Konflikte ohne Gewalt lösen: Die Perspektive der Sozialen Arbeit

Ein Konflikt ist nicht immer etwas Negatives. Konflikte werden häufig mit Gewalt verbunden oder gar gleichgesetzt. Doch nicht jede Auseinandersetzung muss in Gewalt enden. Im Gegenteil: Streitigkeiten können auch zu positiven Erfahrungen und Entwicklungen führen. Von Julia Northfleet

Soziale Konflikte

Ein Konflikt kann eine kleine Meinungsverschiedenheit bis hin zu einem Freundschaftsabbruch bedeuten. Um solche Auseinandersetzungen konstruktiv zu bewältigen, kann das Basiswissen zur Gesprächsführung, wie es im Studiengang der Sozialen Arbeit an der FHNW oder in den Fachbereichen Sozialpädagogik und Psychologie vermittelt wird, hilfreich sein.

Dieser Artikel behandelt soziale Konflikte, die zwischen mindestens zwei Personen entstehen. Dabei kommunizieren beide Parteien über ihre unterschiedlichen Positionen zu einem bestimmten Streitgegenstand – etwa unterschiedliche Interessen, Werte oder Vorstellungen. Die verschiedenen Perspektiven werden in einem Wechselspiel ausgetauscht, wobei das Gesagte immer wieder neu wahrgenommen und bewertet wird.

Ein solcher Austausch kann zu einer angespannten Atmosphäre führen, da beide Seiten ihre eigene Position verteidigen möchten. Es besteht die Gefahr, dass sie sich durch gegenseitige Vorwürfe zu nahetreten oder sich durch das Vorenthalten wichtiger Informationen voneinander distanzieren.

Ein solch irritierender Zustand kann dazu führen, dass beide Parteien einen „Tunnelblick“ entwickeln. Die Wahrnehmung versimpliziert sich, Gemeinsamkeiten werden übersehen und Differenzen werden stärker wahrgenommen.

Die Eskalationsstufen eines Konfliktes

Die zunehmende Verschärfung eines Konflikts führt in der Regel zu einer Eskalation. Der österreichische Konfliktforscher Friedrich Glasl unterscheidet neun Eskalationsstufen, die in drei Kategorien unterteilt sind:

  1. Win-Win-Kategorie (Stufen 1–3): Die Fronten verhärten sich, doch die Parteien möchten eine Lösung finden, die für alle zufriedenstellend ist.
  2. Win-Lose-Kategorie (Stufen 4–6): Jede Partei versucht, selbst zu gewinnen, während die andere. verlieren soll. Dabei kann es bereits zu gegenseitigen Drohungen kommen.
  3. Lose-Lose-Kategorie (Stufen 7–9): Die Konfliktparteien wollen sich gegenseitig schaden, auch wenn sie dabei selbst Nachteile erleiden. Ein solcher Verlauf kann zum Beispiel unter Arbeitskolleg:innen entstehen. Ein Missverständnis kann so stark eskalieren, dass beide ihren Job verlieren.

Doch soweit muss es nicht kommen, denn insbesondere in den ersten Eskalationsstufen gibt es viele Möglichkeiten, eine gemeinsame Lösung zu finden.  

9 Eskalationsstufen nach Glasl
Eine Verbildlichung der neun Eskalationsstufen eines Konfliktes nach Glasl. Bild: Wikimedia Commons von Benutzer Sampi

Mit Konflikten umgehen: Ein Beispiel

Streitigkeiten mit Arbeitskolleg:innen oder Freund:innen sind für viele unangenehm. Um solche Situationen möglichst gut zu bewältigen, bietet es sich an, ein kooperatives Konfliktgespräch zu führen. Dabei können die Konfliktparteien entweder selbst das Gespräch suchen oder eine neutrale Drittperson als Mediator hinzuziehen.

Beispiel: Frau Maurer, Schulsozialarbeiterin und Herr Lachs, Primarlehrer, geraten immer wieder in einen Konflikt über Frau Maurers Berufsauftrag. Während sie der Meinung ist, dass Kinder freiwillig zu ihr kommen sollen, sieht Herr Lachs ihr Angebot als Sanktion und schickt störende Kinder immer wieder zu ihr. Frau Maurer beharrt darauf, dass ihr Angebot freiwillig ist, weswegen sie die Kinder immer wieder zu Herrn Lachs zurückschickt. So kommt es unweigerlich zu verwirrten Kindern, die nicht wissen, wohin sie gehen sollen, und somit zu einer Eskalation des Konflikts. Frau Maurer weiss, dass es so nicht weitergehen kann und lädt Herrn Lachs zu einem Konfliktgespräch ein.

Vorbereitung des Gesprächs

Vor einem Konfliktgespräch ist es wichtig, sich mit der eigenen Persönlichkeit und der des Gegenübers auseinanderzusetzen. Je nach Persönlichkeitstyp wird eine Person mehr oder weniger durch eine Auseinandersetzung gekränkt. Wenn man die Persönlichkeit und den Konflikttyp der anderen Person kennt, kann man im Gespräch sein Verhalten so anpassen, dass weitere Eskalationen verhindert werden.

Beispiel: Frau Maurer weiss, dass Herr Lachs ihr zuhören wird, wenn er zuerst seine Gedanken aussprechen kann. Deshalb nimmt sie sich vor, ihn zu Beginn des Gesprächs ausreden zu lassen. Zudem weiss sie, dass er sich schnell angegriffen fühlt, wenn man ihn auf sein Verhalten anspricht. Deshalb möchte sie zu Beginn des Gesprächs dieses Thema noch nicht ansprechen, sondern erst später mit einer sensiblen Wortwahl.

Der erste Schritt eines Konfliktgespräches nach Berkel liegt bei der eigenen Person. Bevor man das Gespräch beginnt, muss man zuerst seine eigenen Emotionen unter Kontrolle bringen. Denn Wut, Aggression und Ärger nehmen einem Klarheit und erschweren die Orientierung im Gespräch.

Bevor Frau Maurer das Gespräch beginnt, versucht sie sich trotz der vorgefallenen Eskalation zu beruhigen. Sie spricht sich selbst ermutigende Worte zu: „So etwas kann in deinem Beruf vorkommen. Jetzt muss ich mit ihm eine Lösung finden, damit so was in Zukunft nicht mehr passiert.“

Vertrauen aufbauen

Je nach Eskalationsstuf besteht grosses Misstrauen auf beiden Seiten, da sie sich angegriffen und verletzt fühlen. Um im nächsten Schritt das Vertrauen wieder aufzubauen, hilft es, authentisch zu sein, indem man offen über eigene Gefühle und Gedanken redet. Aber auch die Metakommunikation – das neutrale Betrachten der Konfliktsituation von aussen – ist bedeutsam.

Beispiel: Frau Maurer kommuniziert offen über die Gefühle, die die Situation in ihr ausgelöst hat und spricht ihren Wunsch nach einer Lösung aus. Um das Vertrauen von Herrn Lachs zu ihr aufzubauen, entschuldigt sie sich für ihr Verhalten. Die Entschuldigung führt bei Herrn Lachs zu dem erhofften Vertrauensgewinn und er entschuldigt sich ebenfalls für sein Verhalten.

Das Konfliktgespräch

Das neu aufgebaute Vertrauen lockert die Anspannung und das eigentliche Konfliktgespräch kann beginnen. In diesem kommen die Parteien in einem Wechselspiel immer näher an den eigentlichen Grund des Konflikts heran. Wichtig ist, dass man den Partner dazu ermutigt, den Konflikt zu lösen. Dies fällt leichter, wenn man die Vorteile einer Lösung und die Nachteile einer ungelösten Situation auflistet.

Beispiel: Frau Maurer bleibt respektvoll und sachlich, während sie den Konfliktgegenstand diskutieren. Vorwürfe können dazu führen, dass sich Herr Lachs angegriffen fühlt und sich ihr gegenüber verschliesst. Nach einer längeren Diskussion finden sie heraus, dass sich Herr Lachs mit den Kindern überfordert fühlt und sich mehr Kooperation mit Frau Maurer wünscht.

Lösungswege aushandeln

Sobald die Ursache des Konflikts herausgefunden wurde, ist es an der Zeit, mögliche Lösungswege auszuhandeln. Dabei sollten die Interessen des Gegenübers berücksichtigt und faire Ziele gesetzt werden.

Beispiel: Beide vereinbaren, dass Herr Lachs eine Weiterbildung besucht, um besser mit seiner Überforderung umzugehen. Im Gegenzug bietet Frau Maurer an, Einzelgespräche mit den Kindern zu führen, die den Unterricht öfters stören.

Reflexion des Gesprächs

Nach dem Konfliktgespräch sollten beide die Diskussion reflektieren. Was lief gut, was weniger? Wurden alle wichtigen Punkte thematisiert? 

Beispiel: Frau Maurer reflektiert ihr eigenes Verhalten und stellt fest, dass sie trotz Vorwürfen von Herrn Lachs ruhig und sachlich blieb. Durch ihre ausgeglichene Art konnte sie auch Herrn Lachs beruhigen und so sein Vertrauen gewinnen. Beide konnten trotz Uneinigkeit eine gemeinsame Lösung finden, die alle zufrieden stellt.

Nach einiger Zeit sollte erneut ein Gespräch stattfinden, um zu prüfen, ob sich jede Person an die Vereinbarungen hält und bereits Fortschritte gemacht wurden.

Positive Effekte eines Konfliktes

Um die positiven Effekte eines Konfliktes wahrnehmen zu können, benötigt es von beiden Seiten eine Bereitschaft zur Veränderung. Nach Berkel (2017) gibt es zwölf Gründe, weshalb man aus Konflikten etwas lernen kann:

Konflikte:

  • machen problembewusst
  • stärken den Willen zur Veränderung
  • erzeugen den notwendigen Druck, Probleme aktiv anzugehen
  • vertiefen menschliche Beziehungen
  • festigen den Zusammenhalt
  • geben Anstoss, Fähigkeiten und Kenntnisse zu vertiefen
  • fördern Kreativität
  • lassen uns andere und uns selbst besser kennenlernen
  • führen zu besseren Entscheidungen
  • fördern die Persönlichkeitsentwicklung
  • machen das Leben interessanter
  • können auch Spass machen

Mit einer reflektierten Herangehensweise kann ein Konflikt nicht nur gelöst werden, sondern auch zu einem positiven Wachstum der eigenen Persönlichkeit beitragen.

Literatur zum Thema

Rainer Kilb: „Konflikte, Radikalisierung, Gewalt. Hintergründe, Entwicklungen und Handlungsstrategien in Schule und Sozialer Arbeit“ (Beltz Juventa)

In diesem Buch werden Konflikte, Radikalisierung und Gewalt thematisiert und in einen Zusammenhang gebracht. Ausserdem werden die Begriffe auch klar getrennt und definiert.

Friedrich Glasl: “Selbsthilfe in Konflikten. Konzepte- Übungen- Praktische Methoden.“ (Verlag Freies Geistleben)

Hier werden die neun Eskalationsstufen eines Konfliktes nach Glasl detailliert beschrieben und es werden hilfreiche Methoden zur Selbsthilfe bei Konflikten angeboten.

Andreas Basu, Liane Faust: “Gewaltfreie Kommunikation“(Haufe)

Dieses Buch verschafft einen ersten Überblick über gewaltfreie Kommunikation und ist für Menschen, denen dieses Thema neu ist, simpel erklärt.

Im Netz

In diesem Youtube-Video werden die neun Eskalationsstufen eines Konfliktes nach Glasl kurz und einfach erklärt.

Ausserdem eine PDF-Datei um den eigenen Konfliktstil (Berkel) herauszufinden.

Info: Dieser Artikel wurde einst in ähnlicher Form auf der nicht mehr existenten Seite nahaufnahmen.ch veröffentlicht.

Titelbild: Mohamed Hassan (Pixabay)

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