Von Julia Northfleet
Es war einmal ein Mädchen, das sich jeden Tag schminkte, um sich schön zu fühlen. Sie hatte Freundinnen, die sich auch schminkten, und sie unterhielten sich oft über Make-Up. Es gab auch ein paar Jungs, die ihr regelmässig zulächelten. Doch egal, wie oft sie sich schminkte – sie fühlte sich nie schön genug und war oft traurig.
Eines Tages wurde ihr Make-up-Pinsel lebendig und sprach zu ihr:
«Kleines Mädchen, warum bist du so traurig?»
Das kleine Mädchen erschrak, denn es hätte nie gedacht, dass ihr Pinsel zum Leben erwachen könnte.
«Du kannst sprechen? Wie ist das möglich?»
«Deine Tränen, die du jeden Tag vergossen hast, haben mich so traurig gemacht, dass ich ins Leben treten wollte – nur um dir zu helfen. Kleines Mädchen, du bist wunderschön und es tut mir so weh, dich immer weinen zu sehen. Du brauchst kein Make-Up, um glücklich zu sein. Lass es weg und du wirst sehen, was passiert.»
Das Mädchen zögerte einen Moment, dann nickte es und wischte sich das Make-up vom Gesicht.
Als sie dann wenig später ihre Freundinnen traf, lachten sie sie aus und verspotteten sie:
«Wie siehst denn du aus?» –
«Du siehst ja total komisch aus!»,
«Ja, wie ein Affe!»
Nach den verletzenden Worten ihrer Freundinnen rannte das kleine Mädchen nach Hause. Unterwegs begegnete sie den Jungs, die sie ab und zu angelächelt hatten. Nun spotteten sie nur noch mit einem abwertenden «Igitt» und schauten sie böse an.
Zu Hause setzte sie sich an ihren Schminktisch und brach in Tränen aus.
«Du hast gelogen Pinsel! Alle haben mich ausgelacht. Niemand fand mich schön.»
«Sieh in den Spiegel», sagte der Pinsel ruhig.
Das kleine Mädchen richtete sich langsam auf und sah in den Spiegel.
«Ich sehe komisch aus», sagte sie leise.
«Das ist nur das, was die anderen dir eingeredet haben. Schau genau hin – nicht nur auf dein Gesicht. Sieh dir tief in die Augen. Was erkennst du?»
Das kleine Mädchen blickte sich für eine längere Zeit in die Augen.
«Ich weiss es nicht…», sagte das kleine Mädchen entmutigt.
«Dann schliesse die Augen», sagte der Pinsel sanft. «Schau in dein Herz. Was siehst du dort?»
Das kleine Mädchen hielt inne, atmete tief durch und begann plötzlich zu lächeln.
«Ich sehe ein Mädchen, das gerne tanzt, lacht und spielt.»
«Genau!», rief der Pinsel voller Freude und sprang auf. «Und dazu hast du ein wunderschönes Herz. Das weiss ich, seitdem du das erste Mal eine Träne auf mich gegossen hast.»
«Aber jetzt habe ich keine Freunde mehr … Was mache ich jetzt nur?»
Der Pinsel antwortete:
«Da draussen gibt es viele andere Kinder, die so sind wie du. Die auch gerne tanzen, lachen und spielen. Du musst sie nur noch finden. Solange du so bist, wie du wirklich bist, wirst du die richtigen Freunde finden.»
Das kleine Mädchen sprang fröhlich auf, verliess das Haus und ging raus in die weite Welt. Sie tanzte, lachte und spielte auf ihrem Weg, bis sie irgendwann einem anderen Mädchen begegnete, das an einem Fluss weinte.
«Hallo du! Warum weinst du?», fragte das kleine Mädchen das andere Mädchen freundlich.
«Niemand will mit mir spielen, weil ich so hässlich bin», antwortete es.
«Ich finde dich nicht hässlich», sagte das kleine Mädchen, «ich finde, du hast ein wunderschönes Herz. Wollen wir zusammen spielen?»
Das andere Mädchen zögerte einen Moment, wischte sich dann aber die Tränen vom Gesicht. Beide Mädchen begannen zu spielen, sich Geschichten zu erzählen, zu lachen und gemeinsam grosse Abenteuer zu erleben.
Mit der Zeit wurden beide zu grossen Heldinnen und trafen auf ihren Reisen auf immer mehr Kinder, die so waren wie sie. Sie mussten nie wieder um ihre Schönheit vor Kindern kämpfen, die ihre Schönheit nie wirklich sahen.
Titelbild: Julia Northfleet
