Von Solidarität und Selbstverantwortung

Mit Ansätzen der Disability Studies Konzeptionen von Freiheit neu denken. Von Christina Zinsstag

Die Disability Studies sind noch ein sehr junges, akademisches Fach. Wie viele neue akademische Gebiete, wie etwa die Gender Studies und die Postcolonial Studies, verdanken sie ihre Existenz unermüdlichem Aktivismus, der nicht nur soziale Ungleichheiten sichtbar gemacht und angeprangert hat, sondern auch grundlegende Prämissen in unserem Denken und Handeln in Frage stellt. Im Folgenden wird gezeigt wie zwei US-amerikanische Aktivistinnen bürgerlich-liberale Konzeptionen von „Freiheit“ konfrontieren.

Welche Sprache?

Mel (früher Amanda) Baggs ist Schriftstellerin, Künstlerin und Aktivistin für die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Auch sie selbst hat mehrere körperliche und geistige Behinderungen und chronische Krankheiten, darunter auch Autismus. Um diese spezifische Erfahrung von Behinderung geht es hier[1].

Das ca. achtminütige Video In My Language von Mel Baggs wurde 2007 auf Youtube gepostet, es handelt sich dabei zugleich um die Darstellung einer alltäglichen Situation, um ein aktivistisches Projekt und eine künstlerische Performance. Das Video ist in zwei Teile gegliedert. Der erste Teil zeigt Baggs selbst in einem Raum, wahrscheinlich einem Wohnzimmer, mit einigen Möbeln und einem Fenster. Es werden hintereinander kürzere Fragmente gezeigt, in welchen sie zumeist den Rücken zur Kamera gekehrt hat und unaufhörlich Dinge berührt, mit den Fingern auf ihnen trommelt und Rhythmen produziert. Dabei wiegt sie meist leicht vor und zurück und singt, jedoch ohne Worte zu benutzen. Sie hebt die Arme und spreizt die Finger. Immer wieder zoomt die Kamera ein: man sieht eine Computer-Tastatur, eine silberne Kette schlägt gegen einen Türgriff, diverse Objekte werden aneinander gedrückt und gerieben. Nach einigen dieser Ausschnitte beginnt der zweite Teil des Videos, genannt A Translation. Es werden weiter Filmsequenzen gezeigt. Finger, die sich durch einen Wasserstrahl bewegen, Baggs wieder im Wohnzimmer, sich vor- und zurückwiegend. Darüber hören wir eine Computer-Stimme und in einer kurzen Sequenz sehen wir auch, wie Baggs diesen bedient.

Mel Baggs beschreibt den ersten Teil ihres Videos als ihre eigene Sprache und den zweiten Teil als dessen Übersetzung. Damit möchte sie zweierlei sagen: 1. Was für eine Person ohne Autismus – oder auch einer Person mit Autismus, jedoch nicht mit denselben Erfahrungen – als seltsames und unverständliches Verhalten ohne Sinn wahrgenommen wird, folgt tatsächlich einer eigenen Logik. 2. Diese Logik, obwohl von Baggs als Sprache bezeichnet, folgt einem ganz anderen System, als jenem, dass wir für grundlegend für Schriftsprachen halten: es werden keine Worte oder visuellen Symbole kreiert, welche interpretiert werden können. Stattdessen geht es um eine konstante Interaktion mit der Umwelt, so wie Baggs es im ersten Teil des Videos gezeigt hat. Sie stellt die beiden Sprachen einander gegenüber und beschreibt die Widersprüchlichkeit in unseren Annahmen, wenn wir die eine als Ausdruck einer Isolierung von ihrer Umwelt (z.B. „Sie ist in ihrer eigenen Welt“) beschreiben und die andere als verbindliche Form der Kommunikation, wenn ersteres doch viel interaktiver und letzteres nur für die Kommunikation zwischen Menschen brauchbar ist.

Baggs hinterfragt des Weiteren, die für uns so natürlich erscheinende Verbindung zwischen Sprache, Denken und Persönlichkeit. Baggs eigene Sprache erscheint vielen Menschen so fremd, dass sie bezweifeln, dass sie Ausdruck einer Denkweise sein könnte und in einem weiteren Schritt wird sogar hinterfragt ob Baggs überhaupt eine (denkende) Person ist. Kann ein Mensch, der einen Kugelschreiber schmeckt und ein Buch fühlt und riecht als mündige Person akzeptiert werden? Kann ihr Verantwortung zugestanden und ihr erlaubt werden, über ihr Leben frei zu verfügen?

Baggs zeigt auf, wie eine asymmetrische Machtbeziehung entsteht: Nur in dem sie die dominante Sprache lernt und anwendet wird sie ernst genommen, umgekehrt jedoch gilt die Tatsache, dass andere ihre Sprache nicht verstehen, als „natürlich“, normal und unproblematisch. Sie stellt zudem das Wissen, dass über kognitiv disabelisierte Personen produziert wurde, in Frage, in dem sie selbst die Wissensproduktion übernimmt und aufzeigt, wie wenig selbst Ärzte und Expertinnen verstanden haben.

Baggs gelingt es in diesem Video nicht nur unsere Vorstellungen von Sprache, Kommunikation und Denken zu hinterfragen, sie kehrt die Situation zudem auch um: denn es ist die abelisierte Zuschauerin, welche Unterstützung in Form einer Übersetzung braucht, um dieses Video zu verstehen. Es wird sichtbar, dass Personen mit Autismus nicht inhärent seltsam und verwirrt sind, sondern dass es die Anderen sind, die verwirrt sind, weil sie diese Formen von Sprache und Kommunikation nicht verstehen, ja sie nicht einmal als solche erkennen. Es wird somit deutlich gemacht, wie „Disability“ oder „Behinderung“ als soziales Konstrukt produziert wird und wie eine solche Erkenntnis allgemeingültige Vorstellungen von Mündigkeit, Unabhängigkeit und Rechtsprechung herausfordert und neue Ansätze verlangt.

In My Language von Mel (Amanda) Baggs



Was kann und darf ein Körper?

Der 2008 erschienene Dokumentarfilm Examined Life von Astra Taylor begleitet in 90 Minuten acht bekannte und einflussreiche zeitgenössische Philosophinnen und Philosophen auf einem Spaziergang durch verschiedene Metropolen in den USA. Auf diesen Spaziergängen sprechen sie jeweils über einen Aspekt ihrer Theorien und deren Bezug auf die Orte, die sie gerade begehen. So wurden diese auch bewusst gewählt, um das Gesagte zu ergänzen. Beispielsweise spricht Slavoj Zizek über Ethik und Konsum, während er durch eine Müllhalde stöbert. Ziel des Films ist es, die Philosophie aus den Seminarräumen und Büchern rauszuholen und in direkten Zusammenhang mit dem Alltagsleben zu bringen und so aufzuzeigen, wie diese einander nähren und transformieren. Der Ausschnitt, den ich im Folgenden besprechen möchte, begleitet Judith Butler und Sunaura Taylor durch den Mission District in San Francisco. Das Besondere an diesem Ausschnitt im Vergleich zu den sieben anderen Philosophinnen ist, dass Butler Taylor eingeladen hat, mit ihr zu spazieren und dass sich das Gespräch im Dialog statt im Monolog an Taylors Erfahrungen und ihrem Aktivismus entlang entwickelt. Damit zeigt sich auch formal eine grundsätzliche Kritik am Individualismus und am Bild des „Philosophen-Genies“.

Sunaura Taylor ist eine Künstlerin und Aktivistin, insbesondere für die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Sie kam mit Arthrogryposis multiplex congenita, kurz AMC, zur Welt, einer Form der Gelenksteife, bei der meistens mehrere Gelenke betroffen sind. Sie benutzt deswegen einen elektrischen Rollstuhl. Taylor ist zudem die jüngere Schwester der Regisseurin von Examined Life. Den 14-minütigen Ausschnitt aus Examined Life eröffnet Butler mit der Frage, was es für Taylor bedeutet, spazieren zu gehen (auf Englisch: Going for a walk). Taylor erklärt, dass sie diese Redewendung verwendet, auch wenn sie sich nicht gehend, sondern fahrend fortbewegt. Sie sprechen darüber, welche Umgebung es ihr erlaubt, spazieren zu gehen und Taylor erklärt, dass dies gerade in San Francisco sehr gut möglich ist, da die Stadt sehr Rollstuhl-freundlich gebaut ist. Dies führe dazu, dass viele Personen mit Behinderungen unterwegs sind und somit auch ein soziales Bewusstsein und Akzeptanz in der Stadt herrscht.

Auf Butlers Frage hin, ob sie sich denn frei bewegen könne, antwortet Taylor mit der Schilderung folgender Situation: Sie könnte in ein Café gehen und ihr bestelltes Getränk selbst mit dem Mund aufheben und zu ihrem Platz tragen oder sich von den Angestellten helfen lassen. Ersteres sei viel schwieriger als Letzteres, denn während jenes eine simple Hilfeleistung darstellt, wirft das andere die Frage auf, wie und wofür wir unsere verschiedenen Körperteile verwenden dürfen? Weil auch unsere Bewegungen Normierungen unterworfen sind, können ungewohnte Körper-Techniken großes Unwohlsein hervorrufen und gar zu Gewalt führen. Hier kann auch eine Gemeinsamkeit zwischen Disability Studies und Gender Studies festgestellt werden. Butler fasst diese mit der Frage „What can a body do?“ zusammen[2].

Gleichzeitig sagt Tylor jedoch auch, dass für sie Hilfe verlangen eine Form von Protest sei und zwar weil wir im Grunde alle Hilfe benötigen. In einer Gesellschaft, die Individualismus und Autonomie zelebriert, ist Hilfe verlangen und erhalten stark stigmatisiert (man denke nur an die letztjährige Abstimmung bezüglich der Überwachungsabsichten von Sozialversicherungen) und die Tatsache, dass wir alle von vorneherein und ganz fundamental voneinander abhängig sind, wird verdrängt.

Ausschnitt aus dem Film Examined Life mit Judith Butler und Sunaura Taylor



Zwischen uns

Die in diesem Text geschilderten Überlegungen sind für mich Teil ganz grundlegender Anstöße welche von den Disability Studies ausgehend Konzepte von Freiheit (und damit einhergehend von Recht) herausfordern. Was setzen wir voraus, wenn wir von „Freiheit“ sprechen? Welche Eigenschaften haben diese Subjekte, die frei sein sollen und was für ein Menschenbild konstruieren wir dabei? Wie sieht Freiheit für eine Person aus, die abhängig ist von der Versorgung durch andere Menschen und/oder Maschinen – ein Zustand den im Grunde alle Menschen leben? Wie sieht dies in Bezug auf Rechte aus? Wen betrachten wir als fähig (auf Englisch able), über die eigene Freiheit selbst zu verfügen und betrachten sie daher als mündig? Wie begründen wir die vorausgesetzten Fähigkeiten zur Verfügung über die eigenen Freiheiten und Rechte?

Freiheit wird oft politisch mobilisiert um ‚den Westen‘ vom Rest der Welt abzugrenzen. Hier, so heisst es, sind alle frei und gleich vor dem Gesetz. Hier haben auch marginalisierte Gruppen, wie etwa Frauen, Queers oder Personen mit Behinderung, die meisten Rechte und werden besser geschützt als anderswo. Freiheit wird demnach einerseits mit individuellen Bürgerrechten und andererseits mit Schutz vor Gewalt verbunden. Freiheit heisst in unserer kapitalistischen Welt jedoch auch vor allem über mehr Geld zu verfügen als für das existenzielle Überleben notwendig ist. Geld ist, was uns wirklich frei macht: Mit Geld ist alles kaufbar und alles mobil. Geld ist zudem der primäre Massstab für den gesellschaftlichen Status. Geld heisst soziale Anerkennung und Unabhängigkeit.

Doch Freiheit bedeutet nicht, einfach nur tun zu können was ich will, es ist kein utopischer Zustand und auch nicht etwas, dass natürlich existiert. Freiheit kommt auch nicht von einer einzelnen Person, welche die Macht hat, sie zu vergeben, vielmehr geschieht sie als eine Beziehung zwischen oder unter uns. Ironischerweise macht gerade das Konzept von Geld dies besonders deutlich: Die Schaffung einer von Allen anerkannten Währung vereinfacht im Grunde nichts anderes als die alltäglichen Interaktionen zwischen Personen und damit die Beschaffung von notwendigen Ressourcen und Dienstleistungen. Die Erkenntnis, dass alle Menschen existenzielle Bedürfnisse haben hat zudem dafür gesorgt, dass wir als Gemeinschaft Systeme und Institutionen geschaffen haben, welche diese, unabhängig von der finanziellen Lage, decken sollen. Diese Systeme dienen jedoch nicht nur der Verminderung von individuellem sondern auch von kollektivem Risiko. Deswegen sind Menschenrechte im Grunde keine moralische Pflicht, sondern vielmehr für die Freiheit aller eine grundlegende Notwendigkeit.

Banal formuliert heisst dies, wir sind alle durch unsere Körperlichkeit mit einander verbunden. Unser Körper-sein macht uns voneinander abhängig und gibt uns gleichzeitig die Fähigkeit einander zu unterstützen. Freiheit kommt erst in dieser Wechselwirkung der gegenseitigen Hilfe und der Anerkennung der Hilfsbedürftigkeit zu Stande. Wenn wir in der Politik also dem Slogan „Selbstverantwortung vor Solidarität“ begegnen, so sollten bei uns allen die Alarmglocken klingeln: Selbstverantwortung setzt nämlich Solidarität voraus.



Disability Studies
Die Geschichte der Disability Studies ist eng mit weltweit stattfindenden Behindertenbewegungen verbunden. Diese konnten aufzeigen, dass viele der Probleme, mit welchen sich Personen mit Behinderungen konfrontiert sehen, nicht in ihrer jeweiligen körperlichen oder geistigen Beeinträchtigung liegt, sondern vielmehr in ausgrenzenden gesellschaftlichen Systemen. Diese Erkenntnis führte zu Entwicklung einer Theorie der sozialen Konstruktion von Behinderung, welches in den USA und England zeitgleich von Wissenschaftlerinnen mit Behinderung erarbeitet und dem dominanten, medizinischen Modell gegenübergestellt wurde.
Dabei wird in einem ersten Ansatz zwischen verkörperter Beeinträchtigung und sozialer Behinderung (auf Englisch Embodiment/Impairment und Disability) unterschieden. Embodiment beschreibt dabei, wie der Körper beschaffen ist, zu was er fähig ist oder nicht und die Folgen davon. Disability dagegen steht für die soziale Konstruktion von Behinderung und die damit einhergehenden Repressionen und Diskriminierungen von Personen mit Behinderungen, etwa in Bezug auf Wohnungsoptionen, Berufschancen, Bevormundung, sozialer Isolation, usw. Es werden also die behindernden Effekte der Gesellschaft und das damit einhergehende Behindert-Werden (die Verinnerlichung gesellschaftlicher Zuschreibungen) beschrieben.
Zentral für die Disability Studies ist zudem ein grundlegender Perspektivenwechsel: Personen mit Behinderungen sind hier nicht mehr Objekt der Wissenschaft, sondern ihr Subjekt. Das Wissen wird von ihnen selbst aktiv produziert und stellt somit ihre Erfahrungen und Sichtweisen ins Zentrum. Die Disability Studies verfolgen dabei ebenfalls einen intersektionalen Ansatz.
Für weitere Infromationen siehe die Website der AG Disability Studies Deutschland.


Bild: Berlin, 25. Januar 1990: Rollstuhlfahrer demonstrieren vor einem Kino. Unter der Losung „Gegen bauliche und geistige Barrieren – für zugängliche Menschen und Gebäude“ forderten sie mit ihrer 20-minütigen Blockade des Kinoeingangs, Behinderte nicht länger vom kulturellen Leben auszugrenzen. Fotografiert von Peter Zimmermann. Quelle: Wikimedia


[1] Baggs betreibt zudem den Blog ballastexistenz.wordpress.com. Der Titel Ballastexistenz wurde bewusst gewählt, aufgrund seiner historischen Verwendung, insbesondere im Nationalsozialismus, als Bezeichnung für Menschen mit Behinderungen, deren Leben so als wertlos und unnütz herabgestuft wurde und wird. Ich werde nicht mehr weiter auf diesen Blog eingehen, halte ihn jedoch für sehr informativ und möchte ihn an dieser Stelle gerne weiterempfehlen.

[2] Für einen Überblick zu feministischen Beiträgen zur Philosophie des Körpers, siehe beispielsweise diesen Eintrag in der Stanford Encyclopedia of Philosophy (auf Englisch).

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