Das Jahr 2023 hatte trotz langen Streiks in Hollywood viele hervorragende Filme zu bieten. Mit einem kurzen Rückblick auf das Jahr verrät uns Samuel Tscharner seine persönliche Top 10 der besten Filme des vergangenen Jahres.
Trotz eines historischen Streiks in Hollywood, der viele Produktionen mehrere Monate lahmlegte und zu einigen bedauerlichen Verschiebungen bei den Veröffentlichungen führte, war das Jahr 2023 ein eindrücklich starkes Filmjahr. Zwar müssen wir für den zweiten Teil des Science-Fiction-Epos «Dune» noch bis März warten, doch der vergangene Sommer bescherte uns dafür einen regelrechten Clash of Titans. Nein, keinen mülligen Abklatsch griechischer Mythologie, sondern das Aufeinanderprallen von BARBENHEIMER (Barbie und Oppenheimer); zwei Filme, die unterschiedlicher nicht sein könnten, von zwei kongenialen Regie-Grössen. Obwohl beide Filme mich unmittelbar nach der Sichtung ähnlich überzeugten, hat es hier nur einer auf die Liste geschafft. Am Ende des Jahres lässt sich oft besser erkennen, welche Filme intensiver nachwirken und einem im Gedächtnis bleiben.
Darüber hinaus darf das Jahr 2023 auch als ein Jahr des filmischen Gruselns und Grauens in Erinnerung bleiben. Zum einen haben es die leblos wirkenden und hässlich aussehenden Superhelden-Filme und Disney-Remakes mittlerweile geschafft, Teile des Publikums bereits vor dem Kinogang davonzujagen. So schrammen einige wahrscheinlich gerade so daran vorbei, zu Flops zu verkommen (bspw. die neue Auflage von Arielle, der kleinen Meerjungfrau oder Ant-Man Quantumania), während Filme wie The Flash, The Marvels oder der neue Indiana Jones heillos abstanken. Daneben warteten die Filmemacher jedoch mit mehreren gelungenen Horrorfilmen auf, was sich auch in der folgenden Liste widerspiegeln wird.
Einige Filme wird man auf der Liste vielleicht vermissen. Das kann mehrere Gründe haben: Zum einen habe ich nicht alle Filme gesehen, die das Potenzial gehabt hätten, auf der Liste zu landen. Zum anderen ist die Liste schlichtweg zu kurz, als dass sie alle guten Filme des Jahres umfassen könnte.
Letztendlich gibt sie bloss meine persönliche Top 10 des Jahres wieder; Filme, die mich besonders berührt, zum Nachdenken bewegt, beeindruckt oder bespasst haben. Ich erhebe daher keinen Anspruch auf Korrektheit oder Vollständigkeit, sondern lege den Lesenden lediglich zehn Filme ans Herz, die mir dieses Jahr speziell gefallen haben.
Top 10 der besten Filme 2023
Bevor ich mit der Liste starte noch ein paar Ehrennennungen, die es aus genannten Gründen nicht auf die Liste geschafft haben:
- The Creator von Gareth Edwards
- Killer of the Flower Moon von Martin Scorsese
- The Killer von David Fincher
- The Banshees of Inisherin von Martin McDonagh
- Beau is Afraid von Ari Aster
- The Whale von Darren Aronofsky
- Godzilla Minus One von Takashi Yamazaki
- Anatomie eines Falles von Justine Triet
- Der Junge und der Reiher von Hayao Miyazaki
- Barbie von Greta Gerwig
- Wonka von Paul King
Platz 10: Renfield
Renfield ist eine blutig-trashige Horrorkomödie. Die namengebende Figur Renfield (Nicholas Hoult), der langjährige Diener Draculas (Nicolas Cage), hat die Schnauze voll, ihrem Meister ständig neue Opfer für seine absonderlichen kulinarischen Gelüste zuzuführen. Er realisiert, dass er sich in einer toxischen Beziehung mit seinem Meister befindet, begibt sich deswegen in Gruppentherapie und hofft sich nach und nach aus den Fängen Draculas lösen zu können. Bis dahin entschliesst er allerdings, um sein schlechtes Gewissen zu beruhigen, Dracula jeweils die toxischen Partner der anderen Therapieteilnehmenden zum Frass vorzuwerfen. Dieses Vorhaben verwickelt ihn allerdings in eine polizeiliche Untersuchung gegen einen mafiösen Familienclan und auch Dracula gefallen die neuen Anwandlungen Renfields überhaupt nicht. Die Konflikte sind vorprogrammiert und nicht wenig Blut wird über die Leinwand vergossen werden.
Das gesamte Konzept dieses Films ist für das Overacting von Nicolas Cage wie gemacht. Es ist kein Geheimnis, dass Nicolas Cage schon lange den Wunsch hegte, Dracula zu spielen. Dadurch ist die Spielfreude der beiden Hauptdarstellenden in jeder Szene spürbar. Der Humor ist makaber, aber stellenweise durchaus clever. Obschon der Fokus auf der Unterhaltung liegt, wird nie suggeriert, man nähme den Horror toxischer Beziehungen nicht ernst. Zudem gehört die Action zum Unterhaltsamsten, was ich dieses Jahr sehen durfte; grandios inszeniert, völlig überrissen und mit regelrechten Fontänen von Blut verziert. Ein grosser Spass, wenn man dunklen Humor in Handlung und Action mag.
Platz 9: Oppenheimer
Über diesen Film braucht man am Ende dieses Jahres nicht viel zu schreiben. Er wurde in den Medien bereits rauf und runter besprochen. Der Regisseur Christopher Nolan inszeniert in einer dreistündigen Bild- und Tongewalt eines Films die Geschichte des Physikers Robert Oppenheimer. Er beleuchtet sein Talent für die Physik, seine Sympathien für den Sozialismus, seinen wesentlichen Beitrag zum Bau der ersten Atombombe und die politischen Intrigen und Machtkämpfe, die diese Verwicklungen nach sich zogen. Der Cast glänzt vor schauspielerischen Grössen wie Cillian Murphy, Emily Blunt, Matt Damon, Robert Downey Jr., oder Florence Pugh, die allesamt eindrückliche Performances abgeben. Speziell Cillian Murphy als Oppenheimer und Robert Downey Jr. als Lewis Strauss verschwinden in ihren Rollen und reissen die Zuschauenden in ihren Bann.
Obschon der Film alle Stärken der Nolanschen Filmkunst mitbringt, weist er auch die üblichen Schwächen der Nolan-Filme aus; insbesondere die Tendenz eine Erzählstruktur zu wählen, die deutlich komplizierter ist als nötig, eine gewisse Überladung mit eher redundanten Details, die zur Überlänge führen, und die unterbeleuchteten Frauenfiguren finden sich auch in diesem Film. Nichtsdestotrotz: Der Film fesselt über drei Stunden mit einer stetig ansteigenden Spannungskurve, führt diesen Kipppunkt menschlicher Zivilisation eindrücklich vor Augen und wirkt auch nach dem Kinobesuch nach. Eine klare Empfehlung.
Platz 8: Elemental
Elemental war der farbenfrohe Frühjahrrelease von Pixar. Obschon der Film zunächst heillose zu floppen drohte, lief er (wahrscheinlich aufgrund des Streiks) lange in den Kinos und lieferte über die Zeit doch noch gute Einspielergebnisse.
Der Film erzählt eine Coming-of-Age-Geschichte über die junge Feuerfrau Ember. Sie wohnt in einer Grossstadt, in der die vier alten Elemente der Alchemie – Wasser, Erde, Luft und Feuer – alle zusammenleben. Allerdings sind die Leute des Feuervolkes erst vor einer Generation in die Stadt eingewandert. Sie leben daher eher am Rand der Stadt und legen viel Wert auf ihre Traditionen. Durch eine Verkettung von Ereignissen muss Ember versuchen, den Laden ihres Vaters zu retten, verliebt sich dabei unverhofft in einen Wasserburschen und findet dadurch etwas Wichtiges über sich selbst heraus.
Ich habe damals eine ausführliche Kritik zum Film und den persönlichen Inspirationen des Regisseurs Peter Sohn geschrieben (Siehe Hier). Ganz kurz: Der Film ist eine schnelle, fantasievoll bunte, wunderbar aussehende und herzallerliebste Erzählung über Identität, persönliches Wachstum und Liebe.
Platz 7: Mission Impossible – Dead Reckoning Part 1
Die siebte unmögliche Mission für Tom Cruise bestand dieses Jahr weniger darin, in seiner Rolle als Spezialagent Ethan Hunt einer neuartigen, selbstbewusst gewordenen künstlichen Intelligenz mit dem kreativen Namen «die Entität» nachzujagen, sondern in den Kinos neben den zwei Filmgiganten Oppenheimer und Barbie zu bestehen. So lag es wahrscheinlich an dieser Veröffentlichungskonstellation in den Kinos, dass Mission Impossible – Dead Reckoning Part One im Verhältnis zu den Produktions- und Werbekosten eher mager an den Kinokassen abschnitt.
All das sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch dieser Mission Impossible wieder mit atemberaubender Action aufwartet. Auch wenn die Geschichte nicht viel Erinnerungswürdiges hergibt, so liefert der Film doch ein beinahe unschlagbares Kinoerlebnis. Gebannt folgt man dem Spektakel auf der Leinwand, fiebert mit, schreit bei Unerwartetem erschrocken auf, holt nur kurz Luft und putzt sich die schwitzigen Hände an den Hosen ab, wenn die stimmig eingebauten Comic-Reliefs es zulassen. Mein wahrscheinlich nervenaufreibendstes Kinoerlebnis dieses Jahr geht auf die Kappe dieses Films und daher gehört er eindeutig in meine Top 10.
YouTube-Trailer zu Mission Impossible 7
Platz 6: Evil Dead Rise
Mit Evil Dead Rise bekamen Freunde des Horrors dieses Jahr eine grauenerregend geniale Fortsetzung der legendären Evil-Dead-Reihe. Dabei hat der Regisseur Lee Cronin die Tonalität des Originals hervorragend getroffen: blutrünstiger Psychoterror, der jedoch immer wieder einen Hauch zu überspitzt ist, wodurch das Gesehene niemals zu unangenehm wird.
Die Geschichte ist schnell umrissen: Beth (Lily Sullivan) führt ein eher wildes Leben als Gitarrentechnikerin von Rockbands auf Tour. Als sie jedoch schwanger wird, fährt sie sorgenerfüllt und ratlos zu ihrer Schwester Ellie (Alyssa Sutherland). Diese hat allerdings eigene Probleme. Ihr Mann hat sie und ihre drei Kinder verlassen und zu allem Überfluss wird das ehemalige Bankgebäude, in dem sie wohnen, demnächst abgerissen. Als die Kinder vom Pizzaholen zurückkommen, bebt die Erde und legt einen alten Tresor unter der Garage frei, wo sie ein obskures Buch und alte Schallplatten entdecken. Es dauert nicht lange, bis der Sohn mit DJ-Ambitionen damit ungewollt alte Dämonen herbeiruft. Diese befallen als erstes Ellie und werden nicht ruhen, ehe alle bis zum Morgengrauen tot sind.
An diesem Film stimmt einfach alles: Die Bilder und der Kameraeinsatz, der Umgang mit der Musik, die Tonalität, die Beschaffenheit der Geschichte, die Lauflänge und last but not least: das Schauspiel. Niemand der Darstellenden ist sonderlich bekannt und dennoch hauen ihre Darbietungen aus den Socken, gerade auch die Kinderdarstellenden machen ihre Sache gut. Eines meiner unangefochtenen Highlights des Jahres.
Platz 5: Sonne und Beton
Deutsche Filme können nichts? Das mag in der Regel gelten, doch jedes Jahr scheint es im feucht-modrigen Heuhaufen der deutschen Filme mindestens eine leuchtende Perle zu geben. Dieses Jahr ist diese Perle Sonne und Beton von David Wnendt nach dem gleichnamigen Buch von Felix Lobrecht.
Darin geht es um den Jugendlichen Lukas (Levy Rico Arcos) und seine Freunde, die Anfang der 2000er in einer Plattenbausiedlung in Berlin-Neukölln aufwachsen, umgeben von Armut, Perspektivlosigkeit und Kriminalität. Nach einer spontanen Auseinandersetzung im Park mit einer anderen der Kriminalität frönenden Jugendtruppe, verlangen diese von Lukas unter Gewaltandrohung 500 Euro. Um diese zu beschaffen, beschliesst er mit seinen Freunden in einer waghalsigen Aktion, die Computer zu stehlen, welche die Schule neu beschafft hat. Doch in einem Umfeld, wo Gewalt, Drogenmissbrauch und kulturelle Konflikte an der Tagesordnung sind, sind die Konsequenzen dieses Verbrechens nicht das einzige Problem, mit dem Lukas umgehen muss.
Sonne und Beton ist ein Brett, das dir in die Fresse knallt und dich liegen lässt. Es stellt eine überaus authentische Milieustudie dar, die zuweilen nur schwierig auszuhalten ist. Jedes Eskalationspotential, das in dem problematischen Umfeld der Hauptfigur Lukas vorhanden ist, wird in gekonnter und rasanter Verkettung zum Explodieren gebracht. Die Musik ist dabei geschickt eingesetzt, um das Drama erträglicher zu machen. Die Jugenddarsteller sind direkt aus der Gegend gecastet und machen nicht den Eindruck, als müssten sie diese Szenen gross spielen; sie verkörpern diese Figuren mit jeder Faser. Zudem ist spürbar, dass Felix Lobrecht von Dingen schreibt, die er kennt. Damit stellt Sonne und Beton eine überaus beeindruckende und glaubhafte Milieustudie dar, die höchstens in der raffinierten Herausarbeitung sozialer Mechanismen, die solche Umstände hervor- oder mit sich bringen, ein bisschen zu wünschen übriglässt. Dennoch für mich ohne Zweifel eines der Meisterwerke dieses Jahres.
Platz 4: Nimona
Ohne grosse Ankündigung veröffentlichte Netflix dieses Jahr den wunderbaren Animationsfilm Nimona. Er basiert auf einer Graphic Novel von Nate Diana Stevenson und hat eine lange und interessante Produktionsgeschichte hinter sich. Nicht zuletzt, weil Disney den Film im Laufe von Studioübernahmen etc. fallenlies und es der Film daher letztlich erst bei Netflix in die Öffentlichkeit schaffte.
Nimona spielt in einer futuristisch-mittelalterlichen Gesellschaft, wo der Ritter Ballister Boldheart kurz nach seinem Ritterschlag fälschlicherweise des Mordes an der Königin bezichtigt wird. Er muss daher untertauchen und einen Weg finden, seine Unschuld zu beweisen und die Einzige, die ihm dabei helfen kann, ist die ausgestossene Gestaltwandlerin Nimona. Diese möchte sich Ballister zunächst anschliessen, weil sie in ihm einen neuen Bösewicht sieht. Doch auf ihrem gemeinsamen Abenteuer kommen die beiden einer Verschwörung auf die Spur, entwickeln langsam eine Freundschaft und bald wird auch klar, weshalb Nimona glaubt, böse sein zu müssen.
Nimona besticht durch ein spannendes Worldbuidling, herzliche Figuren und wartet zwischen all den altbekannten Tropes und Motiven des Animationskinos auch immer wieder mit frischen, kreativen Ideen auf. Zwar merkt man dem Animationsstil die lange Produktionszeit ein wenig an, doch Nimona ist wieder einmal ein überaus herzlicher, frischer und cleverer Animationsfilm; ein neues Original.
Platz 3: Talk to Me
Damit sind wir erneut bei einem Hit des Horrorkinos angekommen. Erschaffen durch zwei YouTuber (Danny und Michael Philippou), hätten wahrscheinlich nur wenige erwartet, dass Talk to Me die Tiefe und Effektivität mitbringt, die nicht wenige Kritiker:innen überaus begeistert hat.
In Talk to Me geht es um die 17-jährige Mia, deren Mutter vor zwei Jahren gestorben ist und sich seither von ihrem Vater entfremdet hat. Gleichzeitig ist die Familie ihrer besten Freundin Jade, mit ihrer Mutter Sue und ihrem kleinen Bruder Riley, ein wenig zu ihrer Ersatzfamilie geworden. Unter den Jugendlichen kursieren derweil Videos eines neuen Partytrends. Es handelt sich dabei um eine mumifizierte Hand, die Kontakt zu verstorbenen herstellt, wenn man die Hand greift und die Worte «Talk to me» spricht. Die Jugendlichen werden dabei zum Medium für verlorene Seelen von Verstorbenen, was ihnen selbst einen Kick bringt und die Zuschauenden belustigt, da diese Verstorbenen ziemlich aufregende Verhaltensweisen an den Tag legen. Es dauert nicht lange bis auch Mia und ihre beste Freundin an einer dieser Séance-Partys teilnehmen. Dabei ahnen sie noch nicht, welche Gefahren mit diesem vermeintlichen Spass einhergehen.
Geschichten von Teenagern und bösen Geistern mögen in der Regel zu Tode erzählt sein, sodass sogar die schläfrigsten Geister aus Urzeiten schon mit ihren Motiven vertraut sind. Das gilt bis zu einem gewissen Grad auch für Talk to Me, der mit vielen bekannten Sujets hantiert. Das Grossartige daran ist jedoch, dass es Talk to Me schafft, mit ausserordentlich nahbaren und sympathischen Figuren, mit einem Feingefühl für die Entfaltung von Wahnsinn, mit authentisch geschriebenen Szenen und Interaktionen, die Zuschauenden vergessen zu lassen, dass es sich um handelsübliche Horrormotive handelt. Ein Film, der mitreisst, in manchen Momenten schockiert und etwas schafft, was sich so mancher Horrorfilm wünschen würde: Er macht Angst!
Platz 2: Past Lives
Das Filmdebüt Past Lives der koreanisch-kanadischen Autorin und Regisseurin Celine Song aus dem kleinen, aber berüchtigten A24-Studio bietet die romantische Geschichte des Jahres. Eine unkonventionelle, herzergreifende und autobiographisch inspirierte Erzählung über eine Liebe, die nicht sein sollte.
Past Lives erzählt von Na Young und Hae Sung, die sich als Jugendliche in Korea näherkommen, deren junge, sich entwickelnde Liebe allerdings jäh untergraben wird, als Na Young mit ihren Eltern nach Kanada umzieht. Erst viele Jahre später nehmen die beiden wieder Kontakt auf und führen eine unverbindliche Fernbeziehung mittels häufigen Videotelefonaten. Na Young nennt sich mittlerweile Nora und beginnt in New York eine Karriere als Schriftstellerin. Als klar wird, dass die beiden sich in der näheren Zukunft nicht treffen können, bricht der Kontakt wieder ab, ohne dass sich die beiden vergessen. Wieder viele Jahre später kann sich Hae Sung endlich leisten, seine Liebe in New York zu besuchen. Nora hat in diesen Jahren allerdings geheiratet und ist mit ihrer Schriftstellerei erfolgreich. Kann ihr jetziges Leben den Anziehungskräften der Liebe eines vergangenen Lebens standhalten?
Celina Song überzeugt mit einem unglaublichen Gespür für Menschlichkeit und die kleinen Momente, die das Leben ausmachen. Damit kreiert sie eine völlig unspektakuläre und dennoch wahnsinnig packende Erzählung, die wie eine Gefühlsmassage abwechslungsweise unterschiedlichste Gefühle weckt: Manchmal tut es weh, dann entlockt sie ein Lächeln, führt in eine ausgelassene Entspannung und dann lässt sie einen wieder melancholisch-nachdenklich werden. Trotz langsamer und ruhiger Inszenierung fühlt sich der Film mit seinen schönen Bildern enorm kurzweilig an. Da es sich um einen kleinen Film handelt, der womöglich an den meisten vorbeigegangen ist, stellt Past Lives wohl den grössten Geheimtipp dieses Jahres dar. Ein Meisterwerk der Erzählkunst.
Platz 1: Tár
Tár von Todd Field ist eigentlich ein Film aus dem Jahr 2022, der es allerdings erst 2023 bei uns in die Kinos schaffte. Obschon Cate Blanchett für ihre Performance wahrscheinlich in den Augen vieler Kritiker:innen den Oscar verdient hätte, ging sie bei der Verleihung leider leer aus, wodurch der Film womöglich bei der breiteren Öffentlichkeit nicht auf dem Schirm aufgetaucht sein dürfte.
In Tár schlüpft Cate Blanchett in die (fiktive) Rolle der weltweit hochgeachteten Dirigentin Lydia Tár, die es als erste Frau zur Chefdirigentin der Berliner Philharmonie geschafft hat. Doch ihre Verbissenheit für das Ideal der Musik, hinter dem menschliche Überlegungen oft zurückstehen müssen, gepaart mit der enormen Machtposition, die sie durch ihr Ansehen innehat, bringen sie vermehrt innerlich und äusserlich unter Druck. Ganz allmählich werden durch ihren inneren Stress und das Unverständnis ihres Umfelds Dinge in Gang getreten, die sie mehr als bloss ein imperfektes Konzert kosten können.
Tár ist ein langer und langsamer Film, der ähnlich wie Past Lives seine Authentizität aus einem enorm starken Sinn für die Signifikanz alltäglich wirkender Szenarien gewinnt. Die Machtgefälle und -spielerein im Biotop der professionellen Musik, die Debatte über politische Korrektheit, über Kunstfreiheit und über den Zwiespalt zwischen künstlerischem Idealismus und menschlicher Realität werden hier auf der Leinwand ausgetragen und Cate Blanchett rockt ihre Rolle jede einzelne Sekunde. Gleichzeitig wird hier das volle Potenzial im Umgang mit dem Ton ausgeschöpft und auch filmtechnisch gibt es einige beeindruckende Kameraeinstellungen zu sehen.
Am Ende ist Tár für mich der Film, der mich während des Kinobesuchs problemlos mit einer gewissen Faszination in den Bann gezogen hat und über den ich im Nachhinein noch lange nachdenken und diskutieren konnte. Damit ist Tár für mich die eindeutige Nummer eins meines Filmjahres 2023.
