Wir streiken auch für die vergangenen Generationen

Heute streiken schweizweit Frauen für mehr wirtschaftliche Gleichheit. Eine gute Gelegenheit auf die Vergangenheit zurückzublicken. Im Gespräch mit meiner Mutter und Grossmutter habe ich mich auf eine ganz persönliche Zeitreise begeben. Von Mara Dieterle

Als ich vor gut drei Wochen meine Grossmutter fragte, ob sie mir ein wenig aus ihrem Leben erzählen wolle, war ihre Antwort – ganz in manierlicher Bescheidenheit – «Ja, erzählen kann ich schon, wenn du das möchtest». Ich glaube, ich habe sie mit meiner Idee etwas überrumpelt. Aber der Gedanke ging mir einfach nicht mehr aus dem Kopf: Am 14. Juni wird wieder gestreikt – für Lohngleichheit, die Anerkennung von Sorge- und Pflege-Arbeit und weil es nach wie vor in vielen Bereichen mit der Gleichstellung der Geschlechter zu langsam voran geht. Während ich diese Anliegen teile, umtreiben mich als Geschichtsstudentin vor allem auch folgende Fragen: Wie war es früher? Was hat sich verändert?

Ich weiss, das sind schwierige Fragen, die ohne weiteres nicht beantwortet werden können. Gerade Fragen nach Veränderungen sind ja in der Geschichte eher kritisch. Bereits als Erstsemestrige wurde uns eingetrichtert, dass das lineare Geschichtsverständnis und der Fortschrittsglaube problematische Konzepte sind, Stichwort Eurozentrismus. Weiter zeigen diverse Beispiele immer wieder, wie der heutige Streik oder die jüngsten Geschehnisse in den USA bezüglich Abtreibungsrecht, dass erkämpfte Rechte keine Selbstverständlichkeit sind, sondern verteidigt werden müssen. Nichtsdestotrotz sind bei mir diese beiden Fragen mit dem näher rückenden Frauenstreik immer wieder aufgetaucht. Und anders als gewohnt, wollte ich die Antwort nicht in Büchern und Quellen suchen. Diese Fragen wollte ich durch mein persönliches Umfeld beantwortet haben. Also habe ich mich auf eine kleine Zeitreise begeben – drei Generationen zurück, beginnend bei meiner Urgrossmutter mütterlicherseits.

Mit drei Beinen im Leben

Meine Urgrossmutter wurde 1897 in Kollbrunn, im Kanton Zürich, geboren. Da ihre Mutter, meine Ur-Urgrossmutter, schwer alkoholkrank war, platzierte man die Kinder – meine Urgrossmutter hatte noch einen jüngeren Bruder – bei fremden Familien. Während der Bub es mit den neuen «Eltern» relativ glücklich getroffen hatte, landete meine Urgrossmutter beim Dorfmetzger. Dort musste sie im Heimbetrieb mitarbeiten, das Schweineblut umrühren, damit keine Klümpchen entstanden. Regelmässig gab es Schläge und in die Schule durfte sie nur dann, wenn die Lehrerin mal wieder bei der Familie intervenierte – damals war sie sieben Jahre alt. «Diese Vergangenheit hat man ihr ein Leben lang angesehen. S’Müetti stand nicht mit zwei, sondern mit drei Beinen im Leben», erzählt meine Grossmutter. Mit zwanzig ging sie dann nach Zürich und arbeitete in einer reichen Familie als Dienst- und Kindermädchen. Sie heiratete und bekam vier Mädchen, meine Urgrosstanten. So sehr sich die Eltern einen Jungen gewünscht hatten (mein Urgrossvater war begnadeter Kunstturner und wollte dieses Hobby an seinen Sprössling weitergeben), blieb es doch bei diesen vier Mädchen. Bis sich dann im Jahr 1943 ein weiteres Kind anmeldete – ein «Nachzüglerli», meine Grossmutter. Da war meine Urgrossmutter bereits 46. Zuerst deutete sie die Symptome als Folge der Abänderung. Erst als sich das Kind zu bewegen begann, bemerkte sie, dass sie noch einmal schwanger war.

Es hat sich einfach nicht gehört

«Wir hatten es sehr schön, aber wir waren einfach arm. (…) So genau weiss ich es auch nicht mehr, aber wir lebten grösstenteils aus der Selbstversorgung», erinnert sich meine Grossmutter. Nach dem Umzug nach Winterthur hat sich die Familie drei «Pünten» (Winterthurer Schrebergärten) angeschafft, in denen auch die Kinder am Wochenende nach der Schule geholfen haben Gemüse anzupflanzen und zu ernten. Meine Grossmutter wollte gerne Säuglingsschwester werden. Aber das mit der Lehre was so eine Sache. Die konnte einfach nicht jeder machen. Deshalb arbeitete sie, wie bereits die Mutter, als Kindermädchen bei einer wohlhabenden Familie. Eine Arbeit, zu der sie stets gerne ging und für die sie auch noch Geld bekam; fünf Franken in der Stunde. Als sie nach ihrem ersten Arbeitstag mit zwanzig Franken in der Tasche nach Hause ging, trug sie so viel Geld wie noch nie auf sich. Alsbald lernte sie meinen Grossvater kennen und ein Wimpernschlag später meldete sich dann auch das erste Kind an – meine Mutter. Gearbeitet hat meine Grossmutter dennoch weiter, auch nach dem zweiten Kind (natürlich ohne Mutterschaftsurlaub). Denn finanziell gesehen benötigte die Familie das zweite Einkommen. Lange Zeit arbeitete sie für die Hausermann Textil AG in Winterthur. Dass sie für ihre Arbeit weniger Lohn erhielt als ihre männlichen Arbeitskollegen, war eine Selbstverständlichkeit.

Die Frauenbewegung, die in den 70er-Jahren stark an Aufschwung gewann, ging auch an meiner Grossmutter nicht unbemerkt vorbei. «Ich war sogar an der Stadthausstrasse und habe zugeschaut. Aber selbst mitgemacht habe ich nicht. Das gehörte sich für eine verheiratete Frau mit zwei Kindern nicht.», erzählt sie weiter. Die Angst, dass man gesehen werden konnte, war gross. Zum Gesprächsstoff wollte niemand werden und erst recht nicht den Job riskieren, denn man brauchte ja das Geld.

Von «falschen Freunden» und verschobenen Chancen

An die Frauenbewegung der 70er konnte sich meine Mutter nur schwach erinnern – damals war sie etwas älter als 10 Jahre. «Frauen wie Alice Schwarzer und Esther Vilar waren suspekt, das weiss ich noch», antwortet meine Mutter auf meine Nachfrage. Aber als 14-jähriges Kind hatte auch sie anderes im Kopf. Meine Mutter wollte Fussball spielen. Doch da war sie auf den guten Willen der Jungs angewiesen. Und die liessen sie nicht immer mitspielen. Eine Mannschaft nur aus Mädchen, das gab es nicht. So entschied sich meine Mutter für Handball, der Club von Winterthur hatte gerade erst eine Mädchenmannschaft gegründet. Etwa ein halbes Jahr später gründete der Stadtkreis Veltheim dann eine erste Mädchen-Fussballmannschaft. Da war meine Mutter aber schon eine überzeugte Handballerin.

Beruflich wollte sie Archäologin werden. Heute muss sie darüber lachen: «Ich dachte, das hätte am meisten mit Geschichte zu tun». Dass man auch Geschichte studieren konnte, wusste sie nicht. Sie sei mit vielen «falschen Freunden» aufgewachsen. Affinitäten gespürt und gezielt gefördert habe man in der Schule nicht. War man, wie im Falle meiner Mutter, eine gute Schülerin, riet die Berufsberatung gerne zur kaufmännischen Grundbildung – eine solide Basis, Geschichte solle doch lieber als Hobby weiterverfolgt werden. Mit dieser soliden Ausbildung wollte meine Mutter dann nach der Lehre gerne in der Buchhaltung arbeiten, wurde aber nicht genommen. Der Grund: Keine freie Stelle. Später erfuhr sie dann von zwei Jungen, die in eben jener Buchhaltung ihre kaufmännische Karriere starteten. Meine Mutter hat immer gearbeitet. Mit Ausnahme der beiden Geburten ihrer Kinder – übrigens ebenfalls noch immer ohne bezahlten Mutterschaftsurlaub (eine Tatsache, die ich effektiv erst googlen musste, bevor ich das geglaubt habe). Später dann, als mein Bruder und ich grösser waren und sie nochmals über eine Weiterbildung nachdachte, fehlten ihr die nötigen Papiere für die Stelle, die sie als Voraussetzung gebraucht hätte. «Das ist aber nicht nur mir so gegangen. Solche Geschichten höre ich immer wieder», fügt sie an.

Darum streiken

Gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit, gerechte Verteilung der Care-Arbeit, Respekt. Dafür wird heute schweizweit gestreikt. Aus den Gesprächen mit meiner Mutter und Grossmutter habe ich viel über die Vergangenheit, ihre Vergangenheit und ihre Kämpfe erfahren. Geschichte mal anders, ganz persönlich erlebt. Diese Erfahrung hat mir gezeigt, dass man nie nur für die eigene und künftige Generation auf die Strasse geht. Sondern auch für die Urgrossmutter, die als Verdingkind aufwuchs und in Armut und durch einen Weltkrieg hindurch vier Mädchen grosszog und ein fünftes austrug. Für die Grossmutter, die ein Leben lang hart gearbeitet hat – und mit einer Selbstverständlichkeit hingenommen hat, dass sie für ihre Arbeit weniger Lohn erhält als ein Mann. Für die Mutter, die weder für mich noch für meinen Bruder Mutterschaftsurlaub erhielt. Sie sind Teil eines kollektiven Gedächtnisses, für deren Aufrechterhaltung die Geschichtswissenschaft verantwortlich ist und welchem wir durch den heutigen Streik Anerkennung und Aufmerksamkeit zollen wollen.

Bild: Eine der Aktionen des heutigen Streiktages beinhaltet die Anpassung von Strassennahmen. Foto von Sandy Cheung

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