Die selbstbestimmte Entwicklung der Persönlichkeit setzt Freiheit voraus – Wie Demokratie und die freie Entfaltung des Individuums zusammenhängen

Der amerikanische Philosoph John Dewey verstand Demokratie nicht nur als politisches System, sondern als gelebte Lebensform – eng verknüpft mit Bildung, Freiheit, sozialer Praxis und Kindererziehung. Seine Ideen prägen die Soziale Arbeit bis heute und zeigen, dass echte Persönlichkeitsentwicklung ohne freie Entfaltung und offenen Austausch kaum möglich sind.  Von Julia Northfleet

Die Soziale Arbeit als Grundpfeiler moderner, demokratischer Industriegesellschaften

Nur durch Freiheit kann sich der Mensch als demokratisches Wesen voll entwickeln. Wer sich tiefgründiger mit der Literatur von und über John Dewey auseinandersetzt, kann diese These so aufstellen. John Dewey war ein amerikanischer Philosoph, Pädagoge, Pragmatist und einer der Begründer der modernen Pädagogik. Er hat sich intensiv mit der Theorie von Erziehung und ihren praktischen und politischen Problemen auseinandergesetzt (vgl. Pape/Kehrbaum 2018: 9). Seine Konzeption von Erziehung ist konsequent an dem Demokratiegedanken orientiert und in sie fliessen pragmatistische Grundüberzeugungen ein (vgl. Dollinger 2012: 221).

Deweys Grundüberlegungen zu Demokratie und Erziehung sind für die Soziale Arbeit sehr relevant. Insbesondere in den Anfängen der Industriegesellschaft waren diese beiden Themenfelder in Bezug auf die Soziale Arbeit eng miteinander verbunden. Soziale Arbeit wird vom Pragmatismus des 20. Jahrhunderts als selbstverständlich in einem demokratischen Gemeinwesen situiert angesehen und ist dementsprechend eine demokratische Praxis. Als europäische Wohlfahrtstaaten sich anbahnten, leistete die Soziale Arbeit, als neu geborene Profession, einen wichtigen Beitrag dazu, neue soziale Probleme als Folgen der Industrialisierung zu behandeln. Gleichzeitig leistete sie auch eine Form staatlicher Kontrolle. Vor der Ambivalenz von Hilfe und Kontrolle stellte sich die Frage, was die Bedeutung des Handlungskontext der Sozialen Arbeit für die demokratische Gesellschaft sei. Als damalige Antwort leistete Soziale Arbeit einen Beitrag zur Erziehung der demokratischen Bürgerinnen und Bürger (vgl. Geisen/Kessl/Olk/Schnurr 2013: 82f.). 

Diese für die Soziale Arbeit elementaren Themenbereiche der Demokratie und Erziehung sollen nun im Sinne von John Dewey genauer ausgeführt werden, indem auf seine Werke «Schöpferische Demokratie als Aufgabe unserer Zeit» und «Mein Pädagogisches Credo» eingegangen wird, um so die Relevanz für die Soziale Arbeit und unsere moderne, demokratische Industriegesellschaft herauszuarbeiten. Zum Schluss soll zusammengefasst werden, weswegen es Freiheit benötigt, damit Menschen ihre Persönlichkeit entwickeln können.

«Schöpferische Demokratie als Aufgabe unserer Zeit» – Die Meinungsfreiheit als Grundpfeiler der Demokratie

In dem 1948 erschienen Artikel «Schöpferische Demokratie als Aufgabe unserer Zeit» ruft Dewey dazu auf, die damalige US-amerikanische Demokratie bewusst und entschlossen wiederaufleben zu lassen. Demokratie soll nicht als politischer Mechanismus betrachtet werden, der funktioniert, wenn Bürger und Bürgerinnen ihren politischen Pflichten nachgehen, sondern als weit mehr, nämlich als eine Lebensform. Sie ist, in anderen Worten, eine persönliche und individuelle Lebensführung. Dies bedeutet die Aneignung unzähliger möglicher Einstellungen und somit die Bildung des Charakters (vgl. Dewey 1948: 2f.).

Dewey erwähnt im Artikel, dass Demokratie als Lebensform durch den Glauben an die Fähigkeiten der menschlichen Natur bestimmt wird, welche in jedem Menschenwesen hausen. Der demokratische Glaube an Gleichheit besagt darüber hinaus, dass jeder Mensch das Recht auf den gleichen Zugang zur Entwicklung seiner eigenen Fähigkeiten hat. Eine Voraussetzung dafür, dass ein Individuum seine Fähigkeiten entwickeln kann, ist, dass die richtigen Grundlagen dafür geschaffen werden und dass das Individuum frei von Zwang durch andere ist (vgl. Dewey 1948: 3).

Der Kern und damit die Gewähr der Demokratie liegt im freien Umgang mit Freunden, Familie oder Nachbarn, wenn man ungehemmt miteinander über verschiedenste Themen reden kann (vgl. Dewey 1948: 4). Demokratie kann nur verwirklicht werden, wenn sie alle Formen menschlicher Assoziationen wie Schule, Wirtschaft und Familie erfasst (vgl. Geisen et al. 2013: 108). Meinungsverschiedenheiten in einem Gespräch sollten als Mittel zur Bereicherung der eigenen Lebenserfahrung angesehen werden (vgl. Dewey 1948: 5). Wenn man bei Meinungsverschiedenheiten über Religion, Politik oder Wirtschaft beschimpft, beschämt oder einem mit Ignoranz entgegnet wird, ist dies ein Verrat an der demokratischen Lebensform. Denn alles, was die Freiheit und einen ungehemmten Umgang miteinander stört, scheidet Menschen in feindliche Parteien und verunmöglicht eine demokratische Lebensform (vgl. Dewey 1948: 4).

Der Freiheit kommt eine ganz besondere Bedeutung zu, wenn Menschen ihre eigenen Fähigkeiten entwickeln und bilden. Es kann keine wirkliche Bildung entstehen, wenn das Element der Freiheit fehlt. Wie bereits vorher erwähnt, sollen Menschen sich frei über Inhalte, Probleme und Fragen austauschen können. Nur so können sie ihre Bildungs- und Teilhabeinteressen erkennen und somit diese im Handeln dann gemeinsam verwirklichen. Damit der Geist wächst und sich entwickeln kann, bedingt es einer aktiven Erfassung aller Dinge, mit denen man in Berührung kommt, und der Fähigkeit, mit ihnen auf eine freie und ehrliche Weise umgehen zu können. Freiheit ist eine Bedingung, welche ermöglicht, dass eine selbstbestimmte und offene geistige Entwicklung von Menschen stattfinden kann (vgl. Pape/Kehrbaum 2018: 78).

«Mein pädagogisches Credo» – Die demokratische Erziehung der Kinder

Für Dewey beginnen demokratische Fähigkeiten wie die Selbstbestimmungs-, Mitbestimmungs- und Solidaritätsfähigkeit bereits im Kleinen, also bei der Erziehung von Kindern (vgl. Neubert 2012: 221). Er veröffentlichte 1897 «Mein pädagogisches Credo», in welchem er seine Gedanken in Bezug auf Erziehung äusserte. Erziehung kann nur stattfinden, wenn Kinder am sozialen Bewusstsein der Menschheit teilnehmen können, denn somit gelangen sie an die geistigen und moralischen Ressourcen der Menschheit. Diese prägen das Verhalten und die Gefühle des Kindes. Wahre Erziehung findet statt, wenn die Fähigkeiten eines Kindes in einer Situation herausgefordert werden, wodurch das Kind sich wiederum aktiv mit den Dingen, welche es umgeben, befassen muss (vgl. Dewey 1897: 9). Bei der Erziehung ist es von Bedeutung, diese mit einer Tätigkeit zu verbinden, welcher sich das Kind aus eigener Initiative widmet. Werden dem Kind Lerninhalte aufgezwungen, wird Erziehung auf einen äusseren Zwang reduziert und dies kann zu Reibungen oder einem Stillstand der kindlichen Entwicklung führen (vgl. Dewey 1897: 10).

Auch hier erkennt man erneut die Relevanz von Freiheit, wenn es um die Entwicklung der Persönlichkeit geht. Seit der Entstehung der Demokratie und aufgrund der Gegebenheiten der Industriegesellschaft ist es nicht möglich, hervorsagen zu können, wie die Zivilisation in Zukunft aussehen wird (vgl. Dewey 1897: 11). Dementsprechend ist es nicht angebracht, Kindern Lerninhalte zu vermitteln, welche sie auf einen präzisen zukünftigen Zustand, welcher sich in einer unvorhersehbaren Zukunft befindet, vorbereiten sollen. Dewey schlägt vor, Kinder auf ihr zukünftiges Leben vorzubereiten, indem man ihnen die Kontrolle über sich selbst gibt, so dass sie ihre eigenen Fähigkeiten klug, vollständig und sofort einsetzen können (vgl. Dewey 1897: 11). Hier widerspiegeln sich erneut der Glaube an die Fähigkeiten der menschlichen Natur und der demokratische Glaube an Gleichheit. Jedes Kind soll den gleichen Zugang zur (Aus-)Bildung seiner eigenen Fähigkeiten erlangen. Dewey sieht die Freiheit der Bildung auch als eine Voraussetzung für die Entwicklung politischer und gesellschaftlicher Teilhabe in einer modernen Massengesellschaft an. Die Entwicklung von politischer und gesellschaftlicher Teilhabe ist von hoher Bedeutung, denn ohne die Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern am gesellschaftlichen Umbau würde die Demokratie verkümmern (vgl. Pape/Kehrbaum 2018: 81).

Fazit

Nun wissen wir, dass die Grundlage für die Entwicklung der eigenen Fähigkeiten eine Erziehung ist, welche Individuen dazu ermächtigt, ihre Fähigkeiten bewusst einzusetzen, indem sie frei entscheiden können, mit welchen Lerninhalten sie sich auseinandersetzen.

Zusammenfassend ist für Dewey die Demokratie eine Lebensweise, welche den Charakter eines Menschen formt. In einer Demokratie sollte man die Freiheit haben, seine eigene Meinung anderen mitteilen zu können und diese miteinander zu diskutieren, denn somit kann sich die Persönlichkeit einer Person erst (weiter-)entwickeln. Indem man miteinander über ein Thema diskutiert, setzt man sich aktiv damit auseinander und gelangt somit an neue Informationen, welche als neues Wissen von der Persönlichkeit aufgenommen werden. Meinungsverschiedenheiten sollten dementsprechend als Chance angesehen werden, das eigene Wissen zu bereichern. 

Das Element der Freiheit ist eine Grundbedingung für die selbstbestimmte Entwicklung der Persönlichkeit. Dies zeigt sich auch in Bezug auf die Erziehung von Kindern. Kinder sollten die Möglichkeit haben, sich mit Themen auseinanderzusetzen, für diese sie sich bereits interessieren. Dadurch können sie ihre eigenen Fähigkeiten ohne Zwang entdecken und weiterentwickeln, was wiederum den Charakter mitgestaltet. Fällt die Freiheit sowohl im Austausch mit anderen, als auch beim selbstbestimmten Lernprozess weg, wird die Entwicklung der Persönlichkeit erschwert und somit können auch die Fähigkeiten, welche im Individuum innewohnen, nicht vollständig ausgeschöpft werden. Diese Erkenntnisse sind auch für unsere heutige individualistische Gesellschaft relevant. Denn wir dürfen nicht vergessen, dass wir erst als eine Gemeinschaft dafür sorgen können, dass die Demokratie weiterhin bestehen kann.

Literatur

Dewey, John (1897). Mein pädagogisches Credo. In: Schreiner, Helmut (Hg.) (2001). Rekonstruktion der Schule. Das pädagogische Credo des John Dewey und die heutige Erziehungspraxis. Stuttgart: Klett Cotta.

Dewey, John (1948). Schöpferische Demokratie als Aufgabe unserer Zeit. In: Bildung und Erziehung. Vol. 1 (2). S. 1-6.

Geisen, Thomas/ Kessl, Fabian/ Olk, Thomas/ Schnurr, Stefan (Hg.) (2013). Soziale Arbeit und Demokratie. Wiesbaden: Springer VS.

Neubert, Stefan (2012). John Dewey (1859-1952). Erziehung zur Demokratie. In: Dollinger, Bernd (Hg.). Klassiker der Pädagogik. Die Bildung der modernen Gesellschaft. 3. Auflage. Wiesbaden: VS Verlag.  

Pape, Helmut/ Kehrbaum, Tom (2018). John Dewey. Über Bildung Gewerkschaften und die demokratische Lebensform. Stuttgart: Hans-Böckler-Stiftung.

Info: Dieser wissenschaftliche Text wurde von Julia Northfleet im Rahmen ihres Studiums der Sozialen Arbeit an der FHNW im Jahr 2022 verfasst. Der Text wurde für diese Veröffentlichung an manchen Stellen angepasst.

Titelbild: Geralt (Pixabay)

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von JetztZeit - Studentisches Schreiben | Magazin

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen