Von Julia Northfleet
Ich checke gerade dieses verlassene Altersheim ab. Es wurde damals geschlossen, weil zu viele Bewohner spurlos verschwunden waren – ein wirklich tragischer Fall. Es steht schon seit einigen Jahren leer und ich will unbedingt wissen, wie es darin aussieht. Ich muss nicht jede Ecke erkunden, sondern will nur einen kurzen Blick hineinwerfen, denn ich brauche einfach mal Action in meinem langweiligen Alltag. Meine Freunde haben kein Interesse an der Erforschung verlassener Gebäude, also nehme ich das Risiko auf mich, alleine und bei Nacht in das Gebäude einzutreten. Meine Freunde sind sowieso nicht mehr wirklich meine Freunde, sie haben null Lebensfreude und zocken den ganzen Tag nur. Das ist nichts für mich.
Obwohl alle eingeschlagenen Fenster des Gebäudes von Bauarbeitern mit Holzbrettern zugenagelt wurden, kann man einfach durch den Haupteingang eintreten. Da hat wohl jemand seinen Job nicht richtig gemacht. Ich ziehe mir eine Staubmaske über, schalte meine Taschenlampe an und trete ein.
Drinnen ist es stockdunkel und überall liegen Scherben und Müll. Ich halte kurz inne, denn hier drinnen ist es wirklich still, fast schon zu still. Ich befinde mich im Eingangsbereich und beobachte, wie dicke Staubpartikel durch die Luft wirbeln. Links von mir, fast inmitten des Raums, führt eine Treppe ins erste Stockwerk. Direkt gegenüber, also rechts von mir, befindet sich eine Öffnung mit einer Treppe, die in den Keller hinabführt. Vor mir erkenne ich einen Raum, der wie ein Haarsalon aussieht, und ich weiss, dass sich links und rechts von mir Gänge befinden, die zu den Zimmern der ehemaligen Bewohner führen. Ich entscheide mich, an der Treppe zum ersten Stockwerk vorbeizugehen, um den linken Gang mit den Zimmern zu erkunden.
Graffiti bedecken Wände, Decke und Boden. Hier haben schon viele Leute gechillt und sich ausgetobt. Ich trete in das erste Zimmer des Ganges ein und finde ein verlassenes Bett, unzählige Scherben, Holzbretter und Steine. Hier hat tatsächlich mal jemand gelebt. Ich frage mich, wer der letzte Bewohner gewesen sein mag und wie sein Leben so war.
Ich verlasse den Raum und betrete den nächsten. Polizeiabsperrungen sind zu sehen und einige Bierflaschen liegen verstreut auf dem Boden. Ich hoffe, dass die Absperrungen hier sind, weil ein paar dumme Betrunkene Mist gebaut haben oder jemand einen schlechten Krimifilm gedreht hat. Plötzlich fällt mein Blick auf einen Zettel, der mitten im Raum liegt. Ich knie mich hin, um ihn besser betrachten zu können, und erkenne, dass es sich um einen Flyer des Altersheims handelt. Ich überfliege den Text. Auf dem Flyer sind lächelnde Rentner und Pflegepersonal abgebildet, daneben stehen die Leitlinien des Heims. Ich nehme den Flyer in die Hand, falte ihn und stecke ihn in meine Hosentasche, um ihn später genauer anzuschauen.
Ich verlasse den Raum und bemerke an der Wand vor mir eine Vermisstenanzeige. Stimmt, fast hätte ich vergessen, was sich hier mal abgespielt hat. Meine Theorie ist, dass das Pflegeperson einfach nicht professionell war und nicht richtig auf die dementen Personen aufgepasst hat.
Plötzlich höre ich einen lauten Knall aus Richtung des Eingangs. Ich schrecke auf, versuche jedoch ruhig zu bleiben, um zu lauschen, ob jemand anderes da ist. Mein Herz pocht laut, aber ich beruhige mich langsam. Wahrscheinlich war es nur eine Tür oder ein Fenster, das durch den Luftzug zugeschlagen wurde. Ich will mich nicht paranoid machen lassen und den Ort noch weiter erkunden.
Ich gehe in das letzte Zimmer des Gangs und finde weiteren Müll sowie zahlreiche Vermisstenanzeigen auf dem Boden. Es wurden viel mehr Personen vermisst, als ich durch die Medien geglaubt hatte. Ich bin schockiert, wie man so viele alte Menschen aus den Augen verlieren kann.
Als ich den Raum verlasse und zurück zum Eingangsbereich gehe, höre ich erneut ein lautes Zuschlagen eines Fensters oder einer Tür. Scheisse erschrecken mich diese plötzlichen lauten Geräusch. Diesmal kam das Geräusch aus einer anderen Richtung, vermutlich aus dem ersten oder zweiten Stock. Das muss garantiert der Wind sein. Ich bin alleine. Oder?
Ich betrete nun den Haarsalon und schaue mich genauer um. Die Wände sind rosa gestrichen und alle Spiegel im Raum wurden zerschlagen. In der Mitte des Raumes stehen zwei Stühle mit alten Haartrocknern darüber. Der Anblick ist irgendwie traurig. Hier wurde wirklich einst gelebt, sich unterhalten und wahrscheinlich sogar gelacht. Der Gedanke, dass die meisten Bewohner von damals wahrscheinlich mittlerweile tot sind, lässt mich erschaudern.
Wieder höre ich ein lautes Geräusch – diesmal direkt hinter mir. Ich drehe mich sofort um, kann aber keine Veränderung im Eingangsbereich feststellen. Meine Beine fühlen sich an wie Spaghetti. Langsam geht mir das verdammt auf die Nerven. Dieser ständige plötzliche Krach macht mich paranoid. Aber ich bin ein taffer Kerl und lasse mich nicht so einfach von hier verscheuchen. Ich bin zu sehr fasziniert von den letzten Anzeichen von Leben der ehemaligen Bewohner dieses Heims.
Ich verlasse den Raum und schaue direkt zur Treppe, die in den Keller führt. Soll ich hinunter oder zuerst die anderen Räume im Stockwerk erkunden? Ich halte kurz inne und entscheide mich dafür den Keller zu erkunden. Ich will wirklich wissen, wie es da unten aussieht.
Ich steige die Treppe hinab und betrete einen schmalen Gang zu meiner Rechten. Ich laufe den Gang entlang und erkunde Boden und Wände mit dem Strahl meiner Taschenlampe. Interessant – hier gibt es weder Graffiti noch Müll. Da hatten selbst die Vandalen Schiss vor diesem Teil des Gebäudes. Vermutlich dumme 15-Jährige, die nur gekommen sind, um alles zu zerstören. Als Student Anfang 20 habe ich deutlich mehr Respekt vor solchen Orten.
Plötzlich höre ich ein leises Stöhnen und schrecke auf. Ich kann die Richtung des Geräusches nicht ausmachen. Ein Obdachloser? Ich versuche, cool zu bleiben, und schreite langsam, aber sicher zurück zur Treppe.
«Guten Abend», flüstert eine schwache Stimme.
Ich bleibe kurz wie erstarrt stehen vor Schock, laufe dann aber weiter. Wer auch immer da mit mir reden möchte – ich ignoriere ihn. Das ist mir zu fucking bizarr. Egal, ob es ein Obdachloser, Drogenabhängiger oder eine einsame Seele wie ich ist – ich kann seine Absichten nicht einschätzen.
«Junger Mann, bleiben Sie doch noch für eine Weile», sagt eine zweite Stimme – eine völlig andere als die erste, die definitiv hinter mir ist.
Fuck, was geht hier ab? Jetzt bekomme ich es aber wirklich mit der Angst zu tun und laufe noch etwas schneller zur Treppe. Ich muss sofort hier raus.
Unten an der Treppe angekommen, formt sich plötzlich aus der Wand vor mir ein Gesicht. Bin ich grade am Trippen? Oder ist das echt?
«Es ist unhöflich, eine alte Dame so zu ignorieren», sagt das Steingesicht und runzelt mahnend die Stirn.
«Ach du Scheisse», sind die einzigen Worte, die aus meinem Mund kommen, während ich kurz zurücktaumle, dann aber den Mut zusammennehme und schnell an dem Gesicht vorbeihusche. Mein Herz pocht so laut, dass es sich so anfühlt, als würde es gleich aus mir rausspringen.
«Werde Teil des Kollektivs», dröhnt eine tiefe Männerstimme hinter mir, «wir brauchen eine frische Lebensenergie wie deine.»
Ich blicke schnell zurück und sehe, dass ein steinerner Mann mit ausgestreckten Armen aus der Wand ragt. Das hier kann einfach nicht real sein.
Schweissgebadet laufe ich langsam rückwärts die Treppe hinauf, um dann im Erdgeschoss ganz schnell aus dem Gebäude zu fliehen. Doch bei der letzten Stufe stolpere ich zu Boden, mein Fuss ist an etwas hängen geblieben. Ich blicke hinab und stelle mit Entsetzen fest, dass eine versteinerte Hand meinen Knöchel umklammert. Es ist, als wäre die Treppe lebendig geworden. Jetzt bin ich mächtig am Arsch – warum bin ich nicht gleich losgerannt? Ich versuche mit meiner ganzen Kraft, meinen Fuss aus dem Griff der Steinhand zu reissen, doch nichts tut sich – mein Fuss ist eng umschlungen und der Griff wird immer enger und schmerzhafter.
«Bitte lasst mich gehen! Ich werde euch hier nie wieder belästigen, ich schwöre es!», flehe ich mit verzweifelter Stimme.
«Wir fühlen uns nicht von dir belästigt», antworten die Stimmen nun im Chor, «wir wollen dich als Teil des Kollektivs. Wir brauchen deine frische Lebensenergie. Ohne frisches Leben leiden wir für immer.»
«Das tut mir wirklich leid für euch, ehrlich. Wenn ihr mich frei lasst, dann werde ich einen Weg finden, um euch von eurem Leid zu erlösen. Versprochen! Bitte lasst mich einfach gehen», flehe ich sie an.
Plötzlich passiert etwas vor meinen Augen, dass ich mir selbst in meinem schlimmsten Alptraum nicht vorstellen könnte. Aus der untersten Treppenstufe formt sich langsam eine alte steinerne Dame hervor, die mir direkt in die Seele starrt. Ich schaue schnell zu Boden, denn ich kann diesen Anblick nicht ertragen.
«Ich würde alles dafür geben, um ein Leben wie deines zu haben. Aber jetzt ist es zu spät für mich, zu spät für uns alle. Du bist unsere einzige Hoffnung.»
Nach Beendigung ihres Satzes bewegt sie sich langsam, aber stetig die Treppe hinauf.
Ich gebe einen lauten Schrei der Panik von mir und beginne erneut mit voller Kraft, meinen Fuss aus dem Griff der steinernen Hand zu lösen. Nachdem mein Versuch, mich zu befreien, erneut gescheitert ist, bemerke ich, dass sich aus der Treppe weitere Hände formen und sich in meine Richtung bewegen. Nein, so will ich nicht sterben. Ich will mein Studium abschliessen, irgendwann nach Italien auswandern und glücklich an hohem Alter sterben. Ich fasse all meine Kraft zusammen und tue das Einzige, was mir noch übrigbleibt. Ich greife nach einem losen Stein, der in meiner Reichweite liegt, beisse meine Zähne zusammen und beginne, auf die steinerne Hand einzuschlagen.
Während ich auf sie einschlage, verletze ich auch meinen Fuss. Unter Höllenschmerzen schreie ich, während ich nach jedem Schlag versuche, meinen Fuss herauszureissen. Ich schaue auf, als ich bemerke, dass sich mein Fuss lösen lässt, und stelle mit vollem Entsetzen fest, dass sich die Steinfrau in gefährlicher Nähe befindet. Ich springe auf und realisiere, dass mein Bein eine Steinhand streift, die einen kurzen Augenblick davor gewesen wäre, mich zu greifen. Ich springe auf und humple mit meiner letzten Kraft zur Eingangstür in die Freiheit.
«Nein! Du bist einer von uns. Komm zurück», höre ich die Stimme der alten Dame nachrufen.
Mein einziger Gedanke gerade: bloss weg von hier. Ich muss dringend medizinische Hilfe holen – mein Fuss blutet wie Sau. Voller Schmerzen, die beim Nachlassen des Adrenalins nur noch schlimmer werden, schleppe ich mich in das nächstgelegene Krankenhaus.
Im Krankenzimmer angekommen und nach getroffenen Notvorkehrungen, versuche ich meine Lügengeschichte noch weiter auszuarbeiten, um ihnen diese Spukgeschichte nicht erzählen zu müssen, die mir sowieso niemand glauben würde. Doch der grauenhafte Anblick der Steinhände und Steinfrau, die leidenden Stimmen nehmen immer wieder meine Gedanken ein. In meinem Kopf tun sich so viele Fragen auf. Da fällt mir ein, dass ich noch den Flyer des Altersheims in meiner Hosentasche habe.
Ich nehme den zerfledderten Flyer hervor und beginne, ihn genauer zu studieren. Die lächelnden Rentner und das freundliche Pflegepersonal haben nun einen üblen Beigeschmack für mich. Ich lese mir die Leitlinien des Altersheims durch, bis ich am unteren Ende des Flyers etwas entdecke, dass mir Gänsehaut bereitet.
«Verbundenheit ist unsterblich.»
Diese Worte fühlen sich so falsch an. Was ist wirklich in diesem Altersheim geschehen? Und warum…warum lächelt mich der Arzt gerade so seltsam an?
Titelbild: Julia Northfleet

Cool! Absolut spannend geschrieben!