„Armut macht unsichtbar, Gewalt stumm“

Danica Graf ist Stadtführerin von Surprise. Auf ihren Touren erzählt sie, wie finanzielle Not und Missbrauch ihr Leben prägten. Damit weist sie auf das hin, was unsere Gesellschaft gerne verdrängt: Armut, Gewalt und psychische Krankheit. Eine Gruppe JetztZeit.Blog-Autor*innen hat sich mit Danica auf den Weg gemacht, um Basel künftig anders sehen zu können. Von Anniina Maurer

Wir treffen uns auf der Claramatte und starten unseren Rundgang unter strahlend blauem Himmel. Schnell merken wir aber, in welchem Kontrast die heitere Stimmung zu dem steht, was uns erwartet: Danica erzählt uns von ihren dunkelsten Stunden.

Danica Graf wächst wohlbehütet und in einfachen Verhältnissen auf. Die ruhige Kindheit endet abrupt mit dem plötzlichen Tod ihrer Adoptivschwester. Als die Jugendliche kurz danach von einem Unbekannten missbraucht wird, verliert sie ihren Halt und entwickelt ein Trauma. Ihrem späteren Partner hat sie darum nicht viel entgegenzusetzen, als er plötzlich gewalttätig wird.

Danica Graf erzählt von ihren Erfahrungen mit Armut und Gewalt.

Die Tour startet nicht zufällig auf der Claramatte. Hier war früher ein beliebter Treffpunkt für alle, die nicht so richtig ‘dazu gehörten’. Obdachlose, Sexarbeiterinnen, psychisch Kranke und andere Menschen, die die Öffentlichkeit nicht gern sieht, fanden hier Gemeinschaft.

Seit der Park umgestaltet und übersichtlicher wurde, sind diese Randgruppen weitergezogen. Dorthin, wo sie niemanden stören. Verdrängung aus dem öffentlichen Raum und damit dem Bewusstsein, macht Armutsbetroffene unsichtbar.

Transparenz ist gut, nimmt aber auch Rückzugsmöglichkeiten

Unsichtbar aber auch, weil die Betroffenen selbst ihre Nöte am liebsten verbergen. Die meisten, so sagt Danica, schämen sich. Armut sei für viele mit Versagen verbunden, sie ist ein Tabu, ein Makel, von dem niemand wissen soll. Menschen ohne Geld würden zum Beispiel viel Wert auf ein gepflegtes Äusseres legen, damit ihnen niemand die Armut ansieht. Sie versuchen, ihre Probleme alleine zu lösen.

Danica findet das gefährlich, oft wäre Unterstützung nötig. Wer sie sich nicht holen will oder kann, droht weiter abzurutschen. «Leute mit Schulden beispielsweise holen sich Beratung vielfach erst dann, wenn es zu spät ist. In diesen Fällen geht es dann nicht mehr um eine Abbezahlung, sondern nur noch darum zu schauen, wie ein verschuldetes Leben erträglich bleibt.»

Unterdessen sind wir in der Ochsengasse angekommen. Hier steht der Caritas-Markt, wo vergünstigte Lebensmittel verkauft werden. Daneben liegt die Schuldenberatungsstelle Plusminus.

Caritas-Markt und Schuldenberatung Plusminus in der Ochsengasse.

In der Schweiz lebten 2019 8.7% der Bevölkerung unter der Armutsgrenze, so das Bundesamt für Statistik BFS. Weitere 16% befanden sich in finanziell bedrohlicher Lage. Das sind zusammen rund 2 Millionen Menschen, für die Armut in der Schweiz eine reelle Bedrohung ist.

Geht es jemandem erst einmal schlecht, kann es schnell gehen, sagt Danica. Dann kann ein bisschen Pech alles auf den Kopf stellen. Eine unvorhergesehene Krankheit etwa, ist nicht nur eine finanzielle, sondern auch eine psychische Belastung. Wer dann wegen des Stresses den Job verliert, kann plötzlich auf der Strasse landen. In diesem Moment dem gefährlichen Teufelskreis aus Sucht und damit weiterer Armut und psychischen Problemen zu widerstehen, ist sehr schwierig.

Sozialhilfegelder können entlasten, alle Probleme, wie etwa der Wunsch nach Respekt, sind damit aber nicht gelöst.

Wer mal auf der Strasse gelandet ist, kommt nur schwer wieder von dort weg, denn ohne Wohnung kein Job und umgekehrt. «In Basel fehlt es den Obdachlosen nicht an Essen, aber an Infrastruktur und Aufenthaltsorten. Es fehlt an Stellen, wo sie ihre Wäsche waschen oder im Winter mit anderen Menschen zusammenkommen können», sagt Danica. Was es braucht, sind fixe Anhaltspunkt, die helfen, wieder Fuss zu fassen.

Verschiedene Organisationen versuchen Abhilfe zu leisten und Betroffene wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Autonome Büros etwa, wie das Internetcafé Planet 13, unterstützen darum Menschen bei Bewerbungen und stellen unter anderem Computer oder Bildungsangebote zur Verfügung.

Das Internetcafé Planet 13 bietet Büroinfrastruktur und Kulturveranstaltungen an.

Auch Danica musste erfahren, was Armut bedeutet. Mitte zwanzig mietet sie mit ihrem damaligen Partner ein Bauernhaus, in dem sie ein Tierheim und ihr Zuhause einrichtet. Zu diesem Zeitpunkt weiss sie noch nicht, dass ihr Freund hoch verschuldet ist. Lange kann er dies aber nicht verbergen: Schon nach einem Jahr wird er gepfändet und Danica hilft ihm, die Schulden abzubezahlen. Ab da leben sie unter dem Existenzminimum.

Als wäre das nicht genug, entwickelt Danicas Partner eine Alkoholsucht und beginnt, sie psychisch und physisch zu misshandeln: «Er wurde immer unberechenbarer und ich war alle paar Monate bei der Opferhilfe. Aber mich zu trennen und ihn anzuzeigen, schaffte ich erst Jahre später.»

Allgemein sind Frauen von Armut besonders betroffen. So sind sie 5% öfters arm als Männer. Zahlen, die erklären würden, woran das liegt, gibt es keine. Es ist aber denkbar, dass Kinderbetreuung und Arbeit in schlecht bezahlten Branchen damit zusammenhängen.
Neben der höheren Armutsgefährdung werden Frauen auch öfters misshandelt. Laut eidgenössischem Gleichstellungsbüro sind 72% der Opfer von Häuslicher Gewalt weiblich. Natürlich kann von einer hohen Dunkelziffer an männlichen Misshandelten ausgegangen werden. Dennoch sind Frauen oft besonders vulnerabel. Einer weiblichen Obdachlosen beispielsweise, bereitet allein schon das Umziehen Mühe, weil ihr auf der Strasse dafür ein Rückzugsort fehlt.

Das Wohnheim Wegwarte dient als Ort des Übergangs.

Darum gibt es Hilfsinstitutionen, die sich direkt an Frauen richten, erklärt uns Danica. Ein Beispiel dafür ist das Übergangswohnheim Wegwarte in der Klingentalstrasse. Hier finden Frauen in Not Unterschlupf, bis sie wieder auf eigenen Beinen stehen.    

Den Boden zog es auch Danica unter den Füssen weg. Als ihr Tierheim für eine Neuüberbauung geschlossen wird, verliert sie damit nicht nur ihre Anstellung, sondern auch ihr Zuhause. Nun zusammen mit einer kleinen Tochter, steht sie vor dem Nichts. Die Gasse bleibt ihr damals nur erspart, weil sie bei einem Freund unterkommt.

Das sei typisch, erklärt sie: Frauen landen weniger oft auf der Strasse, weil sie eher Hilfe annehmen können als Männer. Ausserdem sind sie in der Regel besser sozial vernetzt. Frauen sind dafür in Notlagen eher gefährdet, sich in gefährliche Abhängigkeiten zu begeben. Daraus können sich neue Probleme entwickeln und die Frauen ausgenutzt werden.

Beispielhaft für diese Problematik steht das Rotlichtmilieu: Nicht alle, aber viele Sexarbeiterinnen kennen Abhängigkeiten. Eine Frau in finanzieller Not kann eher zum Anschaffen gebracht werden. Eine Migrantin, ohne Kenntnisse der Sprache und Gesetzeslage leichter ausgebeutet. Darum zeigt uns Danica die Beratungsstelle Aliena in der Webergasse.Sie bietet Sexarbeiterinnen Kurse und Beratungen an und fördert sie in ihrer Hier Selbstständigkeit.

Strassenstrich Webergasse: Abhängigkeiten sind im Milieu ein grosses Thema.

Für sie selbst war es ein langer Weg zurück in die Selbstständigkeit. Nach der Trennung zeigt sie ihren gewalttätigen Ex-Partner zwar an. Als die Klage vor Gericht aber fallen gelassen wird, erleidet Danica einen Nervenzusammenbruch. «Ich war suizidal und landete für drei Monate in einer Klinik. Darum habe ich erneut mein Job verloren». Lange bleibt Danica in ihren Gefühlen von Rache, Hilflosigkeit und Angst gefangen. Sie hat eine Posttraumatische Belastungsstörung entwickelt.

Dass psychische Probleme, Armut und Gewalt in Zusammenhang stehen, ist naheliegend. Sie können eine ruinöse Wechselwirkung entfalten, weil sie sich oft gegenseitig bedingen oder verstärken. Zum Beispiel ist eine psychisch labile Person besonders gefährdet, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Geschieht das, setzt die verschlechternde finanzielle Situation der Psyche weiter zu, was wiederum Gewaltausübung oder –Hinnahme begünstigt, die dann weiteren Stress verursacht.

Dieser Teufelskreis ist ohne fremde Unterstützung nur schwer zu durchbrechen. Manche erkranken psychisch so stark, dass sie unfähig werden, ihren Zustand zu erkennen und Hilfe anzunehmen. Auch solche Menschen, sagt Danica, treffe sie auf der Strasse immer wieder an.

Ihr eigener Wendepunkt kam für Danica, als bei einer Operation ihr Kreislauf kollabierte. Das hat ihr Denken plötzlich verändert. Die neue Perspektive nutzt Danica, um sich von ihrer Opferrolle zu lösen und ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen. Sie bildet sich zur Peer-Begleiterin aus, um andere Betroffene begleiten zu können.

Ausserdem hatte sie eine Selbsthilfegruppe für Opfer von Sexualdelikten gegründet. «Ich habe da plötzlich gemerkt, dass ich nicht alleine bin und dass es noch andere Menschen gibt, die das Gleiche erlebten wie ich. Und ich merkte, dass das Trauma vorbei geht und einem stärker macht.»

Im Zentrum Selbsthilfe finden Betroffene Austausch mit Menschen, die Gleiches erlebten.

Im Innenhof des Zentrum Selbsthilfe erzählt uns Danica, wie sie heute mit ihren Erfahrungen umgeht. Die Themen Armut und Gewalt beschäftigen sie weiterhin, haben aber einen anderen Platz in ihrem Leben gefunden. So organisiert sie neben ihrer Arbeit unter anderem Unterstützung für Armutsbetroffene in Rumänien und wurde zur sozialen Stadtführerin von Surprise. Ausserdem leistet sie Gefängnisarbeit und begleitet Täter-Opfer-Gruppen, in denen sich beide Seiten über ihre Erfahrungen austauschen. 

«Hilfe annehmen zu können, ist eine Stärke.»

Danica geht es dabei um offene Kommunikation. Nur so könnten Tabus abgebaut werden und Hilfe wirklich funktionieren. «Ich mache meine Touren, weil ich die Leute sensibilisieren will. Ich möchte, dass man im eigenen Umfeld besser hinsieht und nachfragt, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Bei mir haben damals viele weggeschaut.»

Aber auch Betroffenen rät Danica, sich sichtbar zu machen und mit ihren Sorgen transparent umzugehen. «Ich finde, man müsste schon in der Schule lernen, dass man offen über alles reden kann. Kinder sollten lernen, dass es jedem mal schlecht geht und dass es wahre Stärke ist, Hilfe annehmen zu können.»

Wer selbst gerne an einem Sozialen Stadtrundgang von Surprise teilnehmen möchte, findet hier alle Informationen dazu.


Bilder: Anniina Maurer und Leo Wiesendanger

Du bist selbst von Armut oder Gewalt betroffen oder kennst eine betroffene Person? Hier findest du Hilfe:

Polizei: 117, Fachstelle Häusliche Gewalt 061 267 44 90, weitere Angebote und Adressen hier
Sozialhilfe (z.B. Notschlafstellen):sozialhilfe.bs.ch, 061 267 02 00
Opferhilfe beider Basel: opferhilfe-beiderbasel.ch, 061 205 09 10
Frauenhaus: frauenhaus-basel.ch, 061 681 66 33
Schuldenberatung: plusminus.ch, 061 695 88 22
Bei Finanzielle Not: z.B. Caritas, Winterhilfe
Autonome Büros: z.B. Schwarzer Peter, Planet 13
Aufenthaltsorte: z.B. Treffpunt Kleinbasel, Tageshauf f. Obdachlose, Frauenoase
Gassenküche: gassenkueche-basel.ch, Markgräflerstrasse 14a