Das grösste Märchen der Schweizer Fussballgeschichte ist Zeichen dafür, wie Geduld, harte Arbeit, Bodenständigkeit und der unbändige Glaube an sich selbst im modernen Fussball gegenüber Geld gewinnen kann. Von Nikolai Hügli
Am 3. Mai wurde es amtlich: Thun isch Meischter!
Thun isch Meischter! Diesen Satz muss man sich auf der Zunge ergehen lassen. Thun isch Meischter!
Im europäischen Clubfussball sind die wichtigsten Entscheidungen in den letzten zwei Wochen gefallen: Champions League, Europa League, Conference League – alles ohne grosse Überraschungen. Ebenso sind die letzten Entscheidungen im Schweizer Fussball erwartungsgemäss ausgefallen. Der FC Servette Chênois Féminin wird Meister in der Women’s Super League, der FC St. Gallen gewinnt zum zweiten Mal den Cup gegen den Zweitligisten FC Lausanne-Ouchy, der Grasshopper Club Zürich setzt sich knapp in der Barrage gegen den FC Aarau durch. Da übersieht man fast die wohl grösste Sensation des europäischen Clubfussballs. FC Thun isch Meischter!
Es hat sich seit Wochen abgezeichnet. Seit dem achten Spieltag waren die Thuner konstant an der Tabellenspitze. Und doch ging es dann länger als erwartet, bis der Titel offiziell wurde. 0:1-Niederlage zu Hause gegen Lugano, 1:3-Niederlage in Basel. Es schien, als käme plötzlich Nervosität bei den Thunern auf. Schliesslich war es am Sonntag, den 3. Mai amtlich: St. Gallens Heimniederlage gegen den FC Sion machte die grösste Sensation der Schweizer Fussballgeschichte perfekt. Der FC Thun Berner Oberland holte sich die Meisterschaft der Saison 2025/26 – und dies notabene als Aufsteiger.
Die Frage war nicht mehr ob, sondern wann der «kleine» FC Thun das erste Mal in seiner Vereinshistorie (Gründung 1898) den Meisterpokal in die Höhe stemmt. Längst hat jede und jeder eingesehen, dass dieses Jahr kein Weg an einer der grössten Sensationen der jüngsten Fussballgeschichte vorbeiführt. Zu konstant spielte der FC Thun Berner Oberland diese Saison, reihte Sieg an Sieg, war den Gegner körperlich überlegen und trat mit einem unglaublichen Selbstbewusstsein auf, als könnten selbst Eiger und Mönch verschoben werden. Auch wenn gegen Saisonende die Luft allmählich draussen war und es u. a. eine 3:8-Klatsche zu Hause gegen YB hagelte, so schien niemand den FC Thun davon abhalten zu können – zu gut und zu konstant wurden die ersten drei Viertel der Saison absolviert, zu schwach und fahrig performte die grosse Konkurrenz aus Basel und Bern. Der FC Thun hat sich diese Meisterschaft diskussionslos und verdient gewonnen.
Wie alles begann
Vor einem Jahr kämpfte der Verein gemeinsam mit dem FC Aarau um den Aufstieg in die höchste Spielklasse. Die Oberländer sicherten sich mit dem 1. Platz den direkten Aufstieg zurück in die Raiffeisen Super League. Viele Expertinnen und Experten prophezeiten den Thunern vor der Saison den direkten Wiederabstieg in die Zweitklassigkeit. Jedoch setzte der FC Thun bereits in der ersten Runde ein dickes Ausrufezeichen bei einem Auswärtssieg beim Mitfavoriten FC Lugano. Als im Spätherbst zwei Ligapleiten in folge gegen YB (2:4) und Basel (1:3) folgten, dachten viele, dass das Märchen ein Ende nehmen würde. Die Mannschaft rehabilitierte sich und startete eine Siegesserie, wobei der Vorsprung auf die Konkurrenz von Spieltag zu Spieltag grösser wurde.
Mögliche Gründe für diese Sensation
Der aktuelle Kader wurde nur punktuell verstärkt auf den Saisonstart hin, der Trainer Mauro Lustrinelli ist bereits seit 2018 Spielleiter der Thuner. In der Super League ist dies sehr ungewöhnlich, denn ein Trainer überlebt durchschnittlich 18 Monate – beim FC Basel und dem FC Sion tendenziell weniger lange.
YB und Basel, die anfangs Saison als grosse Titelfavoriten galten, haben beide einen Trainerwechsel erlebt inmitten der Saison. Automatismen, die beim FC Thun längst funktionieren, mussten bei Rotblau und Gelbschwarz wieder gefunden werden. Durch diese Inkonstanz konnten die Thuner profitieren und weiter davonziehen. Ein anderer Faktor: YB und der FCB spielten international. Die Schweizer Teams sind zu wenig breit aufgestellt, um zeitgleich national und international gut zu performen. Letztes Jahr wurden die Basler Meister, die international nicht vertreten waren. Dieses Jahr wurden die Thuner Meister, die international ebenfalls nicht vertreten waren. Wird sich diese Gesetzmässigkeit in der nächsten Spielzeit fortsetzen?
Bleiben wir noch in der Gegenwart: Besonders beachtlich ist, dass die Thuner gemeinsam mit dem FC Winterthur die bescheidensten Mittel der gesamten Liga vorweisen. Dies zeigt, dass eben Geld nicht immer Tore schiesst, v. a. dann nicht, wenn die Chemie im Kader nicht stimmt. Die Thuner sind eine eingespielte und gefestigte Einheit. Ausserdem arbeiten an den Schaltstellen des Clubs Vereinslegenden, die sich 100% identifizieren: Andreas Gerber als Präsident, Mauro Lustrinelli als Cheftrainer.
Dieses Frühlingserwachen ist einzigartig im Fussball. Die Thuner werden sensationell, aber gleichzeitig hochverdient Schweizer Meister – strenggenommen sogar zum zweiten Mal infolge, wenn auch letztes Jahr noch eine Klasse tiefer.
Quo vadis FC Thun?
Wird sich das Märchen nächste Saison fortsetzen? Schaffen die Thuner nach 2005 sogar zum zweiten Mal den Einzug in die Champions League? Trotz aller Sympathie für den Verein muss realistischerweise davon ausgegangen werden, dass sich die Thuner womöglich nach unten orientieren müssen. Selbst wenn das Kader zusammengehalten werden kann, verfügen die Konkurrenz aus Bern, Basel und Zürich über finanziell grössere Möglichkeiten, zumal die Schwergewichte YB und Basel jeden einzelnen Stein umdrehen müssen, wie es Basels Patron Dave Degen unlängst den Medien preisgegeben hat. Wie obig beschrieben, setzt die Doppelbelastung aus Super League und Europacup den Schweizer Teams sehr stark zu. Der FCB wie auch YB werden in der heimischen Liga sicher davon profitieren, dass sie beide nächstes Jahr international nicht vertreten sein werden. Die schwächeren Leistungen der Thuner gegen Saisonende zeugen auch davon, dass es schwierig werden wird, mehr als 36 Spiele derart konstant zu performen, wie es die Thuner diese Spielzeit getan haben. Ausserdem verlässt Erfolgstrainer Lustrinelli die Thuner Richtung Union Berlin.
Präsident Gerber, der den Verein bisher stets sehr weitsichtig geführt hat, ist sich dieser Ausgangslage bewusst. Gerade in dieser Bescheidenheit liegt der Erfolg der Thuner. So wird es wohl kaum zu einer Wiederholung des Husarenstückes kommen, aber womöglich schafft es der FC Thun, sich in den nächsten Jahren im soliden Mittelfeld der Super League zu etablieren.
Doch vorerst zählt die Gegenwart: Jetzt ist die Zeit, um eine Bühne aufzustellen, und zwar auf dem Thuner Mühleplatz, wo die Stadt ihre Meisterhelden gebührend feiern kann. Denn solange sich diese Erdkugel dreht, wird niemand dem FC Thun diesen Meistertitel 2025/2026 wegnehmen können. Mein erstes Fussballspiel in einem Stadion war übrigens im Jahre 2005, nämlich das Playoff-Rückspiel zwischen Thun und Dynamo Kyjiw, wo der Beginn der sensationellen Champions League-Saison der Thuner realisiert wurde. Der Siegtorschütze der Thuner damals: na klar, Mauro Lustrinelli.
Als Fan des FC Basels muss dieser Titel den Thunern neidlos anerkennt werden, zumal im eigenen Hause zu viele Fehler begangen wurden, andere Erwartungshaltungen herrschen und die Aufmerksamkeit und der Druck bei Rotblau um einiges höher ist.
Das Märchen ist Wirklichkeit geworden: Thun isch Meischter! Damit einher geht eine andere Wahrheit: Fuessball isch wichtig!
Titelbild: Jorono (Pixabay)