Der Teilzeittrend bei Akademikerinnen und Akademikern hat hohe Wellen geschlagen und politisch sowie medial breit geführte Diskussionen ausgelöst. Es ist höchste Zeit, etwas Klarheit in die Debatte zu bringen und die philosophischen Grundlagen hinter einigen Argumenten zu untersuchen. Von Rafaela Schinner
Anna ist 34 Jahre alt, Ingenieurin und hat einen gutbezahlten Bürojob. Sie entscheidet sich, mehr Zeit für sich selbst und ihre persönlichen Interessen aufzuwenden und ihr Arbeitspensum auf 60% zu reduzieren. Das tiefere Einkommen reicht ihr zu einem Leben nach ihren Vorstellungen und die Entfaltung ihrer persönlichen Interessen ist ihr wichtiger als ein höherer Lohn.
Ist diese Entscheidung problematisch?
Ökonomische und ethische Argumente
Die Diskussion wird auf verschiedenen Ebenen geführt. Einerseits gibt es ökonomische Überlegungen: Unsere gesellschaftliche Investition in tertiäre Bildung lohnt sich nicht, wenn zu viele der dadurch Ausgebildeten keine Rendite abwerfen. Falls das stimmt, ist die Frage, wie Anreize verändert werden könnten, um Arbeit im Verhältnis zu Freizeit attraktiver zu machen. Ein dahingehender politischer Vorschlag wäre zum Beispiel, dass Studienabgänger ihre Studienkosten zurückzahlen müssen.
Für sich genommen machen diese Überlegungen Anna keinen moralischen Vorwurf. Sie optimiert ihren persönlichen Nutzen, und wenn ihre Entscheidung (und die von vielen anderen) nicht den gesellschaftlichen Erwartungen entspricht, müssen die Institutionen so umgebaut werden, dass die Interessen in Einklang gebracht werden können.
Es gibt aber nicht nur diese Stimmen. Es gibt auch Stimmen, die sagen, dass das Verhalten von Anna unfair ist. Aber warum? Die Frage ist, ob es für Anna eine moralische Pflicht gibt, in einem bestimmten Mindestpensum zu arbeiten. Welches ethische Prinzip könnte für eine solche Pflicht sprechen und welche Annahmen setzt es voraus?
Das Prinzip der Gegenseitigkeit
In der zeitgenössischen Philosophie gibt es einige Denkerinnen und Denker, die für eine Mindestarbeitspflicht argumentiert haben, wie zum Beispiel Stuart White oder Lawrence Becker. Dabei stützen sie ihre Argumentation auf eine sozial-ethische Norm, nämlich das Prinzip der Gegenseitigkeit (reciprocity principle). Dieses Prinzip, angewendet auf unser Thema, besagt gemäss Stuart White Folgendes:
Wenn jemand willentlich am Sozialprodukt teilhat, das von der Gesellschaft durch die Arbeitsleistung ihrer Mitglieder bereitgestellt wurde, sollte diese Person dafür eine Gegenleistung in Form eines angemessenen eigenen produktiven Beitrags erbringen.
White meint «sollen» hier in einem ethischen Sinn: Wenn diese Person das Prinzip verletzt und keinen angemessenen Beitrag leistet, ist das ungerecht. Die naheliegendste Erklärung dieser Ungerechtigkeit hat mit der tief verankerten Vorstellung zu tun, dass wir Menschen alle gleichwertig sind, oder gleichberechtigt zu einander stehen.
Zunächst ist es einleuchtend, dass unter einer einigermassen gehaltvollen Interpretation von Gleichheit eine Person, die von der Arbeitsleistung der anderen nur profitiert und nichts zurückgibt (obwohl sie könnte!), diese Gleichheit verletzt. In eine ähnliche Richtung argumentiert John Rawls in Political Liberalism, wenn er sagt, dass jemand, der arbeiten könnte, aber lieber den gesamten Tag in Malibu beim Surfen verbringt, sich selbst versorgen können muss. Die Surferin darf nicht auf Kosten anderer leben, wenn sie anders könnte. Eine solche Person, die ihre Mitmenschen ausnutzt und diese damit nicht als gleichwertig respektiert, wird von White als Schmarotzerin (parasite) bezeichnet.
Wenn wir das Prinzip der Gegenseitigkeit, und dass wir alle gleichwertig sind, anerkennen, gilt es zu ergründen, wie es genau zu verstehen ist und was das für Anna bedeutet.
Gemäss dem Prinzip der Gegenseitigkeit braucht es keinen Vertrag, um die Pflicht entstehen zu lassen, selbst einen Beitrag zu leisten. Es reicht, dass die Vorteile der kollektiven Arbeitsleistung willentlich in Anspruch genommen wurden. Für Anna bedeutet das: Wenn sie vom Sozialprodukt profitiert hat, sollte sie eine Gegenleistung erbringen, selbst wenn sie vorher nicht explizit eingewilligt hat, dies zu tun. Die Grundidee dieses Prinzips findet sich wiederum bei John Rawls. Er argumentiert in Justice as Fairness, dass es für die Entstehung einer Pflicht reichen kann, dass man sich an einer gemeinschaftlichen Praxis beteiligt und ihre Vorteile wissentlich annimmt.
Gegenseitigkeit und Arbeitsleistung
Wie hängt nun die Forderung nach einem angemessenen produktiven Beitrag mit der Pflicht zu einem gewissen Arbeitspensum zusammen? Alle Personen innerhalb unserer Gesellschaft profitieren davon, dass Ströme von Waren und Dienstleistungen mittels der Kooperation der Mitglieder dieser Gesellschaft erzeugt werden. Sie sollten deshalb einen Beitrag zu diesem Sozialprodukt leisten. Das geschieht dadurch, dass sie selbst zur Erzeugung von Waren oder Dienstleistungen beitragen: Das heisst, sie sollten arbeiten. Kurz gesagt: Das Sozialprodukt entsteht aus der kollektiven Arbeitsleistung, also besteht ein angemessener Beitrag daran auch in Arbeitsleistung.
In der Realität ist die Sache natürlich komplizierter: Was ist mit unbezahlter Arbeit, wie Care-Arbeit oder Freiwilligenarbeit, die nicht im gemessenen Sozialprodukt auftaucht? Was ist mit bezahlter Arbeit, die nutzlos oder gar schädlich ist für die Gesellschaft? Zudem: Selbst wenn nur bezahlte Arbeit als produktiver Beitrag am Sozialprodukt zählt, stellt sich die Frage des Wertes dieser Arbeit. Eine natürliche Messgrundlage scheint der Lohn zu sein – zumal sich daran auch der Steuerbetrag berechnet. Doch auch das ist umstritten.
Für unsere Überlegung spielen diese Faktoren aber erstmal keine so grosse Rolle. Wenn es ein Argument dafür gibt, dass eine Person einen produktiven Mindestbeitrag am Sozialprodukt leisten muss, kann immer noch später darüber diskutiert werden, was alles als Arbeit zählt und wie deren Wert bemessen werden soll. Für Anna gehen wir davon aus, dass sie einer Arbeit nachgeht, deren Entlohnung den Wert für das Sozialprodukt angemessen widerspiegelt und dass sie in ihrer Freizeit keinen weiteren Beitrag zum Sozialprodukt leistet.
Wie lässt sich nun bestimmen, ob Annas Arbeitsleistungen einen genügenden Beitrag zum Sozialprodukt darstellen?
Die Teilhabe am Sozialprodukt
Anna ist Nutzniesserin der Früchte der Bemühungen der Gesellschaft: sie ersteht und gebraucht hergestellte Güter, profitiert von Institutionen und nimmt Dienstleistungen in Anspruch. Wie lässt sich bestimmen, wie viel jemand aus dem Sozialprodukt bezieht?
Für öffentliche Güter schlägt Stuart White vor, dass alle gleichermassen daran teilhaben. Der Grund dafür ist, dass niemand vom Gebrauch ausgeschlossen werden kann und damit jeder gleichermassen berechtigt ist, sie zu benutzen. Das würde heissen: Unabhängig davon, ob Anna oft abends unterwegs ist oder nicht, hat sie dieselbe Berechtigung (entitlement), von der Strassenbeleuchtung zu profitieren.
Wie sieht es bei privaten Gütern aus? Die kann nicht jeder gleichermassen benutzen, sondern nur wer dafür bezahlt. Whites Vorschlag besteht darin, trotzdem das gesamte Sozialprodukt als geteiltes Gut zu sehen zu dessen Gebrauch jeder mehr oder weniger dieselbe Berechtigung hat. Er spricht davon, dass jede Arbeitsleistung gewissermassen in ein kollektives Gefäss fliesst, an dem alle teilhaben können. Das scheint nicht auszuschliessen, dass es Unterschiede gibt zwischen verschiedenen Mitgliedern der Gesellschaft in Bezug darauf, was sie von diesem Gefäss beziehen.
Für den Fall Anna interessiert uns im Speziellen, wie es aussieht mit den steuerfinanzierten Kosten für Annas Ausbildung. Handelt es sich hier um ein öffentliches Gut, wie bei der Strassenbeleuchtung? Falls ja, könnte man argumentieren, dass dieser Bildungsweg im Prinzip allen offensteht und dass aus Annas Entscheidung, die Chance zu nutzen, keine zusätzliche Verpflichtung zu einer Gegenleistung erwächst. Umgekehrt sind die Studienplätze aber nicht unlimitiert und die Ressourcen zu deren Erlangung nicht gleichverteilt. Hier scheint die tatsächliche Chancengleichheit eine Rolle zu spielen sowie die Frage, ob höhere Bildung ein öffentliches Gut darstellt. Das ist Gegenstand von Debatten und wird hier nicht weiter diskutiert.
Wie viel Gegenleistung ist angemessen?
Nun stossen wir zu der Kernfrage vor. Angenommen, wir wissen, wie viel eine Person vom Sozialprodukt der Gesellschaft profitiert hat. Was bedeutet es für sie, einen angemessenen produktiven Beitrag zu leisten? Hier gibt es hauptsächlich zwei Interpretationen:
Ein erster Ansatz besteht darin zu sagen, dass das Prinzip der Gegenseitigkeit verlangt, dass eine strikte Proportionalität oder sogar Gleichheit bestehen muss zwischen dem produktiven Beitrag einer Person und dem, was diese Person von der Gesellschaft bezogen hat. Wer mehr beziehen will, muss – sofern sie kann – auch mehr geben.
Wenn wir gemäss den obigen Überlegungen davon ausgehen, dass grundsätzlich alle Menschen ungefähr gleichviel beziehen, dann müssten auch alle in etwa den gleichen Betrag an Arbeitsleistung liefern. Das würde für Anna, die einen hohen Lohn hat, höchstwahrscheinlich bedeuten, dass sie problemlos Teilzeit arbeiten kann, ohne sich unfair zu verhalten. Während jemand im Tieflohnsegment für denselben Betrag ein Vollpensum braucht, kann sie gewissermassen von ihrer Produktivität profitieren.
Wenn wir davon ausgehen, dass Anna darüber hinaus für das steuerfinanzierte Ingenieursstudium eine Gegenleistung erbringen muss, könnten wir argumentieren, dass sie einfach genug arbeiten muss, um diese zusätzlichen Kosten auch noch zu kompensieren, zum Beispiel in Form von bezahlten Steuern. Wie hoch ihr Pensum dafür ausfallen muss, ist eine empirische Frage.
Die Grundidee hinter dieser strikten Proportionalität stimmt mit dem überein, was wir über die Begründung des Prinzips der Gegenseitigkeit gesagt haben. Die Gleichheit verlangt, dass Anna ihre Mitmenschen nicht ausnutzt, also keine Schmarotzerin ist. In dem sie mindestens so viel zurückgibt, wie sie bekommen hat, ist diese Forderung erfüllt.
Kann man noch mehr von Anna verlangen?
Nehmen wir an, Jan und Klaus müssen zusammen 20 Kisten in den 10. Stock eines Wohnhauses tragen. Anschliessend wird jeder von ihnen 10 der Kisten erhalten. Gemäss der obigen Interpretation des Prinzips der Gegenseitigkeit müsste nun jeder der beiden 10 Kisten hinauftragen, denn jeder bekommt 10 Kisten aus dem gemeinsamen Topf, und jeder sollte eine proportionale Gegenleistung erbringen. Nehmen wir nun aber an, dass Jan sehr viel kräftiger ist als Klaus. Er kann drei Kisten pro Weg hinauftragen, während Klaus nur jeweils eine zu tragen vermag. Bedeutet das nicht, dass Jan der Fairness halber mehr Kisten nach oben tragen sollte?
Gemäss der obigen Definition ist Jan kein Parasit, wenn er mit vier Mal laufen zehn Kisten nach oben trägt und danach gemütlich zuschaut, während Klaus weitere sechs Mal läuft. Er profitiert nämlich nicht von der Arbeit von Klaus, sondern von seiner eigenen Kraft. Trotzdem gibt es Denkerinnen und Denker, darunter Stuart White, die es unter bestimmten Umständen als unfair ansehen, wenn Jan nur zehn Kisten nach oben trägt.
White argumentiert, dass nicht nur die Vorteile, die man aus dem Sozialprodukt zieht (in unserem Beispiel die 10 Kisten) wichtig sind, um zu bestimmen, wie viel jemand leisten sollte, sondern auch die Fähigkeiten und Möglichkeiten der einzelnen Personen. Angemessen bedeutet damit, dass jener, der
mehr leisten kann, auch mehr leisten muss. Es zählt nicht der geleistete Betrag, sondern der hineingesteckte Einsatz. So könnte man zum Beispiel sagen, dass Jan und Klaus beide je fünfmal laufen müssen. Damit haben beide denselben Aufwand, weil Jan aber produktiver ist, trägt er 15 Kisten hinauf, während Klaus nur fünf hinaufträgt.
Hinter dieser Idee steht eine Position, die luck egalitarianism genannt wird: Aus der Gleichwertigkeit der Menschen folgt gemäss dieser Position, dass sie alle gleich viel leisten müssen, wobei sich Leistung aber nur auf den eigenen Einsatz bezieht. Wenn jemand einfach Glück hatte und von Natur aus kräftiger oder intelligenter ist, ist das nicht seiner eigenen Leistung zu verdanken, sondern gewissermassen ein natürliches Privileg.
Um die Gleichheit der Menschen zu erhalten, muss also die Gesellschaft diesen nicht-erarbeiteten (und damit auch nicht verdienten) Vorteil von natürlichen Privilegien auskorrigieren. Das einzige, was Ungleichheit rechtfertigt, sind die eigenen Entscheidungen und der Fleiss der Menschen. Grob gesagt würde das für Jan und Klaus das Folgende bedeuten: Wenn Jan von Natur aus kräftiger ist als Klaus, darf er daraus keinen Vorteil ziehen und müsste demgemäss seine Überlegenheit dadurch kompensieren, dass er mehr Kisten hinaufträgt. Sind jedoch Jan und Klaus natürlicherweise gleich veranlagt, aber Jan hat lange trainiert für seine Muskeln, während Klaus seine Zeit lieber anders verwendet hat, dann ist es in Ordnung, dass Jan nur viermal laufen muss, während Klaus zehnmal läuft.
Dies lässt sich genauso auf Anna übertragen. Wenn wir davon ausgehen, dass Anna überdurchschnittlich intelligent ist und aus einem bildungsnahen Elternhaus stammt, würde es nicht reichen, dass ihr Betrag direkt proportional zu den bezogenen Leistungen ist. Je nachdem wie viel von Annas Produktivität ihren natürlichen und sozialen Privilegien zugeschrieben werden kann und welcher Teil ihren eigenen Entscheidungen und ihrem persönlichen Einsatz zu verdanken ist, wird sie mehr oder weniger arbeiten müssen. Dieses Verständnis von Gleichheit und seine verschiedenen Varianten werden kontrovers diskutiert.
Der zentrale Punkt ist, dass das Verständnis von Gleichheit für die Frage, ob Anna sich unfair verhält, wenn sie nur 60% arbeitet, von grosser Bedeutung ist. Während eine einigermassen gehaltvolle Vorstellung von Gleichheit plausiblerweise ein Prinzip der Gegenseitigkeit stützt, hängt die Interpretation dieses Prinzips und damit die Konsequenzen für Anna massgeblich von diesem Verständnis ab.
Gleichheit, Freiheit und Individualität
Das Prinzip der Gegenseitigkeit kann auch in Spannung stehen mit anderen Werten wie der Individualität oder der Freiheit, ein Leben nach den eigenen Vorstellungen zu leben. Es verlangt nämlich eine gewisse Konformität mit den Wertvorstellungen der Allgemeinheit, wie zum Beispiel hinsichtlich dessen, was Arbeit und materieller Wohlstand für einen Platz in unserem Leben einnehmen sollen. Es kann sein, dass bestimmte Menschen zwar vom System profitieren (weil sie am Sozialprodukt teilhaben), aber um den Pflichten der Gegenseitigkeit nachzukommen viel ihrer persönlichen Zielen und Werte aufgeben müssten. Wenn wir die individuelle Entfaltung der Menschen als Wert ansehen, dann müssen wir uns überlegen, was das für das Prinzip der Gegenseitigkeit bedeutet.
Ob wir urteilen, dass Anna sich unfair verhält, wenn sie nur 60% arbeitet, hängt also einerseits davon ab, welche Annahmen über Gleichheit und Fairness wir vertreten, aber auch wie wir zu anderen, manchmal konkurrierenden Werten wie Individualität oder Freiheit stehen.
Titelbild: Pixabey