Komfort ja – Luxus nein!

Die Entstehungsgeschichte der Basler Wohngenossenschaft Gundeldingen. Von Sarah Leonie Durrer

Die Basler Wohngenossenschaft Gundeldingen erstrahlt nach einer umfassenden Fassadenrenovation wieder im ursprünglichen Rotton ihres Gründungsjahres 1926. Die rote Farbe, die mäanderartige Struktur des um zwei Höfe angelegten Baus und die als klein wahrgenommenen Fenster trugen der Genossenschaft in der Basler Bevölkerung den Namen «Sing-Sing» nach dem gleichnamigen Gefängnis in den USA ein.

In den Zeitungen wurde der Bau dagegen lobend beschrieben. Die Basler Nachrichten vom 24. August 1927 charakterisierten den Bau als «Musterbeispiel […] auf dem zukunftsreichen Gebiet neuzeitlicher Siedlungsarchitektur.» In der Nationalzeitung vom 28. August 1927 heisst es:

«Bei den gesunden, komfortablen Wohnungen der Wohngenossenschaft Gundeldingen ist alles beisammen, was Voraussetzungen zu behaglichem Wohnen ist: für städtische Verhältnisse prächtige Lage, genügend Sonne, Licht und Luft […|.»

Die Fassade der Wohngenossenschaft erhält ihren ursprünglichen Farbton zurück. (August 2018) (Foto: Peter Durrer)


Der Bau wurde so ausgerichtet, dass möglichst viele Wohnungen von der Lage am Stadtrand und einem Blick auf die grüne Gundeldingerstrasse profitieren konnten. Damals war die heue viel befahrene Gundeldingerstrasse eine ruhige Strasse mit einem Bauernhof und Schafweiden. Die Häuser an der Gundeldingerstrasse wurden um einen Innenhof mit Rasen und Lindenbäumen konzipiert. Im später «Mätteli» genannten Innenhof steht eines der wenigen Schmuckelemente der Wohngenossenschaft: Ein Brunnen aus Osogna-Granit mit einer vom Kunstkredit bezahlten Plastik vom Bilderhauer Max Wilde aus Basel. Die Fassade ist schlicht gehalten und wird nur durch rundturmartig gestaltete Balkone an den Öffnungen des Wohnhofes sowie kantigen, dunkler gestrichenen Betonterrassen gegen die Thiersteinerallee unterbrochen. Die Häuser wurden in Backsteinwerk ausgeführt, die nichttragenden Leichtwände wurden aus Schlackenplatten gefertigt.

Der Brunnen mit der Plastik von Max Wilde im Wohnhof. (Foto: Sarah Durrer)

Einer der «Türme» am Eingang zum Wohnhof (Foto: Sarah Durrer)



Reaktion auf Wohnungsknappheit

Die Wohngenossenschaft Gundeldingen, erbaut nach den Plänen des Architektenbüros Von der Mühll und Oberrauch im Verbund mit dem Architekten Rudolf Christ, war eine Reaktion auf die Wohnungsknappheit und die prekären Wohnverhältnisse vieler Arbeiterfamilien nach dem Ersten Weltkrieg. Auch die Idee der Selbstversorgung aus eigenen Gärten und eigener Kleintierhaltung, die zu Beginn der zwanziger Jahre noch unter dem Eindruck der kriegsbedingten Versorgungsengpässe Auftrieb erhielt, hat ihre Verwirklichung in der Wohngenossenschaft Gundeldingen gefunden. Zu jeder Wohnung gehörte ein kleiner Gartenanteil.

In der schlichten Architektur und den kompakten Wohnungen der Genossenschaft lässt sich der Einfluss des Neuen Bauens erkennen. Diese Architekturbewegung wollte durch Typisierung der Wohnungsgrundrisse, die Verwendung neuer Werkstoffe und Materialien sowie schlichter Gestaltung eine neue Form des Bauens und Wohnens entwickeln. Dabei kam der Sozialverantwortung eine zentrale Bedeutung zu. Den Familien sollte ein Wohnen mit viel Sonne, Luft und Licht ermöglicht werden, das im Gegensatz zu den beengten Wohnverhältnissen in Mietskasernen und Hinterhöfen stand.

Dieses Ziel wurde auch in den Statuten der Wohngenossenschaft niedergeschrieben: «Zweck der Genossenschaft ist, den Genossenschaftern gesunde und billige Wohnungen zu verschaffen und damit ihre soziale Wohlfahrt zu fördern.» Dieser Zweck ist bis heute in leicht abgeänderter Form in den Statuten zu finden.

Gegründet wurde die Wohngenossenschaft Gundeldingen am 25. Mai 1926 im Restaurant zur Post in Basel. Präsident der Wohngenossenschaft wurde der CVP-Nationalrat Max Z’Graggen. An der Gründungsversammlung wurden die Baupläne ausgelegt und die Statuten und Mietsverträge bestimmt. Da im Juli bereits 67 Beitrittserklärungen eingegangen waren, wurde bereits im August mit dem Bau begonnen. Den Architekten stand ein an der Ecke Gundeldingerstrasse-Thiersteinerallee gelegenes 9400 Quadratmeter fassendes Terrain zur Verfügung. Das Grundstück war Teil des Christ-Ehinger’schen Gutes gewesen, das durch den Bau der Gundeldingerstrasse durschnitten und so abgewertet worden war. Die Eigentümer wollten das Land nicht der Spekulation preisgeben und boten es der Wohngenossenschaft zum günstigen Preis von CHF 35.– pro m2 an. Vermittler war der Architekt Rudolf Christ, der mit den Eigentümern verwandt war.

Die Wohngenossenschaft Gundeldingen vom Bruderholz aus. (Foto: Sarah Durrer)


Die Wohngenossenschaft Gundeldingen wurde in zwei Bauetappen errichtet. Bis zum 1. Juli 1927 wurden, beginnend an der Thiersteinerallee, zwanzig Häuser mit 98 Wohnungen und einem Laden gebaut. In einer zweiten Bauphase wurden bis zum 1. Oktober 1927 an der Gundeldingerstrasse weitere 35 Wohnungen gebaut. Die fertiggestellte fünfstöckige Wohngenossenschaft umfasste insgesamt 133 Wohnungen: 27 Vierzimmerwohnungen, 97 Dreizimmerwohnungen und neun Zweizimmerwohnungen. Während die Gesamtzahl der Wohnungen gleich geblieben ist, gibt es heute durch die Zusammenlegung von Mansarden und Dreizimmerwohnungen mehr Vierzimmerwohnungen, wobei das vierte Zimmer knapp neun Quadratmeter gross ist. Zweizimmerwohnungen werden heute nicht mehr angeboten.

Jede Wohnung enthält bis heute neben den entsprechenden Zimmern eine Küche mit Gasherd sowie eine Küchenterrasse gegen die innere Hofseite, ein Badezimmer mit Boiler und WC.. Eine Zentralheizung wurde 1966 auf den schon lange geäusserten Wunsch der Mieter eingebaut. Ein Handwerkerteam aus Genossenschaftern leistete dafür am Abend und an Samstagen Vorarbeit und Hilfe, damit der Einbau durch eine Installationsfirma nicht zu teuer kam. Bis heute zeugen Kamine in den Wohnungen von der ursprünglichen Ofenheizung und nehmen wertvollen Wohnraum in Anspruch.



Auf der Suche nach Mietern

Die Baukosten betrugen 2,83 Millionen Franken, wovon eine Million Franken von der Witwen- und Waisenkasse des Staatspersonals und je eine halbe Million von der Basler Kantonalbank und der Handwerkerkasse kamen. Der Allgemeine Konsumverein (ACV) beider Basel (heute Coop) hatte einen Baukredit von 1,2 Millionen Franken gewährt und eine erste Hypothek von 580’000 Franken sowie eine Zwischenhypothek von 340’000 Franken übernommen. Der ACV spielte bei der Entstehung vieler genossenschaftlicher Wohnprojekte eine wichtige Rolle. Durch die Finanzierung sicherte sich der ACV das Recht, in einer neu erbauten Wohngenossenschaft einen ACV-Laden einzurichten und so sein Filialnetz stetig zu erweitern und zu verdichten.


Die Betonterrassen an der Thiersteinerallee. Darunter das stark veränderte Ladenlokal des ehemaligen ACV-Ladens. (Foto: Sarah Durrer)

Der ACV-Laden 1927. (Foto: Basler Nachrichten, 24. August 1927)


Zusätzliches Kapital sollten die Anteilsscheine der Mieter einbringen. Gerade diese scheinen aber eine Hürde auf dem Weg zur Genossenschaftswohnung gewesen sein. Im April 1927 waren immer noch viele Wohnungen nicht vermietet, weshalb der Vorstand vorerst auf Pflichtanteilscheine verzichtete. Interessenten sollten die Wohnungen auf der Baustelle besichtigen und sofort mieten können. Um Mieter zu gewinnen, wurden Artikel und Inserate in vielen Zeitungen geschaltet. Im Schaufenster der National-Zeitung am Marktplatz wurde eine Abbildung des Baus ausgestellt. Ein Inserat warb für das genossenschaftliche Wohnen:

«Wissen Sie, dass es weit angenehmer ist, in einer Genossenschaft zu wohnen? … Der Genossenschafter geniesst alle Vorteile des Nurmieters (ohne die Nachteile) und zudem die Vorteile des Vermieters (ohne seine Nachteile).»

Mit einer Wohnraumausstellung wollte die Genossenschaft zusätzlich Mieter gewinnen und die breite Öffentlichkeit von ihrem Vorhaben überzeugen. Ausstellungspartner der Wohngenossenschaft Gundeldingen war die Genossenschaft für Möbelvermittlung. Für die Ausstellung wurde eine Vierzimmerwohnung möbliert, die dem Publikum täglich gratis zur Verfügung stand. Die Nationalzeitung vom 28. August 1927 berichtete über die Ausstellung:

«Das Schlafzimmer, hellgrün tapeziert, nimmt sich mit den Kirschbaummöbeln prächtig aus, das kleine Kinderzimmer in weiss, ist allerliebst. Im Salon stehen schwere Eichenmöbel und das Musikzimmer mit dem Klavier präsentiert sich recht freundlich. In sämtlichen Zimmern sind auch geschmackvolle Beleuchtungskörper montiert und die Küche mit dem kalten und warmen Wasser erfreut insbesondere die Hausfrau. Auf der Terrasse sind heimelige Korbmöbel platziert – gerne möchte man darin verweilen! – und schliesslich entlockt das Badzimmer mit der Toilette manch: ‹Oh wie fein!›»

Die Einrichtung dieser Musterwohnung steht im Gegensatz zu der schlichten Fassade und den kompakt gestalteten Kleinwohnungen. Denn Ziel des Neuen Bauens waren nicht nur gesunde und günstige Wohnungen, das Wohnen sollte auf die funktionellen Bereiche beschränkt werden und die Hausarbeit erleichtern und verringern. Für das tägliche Leben nicht benötigte Räume wie ein repräsentativer Salon oder schwere, viel Raum einnehmende Möbel wurden als störend wahrgenommen.

Blick in den Hinterhof der Wohngenossenschaft Gundeldingen (Foto: Sarah Durrer)



Schwierige Anfänge

Auch als am 1. Oktober die zweite Bauetappe vollendet wurde, besserte sich die Lage nicht. An den Häusern wurden bereits erste Mängel sichtbar. Die Baufirmen bagatellisieren diese Schäden. Viele Mieter zahlten die Miete nicht oder zogen ohne Kündigung über Nacht aus. Andere Genossenschafter zahlten die Mietzinse nur verspätet ein. Unstimmigkeiten zwischen Mietern liessen den Vorstand Kündigungen aussprechen. Die schlechte Zahlungsmoral der Genossenschafter und immer noch leerstehende Wohnungen führten zu einem nicht kalkulierten Mietzinsausfall, der den Finanzplan durcheinanderbrachte.

Der Allgemeine Consumverein gewährte ein Darlehen von 40’000 Franken, obwohl er mit dem Einkaufsverhalten der Genossenschafter nicht zufrieden war. Die Bewohner der Wohngenossenschaft kauften nämlich in Klein- und Kleinstbetrieben im Gundeldinger Quartier und nicht im ACV-Laden ein. Deswegen erhielten die Genossenschafter am 28. August 1928 vom Vorstand einen ausführlichen Brief, mit der Bitte, die Einkäufe im ACV-Laden zu tätigen. Die Vermietung der Wohnungen blieb, wie die Einzahlung von Anteilsscheinen, bis in die 30er Jahre ein Problem. Damals waren selbst kleine Beiträge von fünf Franken an die noch ausstehenden Anteilscheine willkommen.

Trotz dieser Anfangsschwierigkeiten besteht die Wohngenossenschaft Gundeldingen wie andere zu dieser Zeit gegründete Wohngenossenschaften bis heute. Erneuerungen wie die Zentralheizung, eine Fernsehantenne und moderne Waschmaschinen mussten in langen Generalversammlungen erstritten werden. Da bis heute nur in jedem zweiten Haus eine Waschmaschine steht und die Wäsche also über den Hof getragen werden müsste, haben sich viele Genossenschafter eine eigene Waschmaschine gekauft. Diesen «Luxus» – bis in die späten 90er Jahre galt sogar ein Kühlschrank als luxuriös – bezahlen die Genossenschafter selber. Das zwischen Vorstand und Genossenschaftern über die Jahre immer wieder neu verhandelte Modell «Komfort ja – Luxus nein!» scheint sich für die Bewohner des «Sing-Sing» jedoch bis heute zu bewähren.





Quellen

Heuss, Margrit, Wohngenossenschaft Gundeldingen, 1926-1976. Basel, 1976.

Jahresberichte der Wohngenossenschaft Gundeldingen 1926-2018.

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