«Ich bringe den Leuten etwas bei und wir lachen gemeinsam. Das ist das Verbindende, das Globale.» Interview mit dem Stand-Up Comedian Med Sadrija

Medaur «Med» Sadrija ist ein aus der Bodensee-Region stammender Stand-Up Comedian mit kosovo-albanischen Wurzeln. Der Master-Student in digitaler Kommunikation und Marketing hat sich im deutschsprachigen Sprachraum bereits einen Namen als aufstrebendes und vielversprechendes Comedian-Talent gemacht, sei es als Opener des mehrfach preisgekrönten Comedians Khalid Bounouar oder als Sieger des Quatsch Comedy Clubs in München. Ein Gespräch über persönliche Träume, die Grenzen des Sagbaren sowie dem Verbindenden zwischen den Kulturen – und was dies alles mit Comedy und Poesie zu tun hat. Von Irem Neseli


Lieber Med, du warst beim Dini MuetterComedy Podcast zu Gast, wo du dich als Frauenversteher präsentiert hast, und auf der Bühne lachst du über deine gescheiterte Schauspielkarriere. Nun möchte ich gerne wissen: Was bist du eher, ein Frauenversteher oder ein gescheiterter Schauspieler?

Das ist eine sehr gute Frage. Im Podcast ist sowieso alles sehr ironisch gemeint, aber um die Frage ernst beantworten zu können, versuche ich, Menschen in jeglicher Hinsicht zu verstehen. Vor allem, wenn es um Komödie geht oder allgemeine Sachen, die man postet, um einfach einen gemeinsamen Nenner zu finden. Insbesondere in der heutigen Zeit, in denen viele Leute ganz extreme Meinungen haben bezüglich dieser Thematiken, versucht man, so ein bisschen dagegen zu steuern und beide Seiten zu verstehen, um dadurch eine Meinung zu bekommen, die beiden Parteien entspricht.

Wie kam es dazu, dass du dich zuvor in einer Schauspielkarriere versucht hast?

Meine Mutter wollte schon immer Schauspielerin werden. Sie kommt ursprünglich aus dem Kosovo und hat Zahnmedizin studiert, jedoch hatte sie schon immer diese künstlerische Seite an sich. Sie hat getanzt, gesungen, geschauspielert, Poesie geschrieben und all das habe ich von ihr übernommen. Seit ich klein bin, fand ich Schauspielerei unfassbar interessant, aber nicht nur Schauspielerei. Ich habe auch sieben Jahre Theater gespielt. Dabei schlüpfst du in eine Rolle und versuchst, mit all deinem Können das Beste aus dieser Rolle herauszuholen und das Publikum damit zu begeistern. In der Komödie ist es ebenfalls das, was ich auf der Bühne mache. Ich schlüpfe in etwas rein und versuche damit, die Leute zu begeistern und eine gute Laune hervorzurufen.

Wie bist du im alltäglichen Leben gelaunt? Bringst du dein Umfeld da auch immer zum Lachen oder tritt der Komiker in dir erst auf der Bühne hervor?

Ich bin gar nicht so extrovertiert, wie manche denken, eigentlich sogar introvertiert. Ich finde auch, das trifft auf viele Comedian zu. Viele sind in sich gekehrt. Sie sind witzige Personen, zeigen das aber jetzt nicht so sehr nach aussen. Familientechnisch ist zum Beispiel mein Bruder viel witziger als ich. Also, wenn ich einen Witz erzähle in der Familie, ist es 100 Male weniger witzig als bei ihm. Auf der Bühne ist es was anderes. Da Komödie eine Kunstform ist, muss man wissen, wie man da etwas verpackt. Ich persönlich bin aber ziemlich in mich gekehrt. Also gar nicht so laut, wie man eigentlich denken könnte.

Mit welchen Herausforderungen bist du als Newcomer Comedian aktuell konfrontiert?

Also ich muss offen und ehrlich sagen, ich hatte sehr schnell großes Glück – dank Hamza Raya als derjenige, der mich da entdeckt hat. Er war auch bei meinem ersten Auftritt hier in Zürich, im Comedy Haus, dabei. Zufällig hatte er da auch einen Auftritt gehabt und hat mich gesehen. Mein zweiter Auftritt war mit einer meiner grössten Idole, als Opener für Khalid Bonouar von der Rebell Comedy, was dank Hamza Raya zustande gekommen ist.

Aber die größte Herausforderung ist immer noch, konstant diese Leistung zu bringen. Wenn du von Anfang an mit grossen Leuten unterwegs bist, bei grossen Shows teilnimmst, dann möchtest du mit diesem Level auch mithalten. Du willst dich beweisen und zeigen, dass, auch wenn sich alles ganz schnell entwickelt hat, du es verdient hast, hier zu sein. Dieser Druck nagt dann an einem und führt dazu, dass man beim Schreiben seiner nächsten Bits sich ständig hinterfragt, ob das gut genug ist, und härter mit sich selbst wird.

Was inspiriert dich zu deinen Witzen und wie bereitest du dein Comedyprogramm vor?

Inspirieren tut mich alles. Ich laufe durch die Strassen, erlebe Sachen und begebe mich in irgendwelche Situationen und sauge alles auf. Seit ich Comedy mache, versuche ich wirklich, sehr spontan Sachen zu erleben. Ich versuche alles, was mir passiert, was ich gehört, was ich gesehen habe, irgendwie aufzunehmen und so herüberzubringen, dass es witzig ist. Entweder setze ich mich mit meinen Kommilitonen hin oder auf der Arbeit in der Mittagspause erzähle ich den Leuten eine Geschichte, die mir so passiert ist, die ich dann aber etwas überspitzt wiedergebe, nur umherauszufinden, ob sie darüber lachen oder nicht. Ich achte besonders auf ihre Reaktion, diese ist mir das wertvollste Feedback. Dementsprechend bereite ich dann mein Programm als Opener vor, so etwa zwei Wochen im Voraus.

Was macht einen guten Witz inhaltlich aus? 

Erstens Spontanität, dass du ihn nicht erwartest und zweitens, wie du ihn erzählst. Es kommt auch sehr auf die Körpersprache an. Ich gehe von peinlichen Situationen aus, die mir passiert sind, bspw. als ich im Glattzentrum war, wo ich den Namen meines Bruders gerufen habe und sich fünf Albaner umgedreht haben. Das ist eine wahre Geschichte und da versuche ich, aus solchen Situationen heraus meine Comedy zu schreiben und sie authentisch auf der Bühne wiederzugeben, sodass die Leute die überraschende Wende, die Pointe mit mir nochmals erleben.

Gibt es Grenzen und Tabus in der Komödie?

Du musst für dich entscheiden, wo deine Grenzen sind. Wenn es ein Backflash gibt, dass die Leute sagen, «das fand ich nicht witzig», musst du damit rechnen, solches Feedback immer wieder zu erhalten. Jeder Comedian muss damit rechnen, dass das, was er sagt, nicht auf alle zutrifft oder nicht alle anspricht. Man muss aber auch vor Auge behalten, dass es nur Comedy ist. Es ist nicht ernst gemeint, niemand lacht über jemanden, sondern alle lachen miteinander. Das ist wichtig. Wenn du jemand bist, der extreme Witze macht, musst du damit rechnen, dass vielleicht diese Minderheit das nicht so lustig findet, eventuell auch nicht auf deine Shows kommt. Wenn du sagst, ich gestalte meine Comedy so, dass jeder lachen kann, dann sprichst du vielleicht mehr Leute an.

Was sind deine persönlichen Grenzen und Tabuthemen auf der Bühne?

Ich würde zum Beispiel keine Witze über Religion machen. Da halte ich mich einfach raus. Es ist einfach ein sehr intimes Thema für viele Leute. Ich versuche, keine allzu politischen Themen auf der Bühne heranzubringen. Ich versuche, witzig zu bleiben und das Publikum auch zu animieren, das Ganze mit einem Augenzwinkern zu betrachten und nicht allzu ernst zu nehmen.

Bei deinem Auftritt in München und letztens bei SRF-Talents hast du einen Hitler-Witz gebracht. Ist das nicht politisch?

Der Witz, den ich erzählt habe, hatte nichts mit Politik zu tun. Mein Ziel war es nicht, mich über Hitlers Politik zu äußern, sondern einen humorvollen Vergleich zu ziehen. Der Witz bezog sich darauf, dass sowohl er als auch ich in der Kunstschule abgelehnt wurden. Darüber hinaus ging es in dem Witz nicht um den Hitlergruß oder extreme Aussagen. Es war einfach ein gut konstruierter Witz, nicht mehr und nicht weniger. Natürlich gibt es Menschen, die das nicht lustig finden. Wie ich bereits zuvor gesagt habe, wenn ich dadurch die Grenze für jemanden überschritten habe, akzeptiere ich das vollkommen. Ich finde den Witz persönlich amüsant und habe bisher noch nie eine negative Reaktion darauf erhalten. Ich habe ihn bereits in Berlin, München und Zürich erzählt und niemand hat jemals etwas dagegen gesagt.

Gab es da nicht eine ältere Dame aus München, die den Witz nicht in Ordnung fand?

Sie fand den Witz gut, aber out.

Du hast einmal einen Witz über Fiat Panda gemacht, woraufhin du zum Fall Natascha Kampusch die österreichische Justiz kritisiert hast. Dabei nimmst du als Komiker klar eine Stellung auf der Bühne und wirst politisch. Was war deine Absicht dabei? 

Da habe ich keine Justiz kritisiert oder Sonstiges, sondern einfach einen vielleicht etwas „härteren“ Vergleich gezogen, den man sich gerne in meiner Show anhören kann. In Bezug auf die Justiz kann man sagen, dass Comedy ähnlich wie Hip-Hop ist, eine Gegenbewegung. Du zeigst mit dem Finger auf die Justiz, und zwar nicht einmal vielleicht, weil diese eine Katastrophe wäre, sicher nicht. Ich bin sehr froh darüber, wie die Justiz in Österreich generell funktioniert, aber manchmal muss man mit dem Finger darauf hinweisen und die Leute aufmerksam machen. Dabei macht man seinen Witz nicht nur verständlicher, sondern regt die Leute auch zum Nachdenken an, sodass diese darüber reflektieren, was da eigentlich passiert ist. Aber mehr war mein Witz auch nicht, ich habe ihn ausprobiert – schreibe daran, und wie beim Hitler-Joke, manche verstehen, dass es Comedy ist und für manche ist das einfach etwas zu hart – vollkommen ok.

Ist es die Rolle, die du als Komiker auf dich nimmst oder ist es die Aufgabe der Komödie, das Publikum nicht nur zum Lachen zu bringen, sondern auch ein klein Wenig zu belehren und aufzuklären?

Das muss der Künstler für sich entscheiden, was er macht. Es gibt Künstler, die machen stumpfe Comedy und reden wirklich über oberflächliche Dinge bzw. über keine politischen oder gesellschaftlichen Themen, und es gibt Künstler, denen ist das wichtig. Was ich sein möchte, weiss ich noch nicht, weil ich noch am Anfang stehe, in der Selbstfindungsphase sozusagen und erst einmal alles ausprobiere. Vielleicht gibt es auch Themen, bei denen ich Grenzen überschreite, aber nicht, weil ich grenzüberschreitend sein möchte, sondern weil ich es vielleicht noch nicht besser weiss. Es gibt z. B. einen grossen Satiriker, Andrew Schulz, der auch Witze über Michael Jackson und über diese Dokumentation gemacht hat, was ich sehr beeindruckend fand. Dann gibt es auch Komiker wie z. B. Özcan Corsa, die stumpfe Witze über sich und ihre Eltern machen. Man hat die beiden Extreme und beides ist witzig. Über beides kann man lachen und welche Art von Comedian ich  bin, muss ich noch herausfinden. Ich weiss noch nicht fix, wo meine Grenzen sind, weiss aber, dass ich mich verbessern kann und will.

Suchst du deine Witze nach dem entsprechenden Publikum aus oder suchen deine Witze sich dein Publikum aus?

Sehr starke Frage. Ich habe einen Vorteil. Dadurch, dass ich im Vorarlberg lebe, bin ich sehr grenznah an Deutschland und der Schweiz. Ich hatte schon immer einen starken Bezug zu Deutschland, da viele Freunde wie auch Familie dort leben. Daher habe ich aus beiden Kulturen viel mitgenommen. Wenn ich in der Schweiz spiele, dann versuche ich, mein Programm so anzupassen, dass Schweizer darüber lachen können. Wenn ich in Deutschland spiele, versuche ich mein Comedy-Programm so anzupassen, dass Deutsch-Deutsche darüber lachen können. Es ist sehr ortsabhängig. Wenn ich in München spiele, packe ich noch ein paar Jokes rein, die wirklich speziell für München sind, die die Münchner verstehen. Genauso, wenn ich in Stuttgart spiele oder in Zürich. Ich passe mich da immer der Ortschaft an, dem Publikum weniger, weil ich meistens nicht weiss, was für ein Publikum kommt. Als Newcomer spielst du manchmal Mixed Shows oder bist der Opener für andere Leute. Dementsprechend ist das Publikum auch sehr unterschiedlich. Es ist nie dein Publikum, weil man selbst noch nicht so gross und bekannt ist, dass die Leute wirklich nur für dich kommen.

Bringst du nur eine Nische an Publikum zum Lachen oder sind deine Witze global lustig?

Mein Humorverständnis ist schon global.

Weshalb?

Weil es mir wichtig ist, dass jeder lacht. Ich versuche auch immer, aufgrund der verschiedenen Nationalitäten des Publikums Witze spontan einzubauen, die sowohl lustig als auch belehrend sind. Ich habe zum Beispiel einen Türken-Witz. Da frage ich im Publikum nach, ob da jemand Türkisch spricht und frage, was es heisst, wenn jemand gestorben ist, «öldü». Dann frage ich nach, was es heisst, wenn jemand umgebracht wurde, «öldürüldü» und wir alle lachen, weil wir nicht nur Türkisch gelernt haben, sondern auch feststellen, wie lustig die Sprache selbst manchmal klingt. Ich bringe den Leuten etwas bei und wir lachen gemeinsam. Das ist das Verbindende, das Globale.

Können Menschen mit Migrationshintergrund dem Publikum den Spiegel besser vors Gesicht halten als Menschen ohne Migrationshintergrund?

Im Grunde gibt es viel mehr Deutsche Komiker als solche mit Migrationshintergrund. Es passiert jetzt schon viel mehr, dass solche mit Migrationshintergrund eine größere Reichweite haben. Zum Beispiel hier in der Schweiz haben wir Hamza Raya. Er ist für mich nicht nur jemand, der mir unfassbar viel geholfen hat, dem ich vieles auf meinem Weg als Newcomer verdanke, er ist auch ein Mensch, den ich sehr als Komiker schätze. In Deutschland hast du dann Özcan Cosar, der als Deutschtürke so vieles anspricht. Du hast Enisa Amani als Deutschiranerin, die sowohl politisch ist als auch klassische Komödie macht – und beides unfassbar erfolgreich. Enisa Amani ist auch die erste Deutsche Künstlerin, die ein Netflix Special gehabt hat und das als Frau mit Migrationshintergrund. Das wissen gar nicht viele, was jedoch sehr bewundernswert ist. Es freut mich auch, dass es stumpfe Komödie ist, die sie macht, die jeder verstehen kann – vom Albaner über den Türken, Schweizer und Deutschen, bis hin zum Moslem und Christen. Jeder versteht das und kann etwas für sich mitnehmen. Das finde ich toll, denn es gibt dir einen anderen Blickwinkel auf Sachen, die du als Zuschauer vielleicht gar nicht weisst. Da kommen wir wieder in diesen Education-Vibe rein. Du sitzt als Zuschauer da, hörst dir Özcan Cosar an und denkst, ach krass, so ist das! Es ist zwar sehr überspitzt, aber schon witzig, wie er das erzählt, was er erlebt hat als Migrantenkind. Oder ich, Med Sadrija, ein Albaner, der mit 130 in Deutschland auf der Autobahn fährt und dann noch einen Hitler-Witz macht.

Du hast am Quatsch Comedy Club in München und Berlin teilgenommen, wo du gegen viele andere Newcomer Comedians aufgetreten bist und Finalist wurdest. Was unterscheidet dich von anderen Newcomer Comedians?

Jeder Comedian, der auf eine Bühne auftrifft, hat etwas, was der andere nicht hat. Jeder ist speziell und hat einen gewissen Humor. Wenn man auf Quatsch Comedy auftreten kann, dann muss man etwas besonders gut gemacht haben, um überhaupt erst so weit gekommen zu sein. Was mich auszeichnet, ist, glaube ich, dieser Charm, mit dem ich spiele, dieses albanisch-südländische, verpackt mit etwas Deutschem. Das ich z. B. mich streng an die Geschwindigkeitsrichtlinien im Verkehr halte, aber dann doch «hey nijiieri, moruk» sage oder Leute mit «selamun aleykum» auf der Bühne begrüsse. Dann habe ich wieder diese Education und sage den Leuten hey, lernt mich kennen, ich bringe von der euch fremden Kultur vielleicht etwas bei, von dem sie dann etwas mitnehmen, wobei wir dabei alle gemeinsam darüber lachen und Spass haben.

Auf Social Media präsentierts du dich neu von einer anderen Seite, nicht nur als Komiker, sondern auch als ein melancholischer Dichter, Poet. Wie kam es dazu, dass du dich auch von dieser kontrastvollen Seite zeigst?

Ich war Opener an der Show „Drive me crazy“ von Khalid Bounouar. Es war einer der besten Shows, auf der ich je war. Es war mir eine Ehre, dass ich dort spielen durfte. Dort hat er unfassbar traurige Geschichten erzählt, die das Publikum zum Nachdenken angeregt haben und dann hat er wieder diese Kurve zur Komödie genommen und hingekriegt. Er hat mir gesagt: Med, Komödie und Tragödie gehen Hand in Hand. Wie am Anfang erwähnt, mein Inhalt beruht auf meinen Erlebnissen. Dabei entscheide ich, ob ich sie poetisch wiedergeben will oder als lustigen Witz. Jeder Mensch hat eine verletzliche Seite, hat mal eine Phase durchlebt, in der es ihm nicht gut ging, er einen Schicksalsschlag erlitten hat. Dabei sind Poesie und Humor die besten Heilmittel für die Seele, wenn es um so etwas geht. Mir tun beide gut und es freut mich, dass ich das Publikum mit beiden Medien erreichen und berühren kann. Manchen gefallen meine Witze, anderen meine Gedichte. Für mich ist beides super.

Würdest du dich eher als Komiker oder Dichter bezeichnen? Was wiegt schwerer bei dir?

Als Künstler, weil ich mit allen Emotionen etwas anfangen und sie in einer Kunstform, sei es durch Komödie oder Poesie, ausdrücken und jemanden dadurch berühren kann.

Wie gehst du mit Kritik um?

Ich habe z. B. starke Kritik bekommen, weil ich einmal einen Serben-Witz über Fussball gemacht habe. Da gab es schon einigen Hass und Beleidigungen, die ich erhalten habe. Damit hatte ich gerechnet, obwohl es nicht mehr als ein Witz war. Es gab Leute sowohl von der albanischen als auch von der serbischen Community, die den Witz gut fanden. Den gleichen Witz hatte ich auch gegenüber Türken gebracht, als sie einmal an einer EM fast alle Spiele verloren hatten. Es ist nicht so, dass ich politische Konflikte anreizen will, nein, ich gehe primär als Künstler auf die Bühne. Ich versuche Kritik anzunehmen und diese umzusetzen. Hate belastet mich trotzdem etwas, weil ich denke, dass niemand gerne einfach beleidigt werden will, und das nur für einen Joke.

Welchen Einfluss haben die Aufmerksamkeit und der Applaus auf deine mentale Gesundheit? Bestimmen sie dein Selbstwertgefühl? Wie findest du einen gesunden Ausgleich zwischen deinem Ego und dir selbst?

Das stimmt. Bei der Quatsch-Comedy in München hatte ich den ersten Platz gewonnen, wo auch andere Teilnehmer-/innen ganz tolle Sachen gemacht haben. Das hat sich unglaublich gefühlt. Gerade wenn hunderte Menschen für dich klatschen, ist das atemberaubend. Cro hat einmal gesagt, er ernähre sich von Applaus. Es gab Momente, in denen ich mich unglaublich gut gefühlt habe. Aber das Schöne ist, ich habe einen unfassbar tollen Kreis: Meine Familie, Freunde und meine Religion, die bringen mich immer auf den Boden der Tatsachen zurück, sodass ich nicht überheblich werde, sondern dankbar und zuvorkommend auch gegenüber anderen.

Du hattest ein Auftritt bei einer Comedy-Show namens „Dini Muetter“ hier in Zürich letzten Sommer. Haben gewisse Witze immer noch die Mutter oder allgemein eine Frau als Zielscheibe?

Ich empfinde das gar nicht so. Es ist mittlerweile zu einem Slang geworden, wie «du Bastard», ohne esbeleidigend zu meinen. Du gehst nie zurück auf die Mutter von jemanden. Die Show «Dini Muetter» von Hamza Raya rettet Comedy. Auf Hamzas Show treten viele Frauen auf sowie auch Homosexuelle. Von der deutsch-amerikanischen, feministischen Komikerin Tamika Campbell bis hin zur verschleierten Komikerin Yasmin Poesie, die auch Komödie und Poesie macht. Es ist eine grosse Bandbreite bei Hamza Raja’s Bühne aufgetreten. Bei «Dini Muetter»-Komödie gibt es keine Grenzen, weder inhaltlich noch bei den Künstler/-innen. Es spielt keine Rolle, woher du kommst, was du glaubst, wie du aussiehst. Bist du witzig, kommst du auf die Bühne.

Meinst du, Komikerinnen brauchen mehr Unterstützung und Förderung, damit sie vermehrt im Rampenlicht stehen können?

Es ist schon so, dass die Frauen es nicht einfach haben. Sie müssen sich viel mehr trauen und wagen. Die Komödie ist immer noch eher eine von Männern dominierte Szene, jedoch mit der Tendenz, dass die Frauenbeteiligung steigt. Es gibt auch z. B. eine verschleierte Newcomer-Comedian aus der Schweiz namens Fefe, die auch ganz stark ist. Komödie kennt kein Geschlecht, keine sexuelle Orientierung, keine Herkunft, keine Hautfarbe. Es zählt nur, dass du witzig bist.

Hast du Vorbilder, auf die du hinaufschaust, deren Witze du besonders gut findest?

Also Vorbild weniger. Da würde ich meinen Vater nehmen. Aber Komödie technisch finde ich z. B. die Rebell Comedy Jungs wie Khalid Bonour von ihrer Art her interessant. In der Schweiz ist es auf alle Fälle Hamza Raja. Ich respektiere und achte aber auch sehr viele kleine Künstler wie Yalcin Norton aus München, der mir persönlich auch sehr geholfen hat. Aus dem amerikanischen Raum bewundere ich Andrew Schulz sehr. Das Tolle an ihm ist, dass er sein eigenes Special aufgenommen und dreimal mehr verkauft hat, als er je von Netflix hätte verdienen können. Das ist sehr inspirierend. Ob du seine Komödie magst, sei dahingestellt, aber als Newcomer sind solche Ziele auch sehr ermutigend für einen selbst. Als eine Persönlichkeit, die sowohl beruflich als auch mit ihrer Kunst für mich aber tatsächlich als ein Vorbild zu zählen ist, ist Shqipe Sylejmani. Sie ist eine unglaublich unterstützende Person, deren Besuch an meiner Show bei SRF Talents ich sehr geschätzt habe.

Wie sehen deine Zukunftspläne aus? Willst du auch wie Sven Ivanic z. B. dein Studium komplett an den Nagel hängen, um auf eine Solo-Tour zu gehen, oder wirst du weiterhin Comedy als eine Nebenbeschäftigung pflegen? 

Sven ist ein super Typ. Ich mag ihn sehr gerne, ist ein sehr witziger, talentierter Künstler, war gerne unterwegs mit ihm. Meine Zukunft ist, dass ich studiere und meinen Master in digitaler Kommunikation und Marketing vorerst abschliesse. Das habe ich auch meinen Eltern versprochen. Ich würde gerne mich in der Schauspielerei nochmal versuchen. Wenn es sich irgendwann ergibt, eine kleine Rolle in einem Film oder in einer Serie zu spielen oder sogar beim Schreiben mitwirken zu können, wäre das großartig. Ich bin ein Träumer, möchte zu viel zu schnell erreicht haben und verstehe manchmal nicht, dass alles seine Zeit braucht. Dann bin ich froh, dass ich meine Eltern und Freunde um mich habe, die mir ab und zu auch auf den Kopf schlagen. Ich bin froh, mit Komödie jetzt angefangen zu haben, weil ich auch jetzt eine gewisse Reife erreicht habe. Später in der Zukunft von einer meiner Kunstformen zu leben, wäre wirklich ein Traum, der hoffentlich auch in Erfüllung gehen wird. Ein Zukunftsziel wäre noch eines Tages, ein Vorbild für andere Newcomer werden zu dürfen wie Khalid Bounouar, Hamza Raja oder Shqipe Sylejmani es heute in ihren Bereichen sind und damit jüngere Talente fördern und supporten.

Wann und wo bringst du uns wieder zum Lachen?

Ich versuche alles unter einen Hut zu kriegen. Momentan stecke ich in der Prüfungsphase drin und muss meine Masterarbeit fertig schreiben. Im Januar und März bin ich mit SRF auf Tour, eine Radio-Tour als Granit Xhaka unter den Komikern hier in der Schweiz.

Was würdest du als Schlusswort noch gerne loswerden?

Hört auf eure Eltern und schliesst eure Ausbildung ab. Ich klinge wie mein Vater, aber es ist so.  Wenn ihr ein Hobby, eine Leidenschaft habt, geht dem nach, denn am Ende des Tages macht dich das aus. Wenn du gerne Kunst kreierst, sei es Komödie, Literatur, Malen oder Sport, geh dieser nach. Geh immer mit einem positiven Vorbild voran und mache Vieles, wo du auch nur kannst. Wenn mehrere Leute wirklich anfangen, so zu denken, erschaffen wir diesen schönen Ort, sodass sich andere, die sich vielleicht jetzt noch nicht trauen, sich auch nicht mehr verstecken müssen. 

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Bilder: Marco Juen

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