Weshalb Jetzt-Zeit?

Einige Erläuterungen zur Herkunft des Begriffs. Von Christina Zinsstag

Das Jetzt steht für einen Moment, der keine Dauer hat. Es ist, in der Logik der linearen Zeit, Teil einer ewigen Abfolge der immer gleichen leeren Einheiten, nie wirklich, nie vollständig da, sondern immer schon gewesen oder kommend. Es markiert einen ständig schwindenden Übergang von Vergangenheit und Zukunft. Folgen wir dieser Logik, so muss gefragt werden, ob so etwas wie das ‚Jetzt‘ überhaupt existiert[1]. Doch das Jetzt ist keine leere, vorübergehende Einheit, sondern hochkomplex, denn es ist die Prämisse für unsere zeitliche Verordnung: Es markiert den Punkt von welchem aus andere Zeit-Modi gedacht werden können, es setzt den zeitlichen Gesichtspunkt, von welchem aus Vergangenheit und Zukunft überhaupt erst sichtbar werden. Deshalb existiert nichts ausserhalb des Gegenwärtigen, sondern ist nur darin enthalten[2]. Auch die Perspektive der Historikerin[3] ist immer geprägt von ihrem Jetzt und wird so selbst zu einem Gegenstand der Geschichtswissenschaft.

Mit dem Begriff ‚Jetzt-Zeit‘ berufen wir uns auf Walter Benjamin, welcher diesen Begriff in seinen Thesen Über den Begriff der Geschichte (1942) prägte. Seine Überlegungen dienen diesem Blog als Grundlage und Inspiration für weitere Auseinandersetzungen mit dem Begriff der Geschichte. Aus diesem Grund werden ein paar von Benjamins Überlegungen an dieser Stelle kurz und unvollständig dargelegt.

Der Begriff «Jetztzeit» bei Walter Benjamin

„Die Geschichte ist Gegenstand einer Konstruktion, deren Ort nicht die homogene und leere Zeit, sondern die von „Jetztzeit“ erfüllte bildet“[4], schreibt Benjamin in der XIV. These. Die ‚Jetztzeit‘ ist nach Benjamin die einzige Form von Zeitlichkeit, die existiert. Vergangenheit und Zukunft sind dabei nicht ausserhalb, sondern in ihr enthalten, nicht als sie durchquerende Linie, sondern als Splitter vergangener und bestehender Möglichkeiten.

Zentrale Einflüsse auf Benjamins Thesen stammen aus dem historischen Materialismus und aus der jüdischen Theologie – insbesondere messianische Motive sind immer wieder vertreten. Doch Benjamin versuchte nicht, diese scheinbar konträren Diskurse zusammenzudenken, sein Ziel war es vielmehr „die Bedeutung dieser Ideen [radikal neu zu denken], auf der Basis einer neuen Philosophie historischer Zeit“ (Osborne und Charles 2015, aus dem Englischen übersetzt von C.Z.).

Dies bedeutete für ihn vor allem einen Bruch mit der nach wie vor gängigen Idee des ständigen Fortschritts der Menschheit bis hin zu einem bestimmten Ideal, wie etwa das ‚Paradies auf Erden‘. Etwas säkularer auch zu finden in Begriffen wie ‚Entwicklungsland‘, ‚Erste Welt‘ oder gewissen Verständnissen von nationaler Geschichte. Diese Idee basiert auf einer Vorstellung der Zeit als kontinuierlich fortschreitend, wobei sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ontologisch nicht voneinander unterscheiden, sondern nur in Relation auf ein Ereignis – als vorher, währenddessen und nachher. Es gibt dabei kein Verständnis von historischer Zeit als „ständige Produktion zeitlicher Differenzierung […] durch die existenziellen Modi von Erinnerung, Erwartung und Handlung“ (ebd.).

Das Mögliche stellt einen Überschuss dessen dar, was wirklich werden kann.

Benjamin verstand das Kontinuum der Geschichte als das permanente Bestehen des Unerträglichen, denn obwohl auch er gewisse positive Entwicklungen in der Geschichte der Emanzipierung der Menschheit sah, sind diese kaum aufzuwiegen gegenüber kontinuierlich wiederkehrenden, immer wieder verdrängten, global vernetzten Geschichten der Ausgrenzung, der Ausbeutung und der Gewalt[5]. Zudem hat das in der Vorstellung von Fortschritt implizierte Ideal, im Sinne einer endlosen Aufgabe, für Benjamin reale politische Konsequenzen: In dem die Einlösung von Forderungen auf die Zukunft verschoben wird, können politische Bewegungen demobilisiert und Konformismus bestärkt werden[6].

Das Mögliche stellt einen Überschuss dessen dar, was wirklich werden kann. Historische Zeit ist damit nichts anderes als eine „Dynamis des Möglichen“ (Hamacher 2002, S.154), das auf seine Verwirklichung drängt[7]. In diesem Sinne hält auch Benjamin an einer Idee der Erlösung fest. Nach ihm ist die erlöste Menschheit jene, der ihre Vergangenheit vollauf zufällt[8]. Diese Erlösung besteht nicht bereits als gewisse Zukunft, sondern sie ist eine „verspielbare Chance im Kampf“ (Kaiser 1975, S.49). Da sie als Möglichkeit also gewusst, aber nicht vorherbestimmt werden kann, ist bis dahin jeder Moment in der Gegenwart eine solche Chance[9].

Laut Benjamin trägt jeder Mensch eine schwache messianische Kraft in sich. Sie ist schwach, weil sie ein Potential ist, das auch nicht in Erfüllung gehen kann[10]. Damit nimmt Benjamin für seine Theorie die Handlungsfähigkeit von Menschen im Jetzt in Anspruch, statt sie auf die Zukunft zu projizieren: Die Erlösung ist nach Benjamin nicht abzuwarten, sondern einzufordern. Der Kampf um diese Erlösung nährt sich zudem nicht von der Idee einer besseren Zukunft, sondern von den ungelösten Konflikten und Untaten der Vergangenheit[11]. Es ist ein Kampf für das Vergangene im doppelten Sinne: Ein Kampf für Wiedergutmachung und Anerkennung von Unrecht und ein Kampf um die Geschichtserzählung und gegen das Vergessen.

Die Vergangenheit als ein umkämpftes Gebiet zu verstehen, wie es Benjamin uns nahelegt, und die eigene Situiertheit als unvermeidbarer Teil der eigenen Forschung zu wissen und zu reflektieren, sind für uns zentrale Prämissen der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Geschichte. Sie machen deutlich, wie wichtig die Techniken der Wissenschaft zur Gewährleistung von Objektivität durch Kritik, Dokumentation, Transparenz und Ausgewogenheit sind.

Im Sinne dieser Überlegungen verstehen wir diesen Blog als Forum, wo Texte veröffentlicht werden, in welchen die Fakten der Vergangenheit auf unterschiedliche Weise überlappen und neue Konstellationen bilden – immer geprägt davon, was sie für unsere Gegenwart bedeuten[12]. Während die Auseinandersetzung mit Geschichtswissenschaft und dem profanen Studierendenalltag sicherlich einen grossen Teil des Blogs ausmachen wird (schliesslich ist dies die ehemalige HiZ), möchten wir auch einen inter- und transdisziplinären Austausch gestalten, mit Texten die sich auch mit anderen Schwerpunkten befassen und unterschiedlichen Arten des Schreibens einsetzen, vom wissenschaftlichen Text bis zur Satire.



Wer war Walter Benjamin?
Walter Benjamin (1892-1940) war ein deutsch-jüdischer Philosoph, Kulturkritiker und Übersetzer. Er pflegte seinerzeit Freundschaften mit Theodor W. Adorno, Bertolt Brecht, Gershom Scholem sowie Hannah Arendt und Georges Bataille und beschäftigte sich unter anderem in seinen Schriften mit Theorien der Ästhetik, jüdischer Lehre und historischem Materialismus. Der Begriff der ‚Jetztzeit‘ stammt aus seine Thesen Über den Begriff der Geschichte (1940) – Walter Benjamins letztem Text, der erst posthum veröffentlicht wurde. Benjamin floh bei der Machtübernahme der Nazis aus Deutschland nach Frankreich. 1940 versuchte er von Frankreich nach Spanien weiter zu fliehen, wurde jedoch an der Grenze aufgehalten. Am 27. September nahm er sich schliesslich das Leben, um einer Auslieferung an die Gestapo zu entgehen[13].


Bild: Gedenkstein für Walter Benjamin in Portbou, Spanien. Fotografiert von Klaus Liffers, 2004. Quelle: Wikimedia


[1] Dinshaw (2012), S.2.

[2] Benjamin in Konersmann (Hg., [1940] 2007), Thesen XIV-XVIII und Anhänge A-B, S.321-324.

[3] In diesem Text wird die weibliche Form als Generikum verwendet. Geschlecht wird hier zudem nicht als biologische Tatsache verhandelt, sondern als eine Konstruktion, welche in ihrer Produktion über die Binarität Mann/Frau hinaus geht. Geschlecht ist – ähnlich dem Begriff der Zeit – keine leere Kategorie. Geschlecht wird vielmehr ständig produziert, weil wir einander als geschlechtliche und sexuelle Wesen begegnen müssen und wollen. Auf diese Weise verstanden, wird die Realität von Geschlechtlichkeit einerseits betont und andererseits deutlich, dass diese nicht einfach gegeben ist.

[4] Benjamin in Konersmann (Hg., [1940] 2007), These XIV, S.321.

[5] Habermas (1972), S.186-191. Und Mensching in Bulthaup (Hg., 1975), S.1.

[6] Osborne and Charles (2015).

[7] Hamacher 2002, S.150.

[8] Benjamin in Konersmann (Hg., [1940] 2007)., These III, S.314.

[9] Kaiser in Bulthaup (Hg., 1975), S.48-49.

[10] Hamacher (2002), S.154.

[11] Marcuse in Bulthaup (Hg., 1975), S.25.

[12] Siehe dazu: Susan Buck-Morss (2002), S.214.

[13] Deutsches Historisches Museum (DHM), Lebendiges Museum Online (LeMO): Biografie von Walter Benjamin. URL: https://www.dhm.de/lemo/biografie/walter-benjamin (online eingesehen am 18.04.19).


Literaturverzeichnis

Benjamin, Walter (1940): Über den Begriff der Geschichte. In: Konersmann, Ralf (Hg., 2007): Walter Benjamin. Kairos. Schriften zur Philosophie. S. 313–324. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main.

Buck-Morss, Susan (2002): Revolutionary Time: The Vanguard and the Avant-Garde. In: Geyer-Ryan, Helga et.al. (Hg.): Benjamin Studien/Studies 1. Perception and Experience in Modernity. S.209–225. Editions Rodopi, Amsterdam / New York.

Dinshaw, Carolyn (2012): How Soon Is Now? Medieval Texts, Amateur Readers, and the Queerness of Time. Duke University Press, Durham.

Habermas Jürgen (1972): Bewusstmachende oder rettende Kritik – die Aktualität Walter Benjamins. In: Unseld, Siegfried et.al. (Hg.): Zur Aktualität Walter Benjamins. Suhrkamp, Frankfurt am Main.

Hamacher, Werner (2002): ‘Jetzt’. Benjamin Zur Historischen Zeit. In: Geyer-Ryan, Helga et.al. (Hg.): Benjamin Studien/Studies 1. Perception and Experience in Modernity. S.145–183. Editions Rodopi, Amsterdam / New York.

Kaiser, Gerhard (1975): Walter Benjamins “Geschichtsphilosophische Thesen”. In: Bulthaup, Peter (Hg.): Materialien zu Benjamins Thesen „Über den Begriff der Geschichte“. Beiträge und Interpretationen. S. 43–76. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main.

Marcuse, Herbert (1975): Revolution und Kritik der Gewalt. Zur Geschichtsphilosophie Walter Benjamins. In: Bulthaup, Peter (Hg.): Materialien zu Benjamins Thesen „Über den Begriff der Geschichte“. Beiträge und Interpretationen. S. 23–27. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main.

Mensching, Günther (1975): Zeit und Fortschritt in den geschichtsphilosophischen Thesen Walter Benjamins. In: Bulthaup, Peter (Hg.): Materialien zu Benjamins Thesen „Über den Begriff der Geschichte“. Beiträge und Interpretationen. S.170–192. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main.

Osborne, Peter und Charles, Matthew (2015): Walter Benjamin. In: Zalta, Edward N. (Hg.): The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Fall 2015 Edition), URL = https://plato.stanford.edu/archives/fall2015/entries/benjamin/ (online eingesehen am 02.05.19).

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