Wirbellos von Giuliano Musio – Ein ungemütlich gutes Buch

Wirbellos ist der zweite Roman des Schweizer Autors Giuliano Musio. Der 2019 erschienene Roman gehört vermutlich eher in die Sparte des Geheimtipps, doch wer auf der Suche nach ungewöhnlichen Plots ist, bei welchen man nicht weiss, wie diese enden, wird dieses Buch lieben! Von Sarah Kündig

Wirbellos ist die Geschichte über Martin Schwammer, der als Kind nicht lügen konnte und als Erwachsener nicht mehr aus dem Lügen herauskommt. Es ist eine Geschichte von Schuld, Sühne und Vergebung. Eine Geschichte, die vom Schicksal und vor allem vom Leben mit all seinen Umwegen und Abgründen erzählt. 

Wie die Insekten, Quallen und Käfer, die den Roman besiedeln und ihm seinen Titel geben, ist auch Martin wirbellos, ihm fehlt — im übertragenen Sinn — das Rückgrat. Martins Kindheit ist geprägt von seiner Unfähigkeit zu Lügen und von seinem Freund Oskar, der ihm dies vergeblich beizubringen versucht. Bis an einem schicksalshaften Nachmittag «das Dunkle in ihm, dass nie nachgelassen hatte, egal, wie sehr er sich bemühte, ein guter Mensch zu sein» überhandnimmt und der 19-jährige Martin sich in einem Strudel voller Lügen wiederfindet, aus welchem er nicht wieder herauskommt. Nichts ist mehr, wie es war! Martin lässt seine alte Identität hinter sich und begibt sich auf eine Reise der Wiedergutmachung. Diese bringt ihn nach Bern, wo man mit ihm am Bundeshaus vorbei, in die Altstadt und über die Kornhausbrücke spaziert. Doch die Aare fliesst in die andere Richtung — sie fliesst in Richtung Meer. Dieses beginnt am Marzillistrand und umschliesst das Kirchfeldinselchen und so wird eben aus dem Bärengraben ein Sealife Centre. In das von Schuld geplagte Leben von Martin kommt so wenigstens eine frische Meeresbrise. In Bern tritt Martin nach einem missglückten Suizidversuch eine Stelle in der Sterilgutversorgungsabteilung des Inselspitals an und trifft auf die fast doppelt so alte Valerie. Es ist der Beginn einer verheerenden Beziehung, bei welcher es Martin weniger um Valerie, als um ihre Familie geht, die mit Martins Vergangenheit eng verstrickt ist. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten. Die stufenweise Handlungsentwicklung ist so kunstvoll angelegt, dass man nichts vorwegnehmen möchte.

Der Roman spielt geschickt mit Täuschungen, Perspektivenwechseln und dem Zusammenspiel von Vergangenheit und Gegenwart. Zu Martins Lebens- bzw. Schicksalsgeschichte, fliessen diejenigen von anderen mit ihm aufs Engste verbundene Nebenfiguren mit ein. Guiliano Musio zeigt so eindrücklich, dass die Welt nicht in gut und schlecht eingeteilt werden kann, dass jeder sein «Bündeli» mitträgt. Er schafft es mit diesen Perspektivenwechseln, dass die anfänglichen Meinungen über die jeweiligen Charaktere revidiert und Vorurteile abgelegt werden müssen. Musio liefert keine Antwort auf die Frage, was ein guter Mensch ausmacht, sondern relativiert, was ein schlechter ist: «Vielleicht hatte ja selbst der schlechteste Mensch ab und zu eine Pause verdient. Eine kurze Unterbrechung, in der er sich das Glück zumindest einreden durfte.» Wirbellos ist kein leichtes Buch, aber man wird in den Bann dieser Geschichte gezogen, mit all ihren Twists und leidet mit den Charakteren mit, obwohl sie eigentlich keine Sympathieträger*innen sind. Und trotz aller Schwere, bringt der Text eine absurde, fast schon groteske Komik mit sich. Musio schreibt ein Roman, der aufwühlt, aber Eindruck hinterlässt — er ist ungemütlich gut!