Zwei Young Critics-Rezensionen zum Sinfoniekonzert DOMESTICA. Von Oliver Rutz und Alexandra Thomas
EIN GEPFLEGTES FAMILIENTREFFEN
VON OLIVER RUTZ
Wie ein Familientreffen ist der Konzertabend des sechsten Abonnementkonzert DOMESTICA des Sinfonieorchester Basels umrissen. Aalglatt war die Dramaturgie des Abends ins Gesamtkonzept der Spielzeit gebettet: Es geht um die Familie. An jenem Abend lädt noch konkreter die Familie ans gutbürgerliche, häusliche schon biedermeierliche Treffen – domestica. Alle waren sie da an diesem Abend: die junge Kreative, der Urgrossvater mit seinen drei jüngsten Enkeln sowie Herr Papa selbst.
Ich glaube in Basel steht er rechts oben im Konzertsaal, Herr Urgrossvater Beethoven. Er überblickte gutmütig den Beginn des Familienabends. Die junge kreative Enkelin Unsuk Chin begann in der Runde. Nicht verkneifen kann ich mir beim Stück subito con forza den Gedanken an Thomas Bauer: «Nicht mehr das was zählt, sondern das wie». Das Stück funktioniert genau deshalb unglaublich gut, weil es effektreich mit Zitaten aus verschiedenen Stücken Beethovens um sich wirft, in post-postmoderner Collage- und Kombiniermanier. Es ist ein ironischer aber dennoch liebender Blick auf die kontrastreiche Klangsprache Beethovens. Das Stück wird nicht umsonst als «curtain-raiser» (San Francisco Chronicle, 2020) bezeichnet. Leider blieb die Eröffnung dieses Konzertabends gerade deshalb aber erwartbar und büsste an Wirkung ein. Alles blieb in der Familie. So leitete das c-Moll-Ende von Unsuk Chin nahtlos ins Stück vom Urgrossvater selbst: Das Tripelkonzert in C-Dur. Dieses machte meiner Meinung den spannendsten Moment des Konzertabends aus. Dies dank einer Kombination: Zum einen war da – und hiermit stimme ich Lea Vaterlaus vom Einführungspodcast zu – die Groteske des Klaviers. Dieses stand als Instrument mit dem grössten Ausmass zentral auf der Bühne, was im Kontrast zu seinem doch sehr verhalten komponierten Solopart stand. Zum anderen war da das soziale Gefüge der drei solierenden Moreau Brüder. Dieses Gefüge machte im Parkett den Anschein, von jovialen Spannungen gezeichnet zu sein. Durch die Kombinatorik dieses mehrschichtigen sozialen Gebildes wird die Familienfeier endlich etwas turbulenter; als würden die entfernten Cousins am Nebentisch plötzlich in eine angeregte Diskussion verfallen, deren Inhalt man zwar nicht genau folgen kann, man lauscht aber dennoch interessiert.
Dann nach der Pause aber geht es abrupt weiter. Papa Strauss, das selbsternannte Familienoberhaupt betritt die Bühne. Ich bin begeistert von der Lesart Benjamin Herzogs aus dem Kritikernachgespräch: Man könne die Sinfonia domestica mit einem Beitrag auf Instagram vergleichen, da sie tiefe private Einsicht ins Leben Strauss’ gäbe. Strauss gab dabei angeblich sogar Einblick in sein Schlafzimmer. Ich kann mir gut vorstellen, dass es auch da gutbürgerlich zu und her ging. Ich frage mich, wie die Sinfonia domestica geklungen hätte, wenn Strauss, wie sein Grossvater Wagner einen Kink gehabt hätte. Was die einheitlich hellauf begeisterte Kritikerrunde aber scheinbar übersehen hat, oder schlicht verschweigt: Auf Instagram, wie auch bei Strauss ist vieles wenn nicht alles Maskerade, oder wie die junge polnisch-baslerische Komponistin Anna Sowa eines ihrer Stücke titelt: «Auf Fotos sieht die Familie am besten aus.»
Die Grafik zum Konzertabend DOMESTICA zeigt eine stilisierte Familie Strauss. Halb verdeckt aber vom grossen Rock Paulines. Mich erinnert der Grafikstil an die Neue Sachlichkeit um 1930, fünfzehn Jahre nach der Domestica; auch zeigen Familienportraits aus der Neuen Sachlichkeit eine neu aufkommende Mutterrolle. Sie wird mehr ins Zentrum gerückt, während die väterliche Autorität sich lockert (vgl. dazu Irmgard Nickel-Bacon). In der streng patriarchalen Manier der Sinfonia domestica bleibt aber noch alles beim alten. Mit demselben Motiv beginnt das Stück, mit dem es auch durchsetzungsstark orchestriert endet: einer F-Dur Akkordbrechung mit einem markanten Sextsprung. Gevatter Strauss hat also trotzdem das letzte Wort des Familientreffens, auch wenn die Einladungskarte ans Fest mit der Frau im Vordergrund etwas neues versucht. Der Abend war tatsächlich domestica – domestiziert; alles brav an seinen Platz, an den es immer schon hingehört hat. Alles gliederte sich so, wie es sich auch gehört und trotz herausragendem Orchesterklang, überrascht war ich nie. Ich hätte mir ein Mehr an Reibungsfläche gewünscht. Beispielsweise, dass der angeheiratete Onkel mit Hippievergangenheit oder die kosmopolitische Tante in wilder Ehe einen Schwank aus ihrem Leben erzählt hätten, damit etwas ausserhalb dessen passiert, was ich an einem Familientreffen erwarte.
EMOTIONALE TIEFE
VON ALEXANDRA THOMAS
Ich erinnere mich noch genau an den Abend des 29. Februar 2024, als ich das Konzert „Domestica“ im Stadtcasino Basel besuchte. Nach einem langen Tag kam ich im Konzertsaal an, in der Hoffnung, dass die Musik mir Entspannung und Erfrischung bringen würde. Und ich wurde nicht enttäuscht. Die Aufführung von Richard Strauss‘ „Sinfonia Domestica“ war ein tiefgreifendes Erlebnis, das mir eine andere Seite des Komponisten zeigte, die ich zuvor nicht kannte. Meine erste Begegnung mit Strauss‘ Musik war durch sein Werk „Salome“ gewesen, voller Intensität und emotionaler Extreme. Die „Sinfonia Domestica“, geschrieben vor „Salome“, bot einen Kontrast zu der dunklen, explosiven Natur der Oper. Hier war eine intimere, autobiografische Reflexion von Strauss‘ eigenem Familienleben, voller Wärme und Liebe.
Die musikalische Entwicklung zwischen diesen beiden Werken ist bemerkenswert. In „Salome“ erleben wir Strauss‘ Fähigkeit, die dunkelsten Tiefen der menschlichen Seele zu erkunden, mit einer Musik, die scharf und bisweilen atonal ist, um die verstörende Geschichte der biblischen Prinzessin Salome und ihres Verlangens nach dem Kopf Johannes des Täufers zu erzählen. Im Gegensatz dazu zeigt die „Sinfonia Domestica“ Strauss als Meister der Orchestration und der musikalischen Darstellung des Alltags, voller Liebe und häuslicher Freuden. Es ist ein faszinierender Einblick in die Vielseitigkeit von Strauss als Komponist, der es vermag, sowohl die schrecklichsten als auch die liebevollsten Aspekte der menschlichen Erfahrung in Musik zu übersetzen.
Richard Strauss‘ Musik ist bekannt für ihre emotionale Tiefe und ihre außergewöhnliche Fähigkeit, Geschichten zu erzählen und Stimmungen zu malen. Seine Kompositionen, voller Farben und Texturen, entführen den Zuhörer in eine Welt, die sowohl majestätisch als auch tief persönlich ist. Die „Sinfonia Domestica“ und „Salome“ bieten eine beeindruckende Demonstration seiner künstlerischen Vielfalt und seiner Fähigkeit, tiefgründige menschliche Erfahrungen in außergewöhnliche Musik zu übersetzen.
Eines der Highlights des Abends war der herzliche Abschied, den das Publikum Pascal Savary gab. Dieser Moment fügte eine besondere Note der Gemeinschaft und Wärme zu einem bereits unvergesslichen musikalischen Erlebnis hinzu. Als ich das Konzert verließ, fühlte ich mich erneuert und überglücklich. Mit einem Gefühl tiefer Zufriedenheit trat ich meinen Heimweg an. Es war ein Abend, der mich lange begleiten wird.
Sinfonieorchester Basel
Du bist gefragt! Dieser Text ist entstanden im Rahmen des Programms „Young Critics“ des Sinfonieorchesters Basel. Vorgaben zur Textgattung gibt es keine, auch Gedichte sind möglich. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und mit einem Betrag von 50 CHF vergütet. Bewerbungen an: l.vaterlaus@sinfonieorchesterbasel.ch. Übrigens: Für Studierende mit Studi-Abo kostet ein Konzertbesuch nur 10 CHF!
Bild: Benno Hunziker
