Die fas(t)nächtliche Zelebrierung der Kritik in der Moderne

Die Fas(t)nacht ist eine der faszinierendsten Festlichkeiten überhaupt. Gemeinhin bekannt: dass sie die Welt kopfüber stellt. Was aber, wenn die Welt schon kopfsteht? Ein Essay über die kritische Funktion der Fas(t)nacht und deren Entwicklung. Von Léonard Wiesendanger

Die Fastnacht, ursprünglich eine christliche Festivität vor Anbruch der Fastenzeit, ist ein Fest, das mit der öffentlichen Ordnung in besonderem Masse bricht. Sie ist mehr als eine einfache Ausseralltäglichkeit, denn sie geht ihren alltäglichen Gegensatz, den Status Quo, gerade auch den politischen und religiösen, spottend frontal an. Wie kein anderes gesellschaftliches Fest steht sie deshalb zur gesellschaftlichen Ordnung in Opposition.

Die Fastnacht soll deshalb in diesem Essay unter dem Gesichtspunkt ihrer kritischen Funktion betrachtet werden: als Ritual der Kritik. In diesem Rahmen argumentiert der Essay, dass im Übergang von einer traditionellen, dogmatischen Ordnung in eine moderne eine Umkehrung der kritischen Funktion der Fastnacht stattfindet: von der Kritik hin zu einer Zelebrierung der Kritik.

Die These baut auf einem Gedankenspiel, das sich gänzlich im Theoretischen vollzieht. Auf einem Gedankenspiel aufbauend erhebt die These deshalb keinen unmittelbaren Anspruch auf die historische Realität. Sie erschliesst uns aber einen Standpunkt, der uns erlaubt, die historische Entwicklung der Fastnacht besser in den Blick zu nehmen.

Die erste Hälfte des Essays wird das Gedankenspiel und die dafür notwendigen begrifflichen Bestimmungen, Fasnacht/Kritik und traditionell/modern, erläutern. Die zweite Hälfte wendet die daraus gewonnene Perspektive exemplarisch auf die Basler Fasnacht an und fragt nach der Gültigkeit und Aussagekraft des Gedankenspiels.

Das Gedankenspiel – die Umkehrung der Kritik

Beginnen wir mit dem Begriff der Fastnacht, so wie er in diesem Essay definiert wird: Die Fastnacht, auch Karneval genannt, lässt sich als ritueller Ordnungsbruch charakterisieren, der die gesellschaftliche Ordnung auf den Kopf stellt. Sie steht durch diesen Bruch in doppelter Opposition zur Gesellschaft: Erstens stellt die Fastnacht wie jedes Fest eine Ausseralltäglichkeit dar, die mit der Alltäglichkeit, all ihren Zwängen und genormten Unliebsamkeiten, bricht. Zweitens, und hier liegt die fastnächtliche Besonderheit, richtet sie sich spezifisch gegen die etablierte Ordnung und gegen die mit ihr verbundene Richtigkeit der Dinge. Die Fastnacht wird dadurch zu einem Fest der Kritik im weitesten Sinne. Was heisst das?

Kritik im weitesten Sinne soll nicht als ausschliesslich intellektuelle Operation begriffen werden. Die Fastnachtskritik äussert sich allein schon im Bruch mit den Normen, der von eben diesem Wunsch vom Bruch mit den Normen zeugt. Sie äussert sich allein schon in einem vagen, sprachlich nicht genauer gefassten ‚Dagegen‘. Dieses fastnächtliche ‚Dagegen‘ kann und hat seiner Unbestimmtheit entsprechend viele Formen angenommen.

Die Fastnacht nimmt als wandelbares Fest bestimmte Formen und Funktionen an, die ihrem gesellschaftlichen Kontext entsprechen. Innerhalb einer traditionellen Ordnung, die sich durch strenge Normen und dogmatische Richtigkeit auszeichnet, dient die Fastnacht den Menschen als Ventil. Sie bietet ihnen die Möglichkeit, ihrem Unmut einmal jährlich und für beschränkte Zeit Luft zu machen und ihrem Wunsch nach mehr Freiheit nachzukommen.

Dementsprechend wird das fastnächtliche Treiben im Mittelalter beschrieben: Lieder voller politischer wie sexueller Anzüglichkeiten wurden gesungen, Nachbarin und Nachbar mit Eiern beworfen, Männer schlichen sich in Frauenkleidern in Frauenklöster. Maske und Verkleidung gewährten relative Anonymität und ermächtigten ihre Träger zur Kritik, zum Protest und ganz allgemein zu Handlungen, die der rechten Ordnung zuwiderliefen; hierbei konnten die Ausartungen durchaus in der Gewalt münden. Die vielerorts unternommenen Versuche, die Fastnacht zu bändigen oder sie gar ganz zu verbieten, zeugen von ihrer kritischen Kraft. Immer wichtig dabei zu bedenken: Kritik im weitesten Sinne.

Der Fastnacht als ritueller Ordnungsbruch steht in traditionellen Ordnungen damit immer schon ein ambivalenter Status zu: Einerseits ist der Bruch von den Mächtigen autorisiert, relativ geordnet und zeitlich beschränkt; andererseits hegen diese Sicherheitsbedenken und Reformangst. In jeder rituellen Ausschreitung steckt ein Eskalationspotential.

Und wie die Fastnacht, so auch der fastnächtliche Narr, der kritisiert, der zu kritisieren wagt, zwischen Spass und Ernst, in der Ausübung seiner Narrenfreiheit vielleicht auch kritisieren darf: Sein Status bleibt ambivalent. In einer Ordnung dogmatischer Richtigkeit ist Narrenkritik die einzige Kritik. Sie ist nur möglich mit Eselsohren oder Narrenkappe, deren Schellen seichtes Wortgeklingel bedeuten. Die Narrenkritik verleugnet sich selbst und ist Ausdruck einer dogmatischen Ordnung, die Kritik nicht dulden will.

Mit dem Übergang von einer traditionellen, dogmatischen Ordnung hin zu einer modernen verschiebt sich auch der Ort der Fastnacht im gesellschaftlichen Kontext. Ihr wird eine neue Bedeutung zuteil. Fragen wir nach dieser Bedeutung, müssen wir uns zuerst jene Frage nach dem Unterschied zwischen traditionaler und moderner Gesellschaft stellen. Was zeichnet die Moderne aus, in der die Fastnacht eine neue Bedeutung erfährt?

Bezeichnend für den hier verwendeten Begriff der Moderne ist sein Entstehen im 19. Jahrhundert in Europa. Die Erfahrung der Beschleunigung brachte ein verändertes Gegenwartsbewusstsein hervor und noch im deutschen Vormärz, in den 1830er und 40er Jahren, wandelte sich der Begriff ‚Moderne‘ von einem Epochenbegriff in einen der Transition. Die ‚Moderne‘ sollte nicht mehr als definierter Zeitabschnitt mit distinkten Merkmalen verstanden werden, sondern als Gegenwart, die sich in ihren gegenwärtigen wie vergänglichen Momenten andauernd selbst überholt. Die vergängliche Gegenwart wurde als zu schnell vorübergehend empfunden, als dass ihr eine Epochenbezeichnung mit immer gültigen Eigenschaften hätte zugesprochen werden können. Die Gegenwart wurde vornehmlich als Vergangenheit der Zukunft begriffen und das Gegenwartsbewusstsein wurde zu einem der Zukunft.

Es ist diese Bedeutungsdimension des Begriffs ‚Moderne‘, oder auch der Zuschreibung ‚modern‘, die für die Fastnacht Konsequenzen hat, wenn wir vom Übergang von einer traditionellen, dogmatischen hin zu einer modernen Ordnung sprechen: Modernität als Imperativ des Wandels, Ausdruck eines Gegenwarts- als Zukunftsbewusstsein. Die moderne, charakterisiert durch Bewegung, ist der traditionsorientierten Gesellschaft diametral entgegengesetzt. Das Definitionsmerkmal der gesellschaftlichen Verhältnisse, die wir deshalb als ‚modern‘ beschreiben wollen, ist nebst der Bewegung die Kritik selbst. Die moderne Ordnung hinterfragt und hintergeht sich andauernd, ständig und immer wieder von neuem. Sie hält sich einen offenen Horizont und eine grundsätzliche Offenheit gegenüber allem und jedem ‚Dagegen‘. Die Ordnung in der Moderne ist zu sich wie die Fastnacht zur traditionellen Ordnung: kopfüber. Die Moderne hat deshalb etwas ausgesprochen Fastnächtliches.

Schlussfolgerung? Während die Fastnacht alljährlich für ein paar Tage die Welt kopfüber stellt (oder zumindest so tut, als ob), sind in der Moderne Kräfte am Werk, die eben genau dies tun, alljährlich, das Jahr hindurch. Entgegen einer traditionellen Gesellschaft etablierter Machtgefälle, strenger Normen und dogmatischer Richtigkeit ist Kritik in der modernen Gesellschaft allgegenwärtig. Kritik braucht in der Moderne keinen Narren als Fürsprecher, der sie vorbringen kann, allein um den Preis eines Lachens. Sie darf von allen und zu jeder Zeit vorgebracht werden. Die Narrenfreiheit ist in der modernen Ordnung universal, ein Menschenrecht. Sie liegt ausformuliert vor in Form der individuellen Freiheitsrechte, darunter die Meinungsfreiheit.

Die modernen, freien Lebensverhältnisse haben einen Einfluss darauf, wie die Fastnacht den Menschen überhaupt noch zur Befreiung dienen kann. Politische Partizipation beispielsweise wird im Rahmen der Fastnacht obsolet, wenn sie auch das ganze Jahr hindurch gelebt werden kann. Für die Fastnacht als Ritual der Kritik (und als Ritual der Befreiung überhaupt) stellt sich die Frage: Was bleibt?

Es präsentieren sich zwei Entwicklungslinien: Auf der ersten erwartet die Fastnacht eine Verkümmerung ihrer kritischen Kraft. Auf der zweiten findet eine Umkehrung statt, von der Kritik am Gegenstand hin zur Zelebrierung der Kritik.

Die erste, die Verkümmerung, ergibt sich aus dem Umstand, dass die Menschen nicht auf die Fastnacht angewiesen sind, um Kritik zu üben. Überhaupt gibt es von den wenigen Normen keine, die nicht auch an anderen Tagen gebrochen werden könnten. Die Fastnacht verliert deshalb ihr antistrukturelles Alleinstellungsmerkmal und mit ihm ihre spezifische Daseinsberechtigung. In einer modernen Ordnung besteht deshalb die Möglichkeit der Degenerierung der Fastnacht. Sie wird in diesem Fall zu einer einfachen Ausseralltäglichkeit ohne distinkte Merkmale.

Die zweite Entwicklungslinie, die Umkehrung der Fastnachtskritik, ist jene, auf die wir uns im Folgenden beschränken. Sie wurde als These dieses Essays formuliert. Die Fastnacht verliert in diesem Szenario allein ihr negatives Vorzeichen und aus der Fastnachtskritik wird die fastnächtliche Zelebrierung der Kritik. Die Fastnachtskritik ist in diesem Fall nicht mehr ‚dagegen‘, aber ‚dagegen-dafür‘ oder ‚dafür-dagegen‘; sie ist dagegen, weil dafür – dafür, weil dagegen. Sie kritisiert in einer kritischen Gesellschaft und bewegt sich somit im vorgesehenen gesellschaftlichen Rahmen. Sie stellt keinen Bruch mehr dar, aber wirkt auf die Gesellschaft affirmativ, bestätigend.

Auf dieser zweiten Entwicklungslinie hat die Fastnachtskritik als inhaltliche Kritik ihre Relevanz verloren, wichtiger ist ihre Gestaltung. Die fastnächtliche Zelebrierung der Kritik ist eine Inszenierung, ein kritisches Theater – die ausgesprochen performative Zurschaustellung der Kritik. Zu keiner Zeit im Jahr leuchtet Kritik in derselben ästhetischen Intensität auf. Die Möglichkeit zur offen hinausgetragenen Kritik eröffnet erst die Möglichkeit ihrer aufwändigen Gestaltung und eine Entfaltung, die nicht auf Funktionalität bedacht ist. Ein kritischer Pomp und vor allem ein Pomp der Kritik zu deren Ehren und, das ist die Bedingung, weil es die öffentliche Ordnung erlaubt: Die kritische Moderne feiert sich selbst.

Die Basler Fasnacht als Beispiel fastnächtlicher Zelebrierung der Kritik in der Moderne

Betrachten wir die Basler Fasnacht vor dem Hintergrund dieser Überlegungen. Sie ist ein Beispiel für eine moderne Fastnacht der zweiten Entwicklungslinie. Im 19. und angehenden 20. Jahrhundert erlaubten nämlich hinzugewonnene politische, bürgerliche Freiheiten eine Integration der Fastnacht (mit t) in den gesamtgesellschaftlichen, städtischen Rahmen. Die zuvor allein von der unteren Gesellschaftsschicht begangene Strassenfastnacht wurde salonfähig. Dieser erste Modernisierungsschub war Bedingung für die Entfaltung der Basler Fastnacht, dessen t dann bald schon von einem noch relativ jungen Fas(t)nachtscomité gestrichen wurde.

Aus Rücksicht auf die Länge des Essays ist die Entwicklung der Fasnacht im 20. Jahrhundert hier nicht en détail nachzuzeichnen. Es sei nur bemerkt, dass sie sich schrittweise einschränkenden Massnahmen wie der Sperrstunde entledigte und sich bspw. auch von sich selbst als reine Männerangelegenheit emanzipierte; sie nahm im Verlauf des 20. Jahrhunderts in Ausmass und Vielfalt schlichtweg zu. Im Folgenden wollen wir uns auf den gegenwärtigen Stand 2021 beziehen, von den einschränkenden Corona-Massnahmen einmal abgesehen. Auch konzentrieren wir uns auf die Organisierte Fasnacht, die individualistische und spontane Wilde Fasnacht wird sich selbst überlassen.

Betrachten wir also die Basler Fasnacht in Bezug auf das erläuterte Gedankenspiel. Die ‚drey scheenste Dääg‘ können in vielerlei Hinsicht als Ausdruck der Moderne begriffen werden. So fällt mit Blick auf die Basler Fasnachtskritik auf, dass sich Kritik etwas kosten lassen darf. Sie wird in aller Pracht präsentiert.

Der Pomp der Kritik äussert sich – und das soll kein Vorwurf sein – in aufwändiger Laternen- und Larvenkunst, in Kostümen, Wagen und Requisiten; er wird performativ in Szene gesetzt am Morgenstreich und am Cortège. Bei den beiden handelt es sich um organisierte Umzüge, die von bestimmten Cliquen, von an der Fasnacht teilnehmenden Gruppen, begangen werden. Beide, aber insbesondere der Cortège am Montag- und Mittwochnachmittag, erlauben den Cliquen, ihr Sujet zu präsentieren. Das Sujet ist das Motiv, das Thema, mit dem sich eine Clique an der Fasnacht auseinandersetzt, das es dem Spott aussetzt und kritisiert.

Zwischenzeitlich, zwischen Montagabend und Mittwochmorgen, werden die grossen künstlerischen Erzeugnisse ausgestellt, die Laternen auf dem Münsterplatz, die Wagen und Requisiten auf dem Kasernenareal, so dass man sie in aller Ruhe bewundern und bestaunen kann. Je ausgeprägter die gestalterische Komplexität, Ergebnis ausserordentlicher Bemühungen um rein ästhetische Belange, desto offensichtlicher der Umstand, dass die Form der Kritik schwerer wiegt als deren Inhalt. Die Fasnacht, und mit ihr die Fasnachtskritik, ist längst ein Wirtschaftsfaktor und der fasnächtliche Pomp fordert seinen Preis gleich mehrfach.

Die pompöse Kritik ist keine vollkommen unabhängige, weil die Cliquen zu ihrer Finanzierung auf Subventionen angewiesen sind. Das Comité, zuständig für die Organisierte Fasnacht, vergibt diese Subventionen und stellt eine von Wirtschaft und Politik unabhängige Fasnacht sicher. Das Comité nimmt zwangsläufig die paradoxe Funktion eines Garanten ein, der das närrische Treibens einerseits ermöglicht, andererseits aber auch einschränkt.

Die Redewendung ‚Fasnacht im Sagg‘ verweist auf die Rationalisierung des närrischen Treibens. Anstatt Kostüm und Larve selber herzustellen, werden sie fertig abgepackt, ‚im Sack‘ gekauft. Dergestalt werden Laternen von Personen vom Fach hergestellt. Bekanntlich schmälert die ‚Fasnacht im Sagg‘ den Bezug der Person zur Fasnacht, denn sie muss sich weder um Konzept noch um dessen Umsetzung kümmern. Analog dazu lässt sich behaupten, die ‚kritische Fasnacht im Sack‘ schmälere den Bezug der Person zur Fasnachtskritik. Die Möglichkeit des Outsourcing der Kritik bedeutet, dass man sich an der Fasnacht kritisch gebärden kann, sich als kritisch feiern kann, ohne zwingend kritisch zu sein. Sie macht es sogar denkbar, dass Personen Kritik mittragen, ohne überhaupt ein Bewusstsein für diese zu haben.

Zur Frage nach dem Verhältnis von inhaltlicher Kritik und ihrer gestalterischen Prachtentfaltung gesellt sich also die Frage nach einer Unterscheidung zwischen den Personen, die tatsächlich in die Fasnachtskritik investieren und sie ausüben, und denen, die sie lediglich eskortieren. Und ist damit der Cortège, zu Deutsch: Kortege oder Eskorte, nicht auch das Ehrengeleit der Fasnachtskritik und damit eben jene Zelebrierung der Kritik, ohne zwingend kritisch zu sein?

Der fasnächtliche Pomp der Kritik ist zweifelsohne schwerfällig, und das nicht nur wegen der langen Wartezeiten und den Staus, die Aktive in Kauf nehmen müssen, wollen sie denn am Cortège teilnehmen. Reglementarische Auflagen behindern das närrische Treiben. Auch können Sujets aufgrund ihrer aufwendigen Gestaltung die Zeit ab Herbst thematisch gar nicht abdecken. Die Kritik der Organisierten Fasnacht ist deshalb unbeweglich. Sie kann auf Brandaktuelles nicht reagieren. Gleichzeitig läuft sie Gefahr, zu veralten, bevor die Fasnacht überhaupt anfängt. Auch das schränkt sie in ihrer Themenwahl weiter ein.

Das augenfällige fasnächtliche Spektakel wird ergänzt durch eine bescheidenere literarische Form. Es werden ‚Zeedel‘, Zettel mit satirischen Versen, verteilt und auch ‚Schnitzelbängglerinne und Schnitzelbänggler‘ geben ihre Verse vor grossem und kleinem Publikum zum Besten. Die Vorteile betreffend inhaltliche Kritik liegen auf der Hand: Es ist nicht notwendig, sich auf ein einzelnes Sujet festzulegen und es besteht selbst noch während der Fasnachtszeit die Möglichkeit, die aktuellsten (Welt)Geschehnisse zu kommentieren.

Die Basler Verse, ob in geschriebener oder vorgetragener Form, sind aber keineswegs nüchtern gehalten. Sie sind das beste Beispiel für die enge Verbindung zwischen Fasnacht und Basler Identität. Möglichst authentisch sollen sie sein, in altem ‚Baaseldytsch‘ verfasst. Ziel ist deshalb keine schlichte Kommunikation der satirischen Verse. Ziel ist die Zurschaustellung des Basler Narrentums, eine Zelebrierung der Kritik, die Identität stiftet, und deshalb ganz besonders: eine Zelebrierung der Basler Kritik.

Fassen wir zusammen und schliessen ab. Die Basler Fasnacht kann exemplarisch als moderne Fastnacht der zweiten Entwicklungslinie begriffen werden. Sie hat über das 20. Jahrhundert hinweg eine bemerkenswerte Entwicklung und Entfaltung erfahren, parallel zu einer sich immer weiter öffnenden Gesellschaft.

Im Zuge dieser Öffnung hat sie ihre privilegierte Stellung verloren, welche den Menschen in einer traditionalen Ordnung alljährlich Raum und Platz dafür bot, sich über eben diese geschlossene Ordnung dogmatischer Richtigkeit lustig zu machen und subversiv Kritik zu üben. Andererseits entstand ein Raum, der es ermöglichte, die Kritik im Kollektiv zu leben; sie bildnerisch, literarisch und musikalisch begleitend zum Ausdruck zu bringen und als Spektakel dramaturgisch zu inszenieren, sie offen zur Schau zu stellen.

Die behauptete Umkehrung der Kritik spiegelt sich in eben dieser Beschreibung: Der kritische Pomp der Fasnacht und der modernen Fastnacht im Allgemeinen ist vor allem ein Pomp der Kritik. Er spiegelt den Stellenwert der Kritik in einer modernen Gesellschaft und den Stellenwert der kritischen Haltung im Selbstverständnis und in der Lebensweise der Menschen. Die Zelebrierung der Kritik kann als ein, wenn nicht als das kennzeichnende Merkmal der modernen Fastnacht verstanden werden, das sie trennscharf von anderen Festlichkeiten unterscheidet.

Literaturverzeichnis

Bertrand, Gilles: Venice Carnival from the Middle Ages to the Twenty-First Century. In: Journal of Festive Studies 2, Nr. 1 (2020), 77-104.

Chlup, Radek; Cieslarová, Olga: Second-Order Liminality: Dynamics of Ritual Change in the Basel Fasnacht. In: Zeitschrift für Religionswissenschaft 28, Nr. 2 (2020), 276–313.

Gumbrecht, Hans Ulrich: Modern, Moderne, Modernität. In: Brunner, Otto; Conze, Werner; Koselleck, Reinhart (Hg.): Geschichtliche Grundbegriffe 4 (1997), 93-131.

Muchenberger, Katja: Was kosten die drei schönsten Tage? Die Basler Fasnacht als Wirtschaftsfaktor. In: Fasnachts-Comité (Hg.): Basler Fasnacht – vorwärts, marsch! „Lääse – loose – luege!“, 40-49.

Scharfe, Martin: Scherz ernst genommen. Anmerkungen zur Funktion der Kritik in den Fasnachtsrügebräuchen. In: Bausinger, Hermann; Jeggle, Utz; Scharfe, Martin; Warneken, Bernd Jürgen (Hg.): Narrenfreiheit. Beiträge zur Fasnachtsforschung. Untersuchungen des Ludwig-Uhland-Instituts der Universität Tübingen im Auftrag der Tübinger Vereinigung für Volkskunde 51 (1980), 249-259.

Wartburg, Beat von: Kreativ, tabulos, schrill. Die Fasnacht von morgen wird nicht der Carneval von gestern sein – Ein Essay. In: Fasnachts-Comité (Hg.): Basler Fasnacht – vorwärts, marsch! „Lääse – loose – luege!“. Basel 2009, 162-171.

Wunderlin, Dominik: Vox populi. Sujets als Abbild der ‚Volksmeinung’. In: Fasnachts-Comité (Hg.): Basler Fasnacht – vorwärts, marsch! „Lääse – loose – luege!“. Basel 2009, 128-137.

Bildverzeichnis

Andreas Mann / Shutterstock.com: laternenausstellung-spexit-laterne, laternenausstellung-2, morgenstreich-2, schnitzelbank, morgenstreich-spacc88t, Cortege-Waggiswagen

footageclips / Shutterstock.com: cortege-pfyffer-2, waggis-bvb-2

Oliver Foerstner / Shutterstock.com: cortege-pfyffer-2-1