denen Frauen von Männern angestarrt werden, wobei weniger das starrende Männergesicht, als der angestarrte Frauenkörper in Grossaufnahme erscheint. Oder es geschieht subtiler, allein durch die Art der Kameraführung, wenn in Szenen ohne einen männlichen Betrachter der Frauenkörper fokussiert wird. Damit nehmen die Zuschauer und Zuschauerinnen unmittelbar die Rolle des Starrenden ein und verinnerlichen unbewusst die männlich heterosexuelle Perspektive auf den weiblichen Körper. Objektivierend an solchen Darstellungen ist vor allem, wie sie realisiert werden: Der Bildausschnitt zeigt nämlich meist nicht die ganze Frau, sondern bloss einzelne Körperregionen. Wir alle kennen es: Die Kamera scannt in hartnäckiger Slow Motion den weiblichen Körper von unten bis oben ab und bleibt dort hängen, wo es besonders sexy wird. Beim Po, dem nackten Bauch und beim tiefen Ausschnitt. Das entmenschlicht die Frau und macht sie zum Objekt. Es gibt unzählige solcher Szenen und sie sammeln sich vor allem in Blockbustern – jene kommerziell erfolgreichen Filme, die massenhaft von einem oft noch jungen Publikum konsumiert werden. Doch der Kinofilm ist nicht die einzige Medienform, die vom „male gaze“ durchdrungen ist, ebenso sind es auch Musikvideos, Werbespots und Plakate, die wir tagtäglich sehen. Das beeinflusst, wie Männer Frauen, Frauen andere Frauen, aber auch Frauen sich selbst wahrnehmen.

Dem verinnerlichten Betrachter ständig zu gefallen oder gefallen zu wollen beendet aber die Unsicherheit nicht, es macht sie grösser. Denn Bestätigung von aussen ist niemals garantiert, nicht in ihrer Wahrhaftigkeit und nicht in ihrer Dauer. Die Zweifel bleiben, denn auch die Gefahr der Ablehnung bleibt. Die Selbstzweifel machen die Frau misstrauisch. Wenn jemand sie schön findet, hat er einfach noch nicht genau genug hingeschaut.

Die zufriedene Frau als Gefahr

Während der Frau die Verunsicherung schadet, nützt sie jemand anderem: der Schönheitsindustrie. Sie lebt davon, dass Frauen sich mit den bearbeiteten Werbemodels vergleichen und merken, dass sie selbst mangelhaft sind. Aus dem Gefühl der Minderwertigkeit entsteht der Wunsch, sich zu verändern. Der Wunsch wird zum Drang. Die Frau wird zur Konsumentin.

Über 1.9 Milliarden Franken wurden in der Schweiz im Jahr 2019 mit Kosmetik- und Pflegeartikeln umgesetzt. Das weltweite Geschäft mit dekorativer Kosmetik – Lippenstifte, Eyeliner, Make-Up – wächst dank der Nutzung von digitalen Möglichkeiten stetig und schnell. Dazu kommen die Erträge der plastischen Chirurgie: 2019 wurden laut der Internationalen Gesellschaft für plastische Chirurgie (ISAPS) 25 Millionen Schönheitseingriffe durchgeführt, wobei rund 80 Prozent der Operationen auf Frauen entfallen. Je nach Eingriff beträgt der Preis 6’000 bis 10‘000 Franken, oft sogar mehr. Im Corona-Jahr waren vor allem Eingriffe im Gesicht gefragt: Fettabsaugungen am Kinn, Botox gegen Falten und Straffungen der Augenlider. Zoom lässt grüssen.

Um die gigantische Maschinerie in Bewegung zu halten, bedient die Industrie sich eines raffinierten Kniffs: Einerseits werden uns in bearbeiteten Bildern Ideale gezeigt, die eigentlich für niemanden erreichbar sind. Andererseits wird uns dauernd glaubhaft gemacht, dass wir genauso aussehen könnten, wenn wir nur wollen. Mit viel Sport, viel Disziplin und viel Geld können wir alles aus uns machen. 10 Kilogramm abnehmen in nur acht Wochen! Sichtbar weissere Zähne nach nur einem Tag! Und wenn McFit, Weight Watchers und Faltencrème nichts helfen, dann tun es eben Fettabsaugung, Brust-OP und Botox to go. Das Aussehen ist keine Frage des Schicksals, sondern des Willens. Es ist diese seltsame Paarung von Unerreichbarkeit und Machbarkeit, von Unmöglichkeit und Möglichkeit, die uns am Laufen hält. Wir glauben, dass wir es schaffen können und doch schaffen wir es nie.

Schönheit als Ticket zum Erfolg

Die Schönheitsindustrie sitzt am Ufer des Teichs und fängt fleissig ihre Fische. Der Köder ist ein Versprechen: Wenn du schön bist, kannst du alles haben. Schön sein ist wichtig. Schön sein ist der Schlüssel zur Welt.

Auch das wird uns in der Werbung gezeigt, in Filmen, in Romanen. Wer schön ist, ist erfolgreich. Wer erfolgreich ist, ist schön. Leider sehen wir das nicht nur in den Medien, sondern auch in der Realität. Der „Schön-ist-gut-Effekt“ ist eine der meistzitierten Erkenntnisse in der Sozialpsychologie. Wir halten schönere Menschen für bessere Menschen. Besser heisst: intelligenter, moralischer, begabter, vertrauenswürdiger. Studien haben gezeigt, dass wir eher Platz machen, wenn uns auf dem Gehweg ein schöner Mensch entgegenkommt. Hübsche Kinder sind besser in der Schule. Gerichtsurteile fallen für schöne Menschen milder aus. Der Effekt wirkt als selbsterfüllende Prophezeiung: Halten wir schöne Menschen für besser, gehen wir mit anderen Erwartungen auf sie zu. Wir werden sie mehr fördern und ihnen mehr zutrauen, wodurch sie sich eher entfalten und entwickeln können. Sie erzielen bessere Leistungen und erhalten dafür mehr Lob und Unterstützung. Das motiviert. Sie sind besser, weil wir daran glauben.

Weshalb aber halten wir schöne Menschen für bessere Menschen? Dass sie tatsächlich intelligenter seien, haben Wissenschaftler als Trugschluss erwiesen. Eine mögliche Antwort liefert der „Halo-Effekt“: Als wäre die Schönheit ein Heiligenschein, schliessen Menschen oft unbewusst von äusseren auf andere Persönlichkeitsmerkmale. Wir sehen einen schlanken Körper und schliessen auf Disziplin und Gesundheit. Wir sehen elegante Kleidung und schliessen auf Ordentlichkeit. Wir sehen Schönheit und schliessen auf Unschuld, Reinlichkeit, Ehrlichkeit.

Schönheit als Ticket zum Erfolg? Ja, sagt Daniel S. Hamermesh, ein US-amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler, Vater der „pulchronomics“, der Ökonomie der Schönheit. Er beschäftigte sich jahrelang mit der Frage, welche Rolle die körperliche Attraktivität auf dem Arbeitsmarkt spielt und veröffentlichte dazu mehrere Studien, die er im Jahr 2011 in seinem Buch „Beauty Pays“ zusammenfasste. Schönheit zahlt sich aus. Und das im wörtlichen Sinne. Hamermesh berechnete, dass attraktive Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen im Schnitt jährlich bis zu fünf Prozent mehr verdienen. Über das ganze Berufsleben betrachtet, häuft sich da einiges zusammen – im Schnitt 230‘000 Dollar. Attraktive Menschen kommen besser an, sie werden eher eingestellt, haben bessere Chancen bei Lohnverhandlungen und Vorteile bei der Partnerwahl.

Doch auch diese Medaille hat ihre Kehrseite. Selbst die Schönheit hat ihren Schatten. Und das gilt – paradoxerweise – besonders für das weibliche Geschlecht. Erfolge von attraktiven Frauen werden meist automatisch auf ihr Aussehen zurückgeführt. „Die ist nur da, weil sie schön ist.“ Hinter der Schönheit verschwinden Fähigkeiten und Kompetenz. Solche Vorurteile treffen eher Frauen, weil ihre beruflichen Erfolge meist von Männern abhängen. Und da wittert man instinktiv die heimliche Macht der Schönheit. Wir haben es ja so gelernt.

Und nicht nur die Gesellschaft, auch die Frauen selbst glauben, ihren Erfolg dem Aussehen zu verdanken. Die Schönheit als grosse Schwester, ohne die sie nicht können. Je wichtiger die Rolle der Schönheit im Leben, desto bedrohlicher ihr Verlust. Sie wird zur Obsession. Es erstaunt daher nur wenig, dass es oft schöne Frauen sind, die sich intensiv mit ihrem Äusseren beschäftigen. Entgegen aller Erwartungen und Versprechen macht Schönheit nicht nur selbstsicher. Sie macht auch abhängig und klein. Nicht zu vergessen ist all das Geld, all die Zeit und Energie, die viele Frauen in ihr Aussehen investieren. Ressourcen, die dann an anderer Stelle fehlen. Der Schönheitswahn als Ventil der weiblichen Energie: besser sie wird hier abgelassen als woanders.

Und dann sind da natürlich noch die Verlierer des schlanken Schönheitsideals. Gibt es Firmen, die mit dicken Menschen für ihre Produkte werben? Gibt es Filme mit dicken Figuren, die nicht gemobbt, sondern geliebt, die nicht belächelt, sondern bewundert werden? Bestenfalls sind sie noch drollig, schräg oder ein bisschen provokativ. Die Erfolgreichen sind schlank, die Versager sind dick. Das Schreckensbild der schönen neuen Welt. Wir lernen die Assoziation, dass dicke Menschen faul seien, träge und undiszipliniert und begegnen ihnen mit Vorurteilen. Diskriminierung, die aufgrund des Aussehens passiert, nennt sich „Lookism“ und beruht auf der unbewussten Annahme, dass das Aussehen ein Indikator für den Wert einer Person sei. Attraktivität als Kapital in einer wettbewerbsorientierten Welt.

Die Frau, das schöne Geschlecht

Es ist ein versteckter Imperativ, unschuldig kommt er im Deckmantel der Selbstverständlichkeit daher. Als wäre die Schönheit dem weiblichen Geschlecht von Natur aus immanent. Schön, aber natürlich schön – zwei Anforderungen, die angesichts dessen, was heute als schön gilt, eigentlich nicht vereinbar sind. Schön sein ist sexy, sich schön machen ist billig.

Es ist ein extrem schmaler Grat, auf dem Frauen wandern. Links ist das Verfehlen der Schönheitsnorm. Rechts ist der Hohn, der ihnen begegnet, wenn sie versuchen, dieser gerecht zu werden. Also immer schön in der Mitte bleiben. Nicht zu viel, nicht zu wenig. Sexy ja, aber ohne Push-Up. Schön ja, aber bitte ungeschminkt!

Natürlich ist auch bei Männern Attraktivität nicht unbedeutend. Muskelmasse heisst das Gebot der Stunde. Heute wird gepumpt. Trotz dieses Trends sind die Vorstellungen von männlicher Schönheit immer noch weniger rigide, verzeihender. Männer können dünn sein, schlank, kräftig bis muskulös, rasiert oder unrasiert, sie dürfen Falten haben und graue Haare. Die finden wir manchmal sogar richtig sexy. Eine Frau mit grauen Haaren? Schwierig. Kommt hinzu, dass männliche Schönheitsideale über die Zeit hinweg relativ stabil geblieben sind. Das Betrachten der weiblichen Schönheitsnormen verschiedener Epochen im chronologischen Zeitraffer ist schwindelerregend. Doch die Geschichte der Schönheitsideale zeigt auch: Sie waren schon immer da und schon immer haben Menschen viel dafür getan, um schöner zu sein. Was ist Schönheit? Symmetrie, Makellosigkeit der Haut, ein goldener Schnitt? Wenn die Vorstellung von Schönheit evolutionsbiologisch verankert wäre, warum ist sie dann je nach Zeit und Kultur so unterschiedlich? Schönheit ist sowohl natürlich als auch sozial konstruiert. Die Mischung bleibt rätselhaft. Klar ist: Schönheit wird wohl immer von Bedeutung sein, nur ihre Definition wird sich wandeln.

Ich finde mich schön

Parallel zur wachsenden Zahl von Schönheits-Operationen, Essstörungen und Fitness-Abonnements sehen wir auch immer mehr Bilder von Menschen, die nicht dem gängigen Ideal entsprechen und trotzdem sagen: Seht her, ich finde mich schön. Inmitten all der Bilder von dünnen, weissen Normkörpern sind auch solche von dickeren Frauen, von schwarzen Frauen und von älteren Frauen. Der Ruf nach mehr Diversität wurde über Social Media laut gemacht, Firmen nehmen den Trend in ihrer Werbung auf. Divers ist das neue sexy. Hoffentlich. Denn bei der Vorstellung von Schönheit spielt leider auch Gewohnheit eine große Rolle. Wenn etwas immer und immer wieder als schön verkauft wird, wird es irgendwann so verinnerlicht. Diversität in den Medien dehnt die Vorstellung von Schönheit, sie wird weiter, variabler, inklusiver.

Dann könnten wir aufhören, wie Sysiphos die Unerreichbarkeit vor uns herzuschieben. Wir könnten aufhören, uns im Kreis zu drehen. Raus aus dem Hamsterrad. Weg mit den Vorurteilen. Solange wir das Gefühl haben, uns für unser Äusseres rechtfertigen zu müssen, kann etwas nicht stimmen. Das gilt genauso für Frauen, die sich schminken und sexy kleiden, wie für Frauen, die sich nicht rasieren.

Das Venussymbol, ein Kreis mit einem nach unten ragenden Kreuz, ist eine stilisierte Darstellung des Handspiegels der schönen Göttin Venus und steht für das weibliche Geschlecht. Ziemlich desillusionierend. Als ob das Wesensmerkmal der Frau ihre Schönheit wäre. Und doch birgt das Symbol ein gewisses Potenzial: In einem Handspiegel sehen nicht andere uns, wir sehen uns selbst. Und Schönheit – wir wissen es – liegt in den Augen des Betrachters. Oder: der Betrachterin.

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